ALS RANGNICK ZU RONALDO FLOG

Der erste europäische Verein, der Ronaldo verpflichten wollte, war der VfB Stuttgart. Über einen Scouting-Trip, der von Tragik nicht verschont blieb.

Dieter Hoeneß hatte keine Zeit. Doch der damalige Manager des VfB Stuttgart hatte im April 1994 einen Jugendkoordinator im Verein, dem er das Erkennen besonderer Talente noch ein kleines bisschen eher zutraute als sich selbst. Auch wenn man in diesem Fall nicht Ralf Rangnick heißen musste, um zu begreifen, dass Ronaldo wahrlich etwas Außergewöhnliches war.

Die frühen und mittleren Neunziger sind gefühlt noch gar nicht so weit weg. Und doch steckten Premier League und Champions League noch in den Kinderschuhen, es gab – das wusste man beim VfB mittlerweile ganz genau – noch die Ausländerregel und das kommerzielle Internet, wie wir es heute kennen, war ferne Zukunftsmusik.

So konnte der gerade erst 17 Jahre junge Ronaldo Luis Nazario de Lima im Trikot von Cruzeiro Belo Horizonte monatelang schier unbemerkt für Schlagzeilen sorgen, ehe der europäische Fußball-Adel wirklich Notiz davon nahm. Heute ist das unvorstellbar, vor 30 Jahren musste man eben gute Kontakte haben, die einem möglichst wenig verwackelte Videokassetten zuschickten. Hoeneß hatte das – und er wusste, was zu tun war. Mitte April stieg Rangnick in den Flieger.

Rangnick kam, sah und griff hektisch zum Hörer: “Dieter, wir dürfen nicht zögern, den müssen wir unbedingt holen.” Für den Jugendkoordinator war die Sache klar. Für den Manager auch. Doch VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder musste beim Kostenpunkt schlucken. Die geforderten 3,5 Millionen Dollar war “MV” nicht bereit zu zahlen – für einen 17-Jährigen ohne europäische Erfahrung.

Den schmächtigen Jungen mit der Zahnspange hatte die kleine schwäbische Delegation schnell überzeugt. In einem Hotelzimmer überreichte Rangnick Ronaldo sogar ein VfB-Trikot, das ihm Hoeneß extra mitgegeben hatte. Jahre später würde der kommende Weltfußballer und Weltmeister bestätigen, dass Stuttgart der erste europäische Verein war, der sich aktiv für ihn interessiert hatte. Doch Mayer-Vorfelder, da konnte Hoeneß ihn noch so zutexten, blieb hart. Was wäre, wenn.

Es gab noch einen Versuch. Rangnick sah sich noch einen Spieler an. Dener, bereits 23. Aber ungemein talentiert. Unter der brasilianischen Mittelfeld-Legende Falcao hatte Dener 1991 mal ein paar Länderspiele gemacht, zur gleichen Zeit die “Copinha”, ein prestigeträchtiges Junioren-Turnier, aufgemischt wie nur wenige vor ihm.

Doch anschließend stagnierten die Dinge um Dener immer wieder, es gab Ungereimtheiten. Dem dribbelwütigen Schlitzohr wurde ein schwieriger Charakter nachgesagt, seinem Verein Portuguesa, dass er seinem begabtesten Balltreter auf dem Weg zum “nächsten Schritt” bedenkenlos Steine in den Weg legte.

Zu größeren Vereinen wie Gremio Porto Alegre oder dem Rio-Traditionsklub Vasco Da Gama wurde Dener nur verliehen, dort spielte er sich 1993 und 1994 aber wieder mehr ins Rampenlicht. In einem Spiel gegen die Newell’s Old Boys sogar so sehr, dass sich der in seine Heimat zurückgekehrte Diego Maradona anschließend nach Dener erkundigte. Der Rechtsfuß war noch immer eine der heißesten Aktien des brasilianischen Fußballs.

Rangnick war auch von Dener beeindruckt, flog jedoch erst einmal nach Stuttgart zurück. Weil Ronaldo Priorität hatte. Doch daraus wurde nichts. Und auch die zweite Wahl war bald keine mehr. Am Neckar angekommen erfuhr Rangnick, dass Dener nach dem Spiel, das er besucht hatte, bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Als Beifahrer, vom Gurt erdrosselt. Der Jugendkoordinator, der zwei so große Talente gefunden hatte, kam schlussendlich mit leeren Händen aus Brasilien zurück.

Der Sommer des Jahres 1994 war ein besonderer für Ronaldo. Als Ergänzungsspieler wurde der Jungspund in den USA ein erstes Mal Weltmeister. Anschließend wechselte er nach Eindhoven und startete eine Weltkarriere, die auch einen Abstecher in Stuttgart hätte machen können. Doch der “R9” war dem “MV” zu teuer.

Anders als “Giovane” Elber (Giovane heißt er eigentlich gar nicht), der nur etwa die Hälfte kostete und im Sommer 1994 statt Ronaldo nach Stuttgart kam. Um mit Krassimir Balakov und Fredi Bobic das “magische Dreieck” zu bilden, woran man sich beim VfB ebenfalls gerne erinnert. Auch wenn sich nicht nur Hoeneß fragen dürfte, wie ein solches Dreieck wohl mit “Il Fenomeno” ausgesehen hätte …

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