Brasilien 1982: DER SCHÖNSTE ALLER TRÄUME

Mit der Idee, sich seine Spieler einfach nur entfalten zu lassen, wollte Tele Santana Brasilien 1982 zum Weltmeister machen. Seine legendäre Mannschaft erschien unaufhaltsam – bis sie auf ihr Gegenmittel stieß.

Ist es eigentlich genug, einfach nur zu gewinnen? Gut genug, würdig genug, erfüllend genug? Eine Frage, die sich im Fußball seit jeher stellt, vielleicht nirgendwo so sehr wie in Brasilien. Das Mutterland des Fußballs, das sind zwar andere, doch als Mutterland des schönen Fußballs verstehen sie sich unterm Zuckerhut schon selbst.

Natürlich machte sich also Unruhe breit, als auf den glorreichen Triumph bei der WM 1970 in Mexiko Jahre der Tristesse folgten, womit eben nicht nur Platz vier und drei bei den Weltturnieren 1974 und 1978 gemeint waren. Der brasilianische Fußball war uninspiriert, war grob, er hatte sich auf beängstigende Art und Weise verloren. Das schöne Spiel schrie nach einem Erlöser. Es wurde erhört.

“Wie seine Mannschaft spielte, das war ihm wichtiger als das Spiel an sich”, erinnert sich Junior, der zwar Linksverteidiger spielte, genauso gut aber hätte Spielmacher sein können, an Tele Santana. “Wenn jemand im Training ein Foul beging, nahm er ihn einfach vom Feld”, sagt Mittelstürmer Serginho über den Mann, der Brasilien wieder zu Brasilien machen sollte. Denn Fouls waren hässlich, und Brasilien spielte schön.

Als Santana die Selecao 1980 übernahm, versammelte er die besten Spieler des ganzen Landes, stellte sich vor sie und sagte nur: “Lernt euch auf dem Platz kennen.” Das brasilianische “Geht’s raus und spielt’s Fußball”. “Am Ende wussten wir genau, wo jeder auf dem Platz sein würde”, erzählt Zico, Ausnahmespieler jener Generation, der dieser Trainer samt seiner Idee wie auf den Leib geschnitten war. Blindes Verständnis.

“Tele wollte, dass wir kreativ sind, dass wir Spaß haben und dass wir Ergebnisse erzielen” – tatsächlich stand auch der Erfolg am Ende der Prioritätenliste. Der erschien sowieso unvermeidlich. Denn mit Zico von Flamengo spielte der größte Star des populärsten Teams aus Rio in dieser Mannschaft, mit Socrates von Corinthians der größte Star des populärsten Teams aus Sao Paulo, mit Toninho Cerezo von Atletico Mineiro der größte Star des populärsten Teams aus Minas Gerais und mit Falcao von Internacional Porto Alegre der größte Star des populärsten Teams aus Rio Grande do Sul. Was Santanas Selecao, wie sich der brasilianische Journalist Juca Kfouri lebhaft entsinnt, automatisch in ganz Brasilien beliebt machte.

1981 eroberte sie dann auch die Welt. Auf Europareise schlug Brasilien binnen einer Woche Engländer, Franzosen und Deutsche jeweils auf deren Boden – mit diesem träumerischen Bolzplatz-Stil, der den Unterlegenen ihre Niederlagen sogar beinahe noch schmackhaft machte. Diese Brasilianer konnte keiner schlagen, das galt weitgehend als Konsens. Die WM 1982 in Spanien hatte ihren Favoriten gefunden.

“Dieses Team war so gut, dass alle angreifen wollten. Nur Oscar und ich blieben hinten und riefen die anderen wieder zurück”, erinnert sich Innenverteidiger Luizinho, der als einer von wenigen Spielern in einer bestenfalls als 2-7-1 zu beschreibenden Formation eine feste Position hatte. Brasilianischer Totalfußball, Bolzplatz eben. “Wir spielen ähnlich wie die Holländer von 1974”, erklärte Trainer Santana vollmundig, “aber unsere Spieler sind talentierter und wir vergeben nicht so viele Chancen”.

Zico war der beste von ihnen, doch das Gesicht dieser Mannschaft war Socrates. “Für die WM hörte er sogar auf zu rauchen”, schmunzelt Ersterer über Letzteren. “Plötzlich trainierte er gut und verhielt sich so, wie sich ein Kapitän zu verhalten hatte.” Ganz besonders, als die Selecao in ihrem ersten Spiel gegen die Sowjetunion auf einmal zurücklag, weil Torwart und Schwachstelle Valdir Peres sich von einem harmlosen 30-Meter-Schuss hatte übertölpeln lassen.

“Selbst wenn wir zurücklagen, wollten wir nie hässlich gewinnen”, unterstrich Zico, und Socrates unterstrich das mit einem Traumtor in den Knick gleich noch mal. “Es war kein Tor, es war ein endloser Orgasmus”, fügte der “Doktor” allerdings an, nachdem Eders 2:1-Siegtor kurz vor Schluss sogar noch schöner gewesen war.

Socrates, der die meisten seiner Pässe mit der Hacke spielte, definierte das Spiel dieser Mannschaft einmal als “organisiertes Chaos”, was es wohl tatsächlich am besten beschreibt. Fantasiefußball, “Fußball in seiner reinsten Form” (Junior). Schottland wurde mit 4:1 geschlagen, Neuseeland mit 4:0. Alle stürmten, manche verteidigten. Auch eine ausgezeichnete Fitness durch die stets moderne brasilianische WM-Vorbereitung half. Die Schwachstellen im Tor (Peres) und auf der Position des Mittelstürmers (Serginho) halfen hingegen weniger.

Wenn man diese Mannschaft in eine Formation pressen müsste, hätte sie in etwa so ausgesehen.

Lediglich neun herausragende Brasilianer reichten aber auch im ersten Zwischenrundenspiel gegen Titelverteidiger Argentinien, in dem Eder einen Freistoß um die Ecke schoss, Zico durch eine Gasse passte, die es noch gar nicht gab und selbst Serginho traf, was Neuseeland in der Vorrunde als größte Demütigung empfunden hatte. Dann kam Italien. Das zweite und letzte Zwischenrundenspiel. Aufgrund des Torverhältnisses hätte der Selecao gegen bis dato wenig überzeugende Azzurri auch ein Unentschieden für den Halbfinaleinzug gereicht. An diesem 5. Juli 1982 in Barcelona würde die Reise nicht zu Ende gehen.

Schon nach fünf Minuten traf Paolo Rossi, der zuvor noch jedes Scheunentor verfehlt und dessen erneute Aufstellung wahrscheinlich keiner mehr verstanden hatte. Doch zurückgelegen hatten die Brasilianer ja auch gegen die Sowjetunion und Schottland, in Panik geriet in Kanariengelb niemand. In spielerische Verlegenheit schon gar nicht. Auch wenn Holzfuß Serginho die größte aller Chancen vergab. Sekunden später schufen Zico und Socrates einen Ausgleich, der selbst Claudio Gentiles Fesseln erbarmungsloser Manndeckung einen Moment lang wie von Zauberhand verpuffen ließ.

Es war so schön, so wunderschön. Zu schön. Zu frei. Zu leichtsinnig. Der Bolzplatz wurde zum Käfig. Die Fesseln zogen sich enger. Fesseln der Geduld, Fesseln der Organisation, Fesseln als Mittel, die nur ein solch zynischer Zweck heiligen konnte. Es war auch eine Glaubensfrage, die in Sarria beantwortet wurde.

All die Freiheit, die Spontanität, die Schönheit, sie war das, was Tele Santana am wichtigsten war. Seine Regeln. Doch er schrieb die Regeln dieses Spiels nicht, das seiner Selecao immer mehr entglitt. Wie ein dunkler Schatten erhob sich die Macht des Systems über Zico, über Socrates, über Cerezo, der einen fatalen Querpass spielte und wusste, dass ihn Torhüter Peres nicht retten würde.

Ein entscheidender Fehler: Balldieb Paolo Rossi macht sich auf zum 2:1. – Bild: tagesanzeiger.ch

Brasilien ging Italien ins Netz, der Pragmatismus obsiegte über die Fantasie. “Gioco all’italiana” nannte es sich, das italienische Spiel. Einhergehend mit einer Leistungssteigerung von Azzurri, die sich nicht durchmogelten, so romantisch diese Vorstellung auch gewesen wäre. Sie zelebrierten die Kombination aus Raum- und Manndeckung, die Symbiose von Einfachheit und Effizienz, das Wechselspiel zwischen Mauerbau und Kontersturm. Und alles sorgfältig einstudiert. Das System. Das gegenwärtig schon aus der Zeit gefallen war, wie Juve ein Jahr später im Landesmeister-Finale gegen Happels HSV erfuhr.

Doch Santanas Selecao entstammte der Vergangenheit, sie schickte die letzten Gesandten der Schönheit, andere sagen der Naivität. Teles Eleven, das All-Star-Team einer ausgestorbenen Spielidee, an diesem Tag gegen diese Italiener zum Scheitern verurteilt. “Wir wussten, dass uns ein Unentschieden reichte”, hadert Serginho. “Aber manche Leute” – und sich selbst konnte er nicht meinen – “wollten einfach eine Show liefern. Das 2:2 war der Moment, in dem wir einfach Ruhe geben und verteidigen hätten müssen.” Aber sie lernten es auch nach Falcaos Fernschuss nicht, der schon einem Akt der Verzweiflung nahekam. Und trotzdem Tor.

“Ich glaube einfach, dass diese Gruppe von Spielern auf keine andere Weise hätte spielen können”, sagt Zico. “Ich glaube, dass wir von den Trainern bis zu den Spielern nicht demütig genug waren”, sagt Luizinho. “Zu viele Leute wollten dieses Spiel gewinnen.” Denn ein Unentschieden kann doch kein Sieg sein. Vollgas. Nach vorne. Ins offene Messer. Die nächste Nachlässigkeit nutzte Rossi zum 3:2, für Brasilien änderte sich irgendwie nichts. Plan A.

Socrates traf noch aus dem Abseits, Oscar köpfte den Ball auf die Linie, wo ihn ein 40 Jahre alter Teufelskerl namens Dino Zoff an sich zog. Doch selbst wenn Brasilien das 3:3 geschossen hätte, wäre bald darauf das 3:4 gefallen. Jäh sorgte eine Trillerpfeife für das Ende der Romantik, plötzlich löste sich der Schleier in Luft auf. Und lag dennoch schwer über einem einst schönen Spiel. “Es ist unmöglich, die Welt zu verstehen: Brasilien ist ausgeschieden”, titelte eine spanische Zeitung. Dabei konnte man es verstehen, man wollte nur nicht.

ZEHN ERKENNTNISSE: Wie Brasilien 1982 gegen Italien verlor

Als sich Santana in den Katakomben von Sarria über 300 Journalisten stellte, ehrten sie den Anführer des guten Glaubens mit stehenden Ovationen. In der Ferne hört man sie noch heute, Jahrzehnte später. “Dabei kamen wir nicht mal bis ins Halbfinale”, merkt Eder an. Denn auch in Brasilien ist einfach nur gewinnen manchmal genug. Oder es ist nur genug, wenn man gewinnt. Santana gewann nicht. Der schönste aller Träume war ausgeträumt.

“Dieses Spiel veränderte nicht nur den brasilianischen Fußball, es veränderte den Weltfußball”, murmelt Eder mit einem Unterton schwerwiegender Melancholie. “Wenn wir gewonnen hätten, hätten sich andere Mannschaften an unserem Stil orientiert. Aber weil Italien gewonnen hat, kopierten alle Italien”, bilanziert Junior weitaus nüchterner. Weitaus italienischer, gewissermaßen.

Weil sie nicht Weltmeister geworden war, auch 1986 nicht, “kostete uns diese Mannschaft das schöne Spiel”, stellte Journalist Kfouri einmal fest. “Danach spielten wir ergebnisorientierten Turnierfußball.” Tragische Helden als mahnendes Beispiel. Paulo Cesar Caju, der im großen Stil von einst 1970 noch triumphiert hatte, bringt das besonders drastisch zum Ausdruck: “Ich unterstütze Brasilien schon seit Jahren nicht mehr. Die Philosophie ist zu pragmatisch. Ist doch egal, dass wir 1982 verloren haben, über die Mannschaft von 1994 redet schließlich niemand mehr.”

Als die Selecao 1994 nach 24 Jahren Dürre wieder Weltmeister wurde, war außer den kanariengelben Trikots nicht mehr viel geblieben. Die Abwehr kam zuerst, vorsichtig organisiert. Eng am Mann, sorgfältig im Raum verteilt. 4-4-2, defensiv. Kapitän Dunga war ein Zyniker, nicht Aktion, sondern Reaktion der Schlüssel zum Erfolg. Was von der Ära Socrates noch übrig war, war sein kleiner Bruder Rai. Ein Freigeist, eine Identifikationsfigur, Rückennummer 10. Für Balance und Erfolg, eine Sicherheitsmaßnahme nach der Gruppenphase, flog er aus dem Team.

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