Abe Lenstra: CRUYFF VOR CRUYFF

Über das erste große Fußballgenie der Niederlande, das von Fans geliebt und von Mitspielern gehasst wurde.

“Immer und immer wieder wollte er, musste er sich einfach beweisen. Weil ihn die Leute immer wieder abgeschrieben hatten, und er das nicht ertragen konnte”, erklärte Hiltje einmal, Abes Ehefrau.

Abe Lenstra war so etwas wie Johan Cruyff vor Johan Cruyff, auch wenn diese Form des Vergleichs eigentlich dämlich ist und meistens beiden Spielern nicht gerecht wird. Die Parallelen in diesem Fall drängen sich aber geradezu auf.

Schon früh war Abe talentierter als andere Jungs, war dynamischer, ballgewandter, er verstand und spielte Fußball einfach besser – und er wusste das auch. Mit 15 durfte der Friese für Heerenveens Herren auflaufen – und das nicht als Mittelstürmer, als der er in der Jugend etliche Torrekorde gebrochen hatte, sondern als Halbstürmer. Als Spielmacher der Erwachsenen.

Sein Trainer, der Österreicher Otto Pinter – ein unweigerlicher Jünger des österreichischen Wunderteams -, hatte aus Abe den niederländischen Matthias Sindelar geformt. Einen der ersten “falschen Neuner” des europäischen Fußballs.

Heerenveen begeisterte als Mannschaft, doch Lenstra war der Star, wegen dem die Zuschauer ins Stadion kamen; bei dem sie lauter jubelten als bei den anderen Spielern. Der Star, der sie in den 1940ern zehn Jahre lang zum Nord-Meister der Niederlande dribbelte, fintierte und schoss. Ein regionaler Volksheld.

Abe liebte den Ruhm, die Bewunderung, seine Ausnahmestellung. Selbst in der Nationalmannschaft, im “goldenen Innensturm” mit Faas Wilkes und Kees Rijvers, stach er hervor. Alle sollten nach seiner Pfeife tanzen, nur er selbst nicht. “Ein guter Fußballer ist wie ein Hecht – man muss nicht viel tun, wenn man nur rechtzeitig zuschnappt”, rechtfertigte sich Lenstra einmal.

“Er war vor allem gut, wenn es sowieso gut lief”, entgegnete Kollege Rijvers kritisch. Doch wenn Lenstra die Spiele wieder geradezu allein gewann, wie als er 1950 gegen Ajax Amsterdam um Rinus Michels nach einem 1:5-Rückstand auf dem Weg zum 6:5-Sieg an jedem Tor beteiligt war, gehörten die Schlagzeilen ganz ihm.

Seine Mitspieler schätzten Abe, doch die wenigsten mochten ihn. Selbst in Friesland eckte er an, als er sich im Zuge der Einführung des Profifußballs in den Niederlanden mit den Vereinsbossen zerstritt und sich dem größeren Sportclub Enschede anschloss, einem Vorgänger des heutigen Twente. Nun war Lenstra Profi, aber er war auch schon 34 Jahre alt.

Seine neuen Kollegen frohlockten erst über seine Ankunft – bis sie ihm begegneten. Er wollte die Probleme wie immer durch sein Spiel lösen, doch wie in Heerenveen wurde Lenstra, der bereits in den 1950er Jahren zur Werbefigur und sogar zum Sänger avancierte, auch in Enschede maximal gesamtniederländischer Vizemeister. Irgendwann wurde Abe abgeschrieben. Etwas Schlimmeres gab es für ihn nicht.

Lenstra schießt Weltmeister Deutschland ab – und vergeigt die Meisterschaft wegen eines Liedes

Im März 1956 bewies es der Routinier dann wieder einmal allen, als er die Niederlande mit zwei Toren in Düsseldorf zum 2:1-Sieg über Weltmeister Deutschland führte. Und doch, so warf man Lenstra vor, lieferte er nur die Tore. Plötzlich spielte er also nicht mehr gut genug Fußball. Er, das Genie.

Ausgerechnet das warf man ihm auch vor, als er vor dem Meisterschafts-Finale 1958 eine neue Single aufgenommen und im Stadion instruiert hatte, sie sollte zur Siegerehrung feierlich abgespielt werden. Aber Lenstra und Enschede gewannen wieder nicht. Und die Single floppte.

Mal um mal sorgte Abe für Unmut, konnte diesen sportlich jedoch irgendwann einfach nicht mehr ausbügeln – und wurde sogar in die zweite Mannschaft strafversetzt. Was ihn wiederum so motivierte, dass Abe dort alle Jungspunde überragte und wieder Leistungsträger in der Ersten wurde.

Als Enschede ihn mit 40 Jahren endgültig loswerden und auch kein anderer Ehrendivisionär den großen Star mehr verpflichten wollte, schloss er sich trotzig einem Drittligisten an – Enschedes Stadtrivalen Enschedese Boys, mit dem er im Pokal ausgerechnet auf den Sportclub und seinen Nachfolger Helmut Rahn traf. Natürlich führte Lenstra die Boys zum Sieg.

Tatsächlich spielte er noch einmal so gut, dass manche Journalisten sogar eine Rückkehr in die Nationalmannschaft forderten. Die Boys stiegen später auf – und Abe stürzte den Trainer, um als Spielertrainer selbst den Ton angeben zu können. Alles wie immer.

Bis ins biblische Fußballalter von 43 machte er einfach immer weiter, auf und ab auf Lenstra-Art. Bis sämtliche Vereinsverantwortlichen ihn nur noch als Trainer sehen wollten, nicht mehr als Spieler. Natürlich ein Vorwand, um Abe ganz loszuwerden. Ein guter Trainer wurde Lenstra übrigens nicht. Womöglich eine Frage des Charakters.

Heerenveen trägt seine Heimspiele inzwischen im Abe-Lenstra-Stadion aus. – Bild: ondernemersnetwerkgaasterland.nl

Als “Uns Abe” (ja, ehrlich) bejubeln ihn die Friesen dennoch bis heute, als deren erster Nationalspieler er einst zum Idol einer ganzen Region geworden war. Nur die meisten Mitspieler schimpften ihn auch Jahre später noch herrlich ehrlich “ein Ekel”, womit sich der Kreis zum genialen und revolutionären, aber auch eigenwilligen und unnachgiebigen Cruyff ein wenig schließt. “Er wollte immer der Größte sein”, erinnerte sich Wilkes, ein anderer niederländischer Gigant. “Das war er auch, aber so sehr hatte er das doch gar nicht nötig.”

Andere behaupteten genau das Gegenteil über eine sehr streitbare Legendenfigur des Fußballs, die in der Folge eines Schlaganfalls 1985 verstarb – so etwa ein Mitspieler aus Heerenveen, Riemer van der Velde: “Wäre nicht Cruyff, sondern Lenstra in Amsterdam geboren worden, hätte man nicht Cruyff, sondern Lenstra zum niederländischen Fußballer des Jahrhunderts gewählt.”

Hätte Abe diese Wahl noch mitbekommen, die alten Schuhe wären womöglich noch mal entstaubt worden.

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