Steve Coppell: DIE VERGESSENE NUMMER 7

Neben George Best, Eric Cantona, David Beckham und Cristiano Ronaldo findet selbst Bryan Robson oft keine Erwähnung mehr, sodass für Steve Coppell in der Regel gar kein Platz bleibt. Über Manchester Uniteds vergessene Nummer 7 – und was hätte sein können:

Weil Liebe ja bekanntlich blind macht und sie in England in laufende, ackernde, niemals aufgebende Spieler mindestens so verliebt waren wie die Deutschen, schöpfte Manchester United einfach keinen Verdacht. Und vertraute einem jungen Mann, der seinem Studium gegenüber einer Profikarriere zu diesem Zeitpunkt noch eine größere Bedeutung einräumte.

Stephen James Coppell, gebürtig aus Liverpool, das musste ein feiner Kerl sein. Die Red Devils, die das mit dem Studium dann aber doch lieber ausräumen wollten, erfuhren erst später, dass er sein Salär bei den unterklassigen Tranmere Rovers, mit dessen Verdopplung Manchester lockte, ordentlich in die Höhe geschummelt hatte. Da hatte sich der Trickser, der er auf dem Platz nur selten war, aber schon längst zum Publikumsliebling gemausert.

Große Fußstapfen

Die Jahre nach dem Abgang des Sir Matt Busby hatten es mit United nicht allzu gut gemeint – an Titel war 1975, als der 20-jährige Coppell kam, gar nicht erst zu denken. Tommy Docherty hatte das Team übernommen, dem alternde Granden wie Bobby Charlton, George Best und Denis Law weggebrochen waren. Manchester United suchte auch nach neuen Gesichtern.

Taugte ein junger Mann, dem der große Fußball zunächst gar nicht das Wichtigste gewesen zu sein schien, denn überhaupt dafür, einen solchen Klub mitzureißen? Er war ja nicht allein. Docherty formte ein Team, in dem Brian Greenhoff, Sammy McIlroy oder Gordon “Merlin” Hill gemeinsam mit Coppell den aufregendsten Fußball der damaligen First Division zelebrierten.

Auf diesen frischen Schultern, alle waren Anfang 20, konnte Uniteds nächstes großes Team gebaut werden – so viel stand spätestens nach dem gewonnenen Pokalfinale 1977 fest, als man Erzrivale Liverpool das Triple vermasselte. Das Old Trafford tobte, wenn Merlin Hill auf dem linken Flügel zauberte, während Dauerläufer Coppell die rechte Außenbahn entlangschoss.

“Er rannte seine Gegner förmlich nieder und gab niemals auf. Hatte sein Gegenspieler Coppell 80 Minuten lang kaltgestellt, flog er eben in der 90. Minute an ihm vorbei und legte doch noch ein Tor vor – oder erzielte es selbst”, gewährte der Vater des Erfolgs, Coach Docherty himself, auch einen Einblick in die Glückseligkeit begeisterter Fans.

Docherty selbst aber erfüllte seinen Part eines Tages nicht mehr. Genau genommen erfüllte er einen Part zu viel. Nur Wochen nach dem FA-Cup-Finale, das eine neue Ära einläuten sollte, erfuhr die Presse von einer Affäre des Trainers mit der Frau des Physiotherapeuten. Docherty hatte seinen Hut zu nehmen. Und mit ihm Greenhoff, McIlroy und Hill, die in den folgenden Jahren geradezu verscherbelt wurden. Vielen im Umfeld der Red Devils gilt Dochertys Ära bis heute als eine verlorene.

Ein Team wie 1996

United erhaschte lediglich einen bittersüßen Blick auf eine Mannschaft, die nicht nur ihre eigenen Fans faszinierte, die jedoch nie wirklich eine Chance bekam, sich unsterblich zu machen. “Das Team von 1977 hatte den gleichen Altersschnitt wie das von 1996, das ebenfalls das Pokalfinale gegen Liverpool gewann. Und wir wissen alle, was diese Generation noch erreichen sollte”, brachte der Autor Wayne Barton das Hadern seiner Generation zum Ausdruck.

Einzig Coppell blieb lange genug, um zumindest diese Epoche zu überdauern, auf der geradezu ein Fluch liegen musste. Der 26-Jährige hatte sich längst auch in der englischen Nationalmannschaft zu einem zuverlässigen Leistungsträger entwickelt, als in einem WM-Qualifikationsspiel gegen Ungarn “ein Feuerwerkskörper in meinem Knie explodierte”. Er schaffte es zum Comeback, aber nicht mehr zu alter Form.

Er glitt einfach an den Gegenspielern vorbei, sagten seine Fans über Steve Coppell. – Bild: eurosport.com/football/premier-league

Ein Jahr später brach die Verletzung erneut auf, und Steve Coppell seine Spielerlaufbahn frühzeitig ab. Um sofort in sein zweites Fußballerleben zu starten. Lange Zeit als Crystal-Palace-Coach, zuletzt wandte sich er sich an das Fußballentwicklungsland Indien.

“Er war immer bereit, seine individuelle Klasse für das Wohl des Teams hinten anzustellen”, sagte sein letzter United-Trainer Ron Atkinson über den Studierten, dem es auch vom Spielfeldrand aus gelang, die Leute mitzureißen. Wohin er auch kam. Sodass sich über all die Jahrzehnte manifestierte, dass die Nummer 7 aus Manchester Uniteds verlorener Ära sich zwar nie in puncto Berühmtheit mit den Beckhams und Cristiano Ronaldos messen konnte – in puncto Beliebtheit aber sehr wohl.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.