Weltmeister-Kapitän Fabio Cannavaro wurde 2006 als Abwehrspieler Weltfußballer. Als sein Meisterstück gilt das WM-Halbfinale gegen Gastgeber Deutschland – machte der Italiener das perfekte Spiel eines Innenverteidigers?
Was war Cannavaros Rolle?
Italien spielte gegen Deutschland, das in einem 4-2-2-2 mit Doppelspitze auflief, in einem recht klassischen 4-2-3-1. Cannavaro war in der Viererkette – neben Gianluca Zambrotta, Marco Materazzi und Fabio Grosso – rechter Innenverteidiger.
Dabei war der damalige Juve-Profi Italiens einzige Konstante: IV-Partner Alessandro Nesta, damals eigentlich der noch größere Name, verletzte sich bereits in der Gruppenphase, Cristian Zaccardo flog aus der Startelf, Zambrotta wechselte die Seite. Als Anker rechts innen agierte aber stets der Kapitän, der nach Nestas Ausfall zum noch klareren Boss wurde.
Während Cannavaros direkter Nebenmann Materazzi offensiver ausgerichtet war – viel mehr eingebunden ins Aufbauspiel, mehr risikobereit nach vorne verteidigend – setzte er selbst sich stets ein wenig ab, agierte und reagierte mitunter clever abwartend und dirigierte seine Nebenleute. Somit gab Cannavaro teilweise fast so etwas wie einen Libero, auch wenn er Miroslav Klose oder Lukas Podolski, war Deutschland weit aufgerückt, auch mal in enge Manndeckung nahm. Das erfolgte dann meistens erst im Strafraum.
Davor ließ sich Cannavaro grundsätzlich eher überlegt fallen, anstatt aggressiv nach vorne zu verteidigen, um den Gegner zur ersten Aktion zu zwingen und seinen Nebenleuten die Zeit zu geben, aufzuschließen. Entstanden vor ihm jedoch offene Räume, stieß er ebenso hinein und ging entschlossen in Richtung Ball wie beim auffällig ballorientierten Zurückeilen in Kontersituationen nach Standards.
Offensiv, was 2006 wegen ziemlich ausbleibendem Pressing noch problemlos ging, war Cannavaro nahezu nicht präsent. Das italienische Aufbauspiel fand fast komplett neben oder vor ihm statt. Der Kapitän war wirklich nur: Verteidiger.

Was war es für ein Spiel?
Ein relativ klassisches, aus heutiger Sicht sogar offensiv recht direkt gespieltes WM-Halbfinale – wobei der Fokus trotzdem auf Stabilität und Fehlervermeidung lag -, das auf Augenhöhe stattfand und gelegentlich durchaus ein Schlagabtausch war. Ein höhepunktlastiges Chancenfeuerwerk war die Partie jedoch nicht, die vor allem von ihrer Bedeutung und Spannung lebte.
Es gab sowohl ausgeglichene Spielphasen als auch wechselweise stärkere Minuten einer Mannschaft, was sich aber ziemlich ausbalancierte. Die etwas stärkeren Einzelspieler schienen für Italien zu spielen, das durch die Formationen 4-2-3-1 gegen 4-2-2-2 in der Zentrale leichte Vorteile hatte. Die Unterschiedsspieler Francesco Totti und Michael Ballack blieben auf beiden Seiten relativ blass.
Das 0:0 bis in die Schlussminuten der Verlängerung, auch wenn es auch 1:1 hätte stehen können, passte zum Spielverlauf, eine Entscheidung vom Punkt wäre angemessen gewesen. Dennoch erzwangen die Italiener, die offensiv wechselten – Vincenzo Iaquinta und Alessandro del Piero kamen für Mauro Camoranesi und Simone Perrotta -, gleich zu Beginn der Verlängerung zwei Alu-Treffer durch den eingewechselten Alberto Gilardino (91.) und Zambrotta (92.). Sodass sie durch den Doppelschlag kurz vor Schluss – Grosso 119., del Piero 120.+1 – sicherlich nicht unverdient gewannen.
Noch eher sogar verdient. Die Squadra Azzurra wirkte in der Verlängerung etwas kontrollierter, potenter und klarer, wechselte in den letzten Minuten recht eindeutig auf eine klare Konterausrichtung. Dadurch wurden die Azzurri gefährlicher, das zahlte sich schlussendlich aus – obwohl sie auch den Deutschen noch ein paar Hochkaräter gestatteten, die das Spiel in eine andere Richtung hätten kippen lassen können. Doch am Ende war die Mannschaft von Jürgen Klinsmann vorne zu harmlos.
Gewann Italien wegen Cannavaro?
Italien gewann vor allem wegen seiner beiden späten Tore – von denen das zweite der offensiv sonst so unbeteiligte Cannavaro durch einen gewonnenen Zweikampf sowie ein weiteres Nachsetzen maximal aktiv einleitete. Diese Szene in der Schlussminute war die eindrucksvolle Krönung seiner eindrucksvollen (Defensiv-)Leistung, durch die Italien über 120 Minuten lang schon mal in der Position gewesen war, das Spiel zumindest nicht zu verlieren.
Cannavaro hielt in seiner organisierenden tiefen Rolle die italienische Defensive zusammen, war in direkten Duellen durch seine entnervende Geduld und sein überragendes Timing fast unüberwindbar. Es war auffällig, wie vielseitig der damals 32-Jährige verteidigen konnte, wie er am Boden gegen Klose und Podolski oder in der Luft gegen Klose und Ballack eigentlich alles wegräumte und vieles wegblockte. Vor allem die Lufthoheit trotz lediglich 1,75 Meter Körpergröße war absurd, Cannavaro wirkte eher etwa 1,88 Meter groß.
Viel mehr kann man als Innenverteidiger zu einem Sieg nicht beitragen. Höchstens noch ein eigenes Tor. Oder auf der anderen Seite gar keine Nachlässigkeit – dazu gleich mehr.
War Cannavaro der beste Spieler auf dem Platz?
Ja, doch. Wobei man tatsächlich auch seinen Nebenmann Materazzi wählen könnte, der deutlich mehr aktiv gefordert wurde – was die Statistiken untermauern. Während Cannavaro, der enorm souverän quasi nur dann eingriff, wenn er das in seiner letzten Linie musste, auf zwei abgefangene Bälle und zwei Tacklings kam, sammelte Materazzi, der viel vor Cannavaro wegräumte, vier abgefangene Bälle und sechs Tacklings. Cannavaro führte insgesamt acht statistisch aufgeführte Zweikämpfe (sechs gewonnen), Materazzi 16 (14 gewonnen).
Dennoch war Materazzi mehr der Zuarbeiter und Wegräumer vor Organisator und Abwehrchef Cannavaro, der durch seine wenigeren Szenen trotzdem mehr Eindruck hinterließ und Szene für Szene betrachtet qualitativ einfach eine Klasse über den anderen Verteidigern agierte. Eine gewisse Aura war seinem Auftreten nicht abzusprechen – dazu passte, dass Deutschlands Angreifer mehr und mehr versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen. Vor allem Klose wich auf Deutschlands rechte Seite aus. Podolski verdribbelte sich einmal sogar schon beim Zulaufen auf Cannavaro – sinnbildlich.
Obwohl lange Zeit mehr Gefahr über Italiens linke Defensivseite entstand, ließ in der Verlängerung auch Cannavaro etwas zu, der schon bei einem Klose-Dribbling in der 50. Minute auf Rückhalt Gianluigi Buffon angewiesen war. In der 106. Minute war Italiens Kapitän zu weit weg von Podolski, der aus aussichtsreicher Position daneben köpfte, in der 112. Minute war es ähnlich – Podolski zog ab, Buffon parierte stark. In diesen Szenen war der Abwehrchef vorher viel näher am Mann gewesen.
Gegen Podolski hatte Cannavaro bereits in der 81. Minute eine etwas skurrile Szene erlebt. Der Italiener stützte sich in einem Luftzweikampf im Strafraum auf – Schiedsrichter Benito Armando Archundia Tellez (Mexiko) pfiff Freistoß außerhalb. Das wäre bei korrekter Ortsbestimmung allerdings ein zu harter Elfmeter gewesen.
WIE GUT WAR ZIDANE GEGEN BRASILIEN (2006)?
Fazit
Die komplette Innenverteidiger-Leistung war es aus heutiger Sicht nicht. Dafür hätte Cannavaro sicherlich aktiver am Spielaufbau teilnehmen müssen – was aber augenscheinlich nicht von ihm gefordert wurde. Dennoch leitete er das zweite Tor ein – die endgültige Entscheidung -, einen nennenswerten offensiven Beitrag gab es also. In Richtung der kompletten Defensivleistung eines Innenverteidigers ging dieser Auftritt in einem WM-Halbfinale gegen den Gastgeber sowieso, auch wenn Cannavaro der unterm Strich passivere der beiden italienischen Innenverteidiger war.
Außergewöhnlich und bemerkenswert waren die Souveränität und die Aura, die der Weltfußballer von 2006 ausstrahlte, während er allen anderen Spielern in einer Partie dieser Güteklasse in puncto Zweikampfführung um eine Klasse überlegen war. Cannavaro wirkte zehn Zentimeter größer als er war, und als würde er einen lässigen Bolzplatz-Kick mit ein paar Kumpels spielen. Was diese Dinge betrifft, war sein Auftritt gegen Deutschland relativ exakt so stark, wie er wahrscheinlich vielen in Erinnerung geblieben ist. Eine Masterclass.
Von der Note 1, die Cannavaro etwa der kicker gab, würde ich – verzeiht mir die Blasphemie – in der Endbewertung dennoch abrücken. Auf eine 1,5. Für die glatte 1 hätte er vielleicht noch etwas regelmäßiger in Erscheinung treten müssen. Hätte er seinen direkten Nebenmann, den ebenfalls bockstarken Materazzi, deutlicher überragen müssen. Hätte er nicht einen potenziellen, wenn auch zu harten Elfmeter verursachen und in der Verlängerung, beim Stand von 0:0, noch zwei Großchancen zulassen dürfen.
Das perfekte Spiel, wenn es das denn gibt, lieferte Fabio Cannavaro im Halbfinale der WM 2006 gegen Deutschland also nicht. Doch er spielte locker gut genug, um Italien dieses Spiel mit zu gewinnen. Und anschließend auch das WM-Finale gegen Frankreich. Leistungen, die ihn zum Weltfußballer machten, was seither keinem Verteidiger mehr gelungen ist.
