“War gut für uns”: WOLFGANG KLEFF IM BÜCHSENWURF-INTERVIEW

Im Prinzip hat das 7:1 gegen Inter Mailand, das vielleicht beste Spiel in der Geschichte von Borussia Mönchengladbach, niemals stattgefunden. Mit Gladbachs damaligem Torwart Wolfgang Kleff habe ich über den “Büchsenwurf” vom 20. Oktober 1971 gesprochen – und wie er heute darüber denkt.

In den 1970er Jahren wurde kein Klub öfter deutscher Meister als Borussia Mönchengladbach – fünfmal. Die legendäre “Fohlenelf”, die von Trainer Hennes Weisweiler regelrecht dazu gezwungen wurde, Offensivfußball in seiner reinsten Form zu zelebrieren, gewann 1975 und 1979 außerdem den UEFA-Cup – doch ihre vielleicht größte aller Leistungen zeigte sie, ganz ohne Titel, im Europapokal der Landesmeister.

Am 20. Oktober 1971 traf Gladbach im Hinspiel der 2. Runde – heute würde man Champions-League-Achtelfinale sagen – auf den italienischen Meister Inter Mailand. Der als Favorit auf den Bökelberg kam, der durch eine grandiose Darbietung aber 7:1 abgeschossen wurde.

Doch das Ergebnis zählte nicht.

Weil Inters Roberto Boninsegna während des Spiels von einer von den Rängen geworfenen Cola-Büchse getroffen wurde, entschied die UEFA wenig später, das vielleicht beste Spiel in Mönchengladbachs Vereinshistorie zu annullieren. Als hätte es nie stattgefunden.

Im Gegensatz zu vielen potenziellen TV-Zuschauern, die wegen des Mehrwertssteuerstreits der Übertragungsrechte in Höhe von 6600 Mark in die Röhre schauen mussten (oder eben nicht), hat Wolfgang Kleff vom “Büchsenwurfspiel” fast alles mitbekommen. Die Gladbacher Torwartlegende stand damals auf dem Platz – und mir zum 50. Jahrestag Rede und Antwort.

Gladbach: Kleff – Vogts, Müller, Sieloff, Bleidick – Bonhof, Netzer (83., Wittkamp), Kulik – Wimmer, Heynckes, Le Fevre.

Inter: Vieri (46., Bordon) – Oriali, Giubertoni, Burgnich, Facchetti – Fabbian, Bedin, Mazzola, Corso – Jair, Boninsegna (28., Ghio).

Tore: 1:0 Heynckes (7.), 1:1 Boninsegna (19.), 2:1 Le Fevre (21.), 3:1 Le Fevre (34.), 4:1 Netzer (42.), 5:1 Heynckes (44.), 6:1 Netzer (52.), 7:1 Sieloff (83.).

Die Kapitäne bei der Seitenwahl: Günter Netzer (re.) und Sandro Mazzola – Bild: Tomikoshi Photography

Baumgart: Als Deutschland bei der WM 2014 mit 7:1 gegen Brasilien gewann, schwärmten alle von den vielen Toren – nur Manuel Neuer störte sich am Gegentreffer. Ging es Ihnen damals auch so?

Kleff: Ach, darüber habe ich gar nicht nachgedacht, das habe ich klaglos hingenommen. Dieses Gegentor ist außerdem sehr früh gefallen, hinterher denkt man da nicht mehr darüber nach. Bei sieben Toren – was interessiert da ein Gegentor? Das war für mich nicht wichtig.

Zum zwischenzeitlichen Ausgleich getroffen hatte ein gewisser Roberto Boninsegna. Alle reden immer nur von seinen Schauspielqualitäten, aber was war das eigentlich für ein Stürmer?

Ein quirliger Linksfuß. Sehr drahtig und wendig. Der hatte für damalige Verhältnisse auch eine gewisse Größe (1,78 Meter), war aber auch nicht zu groß. Einfach schwer zu bespielen.

Dann die 28. Minute: Was haben Sie eigentlich gesehen? Wurf, Treffer, das Fallen oder wie Boninsegna angewiesen wurde, am Boden zu bleiben?

Ich habe überhaupt nichts mitbekommen! Ich war schließlich 50 Meter entfernt und hatte mich auf mich konzentriert – und wer achtet denn auf eine Büchse? Auf einmal lag da jemand. Aber ich wusste nicht, was passiert war.

Als die Büchse flog, stand es ja noch nicht 7:1, sondern erst 2:1. Waren Sie zu diesem Zeitpunkt trotzdem schon so überlegen, dass Inter in diesem Moment erfinderisch werden musste?

Ja, wir haben sie vollkommen an die Wand gespielt. Sie waren nicht in der Lage gewesen, unsere Spiellaune zu bremsen und hatten während des Spiels auf einmal einen höllischen Respekt vor uns. Die waren überfordert, so einen schnellen Fußball kannten die wahrscheinlich gar nicht. Dann hatten sie wahrscheinlich ein ungutes Gefühl und haben das Sicherheitspaket eingebaut.

Das Spiel wurde in der Folge unterbrochen. Hatten Sie da schon Befürchtungen, es könnte nicht gewertet werden?

Nein, wir waren wie in einem Rausch. Die Befürchtungen kamen bei den meisten erst nach dem Spiel. Da haben wir direkt erfahren, dass die Italiener Protest eingelegt hatten und uns schwante Böses. Weil damals in der UEFA viele Italiener das Sagen hatten, hatten wir ein ganz ungutes Gefühl.

Welchen Ruf hatte Inter damals? Rückblickend muss man ja fast sagen: Ihre beste Zeit hatten Facchetti, Mazzola und Co. wahrscheinlich schon Mitte der 60er.

Die Italiener waren dafür bekannt, Schauspieler zu sein. Das war so. Gegen uns hat sich das leider bestätigt. Das Beeinflussen des Schiedsrichters durch Theatralik und Markieren, das war bekannt.

Also hatten Sie fast mehr Respekt vor den unsportlichen Mitteln als vor den sportlichen?

Vor beidem. Inter war in Europa natürlich erfolgreich gewesen, das war eine europäische Spitzenmannschaft. Aber wir hatten eben auch Respekt vor dieser Schauspielerei, die beim Gegner natürlich auch eine Wut entfacht. Die Engländer zum Beispiel kannten das damals gar nicht, die waren ein angenehmer Gegner, weil sie fair spielten. Die Italiener waren eben das Gegenteil.

Welcher Mailänder hat Sie am meisten beeindruckt?

Boninsegna natürlich, im Negativen (lacht).

Ihr Gegenüber, der Mailänder Torwart Ludo Vieri, erwischte einen rabenschwarzen Tag und wurde nach fünf Gegentoren in der ersten Hälfte sogar ausgewechselt.

Ich erinnere mich daran, dass der Stammtorwart verletzt war und dann ein anderer reinkam (Ivano Bordon) – und der hat dann auch noch länger gespielt. Aber wie die Leistung war? Ich beurteile immer nur meine Leistung und die war wie immer gut (lacht).

Woran machen Sie die deutliche Überlegenheit fest? Was hatte Weisweiler Ihnen denn vorgegeben?

Unsere Ausrichtung war immer nach vorne, wir kannten den Rückwärtsgang gar nicht. Wir waren keine Mannschaft, die auf Zeit spielen konnte. Der Netzer wollte immer den Ball haben und das Spiel schnell machen. Auf Ball halten spielen, dafür hatten wir gar nicht die Leute. Wir waren die 6:5-Mannschaft.

Heynckes, Le Fevre und Netzer erzielten allesamt Doppelpacks. Wer war denn eigentlich der beste Gladbacher im für viele besten Spiel der Vereinsgeschichte? Womöglich ein Defensivmann?

Ich natürlich (lacht). Einzelspieler kann man gar nicht hervorheben, weil wir als Team funktionierten. Wenn man elf Leute auf dem Platz hat, und drei funktionieren nicht, dann läuft es nicht rund. Wir waren alle elf hellwach und bereit. Man braucht alle in diesem Moment. Da kann man keinen herausheben. Unsere Zeitungswelt stürzt sich ja immer auf den Helden, der drei Tore geschossen hat. Der kann scheiße gespielt haben, aber stand immer richtig – dann kriegt er ne 1. Und der andere ist für ihn gelaufen, hat dreimal aufgelegt – der wird untergebuttert, den sieht man nicht.

Als feststand, dass dieser Kantersieg im Endeffekt nichtig war, auf wen waren Sie da eigentlich wütend?

Der Auslöser war zwar Boninsegna, aber für uns war das die UEFA. Wir hatten schon das Gefühl, dass da was gedreht wird. Wir hatten erst sogar befürchtet, dass wir aus dem Wettbewerb ausgeschlossen werden, das Wiederholungsspiel war noch das geringere Übel.

In Mailand verloren Sie dann 2:4, das Wiederholungsspiel des Hinspiels in Berlin endete 0:0. Was war in diesen Spielen anders als beim 7:1?

Anders waren die Italiener. Mönchengladbach – keiner wusste, wo das lag. Selbst ich nicht, als ich 1968 zur Borussia kam. Eine Provinzstadt. Die hatten uns unterschätzt und auf die leichte Schulter genommen. Im Rückspiel waren sie natürlich gewappnet, da haben wir uns dann zu sehr beeindrucken lassen – und unsere Chance war dahin. Die haben ganz anders gespielt in der Defensive. Im Wiederholungsspiel haben sie mit ihrem Vorsprung dann hinten dicht gemacht – und wir haben einen Elfmeter verschossen (Klaus-Dieter Sieloff).

Die 70er Jahre stechen in der Gladbacher Vereinsgeschichte natürlich heraus. Würden Sie sagen, mit diesem 7:1, dass das in diesem Jahr Ihre beste Mannschaft war?

Wir hatten so viele Jahre, wo wir gut waren. Wir hatten immer gute Spieler, die wuchsen für uns wie auf den Bäumen. Da kamen Ulrik Le Fevre, Uli Stielike, Allan Simonsen – das waren Weltklassespieler, die bei uns auftauchten.

Jeder erwartet immer, dass Sie wegen dieses Spiels so verbittert sein müssten. Würden Sie es überhaupt ändern, wenn Sie könnten?

Nein, nein. Der Fußball ist ein schönes Spiel, wird aber zu wichtig gemacht. Wir sind ja Sportler. Und ich sage immer grundsätzlich: Sportler müssen auch verlieren können.

Heute ist das gut erhaltene Corpus Delicti im Gladbacher Vereinsmuseum ausgestellt. – Bild: wp.de/sport/fussball

Inter schaffte es damals bis ins Finale gegen Ajax. Hätte es für Gladbach ohne den Büchsenwurf sogar zum ganz großen Coup reichen können?

Ach, das weiß ich nicht. Wenn wir einen guten Tag hatten, konnten wir alle schlagen, aber diese Frage lässt sich nicht beantworten. Wir waren leider nicht abgezockt genug und sind teilweise an unserem Offensivdrang gescheitert. Wir waren produktiv und wollten dem Publikum ein Spektakel bieten. Andere wollten Fußball zerstören, wir wollten Fußball spielen. Wir hätten mehr erreichen können, aber wir waren nicht so abgeklärt wie Bayern München.

Wenn Roberto Boninsegna Sie morgen anrufen würde, was würden Sie ihm sagen?

Für deinen Verein hast du alles richtig gemacht. Sportlich war das nicht in Ordnung, aber Schnee von gestern. Man muss im Leben auch vergessen können.

Was sind Sie noch nie über dieses Spiel gefragt worden, wollten es aber schon immer mal loswerden?

Für mich ist das abgehakt. Der Büchsenwurf hat ja auch zur Bekanntheit von Borussia Mönchengladbach beigetragen und zur Sympathie. Was danach für Wellen von Sympathie kamen! Dass das noch in aller Munde ist, 50 Jahre später. Für uns war es eigentlich gut.

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