Wie schon 1982, als man Italien unterlegen war, stand Deutschland 1986 im WM-Finale. Den unaufhaltsamen Diego Maradona bekam die Mannschaft von Franz Beckenbauer einigermaßen in den Griff – oder? -, ehe ihr eine gar nicht untypische Nachlässigkeit kurz vor Schluss das Genick brach. Wie hätte eine Verlängerung ausgesehen?
Argentinien: Pumpido – Brown – Cuciuffo, Ruggeri – Giusti, Enrique, Burruchaga (90.+1 Trobbiani), Batista, Olarticoechea – Maradona – Valdano
Deutschland: Schumacher – Jakobs – Brehme, Förster – Berthold, Matthäus, Eder, Briegel – Magath (62. Hoeneß) – Rummenigge, Allofs (46. Völler)
Tore: 1:0 Brown (22.), 2:0 Valdano (56.), 2:1 Rummenigge (74.), 2:2 Völler (82.), 3:2 Burruchaga (85.)
1. Würdige Kulisse, unwürdiger Platz
Weil auch er im legendären Viertelfinale gegen Maradona und Argentinien auf dem Platz stand – und sogar ein Tor schoss, das ihn 1986 zum Torschützenkönig machte -, wird Englands Gary Lineker immer wieder auf diese Partie angesprochen. Und in aller Regelmäßigkeit verweist der einstige Goalgetter dann auf einen geradezu zusammengebastelten Rasen, der uneben und rutschig und eines WM-Endspiels nicht würdig war.
Die Kulisse, das ikonische Aztekenstadion, war freilich feierlich und angemessen, die Qualität des Platzes hatte seit dem Viertelfinale – die Argentinier spielten auch ihr Halbfinale gegen Belgien dort – jedoch noch mehr gelitten. Der Ball hoppelte und versprang an jenem 29. Juni 1986 selbst Maradona. Derartige Umstände haben in manchen Augen vielleicht auch ihren Reiz, ein spielerisch besseres Endspiel hätte man aber sicherlich auf einem “Teppich” gesehen.
WIE GUT WAR DIEGO MARADONA BEI DER WM 1986?
2. Manndecker Matthäus
Bereits die Vorberichterstattung machte deutlich: Im WM-Finale 1986 drehte sich alles um Diego Armando Maradona. Der damals 25-Jährige hatte schon eine starke Gruppenphase gespielt, ehe er im Achtelfinale gegen Uruguay über sich hinauszuwachsen begann. Es folgten das ikonische Viertelfinale gegen England mit “Hand Gottes” und “Tor des Jahrhunderts” – und ein weiterer Doppelpack im Halbfinale gegen Belgien, in dem Maradona sogar noch besser spielte.
Würde er sich im Endspiel gar noch mal steigern? Und wie konnte Deutschland diesen Mann stoppen? Die Manndecker-Nation hatte einen Ansatz, auf den Engländer und Belgier zuvor verzichtet hatten: Beckenbauer, der sich im WM-Finale 1966 um Bobby Charlton gekümmert hatte, setzte Lothar Matthäus als Kettenhund auf Diego an. Eine sehr gute Wahl.
Die oft erfolgreiche Bewachung Maradonas wurde so ziemlich zur einzigen Aufgabe des Mittelfeldspielers, der zum Spiel mit Ball – in der wichtigen Zentrale – somit spürbar weniger beitragen konnte. Aber nicht nur Matthäus spielte direkt gegen den argentinischen Schlüsselspieler: Wenn sich Maradona davonstehlen konnte, übernahm auch mal Libero Ditmar Jakobs – das sogar häufiger, als sich Matthäus in der zweiten Hälfte wegen des Rückstands mehr offensiv beteiligen sollte.
3. Magath lässt nach
Gerade im Vergleich mit deren Halbfinale gelang es Deutschland im Endspiel, die Wirkungskreise der argentinischen Nummer 10 einzuschränken – umgekehrt war das aber noch viel extremer. Felix Magath, der in der Vorschlussrunde gegen Frankreich überragt hatte, war speziell bei Ricardo Giusti ausgezeichnet aufgehoben und im Finale eigentlich gar kein Faktor. Nach schwachen 61 Minuten wechselte Beckenbauer Magath schließlich aus, auf dem im Mittelfeld durch die defensive Abstellung Matthäus’ eine noch größere Verantwortung gelegen hatte – um Stoßstürmer Dieter Hoeneß zu bringen.
Daraufhin ging der angeschlagene Karl-Heinz Rummenigge übrigens auf die Magath-Position hinter den Spitzen – und war in dieser freieren Rolle wesentlich auffälliger als zuvor.
4. Der Faktor Schuster
Er stand – eine lange Geschichte – nicht zur Verfügung: Bernd Schuster, der zu diesem Zeitpunkt vielleicht beste deutsche Fußballer. Viele deutsche Fans argumentieren seither, dass der Titel 1986 mit Schuster an die Bundesrepublik gegangen wäre, und auch wenn das rein hypothetisch ist und nicht stimmen muss, gibt es mindestens ein sehr valides Argument.
Wie einige deutsche Nationalmannschaften vor ihr war die Auswahl von 1986 ziemlich rastlos. Soll heißen: nicht wirklich in der Lage, das Tempo bei ihren Offensivbemühungen vernünftig zu variieren; nicht fähig, ein Spiel in Ballbesitz zu kontrollieren. Ihr Spiel mit Ball wirkte fast ein wenig wie ein Flipperautomat.
Körperlich stark, sehr vertikal, aber mit diesem klaren Defizit, gerade im Vergleich mit anderen Topnationen – ganz wie die in diesem Punkt noch extremere Europameister-Mannschaft von 1980, deren Dynamik und Vertikalität Schuster als organisierendes Element einfing und bündelte: Es ist definitiv denkbar, dass Schuster auch die Elf von 1986 auf diese Weise spürbar verbessert hätte – auch wenn das nicht heißen muss, dass Deutschland vor inzwischen 40 Jahren zwangsläufig Weltmeister geworden wäre.
5. Eine einsame Idee namens Hoeneß
Weg von dem, was hätte sein können – hin zu dem, was wirklich war: Durch ihre Fähigkeit, Tempo und Aktivitätslevel flexibel variieren zu können, bestimmten die Argentinier das Spiel im Großen und Ganzen, jedoch hatte auch Deutschland seine Phasen. Besonders kurz vor dem 0:2 aus deutscher Sicht gelang es der Beckenbauer-Elf, die Albiceleste durch relativ hohe Ballgewinne in der Nähe des argentinischen Strafraums einzukesseln. Dann aber war Schluss.
Wenn Deutschland, das den Ball nicht richtig laufen lassen konnte, ihn mal für längere Zeit hatte, dann kaum in gefährlichen Räumen, in die man auch durch ausbleibende individuelle Geistesblitze nicht kam. Erst durch die Hereinnahme von Sturmhüne Dieter Hoeneß nach einer guten Stunde hatten die Deutschen offensiv eine richtige Marschroute – und etwas Hoffnung im Angriffsspiel.
Mit den hohen Hereingaben auf Hoeneß, für die Brehme von rechts extra auf die linke Seite wechselte, um mit dem etwas stärkeren linken Fuß flanken zu können, hatte Argentinien immer wieder Probleme. Durch diesen Ansatz ermöglichte sich Deutschland auch die Ecken, nach denen die beiden deutschen Tore fielen.
6. Der Gipfel eines Balanceproblems
Vieles sprach für Argentinien, als es zu Beginn der zweiten Hälfte auf 2:0 erhöhte – durch einen Konter. Auch in anderen Momenten wurde eine gewisse deutsche Balanceschwäche deutlich, wenn die DFB-Elf mit zu vielen Spielern aufrückte und dann hinten offen stand. Das Gefühl für ein gesundes Mittelmaß fehlte.
Als die Deutschen nach den beiden späten Ecken unverhofft ausglichen, verloren sie sich kurz darauf, in der Entstehung des 2:3, zwar völlig in übereifrigem Optimismus – offener kann man kaum stehen. Und doch war diese Szene lediglich der größte Auswuchs eines grundsätzlichen Problems.
7. Schumacher fällt tiefer als Maradona
Der nach Maradona lange Zeit vielleicht zweitbeste Spieler des Turniers war Deutschlands Schlussmann Toni Schumacher, der sich ähnlich wie Oliver Kahn 2002 ausgerechnet im Finale einen groben Patzer erlaubte. Maradona gelang es zwar nicht, sein absurdes Level aus den Spielen gegen Uruguay, England und Belgien ein weiteres Mal zu wiederholen, Schumacher jedoch “fiel” noch deutlich tiefer.
Beim 0:1 – nach einer Freistoßflanke – irrte der Kölner wild durch seinen Strafraum, der Ball flog schließlich in ein vollkommen verwaistes DFB-Tor. Ein krasser Fehler. Durch eine Glanztat konnte sich Schumacher im Endspiel nicht auszeichnen, der – augenscheinlich verunsichert – auch beim zweiten und beim dritten Gegentor nicht in den idealen Momenten oder zumindest nicht entschlossen genug aus seinem Tor kam. Als wirkliche Fehler anlasten kann man ihm die Treffer Jorge Valdanos und Jorge Burruchagas jedoch nicht, das Verkürzen der Winkel auf diese Weise war typisch für das damalige Torwartspiel.
Maradona indes, selbst wenn er sich auf schlechtem Untergrund mehrere unsaubere Aktionen erlaubte und zunächst manchmal weniger Kontakte hätte nehmen sollen, brachte tatsächlich alle drei argentinischen Tore auf den Weg. Ein gewitzter Hackenpass sorgte für den Freistoß vor dem 1:0, sein schnelles Weiterleiten brachte den Konter vor dem 2:0 so richtig in Fahrt – und Diegos Steilpass lieferte Burruchaga den Abschluss zum 3:2 auf dem Silbertablett.
8. Eigentlich Elfmeter

Das hier abgebildete Motiv ist einer der berühmtesten Schnappschüsse sowohl in der WM-Geschichte als auch in Maradonas Karriere, der in Deutschland allerdings überwiegend mit der Theatralik in Verbindung gebracht wird, die dem “D10S” gelegentlich vorzuwerfen war – obwohl er auch große Nehmerqualitäten hatte. Und tatsächlich wurde Maradona in dieser Situation – es lief die 88. Minute, es stand bereits 3:2 – von Schumacher elfmeterreif gefoult. Schiedsrichter Romualdo Arppi Filho aus Brasilien gab jedoch nachträglich Freistoß für das vorangegangene Foul an Maradona knapp außerhalb des Strafraums, nach dem der Weltmeister in spe weitergelaufen war.
9. Eine hypothetische Verlängerung
Eine Frage, die sich in Deutschland viele stellen – unter der Prämisse, die DFB-Elf hätte nach dem 2:2 nicht gleich das 2:3 kassiert: Wie hätte eine hypothetische Verlängerung ausgesehen?
Vielfach habe ich das Argument gelesen, dass Argentinien am Ende der nicht fußballerisch, hinten raus aber dramaturgisch tollen 90 Minuten platt war, was ich einerseits nicht unbedingt so gesehen habe. Andererseits hatten die Argentinier noch beide Wechseloptionen übrig, während Deutschland bereits in der 46. und in der 62. Minute getauscht hatte.
Durch Rudi Völler für Klaus Allofs und besonders Hoeneß für Magath hatte Beckenbauer zudem sein ohnehin überschaubares Mittelfeld weitgehend aufgelöst. Neben dem auf Maradona angesetzten Matthäus war nur noch Norbert Eder übrig, der sowieso ein wenig positionsfremd spielte.
Hätte Deutschland auch ohne wirkliches Mittelfeld defensiv Widerstand leisten und sich weitere Ecken “erflanken” können, die die Albiceleste schlecht verteidigte? Klar. Aber für ein ausbalancierteres Argentinien mit zwei Paar frischen Beinen spricht in diesem hypothetischen Szenario sicherlich nicht weniger.
10. Der verletzte Mann des Spiels

Das Finale war 1986 wohl Argentiniens einziges WM-Spiel, in dem sich Maradona nicht zum besten Spieler seiner Mannschaft aufschwingen konnte. Die Nummer 10 spielte ein ordentliches bis gutes Finale, doch als Mann des Endspiels tat sich Libero José Luis Brown hervor. Erst stieß er Kapitän Maradona sogar zur Seite, um Mitte der ersten Hälfte per Kopfball nach einem Freistoß die Führung zu erzielen. In der zweiten Hälfte waren es seine zahlreichen wichtigen Defensivzweikämpfe, die noch mal deutlich heroischer daherkamen, weil sich Brown früh im zweiten Durchgang schmerzhaft an der Schulter verletzt hatte.
Brown, 2019 verstorben, biss auf die Zähne und spielte durch. Mit seinem letzten konzentrierten Tackling in der 90. Minute gegen Rummenigge war es für Argentinien vollbracht. Völlig verdient vollbracht – wie vier Jahre später umgekehrt.
