Arthur Friedenreich: DER ERSTE KÖNIG DES FUßBALLS

Als es im Fußball wirklich noch nicht ums Geld ging und in Brasilien noch nicht mal um Fußball, wurde Arthur Friedenreich zum wohl ersten globalen Star. Doch wie viele Tore schoss er genau?

Ein Leben, das den Fußball veränderte, hätte er beinahe schon früh gekostet. Zumindest besagt eine Legende, dass Arthur, Jahrgang 1892, im Kindesalter gedankenversunken auf einer Straße einen “Ball” jonglierte, sodass er ein heranfahrendes Auto zu spät bemerkte. Doch anstatt einem möglicherweise tödlichen Unfall zum Opfer zu fallen, wich Friedenreich mit einer flinken Drehung gerade noch aus, während er zu keiner Zeit die Kontrolle über den Stoffknäuel verlor.

Der Erste soll er gewesen sein, der mit unterhaltenden aber auch wirksamen Finten und Tricks eine Überlegenheit in einem Spiel entwickelte, das eigentlich gar nicht für ihn bestimmt war. Nicht für die brasilianische Mittel- und Unterschicht, schon gleich gar nicht für Schwarze.

Friedenreichs Vater, ein deutscher Kaufmann, war aus Hamburg nach Brasilien übergesiedelt, die Mutter hingegen war eine Schwarze Wäscherin – was das Ansehen des Vaters fast schon wieder wertlos machte. Denn zunächst durften Schwarze damals gar keinen organisierten Fußball spielen. Und als sie es schließlich durften, wurden Fouls an Schwarzen Spielern nicht geahndet. Ganz offiziell.

Eine zufällige Entdeckung – und DAS Tor des brasilianischen Fußballs

Der zierliche Friedenreich war also auf seine Tricks angewiesen, um den umso härteren Grätschen seiner dazu bevollmächtigten Gegenspieler irgendwie auszuweichen. Er kreierte stetig neue Finten, um immer schwieriger auszurechnen, um nicht mehr zu stoppen zu sein. Eines Tages – Arthur gilt bis heute als sein Erfinder – “entdeckte” er den Effet-Schuss. Als er Glasflaschen auf eine Torlatte gestellt und sie als Zielübung herunter geschossen hatte. Trat er den Ball etwas mehr mit der Innenseite und die Fußhaltung stimmte, veränderte sich die Flugbahn während des Schusses kurvenförmig. Heute im Repertoire eines jeden Fußballers.

Die Torhüter dieser Zeit waren mit der neuen Technik jedoch erst einmal überfordert. Fintenreich im Dribbling, fintenreich im Abschluss: Der mit 1,75 Metern damals relativ große Brasilianer mit deutschen Wurzeln war seiner Zeit voraus und avancierte zum herausragenden Spieler seines Landes – während er sich nach wie vor die krausen Haare glätten und das Gesicht mit Mehl einreiben musste, um weißer zu wirken.

Filigran in Gestalt und Dribbling: Arthur Friedenreich. – Bild: tardesdepacaembu.wordpress.com
Bei der Südamerikameisterschaft 1919 verhalf Friedenreich sich und dem brasilianischen Fußball zum großen Durchbruch. Im Finale zwischen der Selecao und dem favorisierten Uruguay erzielte er in der Verlängerung das einzige Tor des Spiels und entfachte eine nie dagewesene Euphorie. Hatten bis dato andere Sportarten – insbesondere Pferderennen – das Interesse der brasilianischen Bevölkerung dominiert, zierte nun der große Erfolg der von Torschützenkönig Friedenreich angeführten Fußballer die Titelseiten der Zeitungen. Ein absolutes Novum.

Zwei Jahre später verlor Brasilien das Endspiel der heutigen Copa America – weil einer fehlte. Präsident Epitacio Pessoa hatte in der Zwischenzeit Schwarze Spieler in der Selecao verboten und nicht einmal vor dem großen Fußball-Helden Halt gemacht. Die in erster Linie (miss-)erfolgsbedingte Aufhebung des Verbots war auch in Folge eines kollektiven Aufschreis nach Friedenreich bitter nötig gewesen – die nächste Ausgabe gewann Brasilien dann wieder.

Auf Vereinsebene gab sich der filigrane Rechtsfuß als Wandervogel, der seine beste Zeit beim als unschlagbar geltenden CA Paulistano verbrachte und sieben Staatsmeisterschaften in Sao Paulo gewann, wo er ganze neunmal Torschützenkönig wurde. In seiner Heimat war “Fried” bereits der große Star, aber erst eine Tournee durch Frankreich – die erste wirkliche Fernreise einer brasilianischen Mannschaft – machte ihn zum international bekannten Überspieler.

Von Paris in die Welt

Paulistano, wo der Angreifer immerhin zwölf seiner besten Jahre verbrachte, vertrat die noch in weißen Hemden auflaufenden Brasilianer 1925 transatlantisch. Vor der größten Kulisse der Tour in der Hauptstadt Paris schlug die “Vereins-Selecao” die französische Auswahl überlegen – und einer deklassierte alle: Arthur Friedenreich. Als “König der Könige des Weltfußballs” wurde er in den europäischen Gazetten bejubelt, einen solchen Spieler hatte der Mutterkontinent der schönsten Nebensache der Welt noch nie gesehen.

Friedenreich war womöglich der erste “einvernehmlich” beste Spieler der Welt. Ein Torungeheuer. Aber eines, das den Fußball zum “schönen Spiel” machte. In Brasilien wurde der etwas andere Mittelstürmer als “der spielende Mensch” gefeiert, über den Dichter Eduardo Gallano schrieb: “In den Ernst der weißen Stadien brachte Friedenreich die frech-vergnügte Unbotmäßigkeit der kaffeebraunen Jungen.” Zeitgemäß formuliert.

Obwohl Friedenreich seine Extraklasse bis ins hohe Alter aufrechterhielt, konnte er leider nie bei einer WM bestaunt werden. Vor der ersten, 1930, hatte es einen Streit zwischen dem brasilianischen Verband und den Spielern aus Sao Paulo gegeben – nur Akteure aus Rio fuhren nach Uruguay. 1934 war der 42-Jährige dann wirklich zu alt.

Wie viele Tore waren es genau?

Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurden das Wirken und die Geschichte Friedenreichs neu entdeckt und groß aufgewirbelt. Besonders wegen einer Zahl: 1329. So viele Tore, und damit mehr als Pelé, soll Arthur insgesamt erzielt haben, in 1229 Spielen. Trotz seiner langen Karriere ist es allerdings unwahrscheinlich, dass er in der damaligen Zeit auf so viele Spiele kommen konnte.

Beide Zahlen sollen falsch, von einem Journalisten in Umlauf gebracht worden sein. Sie entstammen einem kleinen Buch, in dem Oscar Friedenreich jedes Tor seines Sohnes notiert hatte, und beinhalten höchstwahrscheinlich auch viele inoffizielle Werte. Außerdem dichtete Arthur gerne Dinge dazu, etwa, dass er niemals einen Elfmeter verschossen hätte – dabei waren es sogar zwölf. Fundiertere Recherchen ergeben 554-558 Tore in 561-567 Spielen. Eine kaum minder beachtliche Quote.

Sie riefen ihn die Gefahr, den Zauberer, den Zerstörer, am häufigsten aber “El Tigre” – den Tiger. “Mein Vater hat viel von ihm geschwärmt, Friedenreich ist ein großer Spieler in Brasilien”, erinnert sich kein Geringerer als Pelé. “Er hat den brasilianischen Fußball zu etwas Großem gemacht, hat zu seiner Glanzzeit dem ganzen Volk das Gefühl vermittelt, dass auch einfache Menschen Ruhm erlangen können”, berichtete die inzwischen verstorbene Reporterlegende Nicolau Tuma.

Irgendwann in den 1960er Jahren: Arthur Friedenreich (l.) trifft seinen legitimen Nachfolger Pelé. – Bild: terceiramargem.org

Als Arthur irgendwann nicht mehr spielen konnte, wurde er Trainer. Und warb für eine Brauerei, auch wenn das nicht viel abwarf. Ehe ihn mit Parkinson und Alzheimer die beiden härtesten Gegenspieler angriffen, seine Beine und sein Verstand aber nicht mehr agil genug waren, um ihnen mit einer Finte auszuweichen.

Das große Geld hatte Friedenreich mit dem Fußball nie verdient, das gab es erst später. Und als sein legitimer Nachfolger Pelé, der König des immer kommerzieller und globaler werdenden Fußballs, im Herbst 1969 frenetisch umjubelt sein 1000. Karriere-Tor erzielte, war er wenige Wochen zuvor verarmt und vergessen im Alter von 77 Jahren verstorben. Heute erinnert wenig an ihn.

Ein würdiger Namensgeber

Zumindest gibt es die Auszeichnung “Premio Arthur Friedenreich”, die jährlich an den besten Torschützen der vier höchsten brasilianischen Spielklassen verliehen wird. Eine treffende Würdigung.

Zwar gilt England als Mutterland des Fußballs, das Mutterland des schönen Fußballs ist aber Brasilien. Es ist das Erbe Arthur Friedenreichs, der ihn unterm Zuckerhut überhaupt erst relevant machte, mit seiner Hilfe Rassen-Barrieren durchbrach und durch seine Spielweise eine Euphorie entfachte, die seine Lebtage lange überdauern sollte.

Es spielt also keine Rolle, wie viele Tore Arthur nun genau geschossen hat – ohne sie wäre der Fußball, wie wir ihn heute kennen, ein anderer.

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