Bernd Schuster: IMMER ÄRGER MIT BERNARDO

Mitten im besten Fußballalter saß Bernd Schuster mal eine ganze Saison nur auf der Tribüne, jahrelang verweigerte sich Deutschlands bester Spieler der Nationalmannschaft. Unlogisch? Überhaupt nicht.

Schon mit zarten 18 Jahren musste Bernd Schuster vor Gericht, mit Gaby hatte das aber noch gar nichts zu tun. So sehr der blonde Jüngling mit dem stoischen Blick auch als Unschuldslamm durchgegangen wäre: Ein solches war er selbst damals nicht.

Das Augsburger Ausnahmetalent hatte in der Fuggerstadt für die erste Mannschaft, die überhaupt nur zweitklassig spielte, noch nicht mal ein einziges Spiel bestritten – doch in der Junioren-Nationalmannschaft bereits für derartige Furore gesorgt, dass sowohl der amtierende Meister und Pokalsieger, der 1. FC Köln, als auch der Meister der vorangegangenen drei Jahre, Borussia Mönchengladbach, intensiv um Schuster buhlten. Dieser unterschrieb kurzerhand bei beiden. Wohl wissend, dass er auch in Augsburg noch Vertrag hatte. Bernhard, wie er eigentlich heißt, hatte schon immer einen sehr eigenen Kopf. Der zudem ziemlich launisch war.

So musste es schließlich juristisch werden. Ein Gericht entschied zugunsten der Kölner, die offenbar am schnellsten gewesen waren. Denen sich das Objekt der Begierde auch am liebsten anschließen wollte. Zumindest in diesem Moment. Schuster entschied ja meistens aus der Laune des Moments heraus. 1978, mit gerade 18 Jahren, ging er also nach Köln. Und dann kam Gaby.

Bernd lernt die sechs Jahre ältere Blondine in einer Kölner Disko kennen, während er noch als Teenager beim Double-Sieger so groß auftrumpft, dass dessen Trainer Hennes Weisweiler ihn als besten Spieler bezeichnet, “den ich je im Training hatte”. Alternativen wären immerhin Günter Netzer oder Johan Cruyff gewesen. Aber auch in den Spielen ist der Mittelfeld-Allrounder so gut, dass schon bald der Adler auf seiner Brust landet.

Mit gerade 20 zieht Schuster bei der EM 1980 in Italien derart genial die Fäden, dass er mit der DFB-Auswahl nicht nur Europameister, sondern auch – zumindest inoffiziell – zum besten Spieler des Turniers gewählt wird. Und auf Rang zwei beim Ballon d’Or (hinter Karl-Heinz Rummenigge). Extrawürste gibt es schon damals. Ehefrau Gaby, die Bernds Managerin wird, darf als einzige Spielergattin im Teamhotel hausen. Darauf hatte der “blonde Engel”, der sich ihr und der Beziehung vollkommen hingibt, rigoros bestanden. So rigoros, wie er durch seine gelegentlichen Eigenheiten, die die abgezockte Gaby durch ihre Überzeugung noch befeuert, bei Mitspielern, Trainern und Funktionären mehr und mehr aneckt.

Vor allem in Köln, wo Weisweiler den FC kurz vor der EM gen New York verlassen hatte, verbrennen die Launen des Bernd S. Stück für Stück die Erde. Mit Weisweilers Nachfolger Karl-Heinz Heddergott, Phänotyp Lagerfeuer-Pädagoge, legt sich Schuster immer wieder an. Er stellt Forderungen, beziehungsweise tut Gaby das, womit die verkrustete Fußball-Obrigkeit dieser Zeit – weil sie eine Frau ist – ohnehin nicht ansatzweise umgehen kann. Gemeinsam drohen sie mit dem Abschied nach Vertragsende 1982. Bis ihnen dieser Wunsch durch all den Ärger schon früher erfüllt wird.

Klar definierter Wunschverein ist der FC Bayern, den Uli Hoeneß aber erst noch aus den Schulden hieven muss. Und die Kölner hatten Schuster nicht nur suspendiert, sondern auch mit einem Preisschild von knapp vier Millionen Mark versehen. Was Münchens Jungmanager zu zahlen nicht bereit ist, überweist schließlich ein anderer FCB in die Domstadt: Kurz vor seinem 21. Geburtstag wechselt Schuster nach Barcelona.

Heute würde man wohl “Power-Couple” sagen: Bernd und Gaby Schuster. – Bild: www.welt.de/sport

Doch während die Schusters im Verein den Sprung aufs nächste Level durchsetzen, wird Bernd in der Nationalmannschaft wieder eine Reihe zurückgestuft. Die Rückkehr Paul Breitners ins bundesdeutsche Mittelfeld lässt Schuster, der das Spiel gern aus der Tiefe macht, teilweise zum Wasserträger und Zuspieler des Münchner Platzhirsches werden, der vom zurückhaltenden Bundestrainer Jupp Derwall kaum Gegenwehr zu befürchten hat.

Schuster, der sich wenig gefallen lässt, kommt sich nicht nur mit Breitner und dessen “Vize” Rummenigge ins Gehege – also mit den Köpfen der Nationalmannschaft -, sondern im Mai 1981 auch mit deren Trainer. Nach einem Länderspiel gegen Brasilien in Stuttgart, für dessen Abstellung es schon mit Barca Probleme gegeben hatte, reist Bernd gleich wieder zurück nach Spanien, ohne an der traditionellen “blauen Stunde” teilgenommen zu haben. Dass er dem für Derwall wichtigen feucht-fröhlichen Beisammensein nach dem Spiel so semi-angekündigt ferngeblieben war, sorgte beim DFB für einen Affront. Und der Affront war wiederum der letzte Tropfen in ein Fass, das sich von beiden Seiten bis zum Rand gefüllt hatte.

Derwall strich Schuster aus dem Aufgebot, dieser kündigte wenig später an, ohnehin nicht mehr für Deutschland zu spielen, solange auch Breitner und Rummenigge das tun. Auch nicht bei der WM 1982 in Spanien, die der Legionär aber ohnehin verletzungsbedingt verpasst hätte. Deutschland wurde Vizeweltmeister, danach war zumindest Breitner weg.

Weg wollte auch Schuster schon wieder aus Barcelona, ersten Streit hatte es eigentlich gleich im ersten Jahr gegeben. Vor allem wegen der Nationalmannschaft. Aber dieses Thema sollte sich bald endgültig erledigt haben. Der Graben zwischen Schuster und dem DFB wurde immer größer. Der veraltete Verband verstand nicht, dass der Spielmacher ein Länderspiel wegen der Geburt seines Sohnes sausen ließ, das Tischtuch zwischen Derwall und Schuster, der stets auf seinen eigenen Kopf hörte, war bald darauf zerschnitten. Es gab Rücktrittserklärungen, Rücktritte von diesen und den nächsten endgültigen Abschied. Auch die nächste EM fand jedenfalls ohne Schuster statt. Sein für immer letztes von gerade einmal 21 Länderspielen hatte er im Februar 1984 bestritten.

Wer daran nun wirklich Schuld war? Eine Frage, auf die es wohl unterschiedliche Antworten gibt. “Als Spieler war ich der Wahnsinn”, würde der sonst oft wortkarge Schuster lange nach seiner aktiven Zeit einmal einräumen, “wenn es mir zu eintönig wurde, habe ich gezündelt, Theater gemacht. Ich dachte, wenn es richtig kracht, spiele ich am besten.” Erhellende Einblicke, wenn man so will. Die hatte der Mann, über den aus dieser Zeit viele sagen, dass er Deutschland zu den WM-Titeln 1982 und/oder 1986 geführt hätte, aber auch damals schon gegeben.

Im “Spiegel” hatte Schuster bereits 1981 abgeledert, dass von außen zu viel an ihm herumgenörgelt werde, wenn die “Bundesrepublik Breitner” spielte. 1985 gab er dort ein großes Interview, in dem er final ausschloss, zur WM 1986 in die Nationalmannschaft zurückzukehren. Obwohl die inzwischen nicht mehr von Derwall, sondern von Schusters einstigem Idol Franz Beckenbauer betreut wurde. Der “Kaiser” lässt wenig unversucht, bietet die Rückkehr sogar an. Doch der wohl beste Spieler, den Beckenbauer hätte nominieren können, scheut sich weiterhin. “Die Erwartungshaltung wäre zu groß”, erklärt Schuster, er betont auch immer wieder, dass sich “die deutschen Medien wieder negativ über mein Privatleben und meine Familie auslassen würden”.

Durch ihre wiederholten Attacken auf Gaby hatte Bernd ohnehin mit einigen Journalisten gebrochen. Zur Wahrheit in puncto Nationalmannschaft gehört allerdings auch, dass das Paar für die Rückkehr um Geld verhandelte, von welcher Seite das auch immer ausgegangen war. Um angeblich bis zu eine Million Mark. Am Ende fanden der DFB und Schuster nie mehr zusammen.

Der Frühsommer 1986 hielt für “Bernardo” schließlich andere Schlagzeilen bereit. Mit Barca verlor er das Landesmeister-Finale überraschend gegen Steaua Bukarest, was er am Ende gar nicht mehr miterlebte. Nachdem er von Trainer Terry Venables ausgewechselt worden war, hatte er das Stadion noch während des Spiels in einem Taxi verlassen. Der Taxifahrer hatte das Finale im Radio laufen, erkannte Schuster und fragte ihn, ob er gerade nicht eigentlich spielen müsse. Das tat Bernd spätestens nach dieser Aktion eine ganze Saison lang nicht mehr.

1986/87 fand einer der besten Fußballer Europas, mit Mitte 20, einfach nicht statt. Das war dann auch ziemlich beispiellos gewesen. Irgendwo hatte es seit seinem Wechsel mit jedem Trainer Ärger gegeben, neben Venables hatte in Barcelona aber vor allem Präsident Josep Lluis Nunez genug von Schuster. Eine Saison später durfte sich dieser zumindest wieder ins Schaufenster spielen, an deren Ende wechselte er zu: Real Madrid. Eine typische Schuster-Aktion. Um das große Ganze ging es ihm selten. Zumindest war er bei manchen Dingen schmerzlos.

Zwei Jahre später zog der “blonde Bengel”, wie ihn seine geliebte Presse auch mal taufte, dann weiter zu Atletico. Auch zum dritten großen Team in Spanien, was sich bis dahin noch keiner getraut hatte. Aber auch dort gewann Schuster Titel, auch dort ist er noch heute gern gesehen. Mit den Fans verkrachte er sich kaum einmal. Weil die ja in erster Linie seinen Fußball zu sehen bekamen, und an dem hatte wahrscheinlich nicht einmal Breitner gezweifelt.

1993 kehrte ein schon etwas betagter Schuster, der auf seine Dynamik aber nie wirklich angewiesen war, tatsächlich nach Deutschland zurück. Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund war ein Coup gelungen, der ihn später zu der Erkenntnis kommen ließ, dass Gaby Schuster die härteste Verhandlungspartnerin war, der er je gegenübersaß.

Auch was danach kam, war immer noch das, was man mit Schusters eben erwarten konnte. Erst das sportliche Hochjauchzen. Diagonalpässe über 40, 50 Meter, die dem halben Stadion die Münder offenstehen ließen. Die ersten drei Plätze bei der Wahl zum Tor des Jahres. Aber auch die unvermeidlichen Eigenbröteleien, Kleinkriege, Klagen. Das Zerwürfnis mit einem Trainer, der diesmal Erich Ribbeck hieß. Ärger, Gericht, Tribüne. Das irgendwo treffende Ende der großen Karriere des Bernd Schuster, über die wahrscheinlich trotzdem jeder sagt, dass sie noch größer hätte sein können.

Dass der stoische Sonderling aus Augsburg, sich seiner Gabe – und seiner Gaby – stets bewusst, trotz all des Ärgers kein fleischgewordener Mittelfinger war, beweist eine Anekdote aus dem Frühsommer 1996. Als die Werkself wenige Monate nach Schusters Aus um den Klassenerhalt bangte, bot der Altstar Calmund noch mal seine Dienste an. Wirklich aus Nächstenliebe. Die Fans wären sicherlich verzückt gewesen. Doch die Spieler um Kapitän Rudi Völler, und die hatten das gewichtigste Wort, verzichteten lieber.

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