Weltfußballer Ronaldo spielte groß auf, als Brasilien im WM-Halbfinale 1998 hoch gehandelte Niederländer schlug – was nicht frei von Kontroversen ablief. Bester Mann auf dem Platz war aber ein anderer. Ein mehr als zweistündiges Spektakel unter der Lupe.
Der Superspieler gegen die Supermannschaft. In etwa so ist das WM-Halbfinale 1998 zwischen Brasilien und den Niederlanden in Erinnerung geblieben, in dem Ronaldo seinen größten Auftritt der einzigen WM hatte, die er vor seinen schweren Verletzungen spielen konnte. Die Elftal hingegen galt vielen als stärkste seit der Cruyff-Ära und als die in diesem Spiel, aber auch grundsätzlich bessere Mannschaft, die unglücklich verlor.
Die Franzosen sollen in ihrem Mannschaftshotel laut Thierry Henry sogar gejubelt haben, als Brasilien Oranje ausschaltete und als potenzieller französischer Finalgegner wartete, weil Frankreich die Europäer für deutlich gefährlicher hielt. Ob die 120 Halbfinal-Minuten samt Elfmeterschießen all das wirklich hergeben?
Brasilien: Taffarel – Zé Carlos, Junior Baiano, Aldair, Roberto Carlos – Dunga, Cesar Sampaio – Leonardo (85. Emerson), Rivaldo – Ronaldo, Bebeto (70. Denilson)
Niederlande: Van der Sar – Reiziger (57. Winter), Stam, F. de Boer, Cocu – Jonk (111. Seedorf), Davids – R. de Boer, Zenden (75. van Hooijdonk) – Bergkamp, Kluivert
Tore: 1:0 Ronaldo (46.), 1:1 Kluivert (87.)
1. Ein einziges Länderspiel
1994, 1998 und 2002 stand Rekordweltmeister Brasilien in drei WM-Endspielen in Folge. Nur ein Spieler kam übrigens bei allen drei Turnieren zum Einsatz: Cafu, der im Halbfinale 1998 gegen Oranje allerdings gelb-gesperrt fehlte.
Als Ersatz-Rechtsverteidiger lief Zé Carlos auf, der im Alter von 29 Jahren auf dieser Bühne tatsächlich sein Länderspiel-Debüt gab. Zunächst hatte der Novize mit seinem Gegenspieler Boudewijn Zenden einige Probleme, die Elftal schien dieses Duell auch immer wieder zu suchen. Im weiteren Verlauf bekam Zé Carlos seine Seite aber immer besser in den Griff – Zenden wurde später ausgewechselt -, anschließend jedoch kein weiteres Länderspiel mehr. Ein One-Hit-Wonder. Aber was für eins.
Im Oktober 2024 ist Zé Carlos leider verstorben.

2. Viele Parallelen
Die Niederlande hatten lieber mehr und länger den Ball, ehe sie meist verlagerten und erst dann vertikaler angriffen, Brasilien setzte auf dynamische Vorstöße, gerne via Umschaltmoment und direkt in die Spitze. Jenseits dieser grundlegenden Spielansätze hatten beide Mannschaften aber einiges gemeinsam.
Beide liefen in einem recht klassischen 4-2-2-2 auf. Die Außenverteidiger standen hüben wie drüben sehr hoch, nicht selten holte ein Mittelfeldspieler von hinten den Ball ab. Beide stellten defensiv recht hoch zu, pressten aber erst im Mittelfeld. Beide griffen auch zu langen Bällen, beide suchten zunächst – über Roberto Carlos und Zenden – die Durchbrüche vor allem über den jeweils linken Flügel. Über rechts war die meiste Zeit recht wenig geboten.
3. Brasilianisch?
Brasiliens Weltmeister von 1994 wurden vom allgemeinen Fußballgedächtnis eher als bieder, die von 2002 vor allem wegen Namen wie Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho als ziemlich spektakulär abgespeichert – was beides jeweils ein bisschen zu extrem gedacht ist. Und 1998? Die Selecao war bei allen drei Turnieren tatsächlich relativ ähnlich gestrickt.
Anders als bei den Mannschaften der 1980er Jahre lautete der erste Fokus Stabilität. Die Defensive als Priorität Nummer eins. Die Brasilianer standen mit einer soliden Viererkette und zwei defensivstarken Sechsern in Dunga und Cesar Sampaio sicher, auf dieser Basis attackierte der Titelverteidiger 1998 dann durchaus direkt und dynamisch. Das war dann schon auch offensiv, nur eben nicht mehr so proaktiv und mitreißend wie in der Generation zuvor.
Wenn aber gerade der linke Flügel, den irgendwann Roberto Carlos, Rivaldo, Denilson und manchmal noch Ronaldo bespielten, zum Beschleunigungsstreifen wurde und dieses Quartett miteinander kombinierte … dann wurde es manchmal immer noch richtig “brasilianisch”. Unterm Strich hatte das Team von Mario Zagallo eine wirklich vernünftige Balance – zumindest im Halbfinale gegen die Niederlande. Tragisch, dass Brasilien im Endspiel gegen Frankreich leider keine normale Leistung abrufen konnte.
4. Oranje aktiver, drückender, näher dran?
Und die Niederländer? Was ich meistens gehört hatte und wie meine Erwartung war, als ich noch mal in dieses Spiel gegangen bin, gaben sie gegen Brasilien als spielstärkere Mannschaft den Ton an. Und hätten das Weiterkommen eher verdient gehabt. Nun, ganz so war es nicht.
Oranje begann etwas aktiver, hielt den Ball länger, zeigte zunächst das gepflegtere Passspiel, wirkte dadurch auch erst mal wie die größere Einheit. Doch das galt lediglich für die ersten zehn Minuten, die keinen nennenswerten Ertrag abwarfen. Dann steigerte sich Brasilien in allen Belangen, war fortan der recht klare Aggressor und dem Führungstreffer näher. Rivaldo riss das Spiel an sich, Ronaldo wurde gerade noch von Jaap Stam abgegrätscht (16.), Bebeto köpfte knapp drüber (20.).
Die Elftal hatte über weite Strecken im ersten Durchgang tatsächlich kaum Kontrolle – auch, weil eine ordnende Hand fehlte. Edgar Davids zeigte sich zwar als starker Allrounder, war aber kein klassischer Spielmacher, Dennis Bergkamp – zu ihm später mehr – hielt sich ganz vorne in der Sturmreihe auf. So ging Oranje, dessen beste Waffe hohe Anspiele auf Patrick Kluivert waren, die spielerische Durchschlagskraft weitgehend ab. Nach Kluiverts erster Kopfballchance (29.) kippte das Pendel wieder mehr in Richtung der Niederländer, aus deren Sicht die ersten 45 Minuten aber bestenfalls ausgeglichen waren. Bestenfalls.
Gleich zu Beginn der zweiten Hälfte ging Brasilien in Führung, schaltete nicht viel später dann schon in einen Verwaltungsmodus. Anschließend bestimmte der Spielstand die Rollen. Die Elftal war nun wieder aktiver, doch Brasilien wartete nicht nur ab, sondern setzte mit einigen Spielern Nadelstiche und mehr. Durch Ronaldo, der erst an Edwin van der Sar scheiterte (62.) und dann von Davids noch eingeholt wurde (73.), und Rivaldo, der aus wenigen Metern vergab (77.), war die Selecao auf diese Weise dem nächsten Tor näher, pochte sogar mehr aufs 2:0 als Oranje aufs 1:1.
Auch wenn seine begabten Mannen technisch sauber spielten, brachte Trainer Guus Hiddink mit Pierre van Hooijdonk für die Schlussphase lieber noch ein zweites Kopfballziel. Dass Kluivert in der 87. Minute nach einer Flanke den Ausgleich köpfte, war also irgendwo folgerichtig und nicht unverdient. Krass aufgedrängt hatte sich das 1:1 trotzdem nicht. Also Verlängerung – was auch an einer Szene lag, die später noch einen eigenen Unterpunkt erhält.
5. Mensch, Dennis
Im Viertelfinale gegen Argentinien hatte Dennis Bergkamp das eine Tor durch Kluivert noch genial vorbereitet und das andere selbst noch genialer geschossen. Im Halbfinale gegen Brasilien, so hart muss man das fast formulieren, war der Arsenal-Angreifer so etwas wie die Enttäuschung des Spiels. Seine 3,5 war die schlechteste aller kicker-Noten in diesem Spiel – und das ging auch absolut in Ordnung.
Bergkamp fand über weite Strecken der Partie kaum statt, weil er manchmal sogar noch ein bisschen vor Kluivert in vorderster Front spielte und bei Aldair ziemlich abgemeldet war. Der Feingeist hätte sich viel öfter etwas fallen lassen müssen, was bei einem Duell 4-2-2-2 gegen 4-2-2-2 auch in puncto Raumaufteilung sehr sinnvoll gewesen wäre. Das fiel ihm aber erst recht spät in der zweiten Hälfte ein, wodurch Bergkamp dann schon etwas einflussreicher wurde. Aber das hätte er mal besser von Anfang an gemacht.
6. Alle auf einen
Brasiliens Absichten im eigenen Offensivspiel, das recht reagierend, dann aber sehr direkt daherkam, fokussierten sich hauptsächlich auf Ronaldo. Seine Gegenspieler foulten ihn in der Regel direkt, seine Mitspieler versuchten wieder und wieder, das Tempo des damals zweimaligen Weltfußballers einzusetzen. Allen voran einer.
Rivaldo war der zweite Protagonist im brasilianischen Angriff, während Ronaldos Sturmkollege Bebeto vor allem gegen den Ball und seinen Nebenleuten zuarbeitete. Von Rivaldo erwartete die Mannschaft die gefährlichen, letzten, “tödlichen” Pässe, die überwiegend in Richtung Ronaldo gingen. Den Ball ein Stückchen vorschleppen, dann Rivaldo finden – und “R10” ab auf “R9”. So lief das meistens ab.
Rivaldo aus dem Halbfeld in die Spitze auf Ronaldo: So fiel wenige Sekunden nach Wiederbeginn passender- und logischerweise auch das brasilianische 1:0. Von Leonardo kam wenig.
7. Der beste Mann auf dem Platz
Global betrachtet wird dieses Spiel wohl vor allem mit Ronaldo in Verbindung gebracht, der definitiv starke Phasen und natürlich große Highlights hatte. Als bester Mann auf dem Platz überraschte mich beim wiederholten Anschauen aber ein Niederländer: Frank de Boer. Unter gleich mehreren starken Verteidigern auf beiden Seiten stach der linke Innenverteidiger der Elftal zweifellos hervor. Er bot eine unheimlich komplette und nahezu fehlerfreie Leistung.
Er grätschte etwa Ronaldo bei dessen spektakulärstem Lauf noch ab, klärte den Ball nach dem Fallrückzieher des “Phänomens” von der Linie, spielte kaum mal Foul und schulterte das Aufbauspiel aus hinterster Linie im Stile eines Spielmachers fast allein. In der Verlängerung, in der er die größte Chance seiner Mannschaft vorbereitete, konnte sich de Boer im Vergleich zur regulären Spielzeit sogar noch mal steigern, im Elfmeterschießen verwandelte er souverän. So sieht eine Note 1 aus.

8. Ein spätes Geständnis
Die niederländische Niederlage, daran führt kein Weg vorbei, hatte einen kleinen Beigeschmack. Denn in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit, Kluivert hatte soeben gerade noch rechtzeitig ausgeglichen, hätte es für Oranje auch einen Elfmeter geben können. Nach einer weiteren Flanke kam der eingewechselte van Hooijdonk im Strafraum zu Fall, offenbar gehalten und gezogen von Junior Baiano.
Zwar lässt sich auch mangels richtig guter Zeitlupen nicht eindeutig feststellen, ob Baiano lang und fest genug gezogen hat, als dass diese Szene einen unvermeidlichen Strafstoß hätte nach sich ziehen müssen. Van Hooijdonk erzählte später aber, dass der Brasilianer ihm gegenüber zugegeben hat, dass es eigentlich ein klarer Elfmeter gewesen war. Kurz vor Schluss beim Stand von 1:1.
Die Szene im Video (ab 0:43)
9. Wenn, dann Brasilien
Auch in der Verlängerung versuchten es beide Mannschaften auf ihre Weise. Die Niederlande mit Ball etwas geduldiger aus einer klareren Organisation, Brasilien mehr abwartend, dann aber überfallartig aus der Tiefe in die Tiefe. Und zwar regelmäßig. Kein besonders passives Auftreten. Deutlich mehr noch als in der regulären Spielzeit war die Selecao mit ihrem Ansatz die bessere und gefährlichere Mannschaft.
Vor allem Ronaldo, in den regulären 90 Minuten noch mit langen Phasen ohne Aktion, drehte mächtig auf. Seinen Fallrückzieher klärte Frank de Boer von der Linie (94.), den nächsten Schuss nach starkem Dribbling parierte van der Sar (95.). Oranje? In puncto Kreativität längst nicht so, wie über diese Mannschaft gesprochen wird. Trotzdem schoss Kluivert nach einem langen Ball – von Frank de Boer – nur Zentimeter am langen Eck vorbei (103.).
Brasilien hatte noch mehr Power – Frank de Boer beendete Ronaldos Fabellauf erst in letzter Instanz (107.) -, Brasilien war im letzten Drittel klar einfallsreicher. Brasilien war bei Gleichstand in dieser Partie alles in allem sogar die etwas aktivere Mannschaft. Vor allem in der Verlängerung hatte der Rekordweltmeister mehr für den Sieg getan, den er schließlich im Elfmeterschießen einfuhr. Seine Schützen trafen alle, sein Schlussmann Claudio Taffarel hielt stark gegen Phillip Cocu und Ronald de Boer. Was – abgesehen von der umstrittenen van-Hooijdonk-Szene – wirklich in Ordnung ging.
10. Der letzte große Auftritt des Phänomens
Nach quälenden und ungewissen Jahren der Reha kehrte Ronaldo zur WM 2002 noch mal in eindrucksvoller Manier zurück und schwang sich kurzzeitig wieder zum besten Stürmer der Welt auf. Der Überspieler, das “Phänomen”, das er in den 1990er Jahren gewesen war, wurde er nach seiner schwersten Verletzung jedoch nicht mehr. Dafür machten Körper und auch Disziplin nicht mehr ausreichend mit.
Weil die Saison 1998/99, auch schon teilweise verletzungsbedingt, nach den intensiven Jahren 1996, 1997 und 1998 in Relation ein kleiner Durchhänger für Ronaldo war, in der er mit Inter Mailand in der Champions League kaum auftrumpfen konnte, könnte der sehr starke Auftritt im WM-Halbfinale 1998 streng genommen der letzte große Aufgalopp der besten Version von einem der ganz großen Spieler gewesen sein. Schon mit erst 21 Jahren.
