Brasilien 1, Deutschland 7 (2014): ZEHN ERKENNTNISSE

Deutschland gegen Brasilien im WM-Halbfinale 2014 ist eines der berühmtesten Spiele nicht nur der deutschen, sondern der gesamten Fußballgeschichte – wobei es nach DIESEM Ausgang zunächst gar nicht ausgesehen hatte. Eine Aktion später dann aber schon.

Es ist ein Spiel, das eigentlich keiner weiteren Vorstellung bedarf. Ein Spiel, an das sich wohl jeder noch erinnern kann. Ich habe meine Erinnerungen noch einmal aufgefrischt – und, für mein erstes Buch, mit Torschütze Sami Khedira darüber gesprochen.

Brasilien: Julio Cesar – Maicon, David Luiz, Dante, Marcelo – Fernandinho (46. Paulinho), Luiz Gustavo – Bernard, Oscar, Hulk (46. Ramires) – Fred (69. Willian).

Deutschland: Neuer – Lahm, Boateng, Hummels (46. Mertesacker), Höwedes – Khedira (76. Draxler), Schweinsteiger, Kroos – Müller, Klose (58. Schürrle), Özil.

Tore: 0:1 Müller (11.), 0:2 Klose (23.), 0:3 Kroos (24.), 0:4 Kroos (26.), 0:5 Khedira (29.), 0:6 Schürrle (69.), 0:7 Schürrle (79.), 1:7 Oscar (90.).

1. Mit Müh und Not

Deutschland gegen Brasilien, die Neuauflage des WM-Endspiels von 2002, war natürlich ein Kracher. Sowieso in der Retrospektive auf dem Papier. Tatsächlich waren beide internationalen Schwergewichte zwar eindrucksvoll in das Turnier von 2014 gestartet, anschließend jedoch längst nicht immer überzeugend gewesen.

Deutschland tat sich in der Gruppenphase gegen Ghana und die USA schwer, wäre im Achtelfinale gegen Algerien ohne Manuel Neuer womöglich ausgeschieden und war im Viertelfinale gegen Frankreich jenseits der Anzeigetafel nicht unbedingt die bessere Mannschaft. Mit noch mehr Müh und Not würgte sich die Selecao mitunter in die Vorschlussrunde. Elfmeterschießen im Achtelfinale gegen Chile, zwei Standard-Tore im Viertelfinale gegen Kolumbien. “Jogo Bonito”? Nur in absoluten Ausnahmefällen.

Ein WM-Halbfinale erreicht man natürlich nicht, wenn man irgendwo keine gute Mannschaft ist. Aber auf dem Zenit, so musste man am Nachmittag des 8. Juli 2014 noch feststellen, befand sich Deutschland nicht – auch wenn sich das einige Stunden später ändern sollte. Und Brasilien, das zudem auf seine Schlüsselspieler Thiago Silva (gesperrt) und Neymar (verletzt) verzichten musste, schon gleich gar nicht.

2. Acht verwirrende Minuten

Längst schon ist Brasilien 1, Deutschland 7 als eines der einseitigsten WM-Spiele überhaupt in die Fußballgeschichte eingegangen und hätte, wenn die DFB-Auswahl ernst gemacht hätte, sogar noch deutlicher enden können. Umso seltsamer ist es, dass emotional aufgeladene Brasilianer in der Anfangsphase die bessere und klar drückende Mannschaft waren.

Alle Mann nach vorne, auch vorne bleiben und pressen, Deutschland wurde teilweise zu wilden Fehlpässen gezwungen. Und auch erste Abschlüsse. Alles irgendwie ein bisschen Kamikaze, aber doch irgendwo entschlossen. Was aus diesem Spiel werden würde, war bis in die achte Minute eigentlich überhaupt nicht abzusehen gewesen.

3. Selbst sind die Spieler

Die Brasilianer erst mal kommen lassen, an der Mittellinie dann anfangen zu pressen, anschließend Umschaltspiel – so, das erzählte mir Sami Khedira für mein Buch “Die elf größten Spiele des deutschen Fußballs”, gab Bundestrainer Joachim Löw in diesem Halbfinale gegen Brasilien die Taktik vor. Also nicht unbedingt volles Risiko.

Weil die Spieler auf dem Platz aber rasch merkten, dass gegen diese luftig absichernden Brasilianer mehr möglich war, nahmen zuerst Khedira und Thomas Müller die Dinge selbst in die Hand – und beschlossen eigenständig, schon nach wenigen Minuten deutlich höher und aggressiver anzulaufen. Der Effekt zeigte sich sofort, wäre in dieser Deutlichkeit aber womöglich ausgeblieben, hätten sich die Spieler stur an Löws Vorgaben gehalten.

4. Das erste Lüftchen reicht

Was beim Auffrischen dieser 90 Minuten überraschte: die angesprochenen ersten acht. Unmittelbar anschließend aber auch, wie schnell das brasilianische Kartenhaus in sich zusammenfiel. Es benötigte nur einen Ballgewinn und folgenden gefährlichen Gegenstoß durch Khedira, um den anscheinend vorgespielten brasilianischen Heldenmut wie vom Winde zu verwehen. Brutal und völlig skurril.

Die große Entschlossenheit war weg, jegliche Ordnung war weg, mit halbwegs organisierter Gegenwehr hatte es sich erledigt. Nach nur diesem einen Gegenstoß, allerspätestens dann nach dem 0:1 in der 11. Minute, war die Mannschaft von Luiz Felipe Scolari entwaffnet. Wie man entwaffneter nicht sein kann. Nach elf Minuten war dieses WM-Halbfinale quasi entschieden.

1:0 durch Thomas Müller – nach einer Ecke.

5. Deutschland, ein Standard-Monster

Was Khedira als größte Stärke der 2014er Weltmeister bezeichnete? “Standards. Offensiv wie defensiv, das haben wir viel trainiert.” Tatsächlich schoss das DFB-Team in Brasilien sechs Standard-Tore (von insgesamt 18), was ebenso Bestwert war wie die drei bei der EM 2012 und die fünf bei der WM 2010.

Müller eröffnete beim 4:0-Auftaktsieg gegen Portugal per Elfmeter, das 2:0 besorgte Mats Hummels nach einer Ecke. Auch Miroslav Kloses 2:2-Ausgleich gegen Ghana war ein Eckball vorausgegangen, Müllers erlösendem 1:0-Siegtreffer gegen die USA ein kurz ausgeführter. Erneut Hummels schlug im Viertelfinale gegen Frankreich (1:0), in dem sich Deutschland aus dem Spiel heraus schwertat, nach einem Freistoß aus dem Halbfeld zu – und der wegweisende Dosenöffner gegen Brasilien war eine Eckstoß-Variante, bei der Klose Müller freiblockte.

Beinahe hätte Deutschland auch das Finale gegen Argentinien durch einen Standard gewonnen, doch Benedikt Höwedes köpfte nach einer Ecke nur an den Pfosten.

6. Ach ja …

Was wegen der unheimlichen Strahlkraft dieses historischen Ergebnisses manchmal fast schon in Vergessenheit gerät: Durch seinen Treffer zum 2:0 avancierte Klose vor den Augen des im Stadion anwesenden Ronaldo zum alleinigen Rekordtorschützen bei Weltmeisterschaften (16 Tore in 24 Spielen). Laut Khedira war das unmittelbar auf dem Platz, zumindest wie er das mitbekommen hat, auch kaum ein Thema.

Seinen Moment der internen Anerkennung erhielt Klose dann erst hinterher im Flugzeug – während einer Rede von Wolfgang Niersbach.

7. Neuer, bitte

Der beste Spieler der vierten deutschen Weltmeister war Torwart Manuel Neuer – auch wenn er das zwar gegen Algerien oder Frankreich, nicht aber gegen Brasilien zeigen musste. Oder? Doch!

Freilich ist es nicht vorstellbar, dass noch mal etwas angebrannt wäre, aber zu Beginn der zweiten Hälfte verteidigten die deutschen Feldspieler doch schon sehr gemütlich. Sodass Neuer eine gefährliche Flanke von Ramires abfangen (51.) und stark gegen die völlig frei abschließenden Oscar (52.) und Paulinho (53., Doppelparade) halten musste. Mit einem anderen Rückhalt hätte es da wahrscheinlich mindestens mal 5:1 gestanden nach einer Phase, in der Brasilien noch mal richtig am Drücker gewesen war. Auch wenn diese Phase schließlich noch schneller abklang als die ganz zu Beginn.

8. Zwei Tore waren Abseits

Die WM 2014, inzwischen kann man sich das kaum noch vorstellen, fand nicht nur noch ohne VAR statt, sondern auch noch ohne (halb-)automatische Abseitserkennung. Andernfalls hätte Khediras 5:0 nach einer knappen halben Stunde nicht gezählt – Vorlagengeber Mesut Özil hatte knapp im Abseits gestanden -, und auch Oscars Ehrentreffer nicht. Der einzige brasilianische Torschütze war selbst einen Tick zu früh gestartet.

9. Bloß keine Feier

Besondere Siege zu feiern, die sich schon vor einem letzten Spieltag oder einem Finale zutragen, kann manchmal auch sinnvoll sein. Kann zusammenschweißen. Kann etwas erst richtig in Fahrt bringen. Die Deutschen bei der WM 2014 hingegen verleugneten ihren historischen 7:1-Erfolg beinahe. Weil sie nach dem Scheitern 2010 und 2012 auf klarer Mission waren.

“In der Kabine gab es keine Party”, erzählt Khedira. “Wir haben uns sofort, körperlich und mental, auf das Finale konzentriert. Gleich wieder Regeneration.” Toni Kroos meint damals öffentlich, dass man durch den Halbfinal-Sieg “noch gar nichts erreicht” hat, auch Hummels konnte das Ganze direkt “sehr gut einschätzen”.

Dieser Umgang entsprach der Sachlichkeit, mit der Bundestrainer Löw schon in seiner Halbzeit-Ansprache gemeint hatte, dass jetzt ja keiner auf die Idee kommen braucht, die Brasilianer vorzuführen. Aus Respekt vor Gegner und Gastgeberland. Die Ansage, dass derjenige, der sich daran nicht hält, im Finale nicht spielen wird, ist laut Khedira nur zwischen den Zeilen gefallen.

10. Die Ausnahme

Wird an Deutschlands vierten und bis heute letzten WM-Titel gedacht, wandern die Gedanken oft unweigerlich zu diesem unvergesslichen 7:1. Die absolute und in den entscheidenden Phasen sehr aktive Dominanz, die das DFB-Team in diesem Spiel ausstrahlte, war allerdings nicht Sinnbild für die deutsche WM 2014, sondern eher die Ausnahme.

Deutschlands Herangehensweise in Brasilien war grundsätzlich viel weniger idealistisch und ästhetisch, sondern ein ganzes Stück pragmatischer geworden. Selbst das 7:1, bei dem Deutschland “einfach nur” die eklatanten Schwächen des Gegners offenlegte und eiskalt bestrafte, war, so Khedira, “kein Zauberfußball – aber es war eine unfassbar reife Leistung. Wir haben sehr klar gespielt, sehr erwachsen gespielt.”

Das war dann weniger spektakulär, als sich einige daran erinnern mögen. Es bringt aber nicht selten, wenn die Qualität stimmt, den Titel. Und in diesem Fall auch ein Spiel für die Ewigkeit.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert