Eine furchteinflößende Naturgewalt. Einer der unaufhaltsamsten Stürmer überhaupt. Ein kommender Superstar des Weltfußballs. Doch Adriano blieb ein uneingelöstes Versprechen, weil das Leben nicht nur auf 105 mal 68 Metern stattfindet. Über eine tragische Geschichte, die wahrscheinlich doch noch gut ausgeht.
Real Madrid, Inter Mailand, Estadio Santiago Bernabeu. Doch so epochal das klingen mag: Das für gewöhnlich letzte Vorbereitungsspiel der Königlichen, dessen Rahmen durch die “Trofeo Bernabeu” immer ein bisschen spezieller ist, sucht im August 2001 nach einem Star. Reals kostspieliger Neuerwerb Zinedine Zidane weilt ebenso noch im Kreise der Nationalmannschaft wie Luis Figo, mit dem Bernabeu-Erbe Florentino Perez das Zeitalter der “Galaktischen” zwölf Monate zuvor losgetreten hatte. Und Ronaldo, dessen Verpflichtung ein Jahr darauf folgen würde, fehlt den Mailändern noch immer verletzt.
Man muss nicht immer in die ganz hohen Regale greifen. Hey, Raul oder Christian Vieri stehen auf dem Platz. Das ist ja schon mal was. Und doch würde knapp zwei Stunden später alles und jeder fast nur über einen 19-Jährigen reden, der in Brasilien lange Zeit in der Abwehr spielte. Weil er so groß und so stark war. Obwohl doch eigentlich ein Torjäger in ihm schlummerte.
Adriano Leite Ribero wird spät in der zweiten Hälfte eingewechselt, immerhin für Vieri. Lässig kommt der junge Mann, auf dessen Rücken noch lediglich die Nummer 14 flattert, beinahe auf den Platz geschlendert.
Seine erste Aktion ist ein Beinschuss. Natürlich, er ist ein junger Brasilianer. Doch in der Produktion müssen sie diese Fummelkutte mit den dynamischen Drehbewegungen versehentlich in die falsche Verpackung gesteckt haben, denn irgendwie passt diese Spielweise nicht zu diesem Körper. Also sie passt schon, aber ist das nicht ein bisschen … zu viel des Guten?
Für den kommenden Champions-League-Sieger aus Madrid, im Auftreten gewohnt locker, ist es das an diesem Abend. Als Adriano dem ebenfalls noch jungen Iker Casillas in den Schlussminuten einen direkten Freistoß unhaltbar um die Ohren jagt, den er mit einer Überzeugung tritt als wäre er der Star, auf dessen Auftritt alle so lange gewartet haben, ist das kollektive Augenreiben perfekt. Vor allem dieser linke Huf sollte Eindruck hinterlassen.
Weil Ronaldo wenige Wochen später aber sein heiß ersehntes Comeback feiert, während Adriano hauptsächlich zu Kurzeinsätzen und so nicht richtig in Tritt kommt, wird der Neuzugang im Winter nach Florenz verliehen. Immerhin Erstliga-Fußball. Tor und Vorlage im ersten Spiel, fünf Treffer in den ersten acht. Gegen Milan, gegen Juve, gegen Meister Roma. Mit dieser fulminanten Mixtur aus gewandter Eleganz und unbändiger Wucht.
Natürlich ist das alles noch sehr roh. Gegen Saisonende lässt Adriano nach, die Fiorentina steigt ab. Doch Inter reicht sein Juwel via Co-Eignerschaft an Parma weiter, um Fabio Cannavaro zu holen. Davon haben alle was.
Adriano trifft in Parma noch eindrucksvoller als in Florenz, jetzt auch im UEFA-Cup – und er wird Nationalspieler. Schon im Sommer 2003 fordern einige Interisti Adriano zurück, doch Präsident Massimo Moratti spielt auf Zeit. Nach acht Toren in den ersten neun Spielen der neuen Saison hat aber auch er genug gesehen: Im Januar 2004 kommt der “nächste Ronaldo” endlich in San Siro an.
Richtung Saisonende dreht der Mann, der jetzt die Nummer 10 trägt, derart auf, dass sie ihn bald “Imperador” rufen, Herrscher – oder gewissermaßen Kaiser. Angelehnt an Kaiser Hadrian – der Name -, aber auch an diese einmalige Spielweise. Besser gesagt die Spielweisen. Besonders gegen Perugia schießt Adriano ein absurdes Tor, sein späterer Trainer Roberto Mancini würde ihm einmal “die Power von Gigi Riva, die Beweglichkeit von Marco van Basten und den Egoismus von Romario” attestieren. Was ist das bitte für ein Buffet. In sechs Spielen bei der Copa America sorgt es im Sommer 2004 jedenfalls für sieben Tore, zwei Vorlagen und den Titel.
Vielleicht ist es ein bisschen viel Egoismus. Im Videospiel “Pro Evolution Soccer 6” kann man mit Adrianos linker Klebe selbst aus 40 Metern Tore schießen, weil er das manchmal auch in der Wirklichkeit macht – und diese Fähigkeit ist ihm bewusst. Sehr bewusst. Neben seiner Schussauswahl kann er zudem noch an seinem Passspiel arbeiten. Aber bitte. Er ist gerade 22. Das kann noch kommen. Und was ist denn alles schon da.
Vor der Saison 2004/05 lässt der Imperador Inter träumen. Dann klingelt das Telefon.
“Er warf es weg und fing an zu schreien. Es war ein Schrei, wie du ihn dir nicht vorstellen kannst”, berichtet Inter-Kapitän Javier Zanetti, der mitbekommt, wie die Tragödie Adriano erreicht. Sein Vater ist tot. Langsam gestorben an einer Kugel, die schon seit Jahren in seinem Kopf steckte. Sie war wie eine Zeitbombe gewesen. Und doch konnte sich Adriano nicht darauf vorbereiten. In Mailand, einen ganzen Ozean von der Heimat entfernt, bricht eine Welt zusammen.
Zunächst scheint der Fußball Adrianos Zufluchtsort zu sein. Im Prinzip spielt er die Saison, die sich alle von ihm erhoffen. 28 Tore in 42 Spielen, auch wenn die Nerazzurri wieder keinen großen Titel holen. Aber mit der Selecao gelingt das erneut. Wieder wird Adriano Torschützenkönig, bester Spieler und Titelträger beim Confederations Cup, bei dem er im Halbfinale gegen Deutschland und im Finale gegen Argentinien jeweils doppelt trifft. Inter gönnt ihm einen stattlichen neuen Vertrag.
Jetzt ist Adriano ganz oben. Vorläufig. Alle fragen sich, wie hoch es für den 23-Jährigen wohl noch gehen mag. Auf dem Platz erscheinen ihm keine Grenzen gesetzt. Doch daneben wird sein Leben zur Hölle. Es war nur eine Frage der Zeit. Der Schmerz holt Adriano ein – und verschlingt ihn mit Haut und Haaren. Vor allem in der Rückrunde, in den Monaten vor der WM, verliert sich der Hoffnungsträger irgendwo zwischen Partynächten und einem Tränenmeer. Im Kampf gegen die Depressionen helfen ihm weder Wendigkeit noch Wucht. Woraus ohnehin Trägheit und Wut werden. Weit mehr noch als ein fußballerisches ist es ein menschliches Trauerspiel.
Die WM in Deutschland wird ein Reinfall. Ronaldo ist übergewichtig, auch bei Ronaldinho geht es schon bergab – und im Adriano-Trikot steckt gewiss kein Imperador mehr. Was in wenigen Monaten alles zerfallen kann. Danach ist jeglicher Fall hauptsächlich frei. Adrianos Fokus ist völlig weg, er wird suspendiert, flüchtet in die Heimat. Zweimal kehrt er noch nach Italien zurück, doch nie wieder in körperlicher oder gar psychischer Form. Beim FC Sao Paulo oder Flamengo klappt es unter dem Jubel der Landsleute kurzzeitig, aber die Weltkarriere ist dahin.
Doch in den Favelas, mindestens zwischenzeitlich, findet Adriano als einer von vielen auch jenseits des Fußballs seinen Weg zurück zum Glück. “Die Presse zeigt diese Bilder und sagt, dass ich nun ein Gangster und meine Geschichte eine Tragödie sei. Dabei wollte ich nur nach Hause, zu meinen Leuten, zu meiner Gemeinschaft. Ich bin immer noch der Junge aus den Favelas. Ich hatte und habe hier so viel Freude”, verrät er in einem tiefsinnigen Artikel von “The Players’ Tribune”. Und das ist doch auch einiges wert.

