Henrik Larsson: DER KÖNIG DER KÖNIGE

Erst ewig jung, dann ewig alt – inzwischen 50 Jahre. Wie Henrik Larsson erst zum Star, dann zum König und schließlich sogar noch zur Legende wurde.

Die Rastalocken flatterten im Wind. Vorbei am ersten Gegenspieler, vorbei am zweiten. Neun aufeinanderfolgende Meisterschaften des Erzrivalen konnte man in Glasgow noch verkraften. Zehn – das war eine ganz entscheidende zu viel.

Die Rangers, mit klangvollen Namen wie Gascoigne oder Laudrup in ihren Reihen, standen im Frühsommer 1998 bei neun. “Nach einem Spiel fiel mir ein alter Mann in die Arme und weinte. Er sagte immer wieder: ‘Ihr müsst diesen scheiß Titel für uns holen'”, erinnerte sich Henrik Larsson einmal im “11Freunde”-Interview.

Es war seine erste Saison bei den Hoops, die eher so begonnen hatte, dass man sich bei Celtic womöglich schon vorzeitig auf die “ten in a row” einstellte. Ein Fehler des Schweden resultierte beim Liga-Debüt im die Niederlage besiegelnden Gegentreffer, im ersten Europapokalspiel für seinen neuen Arbeitgeber erzielte Larsson ein Eigentor. Dieser Mann sollte der neue Heilsbringer sein?

Die Worte einer Lehrerin

Zweifel hatten im Leben des jungen “Henke” schon früh eine Rolle gespielt. Die Mutter schwedisch, der Vater aus Kap Verde – sie entschieden sich gegen den Nachnamen Da Rocha und für das ganz gewöhnliche Larsson, damit der Sohnemann, der gelegentliche rassistische Auseinandersetzungen damals als “normal” empfand, in Schweden mehr akzeptiert wurde.

Aufgewachsen in Helsingborg spielte auch Henkes Aussehen schon früh eine Rolle. Ein hübscher Junge mit breitem Grinsen, Haut und Haare “exotischer” als die der typisch blonden Kinder. “Ohne sein eindrucksvolles Äußeres hätte man ihn vielleicht gar nicht wahrgenommen”, erzählte die Lehrerin Lise-Lotte Johansson rückblickend von einem ziemlich zurückhaltenden Heranwachsenden, in dessen Leben sie eine weitaus größere Rolle spielen würde, als ihr zunächst klar war.

“Ich erinnere mich noch genau an ihre Worte”, verriet Larsson, als er bereits ein Star war, der sich aber nach wie vor nicht wie einer aufführte. Also nicht an die Worte über sein gutes Aussehen, sondern an die, dass er sich lieber nicht auf den Fußball konzentrieren solle. Er würde damit doch kein Geld verdienen können.

Aber es gab ja auch Leute wie Kenneth Karlsson und Bengt Persson. Die ihm gut zuredeten, als er noch im Körper eines Jungen steckte, während die Gleichaltrigen bereits zu Männern heranwuchsen. Oder als sich seine Eltern trennten und Henke drohte, mit seinen Freunden auf die schiefe Bahn zu geraten.

Mit ihrer Hilfe widerstand er den Lockrufen der Streuner und Störenfriede, als endlich auch sein Körper begann, nachzuziehen. Entgegen den Ratschlägen seiner Lehrerin gab es im Alltag des jugendlichen Henke fortan nur noch einen klaren Fokus. “Er trainierte zwei- oder dreimal täglich für sich selbst und ich erinnere mich nicht daran, dass er je wieder ein Teamtraining verpasste”, so Karlsson, Trainer bei seinem ersten Klub Högaborg. Aus dem Ergänzungs- wurde ein Stamm-, aus dem Stamm- bald ein Starspieler.

Sein Viertel Högaborg hingegen, wo sowohl Aussehen als auch Talent Henke zu einer regelrechten Attraktion werden ließen, wurde bald zu klein. Auch seine Heimatstadt Helsingborg, deren Klub er in nur einer Saison zum Aufstieg geschossen hatte, wurde zu klein. Ganz Schweden wurde zu klein. Mit 22, Larsson hatte sich von einer Art Allrounder zum Knipser entwickelt, folgte der erste große Wechsel. Zu Feyenoord in eine Mitte der 90er prominent besetzte Eredivisie. Doch in Rotterdam – obwohl er auch gut dribbeln und weit mehr als “nur” vollstrecken konnte – setzten sie den Himmelsstürmer falsch ein.

WM 1994: Der erste Durchbruch reicht nicht aus

In den Niederlanden wurde Larsson auch dann nicht wirklich glücklich, als er sich bei der WM 1994 erstmals einem Weltpublikum vorstellen konnte. Natürlich mit der wehenden Rasta-Mähne, natürlich auch mit Dribblings und Toren. Wie dem entscheidenden Elfmeter im Viertelfinale gegen Rumänien. Der Jungstar spektakulärer Schweden, die in den USA WM-Dritter wurden, blieb allerdings bei Feyenoord, wo sich die Dinge zwar besserten, das aber nur bis zu einem gewissen Punkt. 1997 zog er die Reißleine und wechselte – nach Schottland.

Nach der abgeflachten Euphorie von 1994 und seinen ziemlich durchwachsenen Debüts musste sich Henke bei Celtic erst einmal neu beweisen. Die erste Saison lief noch ein wenig schleppend an, doch das 1:0 beim Sieg zur Meisterschaft am letzten Spieltag – vorbei an den zwei Gegenspielern (und dann satt ins lange Eck) – griff allen unter die Arme. Von wegen “ten in a row”. Mit Larsson verschoben sich die Glasgower Machtverhältnisse.

Zwar hatten vor seiner Ankunft Kaliber wie Pierre van Hooijdonk und Paolo Di Canio die Hoops verlassen, ihren neuen Torjäger fanden sie jedoch ausgerechnet im Schweden. Larsson entwickelte ein Faible für Tore im “Old Firm” und sich selbst zu einem kontinentalen Topstürmer – als ein übler Beinbruch im Europapokal ihn 1999 auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Auf den endgültigen Durchbruch folgte der Rückschlag, die Saison war gelaufen.

Das anschließende Comeback glückte nicht nur, vielmehr kam Henke stärker zurück als je zuvor. Etwa mit seinem vielleicht schönsten Tor (siehe oben) beim 6:2-Ausrufezeichen gegen die Rangers. Einige Wochen später passierte es. Weil eine Journalistin dabei neben ihm saß, die sofort Alarm schlug, wurde Larsson von einer Fotografenschar empfangen, als er im Herbst 2000 einen Friseursalon verließ. Die Haare waren ab.

Der Frisurenumbruch schadete nicht, alles andere als das. Im Celtic-Trikot, wo Larsson trotz Legenden wie Kenny Dalglish zum “King of Kings” getauft wurde, gewann er 2001 den “Golden Shoe” als Europas erfolgreichster Torschütze. Im Team blieben ihm die großen Erfolge aber versagt. Mit Schweden traf er zumindest bei drei Weltmeisterschaften und glänzte auch bei der EM 2004, der dritte Platz 1994 geht eigentlich als Triumph durch. Auf Vereinsebene ließ die Krönung des Königs (der Könige) auf sich warten.

Im UEFA-Cup-Finale 2003 traf der (damalige) Rekordtorschütze des Wettbewerbs gegen José Mourinhos FC Porto gleich zweimal. Doch in Celtics erstem Europapokalfinale nach 33 Jahren Wartezeit kassierten die Schotten noch einen Treffer mehr. Es war ein Rückschlag, den Henke kaum verwinden konnte. “Ich wollte unbedingt ein großes Endspiel erreichen – und als Sieger vom Platz gehen.” Er sollte eine zweite Chance bekommen.

Die Nacht von Paris

Im Herbst seiner Karriere wechselte der kurz rasierte Henke nach 242 Toren in 315 Spielen für Celtic zum gerade wieder aufstrebenden FC Barcelona. Das zwar eher als Ergänzungsspieler, doch spätestens nach einem Jahr war sein Fokus wieder einmal ziemlich klar. Es stand bereits fest, dass der verletzungsgeplagte Routinier die Katalanen nach diesem Spiel gen schwedische Heimat verlassen würde, als sie das Champions-League-Finale 2006 erreichten.

Dass die Nacht von Paris tatsächlich zu seiner werden sollte, ahnte der damals 34-Jährige zunächst wahrscheinlich nicht – denn er fand sich, trotz eines laut eigener Aussage überragenden Abschlusstrainings und der Nicht-Berücksichtigung eines Supertalents namens Lionel Messi, nur auf der Ersatzbank wieder. Von dort aus musste er zusehen, wie Finalgegner Arsenal zwar in Unterzahl, Barça allerdings in Rückstand geriet.

“Die Leute sprechen immer nur von Ronaldinho und Eto’o, doch ich habe sie heute nicht gesehen. Ich habe Henrik Larsson gesehen. Er hat den Unterschied gemacht”, betonte Thierry Henry nach dem Schlusspfiff die Leistung des Mannes, dem ebenjener Ronaldinho offenbart hatte, dass er wegen der WM 1994 sein Idol gewesen sei. Und der im buchstäblich letzten Anlauf doch noch das Spiel gewann, das er unbedingt gewinnen wollte. Als Einwechselspieler mit den Vorlagen zum 1:1 und zum 2:1. Alter Schwede.

Fußball und Familie

Doch Fußball war nur Fußball, das wurde Henke drei Jahre später schmerzlich vor Augen geführt. Sein drogensüchtiger Bruder (“Ich hatte alles, er lebte in der Hölle”) verpasste sich eine Überdosis. Nach einem Länderspiel gegen Dänemark bekam Larsson in der Kabine den herzzerreißenden Anruf, in diesem Moment beschloss er, seine Karriere zu beenden. “Ich würde jedes Tor, jeden Titel, jeden Tag meiner Karriere eintauschen, wenn mein Bruder dafür gesund unter uns weilen würde”, sagt einer, der stark genug war, sich seinem Verlust in einer Therapie zu stellen.

Es war auch die Familie, die Henke seine Profischuhe kurzzeitig noch einmal vom Nagel nehmen ließ. Gemeinsam mit Sohn Jordan, der inzwischen auch ein paar Mal für Schweden spielte, lief er 2013 für seinen Jugendklub Högaborg auf.

Die folgende Trainerkarriere läuft seither stockend an. Hier und da gab es sogar Kritik an einem Mann, dem man schon als Spieler vorwarf, seine besten Jahre wegen fehlendem Mut oder mangelnden Ambitionen in Schottland “verschwendet” zu haben. Dabei braucht es zur Gegendarstellung nicht mal einen Kenneth Karlsson, der beiläufig erwähnen könnte, dass dies für seinen verschwenderischen Schützling immer noch ausreichte, um Europas Toptorjäger, Meister in drei Ligen und Champions-League-Sieger zu werden.

Die Gegenwart verlebt Henke Larsson zu Beginn seines 51. Lebensjahres dort, wo einst die größte Nacht seiner Karriere begann: auf der Bank des FC Barcelona. Und sollte sich Ronald Koeman mal bei spätem Rückstand dort umschauen, lohnt sich ja vielleicht sogar ein Blick auf das eigene Trainerteam.

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