Jenseits der Organisation und des Teamgeistes wurde und wird die deutsche Nationalmannschaft von 1994 teilweise als noch stärker eingeschätzt als die Weltmeister von 1990. Warum schied sie im Viertelfinale gegen Überraschungsteam Bulgarien dann schon aus?
Bulgarien: Mihaylov – Hubchev – Kiryakov, Yankov, Ivanov, Tsvetanov – Letchkov, Sirakov, Balakov – Kostadinov (90.+2 Genchev), Stoichkov (85. Jordanov)
Deutschland: Illgner – Matthäus – Berthold, Kohler, Helmer, Wagner (59. Strunz) – Häßler (83. Brehme), Buchwald, Möller – Völler, Klinsmann
Tore: 0:1 Matthäus (49., FE), 1:1 Stoichkov (76.), 2:1 Letchkov (79.)
1. Was Deutschland vor 1994 gewohnt war
30 Jahre später, bei der Heim-EM 2024, wurde das Erreichen des Viertelfinals durch das Scheitern am späteren Sieger und die dazugehörige Art und Weise als Erfolg dargestellt. Seinerzeit waren Gegner oder Art und Weise hingegen herzlich egal.
Nach dem als skandalös empfundenen Viertelfinal-Aus bei der WM 1962, das die Gründung der Bundesliga zur Folge hatte, war Deutschland bei Weltmeisterschaften hintereinander das geworden: Zweiter (1966), Dritter (1970), Weltmeister (1974), Zwischenrunden-Aus (1978), Zweiter (1982), Zweiter (1986), Weltmeister (1990). Nimmt man die Europameisterschaften mit rein und betrachtet die Turniere seit dem Gruppen-Aus bei der EM 1984, gab es das WM-Finale 1986, das EM-Halbfinale 1988, den WM-Titel 1990 und das EM-Finale 1992.
Der DFB war erfolgsverwöhnt, ein Ausscheiden im Viertelfinale grundsätzlich unter der eigenen Würde.
2. Was Bulgarien vor diesem Spiel noch nicht war
Nach der WM 1994 war Bulgarien die Mannschaft, die es dank einer “goldenen Generation” bis ins Halbfinale geschafft hatte, die auf dem Weg dorthin sogar den Titelverteidiger ausschalten konnte – und das nicht unverdient.
Trotz eines Superstars wie Barcelonas Hristo Stoichkov und auch anderen Könnern wie Krassimir Balakov, deren Ansehen in den Folgejahren noch deutlich anstieg, entstand diese allgemeine Wahrnehmung aber erst durch den Sieg über Deutschland. Zuvor hatte den Bulgaren den Halbfinal-Einzug wohl keiner zugetraut, der Achtelfinal-Auftritt gegen Mexiko war noch wenig spektakulär gewesen.
So verschiebt sich die Wahrnehmung.

3. Die Wade der Nation
Nach einer sehr durchwachsenen Gruppenphase, als sich atmosphärische Probleme im Kader auch auf die Leistungen auswirkten, schien sich der Titelverteidiger im Achtelfinale gegen Belgien (3:2) gefangen zu haben – und die Zentrale gefunden. “Es gibt keinen Grund, die Mannschaft zu ändern”, meinte Bundestrainer Berti Vogts besonders in Bezug auf sein Mittelfeld-Trio Guido Buchwald, Matthias Sammer und Thomas “Icke” Häßler. Nun, doch.
Der wirklich starke Sammer hatte sich nämlich an der Wade verletzt und konnte das Viertelfinale gegen Bulgarien schlussendlich nicht bestreiten. Die eingespielte Bestbesetzung im Herzen der Mannschaft war es gegen die Bulgaren nicht.
4. Möller
Das Ausscheiden 1994 gegen Bulgarien wurde und wird vor allem mit Andreas Möller in Verbindung gebracht. Beim Titel 1990 noch vor allem Zuschauer, hatte sich der dynamische Mittelfeldmann auch durch seinen Wechsel nach Turin zwischenzeitlich zu einem Spieler von Weltformat entwickelt – die Erwartungshaltung stieg entsprechend. Schon vor dem Viertelfinale hatte sich Möller in den USA jedoch zu einer Enttäuschung gemausert – und vom Stamm- zum Ergänzungsspieler.
Erst recht in Sammers Abwesenheit – eigentlich hatte Vogts seine erste Elf gar nicht ändern wollen – lag das Auge der Öffentlichkeit gegen Bulgarien auf Vertreter Möller, der jedoch ein Schatten seiner selbst blieb. Der kicker bezeichnete Möller, der sich “versteckte”, als “lethargisch” und vergab die Note 5. Abgesehen von zwei guten Fernschuss-Chancen – eine endete am Pfosten – fand Möller tatsächlich kaum statt, war das Gegenteil des omnipräsenten Häßler, der das deutsche Spiel an sich riss.
Ein starker Möller mit seiner unnachahmlichen Dynamik und Schussstärke wäre wohl genau das gewesen, was dieser deutschen Mannschaft noch gefehlt hat. Im Viertelfinale gegen Bulgarien, aber auch insgesamt. Es greift sicherlich zu kurz, das Scheitern nur an seiner Person festzumachen, der auch gleich beide Gegentore angelastet wurden – dazu später mehr. Aber von ungefähr kommt das alles nicht.
5. Es läuft doch
Ein überragendes Spiel der deutschen Nationalmannschaft war das in New Jerseys praller Sonne nicht. Aber ein wirklich ordentliches. Und eigentlich lief es ja, nachdem die langsam startende Vogts-Elf einen frühen Pfostenschuss von Balakov überstanden hatte.
Häßler ragte heraus und war eigentlich überall, seine Maßflanke hätte Jürgen Klinsmann in der 24. Minute – völlig freistehend – verwerten müssen. Möller hatte wenig später eine aussichtsreiche Schusschance, traf aber Trifon Ivanov. Stück für Stück wurden die Bulgaren erdrückt, während die Manndecker-Nation Deutschland kaum etwas zuließ. Als die physisch überlegene und wesentlich aktivere Mannschaft durch Lothar Matthäus’ Elfmeter kurz nach der Pause in Führung ging, war das sehr verdient.
Laufstark, körperlich top, individuell mit den unterschiedlichsten Profilen vielseitig besetzt: In manchen Spielphasen musste man einfach bemerken, dass diese Mannschaft eigentlich alles hatte – wenn der brutal dynamische Möller noch einen guten Tag gehabt hätte. Und das, was in der Schlussphase passierte, hatte sich wirklich nicht angedeutet.
6. Fünf entscheidende Minuten
Selbst wenn sich das sensationelle Ausscheiden des Titelverteidigers über weite Strecken des Viertelfinals nicht abgezeichnet hatte, kam es wie so oft ganz anders. Besonders in einem ziemlich kurzen Zeitfenster zwischen der 74. und der 79. Minute.
In der 74. Minute, beim Stand von 1:0, knallte Möller den Ball aus gut 20 Metern wuchtig an den Pfosten, Abstauber Rudi Völler jubelte daraufhin vergebens, weil er knapp im Abseits gestanden hatte. In der 76. Minute, ziemlich aus dem Nichts, versenkte Stoichkov einen direkten Freistoß zum 1:1, in der 79. Minute geriet Yordan Letchkov glücklicherweise in ein Kopfballduell mit dem kurzen Häßler – und drehte das Spiel komplett.
1:2 statt 2:0. So kann’s gehen.
7. Möllers Schuld?
Möller, ohnehin allgemeiner Sündenbock, wurde auch ganz konkret eine (Mit-)Schuld an der Entstehung beider Gegentore unterstellt. Das war aber nur zum Teil gerecht. Sein verursachtes Foul vor Stoichkovs Ausgleich per Freistoß war in der Tat etwas ungestüm und in dieser Situation vermeidbar, Schlussmann Bodo Illgner bewegte sich beim 1:1 allerdings überhaupt nicht und gab keine gute Figur ab.
Vor dem wenig später folgenden 1:2 wurde Möller ein leichtfertiger Fehlpass vorgeworfen, den es auch gegeben hatte. Doch der mündete lediglich in einen gegnerischen Konter und eine Ecke, die dann eigentlich auch schon wieder geklärt worden war. Erst danach kam es zur Flanke und dem bitteren ungleichen Kopfballduell.

8. Die Hand Rudis
Für eine ulkige Szene, die ihn Sekunden später zu einem leicht beschämten Grinsen brachte, sorgte in der 89. Minute Routinier Völler. Mit dem Rücken zur Wand versuchte der Stürmer nach einer Ecke den Ball, den er im Luftduell mit Bulgariens Keeper Borislav Mihaylov sonst nicht erreicht hätte, mit der ausgestreckten Hand ins Tor zu befördern. Da steckte schon ein wenig Verzweiflung drin.
Die Maradona-Imitation misslang nicht nur, sie flog auch noch auf. Völler sah Gelb. In den danach noch rund vier Minuten bis zum Schlusspfiff würde sich Deutschland keine weitere Chance mehr erspielen.
9. Um ehrlich zu sein …
… ist das damals echt unglücklich gelaufen. Klar, die ausbaufähige Stimmung und Konzentration im deutschen WM-Lager 1994 ist keine Erfindung, zu viele ihrer Auswüchse drangen direkt bis an die Öffentlichkeit. Als Hauptgrund für das Ausscheiden taugt dieser Aspekt in meinen Augen aber nicht.
Denn nach dem ordentlichen Achtelfinale gegen Belgien spielte das DFB-Team auch im Viertelfinale gegen Bulgarien gut. Deutschland schwang sich recht schnell zum Aggressor auf, gab eindeutig den Ton an, hatte Chancen, ging in Führung, war auf dem Weg zu einem verdienten Sieg. Mangelhaft war sicherlich die Chancenverwertung, und ja, eine harmonischere Mannschaft bäumt sich in den Schlussminuten vielleicht noch mal überzeugender auf.
Doch Bulgarien hatte eigentlich nicht genug dafür getan, um seinen ansatzlosen Doppelschlag dem Spielverlauf nach verdient und angemessen zu gestalten. Das 1:2 – aus deutscher Sicht – war eigentlich ein ziemliches Freak-Ergebnis. Kann passieren im Fußball, passiert sogar in aller Regelmäßigkeit. Und doch hat Deutschland sicherlich ein besseres Spiel gemacht, als viele das wohl abgespeichert haben.
Hätte unterm Strich ein 1:0-Sieg gestanden, wäre die Kritik für diese Leistung sicherlich überschaubar geblieben.
10. Und noch mal Bulgarien
Ein Jahr nach dem Viertelfinale von New Jersey entwickelte sich Bulgarien endgültig zu einem deutschen Angstgegner. Zumindest vorübergehend. In der Qualifikation für die EM 1996 unterlag Deutschland trotz 2:0-Führung in Bulgarien noch mit 2:3, beim Wiedersehen geriet die Mannschaft von Berti Vogts erneut in Rückstand – um dann aber noch 3:1 zu gewinnen. Und Europameister zu werden.
Auch Bulgarien hatte sich 1996 für das Endturnier qualifiziert, 1998 auch für die WM, 2004 ein weiteres Mal für die EM. In allen drei Fällen war aber bereits nach der Gruppenphase Schluss – und darüber hinaus haben es die Bulgaren seither zu keinem Großereignis mehr geschafft. Weil natürlich ein Stoichkov fehlte. Oder ein Balakov, ein Ivanov. Und wahrscheinlich auch das nötige Glück.
