Ajax 5, Bayern 2 (1995): ZEHN ERKENNTNISSE

Ajax’ beeindruckendste Mannschaft der vergangenen 50 Jahre fügte dem FC Bayern im Champions-League-Halbfinalrückspiel 1994/95 eine seiner bittersten internationalen Niederlagen zu. Über die Taktik, die Deutlichkeit des Ergebnisses – und den Spieler, der mich in diesem Spiel am meisten begeisterte.

Die Aufstellungen im Rückspiel (Hinspiel 0:0) am 19. April 1995 in Amsterdam:

Ajax: Van der Sar – Reiziger, Blind, Bogarde – R. de Boer, Rijkaard, Seedorf – Litmanen – George (87. Davids), Kanu (67. Kluivert), Overmars

Bayern: Scheuer – Helmer (42. Kreuzer) – Kuffour, Babbel – Frey, Scholl, Schupp, Nerlinger, Ziege – Zickler (73. Sutter), Witeczek

Tore: 1:0 Litmanen (11.), 1:1 Witeczek (36.), 2:1 George (41.), 3:1 R. de Boer (45.), 4:1 Litmanen (46.)., 4:2 Scholl (76., HE), 5:2 Overmars (88.)

1. Das Ziel mit den großen Ohren

Als fußballerisches Schwergewicht kam der FC Bayern der mittleren 1990er Jahre nicht daher, doch die Zielsetzung war klar: Mit Giovanni Trapattoni – also mit dem Mann, der mehr Europapokale gewann als alle anderen – sollte der Henkelpott erstmals seit 1976 zurück nach München. Zumindest die Vorschlussrunde wurde es mit einer typisch italienischen Taktik-Corsage ja gleich im ersten Anlauf.

Und Ajax? Das wartete – seit 1973 – sogar noch länger und galt ohne einen Superstar wie Johan Cruyff vor der Saison höchstens als Geheimfavorit. Also für viele naive Experten und “Experten”. Trainer Louis van Gaal meinte nach dem Titelgewinn nur: “Ich hatte bereits vor der Saison gesagt, dass wir den Titel gewinnen können.” Klar.

2. Ein Statement von vielen

Ajax’ junge und durchaus überraschende Champions-League-Sieger von 1994/95: War das 5:2 im Halbfinal-Rückspiel gegen den FC Bayern ihr großes Highlight? Hm, jein. Eher war es eines von fast schon vielen.

In der Gruppenphase verpasste Amsterdam Titelverteidiger Milan, der im Vorjahres-Endspiel immerhin Cruyffs Barcelona demontiert hatte, zweimal ein überzeugendes 2:0. In den drei K.-o.-Runden-Spielen bis zum Wiedersehen mit Bayern blieb man weiterhin ohne Niederlage und sogar ohne Gegentor – ehe Ajax die Mailänder im Finale von Wien auch ein drittes Mal schlug (1:0). Während man ungeschlagen die niederländische Meisterschaft verteidigte.

Diese Mannschaft war einfach nur richtig gut.

Die Ajax-Startelf im Finale, mit Frank de Boer und Edgar Davids statt Winston Bogarde und Nwankwo Kanu. – Bild: i.guim.co.uk

3. Großes Feld, kleines Feld

Es gab Phasen in diesem Spiel, in denen beide Mannschaften augenscheinlich andere Sportarten spielten. In denen Bayern vor allem massiv damit überfordert war, dass das ballsichere Ajax den Platz durch seine Positionsbesetzung in Ballbesitz riesengroß machte – etwa durch Rückpässe zum mitspielenden Keeper Edwin van der Sar -, und gegen den Ball, durch kollektives Pressing und Gegenpressing, möglichst klein.

Das war typisch niederländisch. Die Amsterdamer lernten genau diese Positionen und Abläufe bereits seit der Ajax-Jugend. Gemeinsam mit den numerischen Vorteilen – Ajax stand im Aufbau 3 gegen 2, im Mittelfeld 4 gegen 3, und hatte trotzdem vier Angreifer – machte das den größten Unterschied.

Die Bayern bekamen bei Ajax-Ballbesitz dann gar keinen Zugriff, sie wussten oft nicht einmal, wo und wie sie stören sollten. Sie kamen einfach nicht nah genug ran. Dazu war das Münchner Anlaufen zu unkoordiniert. Bei eigenem Ballbesitz hingegen fehlte, wenn Ajax intensiv presste, zumeist die Resistenz dagegen. Es war ein Klassenunterschied.

4. Seedorf gegen Schupp

Taktische Vorteile schön und gut. Und natürlich konnte man den weiteren Werdegang bei Spielern wie dem 18 Jahre jungen Clarence Seedorf damals noch nicht absehen. Doch Ajax hatte natürlich auch die deutlich stärkeren Einzelspieler auf dem Platz, was dort auch eindrücklich sichtbar wurde – während der FC Bayern mit Oliver Kreuzer, Dieter Frey oder Markus Schupp nicht gerade eine “goldene Generation” erlebte.

Ajax tat das. Gepaart mit der weitaus fortschrittlicheren Taktik und einer fraglos überlegenen Fitness, wie es auch schon für die “Totalfußballer” gegolten hat. Gegner wie Daniele Massaro oder Jorge Valdano betonten beim Ajax der 90er auch die unheimliche Körperlichkeit.

5. Der Schattenmann

Der Star des 5:2 in Amsterdam war Jari Litmanen. Er hatte die meisten fulminanten Aktionen, traf früh zum 1:0, besorgte in der 46. Minute überragend die Vorentscheidung, schnürte als einziger Spieler einen Doppelpack. Routinier Frank Rijkaard, der am hinteren Ende der Raute agierte, fiel als vermeintlicher Quarterback übrigens längst nicht so auf wie Litmanen als deren “Spitze”.

Der damals 24 Jahre alte Finne spielte in der 3-Raute-3-Formation eine zentrale offensive Rolle, aber nicht unbedingt als klassischer Zehner, sondern als vielzitierter “Schattenstürmer”. Eine Position, die van Gaal in einem Interview vor den beiden Halbfinal-Spielen als schwierigste in seinem System bezeichnete.

Litmanen bewegte sich, vor allem für eine Überzahl im Mittelfeld, zwar immer wieder in den Zehnerraum, wohin ihm sein Bewacher Schupp nicht immer folgen konnte/wollte, weil die Münchner Fünfer-Verteidigung sonst oft weit auseinandergezogen wurde. Und von dort aus stieß Litmanen als Schattenstürmer dann etliche Male spät in den Strafraum, was auch für einen Manndecker nicht leicht zu verteidigen war. Während viele Spieler bei van Gaal eine klare Rolle hatten, kamen Litmanen je nach Angriffsphase zwei zu. Er verstand dieses Wechselspiel nahezu perfekt.

Schupp und die Münchner waren mit Litmanen am 19. April 1995 einfach überfordert, obwohl sie ihn und seine Rolle aus dem Hinspiel schon kannten. Was dann wahrscheinlich nicht nur an van Gaals Taktik lag, sondern auch an Litmanens brutaler Qualität. Auch wenn der Finne später noch für Barcelona, Liverpool und Rostock spielte: Stärker als in den “mid 90s” war er nie. Später standen ihm leider auch Verletzungen im Weg.

6. Kanu, nicht Kluivert

Ajax’ großes Sturm-Talent der mittleren 1990er Jahre war der im Frühjahr 1995 18-jährige Patrick Kluivert, der im Champions-League-Finale gegen die AC Mailand auch das Siegtor schießen sollte – und der Niederländer war. Das erzeugt in den Niederlanden natürlich noch mal einen anderen Hype. Überragender Mittelstürmer in den Spielen gegen die Bayern war jedoch der ebenfalls 18-jährige Nwankwo Kanu gewesen, dessen Leistung mich im Rückspiel am meisten beeindruckte.

Amsterdams Angriffe waren in großen Teilen auf den jungen Nigerianer ausgerichtet, der sich regelmäßig aus dem Sturmzentrum fallen ließ und gerade viele lange Bälle mit einer unglaublichen Technik und Spielintelligenz verarbeitete und/oder weiterleitete. Besonders beeindruckend nahm Kanu die Kugel in der 8. Minute mit, ehe er sie aus der zweiten Reihe an den Pfosten schoss (im folgenden Video ab 0:11). Dass Ajax’ startender Mittelstürmer bei einem 5:2-Sieg selbst torlos blieb, lag ausschließlich am Faktor Glück. Kanu hatte außerdem die Latte getroffen.

Der niederländische Rekordmeister hatte natürlich die Qual der Wahl: Als Kluivert nach einer guten Stunde für Kanu eingewechselt wurde, wusste er ebenfalls zu gefallen und den 5:2-Endstand, durch einen hohen Ballgewinn, stark vorzubereiten. Ein Champions-League-Spiel später wurde er dann zum großen Helden.

Bitter für Kanu: Nach einer überragenden Leistung bei Nigerias Olympiasieg ein Jahr später, dem Titel “Afrikas Fußballer des Jahres” und einem Wechsel zu Inter Mailand musste er 1996 am Herzen operiert werden und rund zwei Jahre lang mehr oder weniger pausieren. Einer kometenhaften (Weiter-)Entwicklung des späteren Arsenal-Stürmers stand dieses Schicksal wohl entscheidend im Weg.

7. Krasser als 1973

Was Ajax’ große Generationen eint: ein europäischer Kantersieg gegen den FC Bayern. Cruyff und Co. hatten die Münchner um Franz Beckenbauer und Gerd Müller im Frühjahr 1973 auf dem Weg zum dritten Henkelpott in Serie zu Hause mit 4:0 abgeschossen. Zwischen den beiden Abreibungen gab es aber klare Unterschiede.

Die Qualität der Kontrahenten war sich 1973 deutlich näher, ab 1974 gewann nämlich auch der FCB den Landesmeister-Cup dreimal hintereinander. Das 4:0 war im Vergleich zum 5:2 mehr ein “Freak-Ergebnis”, das etwa durch einen schwachen Auftritt von Bayern-Schlussmann Sepp Maier zu erklären war.

Ajax’ Überlegenheit rührte damals mehr von der größeren Qualität aller Einzelspieler, was 1995 natürlich auch der Fall war. Doch während unter van Gaal das klare taktische Konzept den größten Unterschied machte, war das von Rinus Michels 1973 nur noch ansatzweise vorhanden. Er hatte Ajax nämlich schon 1971 verlassen – und Nachfolger Stefan Kovacs fortan mehr auf individuelles Entfalten gesetzt.

Ajax 4, Bayern 0 (1973): ZEHN ERKENNTNISSE

8. Louis und Johan

Apropos individuelles Entfalten: Louis van Gaal war kein großer Verfechter. Und Johan Cruyff, der drei Jahre zuvor ebenfalls mit einem 3-4-3 und dem überlegenen Positionsspiel den Henkelpott gewonnen hatte, deshalb kein großer Verfechter von van Gaal.

“König Johan” begleitete die Erfolge seines Landsmanns schon 1995 mit grundsätzlicher Kritik, auch wenn beide in vielen Grundsätzen ähnlich dachten – und praktizieren ließen. Doch die wenigen, aber gravierenden Unterschiede machten sie zu Intimfeinden.

Während auch bei Cruyff zwar die festgelegten Positionen möglichst besetzt sein mussten, war der dreimalige Ballon-d’Or-Gewinner ein Freund von spielerbestimmten Rochaden. Wer die Positionen besetzte, war nicht so wichtig. Bei van Gaal, bei dem alles rigide eingehalten werden musste, gab es das nicht – noch nicht mal ein Hinterlaufen der äußeren Verteidiger.

“Ich sehe nicht so sehr die Einzelspieler, sondern die Mannschaft. Wenn ein Litmanen geht, dann geht er eben. Als Bergkamp ging, kam Litmanen; geht er, kommt ein anderer. Das ist für uns kein Problem.” Das System stand über allem. Cruyff dazu: “Van Gaal hat eine gute Vision für den Fußball, aber sie ist nicht meine. In Bezug auf seine Taktik geht er fast schon militärisch vor.” Wäre genau dieser Vorwurf nur etwas freundlicher aus Johans Mund gekommen, Louis hätte sie wohl als Kompliment begriffen.

Die Trainer-Giganten als Spieler: Johan Cruyff (Ajax) gegen Louis van Gaal (Sparta Rotterdam), 1982/83. – Bild: i.dailymail.co.uk

9. Ausnahmen

Der Großteil der Bayern-Mannschaft, die unter dem achtmaligen Europapokalsieger Trapattoni grob im 3-5-2 mit Libero spielte, war mit dem Ajax-Fußball im Rückspiel ziemlich überfordert. Im Hinspiel (0:0) waren die Niederländer noch vorsichtiger aufgetreten. Nur die beiden Münchner Torschützen, Marcel Witeczek und vor allem Mehmet Scholl, schienen technisch und spielerisch auf diesem (Tempo-)Niveau mithalten zu können. Selbst sie hatten jedoch nur wenige starke Momente, wobei Scholl in der Schlussphase noch mal auf 4:3 hätte verkürzen müssen – dazu mehr in Punkt 10.

Ausnahmen waren übrigens auch Lothar Matthäus, Oliver Kahn und Frank de Boer, die in dieser Partie als Stammspieler fehlten. Matthäus laborierte an einem Achillessehnenriss, Kahn an einem Kreuzbandriss, statt des gelb-gesperrten de Boer spielte links in Ajax’ Dreierkette Winston Bogarde.

10. Das Ergebnis schmeichelt beiden

Das torreiche, deutliche Rückspiel-Ergebnis war tatsächlich sehr spannend – und irgendwie für beide Mannschaften schmeichelhaft.

Ajax’ Führungstreffer durch Litmanen hätte gar nicht zählen dürfen, weil der Finne Sekunden zuvor beim Seitfallzieher-Versuch nicht den Ball traf, sondern Sammy Kuffour. Kurz vor der Pause stand es auf einmal 1:1, obwohl die Niederländer eindeutig weit überlegen waren. Kanu hatte Pfosten und Latte getroffen. Durch die Auswärtstorregel wäre Bayern mit einem 1:1 – oder später einem 4:4 – übrigens weiter gewesen.

Das 5:2-Endresultat spiegelte die Kräfteverhältnisse dann zwar gut wider, doch ein bald passiveres Ajax hätte sich nach den drei entscheidenden Toren kurz vor und kurz nach der Pause nicht wundern brauchen, wenn es gegen die limitierten Münchner noch mal deutlich knapper geworden wäre.

Abgesehen davon, dass Bayern aus den regelmäßigen Wacklern der Ajax-Verteidiger keinen weiteren Profit schlagen konnte – Scholl scheiterte etwa leichtfertig allein vor van der Sar (81.) -, hätte Danny Blind für sein Handspiel auf der Linie, aus dem der Elfmeter zum 4:2 resultierte, auch Rot sehen können. Doch die Bayern protestieren vergeblich.

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