Argentinien 1957: ENGEL MIT SCHMUTZIGEN GESICHTERN

Bei der Südamerika-Meisterschaft 1957 stürmte Argentiniens erste ikonische Nationalmannschaft in die Herzen einer ganzen Nation. Die WM im Folgejahr verkam zu einer Schmach – mit Folgen.

Juan Peron hätte diese wunderbare Episode des argentinischen Fußballs womöglich verhindert. Doch der Präsident, der 1954 angeordnet haben soll, keine Mannschaft zur WM in die Schweiz zu entsenden, um eine schmerzhafte nationale Tragödie zu verhindern, wie sie nach dem verpassten Titel vier Jahre zuvor die Brasilianer erlitten hatten, wurde 1955 gestürzt. Der “besorgniserregende” dritte Platz beim Vorläufer der Copa America 1956 – und das nach vier erfolgreichen Teilnahmen in Folge – fiel glücklicherweise nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich.

Die nächste Kontinental-Meisterschaft fand nur ein Jahr später also mit der Albiceleste statt, gleich im Frühjahr in Peru. Und noch im Liga-Modus – andere Zeiten, andere Sitten. Sitte und Identität des argentinischen Fußballs drehten sich damals übrigens noch weniger um raue Beine als um feingliedrige Offensivkunst. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt, es herrschte ein geradezu ideologischer Optimismus.

Der argentinischen Auswahl, die den Südamerika-Titel vor der WM 1958 in Schweden zurückerobern sollte, war dieser Ansatz wie auf den Leib geschneidert. Sie stellte schließlich auch die beste Defensive des Turniers, dank Haudegen wie Pedro Dellacha oder Nestor “Pipo” Rossi – besser gesagt “Radio Rossi”, weil er seine Mannschaft auf dem Feld lautstark dirigierte. Oder vielmehr zurückbeorderte. Aber vorn konnte er sie machen lassen, die fünf Wahnsinnigen.

Selten produzierte der südamerikanische Fußball eine fähigere Sturmreihe als Oreste Corbatta (21), Humberto Maschio (24), Antonio Angelillo (19), Omar Sivori (21) und Osvaldo Cruz (25) – von rechts nach links. Angelehnt an den beliebten gleichnamigen Gangster-Film “Angels with Dirty Faces”, erhielt im Speziellen der schlitzohrige Innensturm den übersetzten Spitznamen “Carasucias”: Engel mit schmutzigen Gesichtern.

Die “Carasucias”: Corbatta, Maschio, Angelillo, Sivori und Cruz (v. li.) – Bild: futebolportenho.com.br

Die Offensiv-Qualität war schier unglaublich. Der erst 19-jährige Mittelstürmer Angelillo verbannte sogar San Lorenzos Goalgetter José Sanfilippo auf die Bank, neben ihm wurde Maschio Torschützenkönig und Sivori bester Spieler des Turniers. Und das alles, während der seinerzeit beste Argentinier, Alfredo di Stefano, schon in und für Spanien spielte. Das Schlitzohr, zu dem dieser wunderschöne Spitzname aber am besten passte, war Rechtsaußen Corbatta. Ein Derwisch. Waghalsigste Finten pflasterten seine Wege. Vor Lionel Messi und Diego Maradona war er Argentiniens ultimativer Fantasie-Spieler. In Argentiniens ultimativer Fantasie-Mannschaft.

Besonders Corbatta, einer Art argentinischem Garrincha, kam es entgegen, dass die Spiele der Albiceleste damals lediglich im Radio übertragen wurden. Denn vor dem inneren Auge ihrer Fans waren die Kunststücke der Künstler wahrscheinlich doppelt so toll wie auf dem Platz. Und das musste schon etwas heißen. Trainiert vom populären Guillermo Stabile, 1930 erster WM-Torschützenkönig, zogen die schmutzigen Engel im Frühjahr 1957 eine ganze Fußballnation in ihren Bann.

Nach Siegen über Kolumbien, Ecuador, Uruguay und Chile kam es zum unvermeidlichen Showdown gegen Brasilien. “Das war das wichtigste Spiel”, meinte Maschio später auch in Bezug auf die Rivalität. Würde die Albiceleste dieses gewinnen, wäre ihr natürlich zudem der “verlorene” Titel sicher. Alles oder nichts. Das wichtigste Spiel gegen eine starke Selecao noch ohne Pelé wurde eine Machtdemonstration, Angelillo, Maschio und Cruz schossen die Tore zum verdienten 3:0-Endstand. Überhaupt wurden mit nur einer Ausnahme – durch “Edeljoker” Sanfilippo – alle der 25 argentinischen Tore in sechs Spielen von den Carasucias erzielt. Aufgabenteilung. Der Wahnsinn.

Noch viel wahnsinniger wurde es aber in den Tagen nach dem Turnier. Weil die Argentinier verständlicherweise schon so sehr ins Feiern vertieft waren, dass sie ihr letztes und letztlich irrelevantes Spiel gegen Gastgeber Peru mit 1:2 verloren, platzte Roberto Tomas Dalton der Kragen. Der argentinische Botschafter in Peru, persönlich betroffen, forderte wütend ein Rematch, was Trainer Stabile seinen Spielern freistellte. Die meisten nahmen sowohl die dazugehörige Vorbereitung als auch das “Freundschaftsspiel” ernst und schlugen die Peruaner diesmal mit 4:1. Na bitte.

Doch auch das blieb nicht die letzte Farce um eine Mannschaft, die in dieser Besetzung wie eine Sternschnuppe verglühte. Wenige Monate nach der Südamerika-Meisterschaft spielte Argentiniens Innensturm geschlossen in Italien – Inter hatte sich Angelillo geangelt, Juve Sivori, Bologna Maschio. So weit, so unproblematisch. Aber nicht nur die damalige Infrastruktur machte den Carasucias im Hinblick auf die WM einen Strich durch die Rechnung.

Raul Colombo, ein entscheidender Mann im argentinischen Fußball-Verband AFA, war in allem Überschwang der Meinung, dass Argentinien über genügend tolle Fußballspieler verfügt und auf drei Legionäre deshalb nicht angewiesen ist. Nur ein Ausdruck von blinder Selbstgefälligkeit, die dem Südamerika-Meister in Schweden zum Verhängnis wurde.

Jahrelang hatte sich die Albiceleste schon nicht mehr gegen namhafte europäische Konkurrenz getestet, die sich über die argentinischen Mängel in puncto Fitness, Dynamik und Widerstandsfähigkeit schwer wunderte. Auch über ein in der Balance doch sehr naiv vorgetragenes Offensivspiel. Ohne seinen famosen Innensturm schied der selbsterklärte Titel-Favorit als Gruppenletzter aus, zum Abschied setzte es ein krachendes 1:6 gegen die Tschechoslowakei. In der wahrscheinlich logischen, wenn auch etwas traurigen Folge änderte sich der Kern der argentinischen Fußball-Philosophie nach dieser Schmach nachhaltig – vom körperlosen Kreativspiel hin zu zynischer Körperlichkeit.

Argentiniens einziger berauschender Moment in Schweden war gleich nach zwei Minuten durch ein schönes Corbatta-Tor gegen Titelverteidiger Deutschland (1:3) gekommen, anschließend ging es rapide bergab für die Reste einer verehrten Mannschaft, für deren Stars das Leben fortan Unterschiedliches bereithielt. Angelillo wurde in Italien Torschützenkönig und Meister, Sivori heimste mit Juve gar etliche Titel ein – und 1961 den Ballon d’Or. Auch Maschio wurde italienischer Meister, ehe er zu Racing nach Argentinien zurückkehrte, wo er auf seine älteren Tage Copa Libertadores und Weltpokal gewann. Für den Innensturm sind sich die Dinge ausgegangen, auch ohne WM-Titel.

Bei Corbatta lief es anders. Zwar zählte er als einziger der Carasucias noch zu der Nationalmannschaft, die den Südamerika-Titel 1959 verteidigte – wenn auch nicht mehr so mitreißend -, sein kompliziertes Privatleben jedoch ging bald den Bach runter. “Als Fußballer war er ein Genie, im Leben aber ein Desaster”, fasst der englische Fußball-Historiker Jonathan Wilson das Schicksal eines schüchternen Analphabeten ohne Selbstwertgefühl zusammen, der früh dem Alkohol verfiel.

Vom Ball sprach Corbatta irgendwann nur noch im generischen Femininum, als wäre das geliebte Spielgerät, über das er stets die Kontrolle hatte, seine Frau gewesen. Während seine echte Frau – eine von Freunden geschickte Prostituierte, in die er sich sofort verliebt hatte – ihn schließlich verließ und auch noch ausnahm. Als er eines Tages nach Hause kam, war alles weg. “Es waren noch nicht einmal die Spinnen übrig”, erzählte Corbatta, in einem Zustand zwischen Galgenhumor und Resignation.

Verarmt und weitgehend mittellos verstarb er, der gegen Ende in der Kabine eines regionalen Fußballvereins schlief, mit nur 55 Jahren. Eine tragische Figur. Tragischer als jeder verpasste Titel.

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