ALS SCHALKE EINEN WELTSTAR ABLEHNTE

Die “Bild” warnte deutsche Eltern, als Francisco Marinho zur WM 1974 in die Bundesrepublik reiste. Ob der Brasilianer der erste ausländische Superstar der Bundesliga werden sollte, ließ Schalke 04 später seine Fans entscheiden:

Weltmeisterschaft für Weltmeisterschaft – und warum sollte das 1974 in Deutschland anders gewesen sein – lassen diese irgendwie magisch anmutenden kanariengelben Trikots viele Fußball-Herzen noch mal ein kleines bisschen höher schlagen. Brasilien, die Selecao, höher kann Spielkunst nicht sein.

Diesen Ruf hatte nicht zuletzt die sagenhafte Weltmeister-Mannschaft von 1970 untermauert, von der vier Jahre später allerdings nicht mehr viel übrig geblieben war. Carlos Alberto fehlte verletzt, Pelé, Tostao oder Gerson waren nicht mehr dabei – und Rivelino und Jairzinho eben vier Jahre älter.

Auch das Joga Bonito, das schöne Spiel, hatten durchschnittliche Brasilianer wohl unterm Zuckerhut vergessen, was sie vor allem im brutalen Zwischenrunden-Spiel gegen die Niederlande bewiesen. Die Selecao 1974 – eine Enttäuschung.

Marinho ist nicht unbedingt der beste Spieler

Aber eine WM so ganz ohne spektakulären Brasilianer? Nein, das war unmöglich. Und man musste sie sich ja nur ansehen, um sofort einen aus der ziemlich uninspirierten Menge herauszupicken. Brasiliens WM-Star wurde 1974 nicht der beste, sondern der auffälligste Spieler des Turniers: Francisco das Chagas Marinho.

Die Namen Branco, Roberto Carlos oder Marcelo waren noch Zukunftsmusik, als der strohblonde und braun gebrannte Marinho das Erbe des Nilton Santos antrat. Die Selecao stellte mal wieder einen Linksverteidiger, dessen Stärken es nicht unbedingt in der Defensive zu suchen galt.

WM 1974: Marinho im Laufduell mit Polens Torschützenkönig Grzegorz Lato. – Bild: cbf.com.br

Die in Natal geborene “Kanone des Nordostens” war extrem schnell, ausdauernd und hatte einen fantastischen Schuss. Einzig bedenkliche Schwäche des 22-Jährigen: Zweikampfführung. Prost Mahlzeit. Seine sorglose Spielweise führte – natürlich samt seiner Optik – dennoch dazu, dass Marinho einer der Stars, besser gesagt eines der Gesichter dieser Weltmeisterschaft wurde.

Der “blonde Teufel”

In der Bundesrepublik der 1970er Jahre erfreute sich die Jugend am jungen Rebellen mit den langen blonden Haaren, dessen Star-Potenzial von den Medien sofort erkannt und auch schnell entfaltet wurde. Jungs wollten seine Frisur, Mädchen wollten ihn.

Es freuten sich aber längst nicht alle über Senkrechtstarter Marinho: Die manchmal etwas hüftsteife deutsche Öffentlichkeit schlug ob der berüchtigten Liebesgeschichten des Frauenhelden Alarm. “Mütter, holt eure Töchter von der Straße, der blonde Teufel ist in der Stadt”, titelte gar die “Bild”.

Der blonde Teufel hielt sich öffentlich allerdings zurück und spielte derweil ein gutes Turnier. Brasilien wurde immerhin relativ akzeptabler WM-Vierter und Marinho war trotz kanariengelber Sturmflaute Teil der Abwehrreihe, die von einigen Brasilianern bis heute als ihre beste bei Weltmeisterschaften angesehen wird.

Ansehen versprach sich auch Schalke-Präsident Günter “Oskar” Siebert von der nun weltbekannten Attraktion – im Frühjahr 1975 schmiedete er den Plan, Marinho nach Gelsenkirchen zu holen.

Mit seiner Vision, die unmittelbar mit einer siebenstelligen Ablösesumme zusammenhing, stand Siebert im emsigen Ruhrpott jedoch ziemlich alleine da. Trainer Ivica Horvat wollte Marinho nicht, der Verwaltungsrat berief sich auf ein gefährdetes Mannschaftsklima und sprach sich gegen den Millionen-Transfer aus. Schließlich sollten – per spektakulärer Zettel-Wahl – die Schalker Fans entscheiden.

Das Ergebnis ist bis heute unbekannt

Im Rahmen eines Heimspiels gegen die Bayern, vor dem der anwesende Marinho den “BRAVO”-Otto einer Popularitäts-Kategorie überreicht bekam, stimmten die königsblauen Anhänger also über den Kauf des Paradiesvogels ab – und darüber, ob sie damit einhergehend bereit wären, für den Star künftig höhere Eintrittspreise zu zahlen. Einen Marinho-Zuschlag. Solch ein Transfer finanziert sich schließlich nicht von selbst.

Einer damaliger Abstimmungszettel. – Bild: schalke04.de/kalenderblatt

Ein wirkliches Ergebnis dieser Abstimmungen gab es allerdings nie: Die Mehrheit der Stimmzettel verschwand noch am selben Tag unter mysteriösen Umständen, der verbliebene Rest ergab “Ja” zum Marinho-Transfer, aber “Nein” zum Marinho-Zuschlag. Und da der Verwaltungsrat nochmals nachdrücklich den Kopf schüttelte und es darüber hinaus Fan-Petitionen gegen das transatlantische Luxusgut gab, lenkte Siebert schließlich zähneknirschend ein.

Mit Beckenbauer, Müller – und Armin Veh

Marinho blieb also bei Botafogo in Rio, versuchte sich als Sänger und Schauspieler, tingelte weiter durch Brasilien und durch die US-Glitzerliga NASL, wo er mit Franz Beckenbauer in New York und Gerd Müller in Fort Lauderdale spielte – ohne seine Form von der WM 1974 je konstant zu bestätigen.

Im spätesten Karriere-Herbst kehrte der Wandervogel dann tatsächlich noch einmal an den Ort zurück, an dem er seine größten Wochen verlebt hatte: Deutschland.

Beim berühmt-berüchtigten BC Harlekin Augsburg, einem zum Scheitern verurteilten Kreisklassen-Projekt des lokalen Spielcasino-Moguls Peter Eiba – übrigens die erste Manager-Station des Armin Veh -, ließ der von seiner Alkoholsucht gezeichnete Marinho eine Laufbahn voller Aufs und Abs 1987/88 mehr schlecht als recht ausklingen.

Zum Ende hin lebte er in seiner Heimatstadt Natal nur noch in den Tag hinein. Die Leute dort verehrten ihn, sie waren aber keine Freunde, die ihm aus seiner Sucht halfen. Der “blonde Teufel” war noch stolz darauf, Teil der besten brasilianischen WM-Abwehr gewesen zu sein; stolz darauf, der einzige WM-Spieler gewesen zu sein, den Natal je hervorgebracht hat. Mehr war ihm nicht geblieben.

Kurz vor Marinhos Tod: Besuch von Lutz Pfannenstiel. – Bild: spiegel.de/sport/fussball

Als ein Wandervogel aus deutschen Landen, Lutz Pfannenstiel, den damaligen Botschafter Natals für eine Reportage vor der WM 2014 in Brasilien traf, bot die laut Pfannenstiel einstige “Mischung aus George Best und Günter Netzer – der authentischere David Beckham” ihm sein originales 1974er Trikot aus dem Spiel gegen die DDR zum Verkauf an. Marinho brauchte das Geld für Alkohol.

Er starb nur wenige Wochen vor dem ersten WM-Spiel, das jemals in Natal stattfand, mit gerade einmal 62 Jahren.

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