Cristiano Ronaldo: DER OVERACHIEVER

Hat sich Cristiano Ronaldo zu einem der größten Fußballspieler überhaupt gemausert, ohne dabei einer der besten gewesen zu sein? Über verschiedene Betrachtungsweisen eines außergewöhnlichen Werdegangs.

Im Sommer 2003 verpflichtete der FC Bayern München Roy Makaay. Sicherlich auch, weil der niederländische Stürmer soeben Torschützenkönig der spanischen Primera Division geworden war. Im Speziellen aber, weil er im Champions-League-Spiel FC Bayern gegen Deportivo La Coruna in München drei Tore geschossen hatte – und beim Wiedersehen in Spanien zudem noch den Siegtreffer.

In Zeiten, als Dinge wie Scouting, Spiel- oder Spieleranalyse im Vergleich zu heute noch in den Kinderschuhen steckten, war ein solcher “Reaktionskauf”, wie er inzwischen rarer geworden ist, kein Ausnahmefall. Das war samt seinem Lager auch dem 18-jährigen Cristiano Ronaldo bewusst, als seine Mannschaft Sporting aus Lissabon im selben Sommer ein Freundschaftsspiel gegen Manchester United bestritt.

“CR7”, der damals noch die Nummer 28 trug, war ohne Zweifel einer der talentiertesten Angreifer des portugiesischen Fußballs. Jedoch erst mal kein “generational talent”, wegen dem sich die europäischen Topklubs im Wettbieten die Köpfe einschlugen. Arsene Wenger von Arsenal, der seinen Zeitgenossen beim Entdecken verheißungsvoller Youngster lange Zeit weit voraus war, hatte Interesse angemeldet. Die meisten italienischen Vereine, denen Berater Jorge Mendes Cristiano Ronaldo aktiv angeboten hatte, lehnten hingegen ab. Den nächsten Eusebio, so die Einschätzung, drohte man hier nicht zu verpassen.

Am 6. August 2003 galt es also, die große Bühne zu nutzen. Die vielleicht einmalige Chance, sich der Fußballwelt in diesem Sommer so richtig zu präsentieren. Und in diesem Moment lieferte Cristiano Ronaldo ab. Der trickreiche Außenstürmer traf bei Sportings 3:1-Sieg über United zwar nicht selbst, doch er hinterließ durch seine Dynamik, seine Finten und seine Unnachgiebigkeit Eindruck. Ganz speziell natürlich bei seinem direkten Gegenspieler John O’Shea und dessen Kollegen, die ihre Verantwortlichen um Trainer Sir Alex Ferguson auf dem Rückflug nach England angeblich intensiv belaberten, dass man diesen dürren Kerl mit den Spaghetti-Haaren unbedingt in den eigenen Reihen wissen wollte.

Ein paar Wochen später spielte Cristiano Ronaldo für Manchester United. Die Red Devils, die stolze zwölf Millionen Pfund hinblätterten, waren spätestens nach dessen Auftritt gegen sie zwar nicht einziger Interessent gewesen. Doch der einzige, der das Talent nicht sofort wieder nach Lissabon zurückverleihen wollte. Ferguson hatte etwas im jungen Portugiesen gesehen, weshalb er ihm dessen heute berühmte Rückennummer 7, die in Manchester eine besondere Bedeutung hat, sogar regelrecht aufzwang – Cristiano Ronaldo selbst hatte auch wegen der Vergleiche mit David Beckham, Eric Cantona, Bryan Robson oder George Best lieber die 28 behalten wollen. Und wenn Ferguson etwas in Spielern sah, war das meistens nicht unbedingt nur fußballerischer Natur.

Schaute man CR7 in seinen ersten Jahren bei United zu, hätte man ihn wohl kaum als typischen Ferguson-Spieler erkannt. Er war ein famoser Dribbler, der die Fans im Old Trafford mit spektakulären Einlagen von den Sitzen riss. Ferguson wusste, dass auch das wichtig war. Doch viel Zählbares kam bei all den Übersteigern selten herum, die Cristiano Ronaldo auch nach der ersten Saison in Manchester bei der Heim-EM 2004 in Portugal zeigte. Mehr überzeugte er dort durch sein Tempo, seine Sprungkraft, seine Wucht. Beide seiner Turniertore erzielte er schon damals per Kopf.

United verfügte in einem immer noch sehr jungen Cristiano Ronaldo über ein vielversprechendes Talent, bei dem man eigentlich nur noch auf den nächsten Schritt warten musste. Doch das Warten zog sich. Es gab die Momente, in denen sich seine große Entschlossenheit Bahn brach – wie wenn er im Training Extraschichten schob, stolz die draufgepackte Muskulatur im Spiegel betrachtete oder offen herumposaunte, der beste Spieler der Welt werden zu wollen: Im Februar 2005, kurz vor seinem 20. Geburtstag, geriet CR7 bei Meister Arsenal mit dessen Superstar Thierry Henry aneinander. Er revanchierte sich auf sportliche Art, schoss im Stile eines eiskalten Goalgetters binnen kurzer Zeit Ausgleich, Führungstreffer und United damit zum Sieg.

Unterm Strich las sich die Torausbeute in seinen ersten drei Jahren allerdings durchwachsen. 137 Spiele, 27 Tore, 25 Vorlagen. Ein Champions-League-Tor übrigens noch gar nicht. Für einen Flügelspieler in Varianten von 4-4-2- und 4-3-3-Formationen war das sicherlich gut. Dass sie hier aber den künftigen Weltfußballer vor sich hatten, sahen Rio Ferdinand oder Paul Scholes auch im Sommer 2006 noch nicht.

Doch im vierten Jahr auf der Insel, angestachelt auch von der Ablehnung, die ihm wegen provokanter Aktionen im WM-Viertelfinale gegen England von den meisten Rängen saftig entgegenschlug, änderte sich etwas. Die Motivation war sein Treibstoff für die Selbstoptimierung. Wie ein Besessener feilte CR7 an seinem Körper, an seiner Freistoßtechnik, an seiner Effizienz, und speziell dafür ab 2007 mit Co-Trainer René Meulensteen an seinen Laufwegen und an seinem Abschluss. Bis zum Erbrechen. Mit Erfolg.

2006/07 waren es in 53 Spielen schon 23 Tore und 14 Vorlagen, die erste Meisterschaft seit seiner Ankunft und Platz zwei beim Ballon d’Or (hinter Kaka). 2007/08 wurde Cristiano Ronaldo – vom rechten Flügel endgültig auf den linken gewechselt, von wo aus er nach innen ziehen konnte – dann nicht nur erstmals Torschützenkönig der Königsklasse. Er gewann sie gleich auch. Wie auch den Ballon d’Or. Und den Weltfußballertitel. 49 Spiele, 42 Tore, acht Vorlagen.

Dribblings und Show-Einlagen nur um der Show willen gab es gelegentlich zwar immer noch – von der Effizienz in Richtung Strafraum aber mehr und mehr getrennt. Da hatte jemand etwas vor.

Cristiano Ronaldo hatte sich in nur zwei Jahren vom frustrierenden Talent zum gewieften Garanten, vom Flügelkünstler zum Goalgetter und auf diese Weise zum besten Fußballer der Welt entwickelt. Vielleicht nicht mit der totalen Ballbeherrschung und Genialität wie Lionel Messi sie an den Tag legte, der in Barcelona mehr und mehr zu Cristianos großem Gegenspieler heranwuchs. Aber durch die Endstufe von Ehrgeiz, Bereitschaft, Klarheit und einer unglaublichen Physis. 2009 wechselte CR7 für die damalige Rekordablöse von rund 94 Millionen Euro zu Real Madrid. Er war es, der den größten Klub der Fußballwelt auch wieder zu diesem machen sollte.

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Es bedarf einer gewissen Anlaufzeit, weil Barca mit Trainer Pep Guardiola der nationalen und internationalen Konkurrenz in diesen Jahren enteilt ist. Dann aber führt Cristiano Ronaldo seinen Auftrag aus, während sich die begonnene Entwicklung als Spielertyp zunehmend fortsetzt. Besonders ab 2014 baut die außergewöhnliche Dynamik nach einer kniffligen Knieverletzung allmählich ab, wird der Linksaußen schlussendlich zum ziemlich reinen Stürmer. Zum besten, den es gibt.

In neun Jahren bei Real schießt CR7 mehr Tore, als er Spiele spielt. Er wird in Madrid noch sechs weitere Male Champions-League-Torschützenkönig, noch vier weitere Male Champions-League-Sieger und noch vier weitere Male Weltfußballer. Und das, während auch Messi spielt, eines dieser großen Fußballgenies wie Alfredo di Stefano, Pelé, Johan Cruyff oder Diego Maradona.

Einige Fußballfreunde bezweifeln deshalb, ob Cristiano Ronaldo in gleich fünf der gemeinsamen Jahre wirklich der beste Fußballer der Welt gewesen ist. Ob seine unheimlichen Erfolge seine Fähigkeiten nicht sogar weit überstrahlen. Eine interessante Frage.

Sprungkraft: In seiner physischen Prime stand Cristiano Ronaldo über den Dingen. – Bild: www.marca.com/en/football

Und eine vermeintlich einfache Antwort, weil Messis Fähigkeiten für den Zuschauer so ersichtlich sind – während die Torquote des Argentiniers mit der des Portugiesen sogar mithalten kann. Eine spannende Gegendarstellung lieferte einst ausgerechnet Cruyff, fußballerischer Übervater von Messis FC Barcelona: “Ein Spieler hat im Spiel durchschnittlich nur drei Minuten den Ball. Es kommt also darauf an, was er in den anderen 87 Minuten macht.” Cristiano Ronaldos Läufe und Positionierungen ohne Ball suchten in seinen besten Jahren auch in puncto Genialität ihresgleichen. Eine eben schwerer zu greifende Genialität.

Greifbarer sind da sicherlich Torzahlen, die in den 2010er Jahren vor allem durch CR7 mehr und mehr in den Fokus individueller Vergleiche rückten. Am greifbarsten vielleicht die wahnwitzigen 43 Tore und 13 Vorlagen in 38 Spielen der drei Spielzeiten, in denen er Real Madrid 2016, 2017 und 2018 zu drei CL-Titeln in Serie führte. Durch eine zuverlässige Unvermeidlichkeit in den letzten Runden des größten europäischen Vereinswettbewerbs, in denen selbst der augenscheinlich begabtere Messi plötzlich nicht mehr mithalten konnte. In der Königsklasse bereitete Cristiano Ronaldo sogar mehr Tore vor.

Auf seine eigene Weise – durch die Verbissenheit, die mentale Stärke, die Cleverness – ist es CR7 tatsächlich gelungen, Messi, einem der großen Genies, die Stirn zu bieten. Zumindest bis selbst Cristiano Ronaldo irgendwann die Physis im Stich ließ, bis Messi die Rivalität durch den WM-Titel 2022 gewissermaßen für sich entschied. Gerard Piqué, der natürlich nicht mehr Pro-Barca und Anti-Real sein könnte, der durch seine Zeit in Manchester aber mit beiden zusammengespielt hat, sagte einmal: “Cristiano Ronaldo ist der beste Fußballer aller Menschen. Weil Messi ein Außerirdischer ist.” Das trifft es eigentlich ganz gut.

Es ist auf der einen Seite schwer von der Hand zu weisen, dass der Rekordtorschütze von gefühlt so ziemlich allem den ganz großen Künstlern der bisherigen Geschichte “fußballerisch” nicht ganz das Wasser reichen konnte. Obwohl es auf der anderen Seite natürlich eine Definitionsfrage bleibt, was dieses “Fußballerische” alles beinhalten kann. Dass Cristiano Ronaldo von vielen Spielern, Fans und Experten unverändert in die engere Diskussion darüber eingeschlossen wird, wer denn nun der tollste aller Fußballer war oder ist, beweist jedenfalls zweifelsfrei: Mehr hat von den Irdischen noch keiner rausgeholt.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert