Bayern gegen Leeds 1975: KÖNIGSFEHLER IM PRINZENPARK

Nach dem Landesmeister-Finale 1975 gegen den FC Bayern fühlte sich Leeds United um den größten Titel im europäischen Vereinsfußball hochgradig betrogen. Doch auch die Münchner durften sich beschweren.

Fußballer wie Terry Yorath rückblickend einzuordnen, ist tatsächlich etwas komplex. Ja, der konnte auch gut spielen. Ja, es war eine andere Zeit. Doch wie er Bayerns schwedischen Verteidiger Björn Andersson in der Anfangsphase des Landesmeister-Endspiels von 1975 fernab des Balles vollkommen böswillig verletzte …

Es gibt wahrscheinlich kein anderes Foul – Uli Hoeneß bezeichnete es einmal als “brutalstes, das ich je gesehen habe” -, dessen unnötige und eindeutig absichtliche Brutalität mich so wütend macht. Man hört Anderssons Knie, in dem Innenband, Kreuzbänder und Menisken kaputt gehen, förmlich explodieren. Und Sünder Yorath sieht noch nicht mal gelb, weil das Spiel eine Sekunde vorher wegen eines anderen Leeds-Fouls unterbrochen wird. Diese Handhabe ist theoretisch wirklich der Zeit geschuldet, was das Tolerieren von Yoraths Attacke aber praktisch nicht besser macht. Wenn wir ehrlich sind, hätte United dieses Finale zu zehnt spielen müssen.

“Dirty Leeds”, so schimpfen sie damals auf der Insel, wo der LUFC weder ein großer noch ein richtig traditionsreicher Klub ist. Das dreckige Leeds. Bis 1961 Ex-Spieler Don Revie, zuvor kurzzeitig mal so etwas wie der englische Nandor Hidegkuti, als Trainer übernimmt, wobei er eigentlich viel mehr tut als das. Die Trikots werden weiß – wie die Real Madrids -, die Gegner ausführlich analysiert, der Klub relativ schnell erstklassig. Nur so richtig erfolgreich nicht. Mitte der 1960er Jahre ist Leeds die Mannschaft, die meistens nur Zweiter wird, ob in der Liga oder in nationalen und internationalen Pokalfinals. Und die meisten Nicht-Leeds-Fans freuen sich. Weil Leeds eben so körperlich spielt – vorsichtig ausgedrückt.

Revies familiäre Truppe, zu der viele Schotten zählen, will sich durch bewusste Härte einen gewissen Ruf und eine damit einhergehende Dominanz verschaffen. Als übelster Treter gilt Verteidiger Norman Hunter, Spitzname: “Bites Yer Legs”. Er beißt dir in die Beine. Viel mehr muss man nicht wissen. Als in Leeds aber der Erfolg in Form von Ligapokal und Messestädte-Pokal 1968 sowie der ersten Meisterschaft ein Jahr später mehr und mehr Einzug erhält, beginnt United allmählich ziviler aufzutreten. Nun wollen die “Whites” auch etwas ansehnlicher gewinnen. Und sie haben mit Stratege Billy Bremner, Spielmacher Johnny Giles, Flügelmagier Eddie Gray, dem schussgewaltigen Peter Lorimer oder dem Sturmduo Allan Clarke und Mick Jones ja auch reichlich Personal dafür.

Im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger wird es 1973 aber wieder richtig dreckig, weil Leeds gegen die AC Mailand durch den später aus dem Verkehr gezogenen Schiedsrichter Christos Michas aus Griechenland quasi nachweislich verpfiffen wird. Was auch deshalb ärgerlich ist, weil Revie nach der Meisterschaft 1974 keine Chance mehr kriegen wird, Englands dominanteste Mannschaft dieser Jahre zu einem großen Europapokal zu führen. Er hatte nämlich den Posten als englischer Nationaltrainer angenommen.

Nachdem der streitbare Brian Clough als Nachfolger binnen 44 Tagen eindrucksvoll gescheitert war, führte also Jimmy Armfield Revies alterndes Team als Trainer in das Landesmeister-Finale von 1975. Die letzte große Chance.

Leeds’ Finalgegner im Pariser Prinzenpark ist der Titelverteidiger. Die Bayern aus München haben wider Erwarten den Weg zurück ins Endspiel gefunden, obwohl sie in der Bundesliga nach drei Meisterschaften in Serie auf Rang zehn abgestürzt waren. Für die großen europäischen Nächte konnten sich Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Co. offenbar noch motivieren, was allerdings auch bitter nötig ist. Nur durch einen erneuten Triumph wäre der FCB auch im Folgejahr wieder international dabei, nur dann ist die teure Mannschaft mit ihren fürstlichen Gehältern zusammenzuhalten. Doch die Taktik von Dettmar Cramer, der den großen Udo Lattek beerbt, spricht Bände. Bayern begegnet Leeds wahnsinnig vorsichtig und defensiv – daran ändert auch Yoraths Gräueltat nichts.

Die Engländer, augenscheinlich weiterhin mit dem Hang zum Dreckigen, sind der Favorit. Und das strahlen sie auch aus, obwohl sie wegen des frühen Endes der englischen Meisterschaft einen Monat lang kein Pflichtspiel mehr bestritten haben. Auch wenn sie aus ihrer Dominanz in einem mitunter sehr trägen Spiel – durch Bayerns Zögerlichkeit – nur wenige klare Chancen herausspielen. Zumindest dünnen sie die gegnerischen Reihen weiter aus: Frank Gray bringt den 23 Jahre jungen Uli Hoeneß zu Fall, der wenig später in einer Drehbewegung noch mal so unglücklich im Rasen hängen bleibt, dass auch sein überlastetes Knie endgültig hinüber ist.

Der Platz im Prinzenpark befindet sich ohnehin in einem bedenklichen Zustand, etliche Löcher sind nach einem Rugby-Spiel wenige Tage zuvor mit Sand aufgefüllt worden. Bitter für Hoeneß. Sein Ausscheiden kurz vor der Pause bedeutet den Anfang vom frühen Ende einer vielversprechenden Spielerkarriere – was die Münchner durch Hoeneß’ Folgetaten aber sicherlich verschmerzen konnten.

Bayern hält mit, so gut es geht, während Leeds vergeblich drückt. Auch gegen den Ball. Die Roten werden laut “kicker” “unerbittlich schon bei der Ballannahme attackiert”, die Ausstrahlung eines Europapokalsiegers kommt ihnen dabei abhanden. Das Glück, das man für diesen Status stets auch benötigt, ist ihnen aber hold: In der 38. Minute, kurz vor Hoeneß’ Ausscheiden, nietet Beckenbauer Clarke im Strafraum zweifelsfrei um. Es ist ein Rätsel, warum der vielgescholtene französische Schiedsrichter Michel Kitabdjian hier nicht auf Elfmeter entscheidet. Der “Kaiser” hätte in der ersten Hälfte auch schon einen Handelfmeter verursachen können.

Leeds’ teilweise fragwürdige Gangart, die sich aber auf wenige Szenen beschränkt, rächt sich also an der Pfeife, während sich auf der Anzeigetafel weiterhin nichts tun will. Dann kommt die 66. Minute. Bayern-Schlussmann Sepp Maier hat soeben aus wenigen Metern bärenstark gegen Bremner pariert, als der Ball in den Münchner Strafraum zurückkehrt. Die Bayern kriegen die Kugel nicht richtig weg – und Maier sie von Lorimer gewohnt scharf um die Ohren geschossen. 1:0 für Leeds, das suggeriert zunächst auch Kitabdjian – ehe Zauderer Beckenbauer das Lamentieren beginnt und es den Treffer für die Engländer auf einmal doch nicht gibt. Weil Bremner knapp im Abseits gestanden hatte. Aktiv oder komplett passiv, das ist vor 50 Jahren manchmal noch herzlich egal. In der Auslegung zumindest.

Lorimer, links neben Maier, trifft. Bremner, links neben Beckenbauer, hatte im Abseits gestanden. Aber nicht unbedingt in Maiers Sichtfeld. – Bild: www.yorkshireeveningpost.co.uk/sport

Es ist eine entsetzlich harte Entscheidung, irgendwo zwischen zeitgemäßem Ermessensspielraum und unangemessener Unvernunft. Selbst Bayerns Mittelfeldspieler Rainer Zobel meint: “Das war eigentlich ein Tor.” Aussagen von Leuten, die es mit Leeds halten, sind größtenteils gar nicht druckreif. Verdient wäre die Führung allemal gewesen. Überfällig.

Stattdessen trifft wenig später geradezu aus dem Nichts Europapokal-Spezialist “Bulle” Roth – wie auch Tor-Spezialist Müller. Bayern gewinnt schmeichelhaft und glücklich und körperlich versehrt mit 2:0, Leeds versteht die Welt nicht mehr. 1975 reißen United-Fans einige Sitzschalen aus dem Prinzenpark, übel betrogen fühlen sie sich auch 2025 noch. In einer vermeintlich gerechten Fußball-Welt, in der es den Elfmeter für Clarke und das Tor für Lorimer gegeben hätte, wäre Leeds allerdings auch höchstens mit zehn Mann durch dieses Spiel gegangen. Die Dinge fühlen sich irgendwie von beiden Seiten nicht ganz richtig an.

Die Bayern, die in der Bundesliga daraufhin noch jahrelang straucheln, verteidigen den Henkelpott ein Jahr später gegen die AS Saint-Etienne erneut – in einem Finale, von dem Karl-Heinz Rummenigge sagt, dass er selbst nicht wisse, “wie wir das gewinnen konnten”. Es ist rückblickend bemerkenswert, auf welch wackligen Beinen der Münchner Henkelpott-Hattrick eigentlich stand, war “Katsche” Schwarzenbeck das Tor zum Wiederholungsspiel 1974 gegen Atletico doch erst in der 120. Minute gelungen. Aber das gehört zu solch einem Lauf eben dazu.

Leeds’ Erfolgssträhne indes endet mit dem bitteren Endspiel von Paris. Für United fällt eine zweijährige Europapokal-Sperre wegen der Ausschreitungen seiner Fans nicht einmal ins Gewicht, weil es ihn vorerst gar nicht mehr erreicht. In ein europäisches Finale kehrten die Whites bis heute nicht mehr zurück. Auch wenn sie inzwischen für anderen Fußball stehen.

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