DAS WUNDERTEAM

Vor 90 Jahren war Österreich die vielleicht beste Nationalmannschaft der Welt. Dann hatte das “Wunderteam” gleich zwei tragische Enden.

Streng genommen beginnt die Geschichte des Wunderteams nicht am 16. Mai 1931 gegen Schottland, sondern bereits einige Jahre zuvor in den schmutzigen Gassen von Wien-Favoriten. Matej heißt der Junge, der in diesen Erzählungen stets der eine ist, der all die anderen überragt, der es zu etwas bringt. Aus Gründen der Verständlichkeit wird der tschechische Knabe aber bald Matthias gerufen, kurz “Motzl” – und irgendwann nur noch “der Papierne”.

Weil er so zerbrechlich wirkt. Seine zierliche Gestalt verlangt es, dass sich Matthias Sindelar außergewöhnliche Ballfertigkeiten aneignet – an denen er, ein ganz untypischer Mittelstürmer, Gefallen findet. Europas vielleicht erste große “falsche Neun” “scheiberlt” so exzessiv, dass es selbst Hugo Meisl zu viel wurde.

Dabei galt Österreichs sogenannter Verbandskapitän Meisl, man könnte auch Teamchef sagen, sogar als Modernist, als Schüler seines Freundes Jimmy Hogan, dem womöglich prägendsten Trainer in der Geschichte des europäischen Fußballs. Der Engländer Hogan war ein Verfechter der schottischen Schule und lehrte vor allem in Österreich und Ungarn deren feingliedriges Flach- und Kurzpassspiel.

Die Legende vom “Schmieranskiteam”

Sindelar aber treibt es mit seiner Filigranität und Verspieltheit derart auf die Spitze, dass Meisl 1929 der Kragen platzt und er den Papiernen kurzerhand aus der Nationalmannschaft wirft. Es vergingen zwei Jahre – und die österreichische Fußballöffentlichkeit wurde allmählich unruhig. Meisls Spiel war auf Kontrolle bedacht und ohne seinen kreativen Anführer längst nicht mehr so schön anzuschauen.

Glaubt man der Legende, die keiner mehr so wirklich bezeugen kann, gab Meisl den Forderungen der Journalisten vor dem Schottland-Spiel am 16. Mai 1931 schließlich nach und knallte mit den Worten “Da habt’s euer Schmieranskiteam” einen Zettel mit der gewünschten Aufstellung auf einen Tisch des Wiener Ring-Cafés. Sindelar war wieder dabei.

1933: Der “Papierne” in Aktion. – Bild: theguardian.com/football/blog

Und in Österreichs Nationalmannschaft wurde fortan wieder mehr gescheiberlt. Zunächst ausgerechnet gegen die Fußball-Großmacht Schottland, die Außenseiter Österreich mit deren eigenem, weiterentwickeltem Spiel völlig überraschend mit 5:0 in ihre Einzelteile zerlegte. Die offizielle Geburtsstunde des Wunderteams. Obwohl es seinen Namen erst eine Woche später erhielt, nach dem fulminanten 6:0 über Deutschland.

Europameister

Angeführt von Sindelar, aber auch von anderen großen Spielern wie Torjäger Anton Schall, der Flügelzange Karl Zischek und Adolf Vogl, Läufer Josef Smistik, Verteidiger Karl Sesta oder Rückhalt Rudi Hiden, besiegte das Wunderteam nacheinander auch dreimal die Schweiz, ein zweites Mal Deutschland, Italien, zweimal Erzrivale Ungarn, Schweden, Belgien und Frankreich.

Höhepunkt war 1932 der Gewinn des “Europapokals”, einem Vorläufer der heutigen Europameisterschaft. Der bis heute einzige Titel, den eine österreichische A-Nationalmannschaft je gewinnen konnte.

Der wohl größte Auftritt des Wunderteams war jedoch seine einzige Niederlage. Am 7. Dezember 1932, an der Stamford Bridge zu London, unterlagen die Österreicher dem zu Hause noch ungeschlagenen England trotz dreier Anschlusstreffer knapp mit 3:4. Doch die spielerische Überlegenheit des Wunderteams rang besonders den britischen Medien größten Respekt ab, die “Daily Mail” ahnte gar das Ende der englischen Hegemonie im Weltfußball.

Die Sache mit dem Geld

Stattdessen endete das Wunderteam. Weil Geld die Fußballwelt irgendwie auch schon vor 90 Jahren regierte. Ausländische Klubs wollten sich österreichische Spieler anlachen, nach dem letzten Spiel in klassischer Besetzung blieb etwa Torwart Hiden in Frankreich. Unwiderstehliche Angebote.

Zu dieser Zeit war ein Wechsel ins Ausland ob diverser Hürden mit dem Karriereende in der Nationalmannschaft gleichzusetzen – außerdem fanden parallel auch österreichische Meisterschaftsspiele statt, zu denen Spieler einberufen wurden -, sodass der Favorit nur noch Reste seines Wunderteams zur WM 1934 schicken konnte.

So umspannt die Ära des Wunderteams, das immerhin “Europameister” wurde, lediglich die Jahre 1931 bis 1933. Und doch erschien auch in Italien der Titel möglich, bis Meisls Mannen im Halbfinale gegen den Gastgeber aus dem Turnier betrogen wurden.

Der schwedische Schiedsrichter Ivan Eklind, tags zuvor noch Ehrengast Benito Mussolinis, erkannte den italienischen Treffer trotz eines offensichtlichen Foulspiels an. Später köpfte er, so sagt man, tatsächlich eine Flanke vor dem einschussbereiten Zischek weg.

Österreichs WM-Aus 1934: Meazza (r.) foulte Keeper Platzer, Guaita staubt ab. – Bild: www.storiadellaroma.it

Held oder nicht?

Sindelar, in seiner Heimat immens populär und schon damals ein Werbestar, blieb der Nationalmannschaft erhalten. Bis aus ihr und der deutschen das “Deutsche Reich” wurde, das sich in äußerst heterogener Zusammensetzung (hierfür wurde auch die legendäre “Breslau-Elf” aufgelöst) bei der WM 1938 blamierte. Der Papierne weigerte sich – vielleicht auch wegen seines Alters -, für Nazi-Deutschland aufzulaufen, obwohl ihn Reichstrainer Sepp Herberger immer wieder explizit anfragte.

Schon im sogenannten “Anschlussspiel”, “Altreich” gegen “Ostmark”, soll Sindelar, der beim 2:0-Sieg den ersten Treffer erzielt hatte, vor der Tribüne der Nazi-Führung überbordend gejubelt und ansonsten einfachste Chancen provokant vergeben haben.

War er, der sich aktiv gegen die “Entjudifizierung” der Fußballvereine eingesetzt haben soll, der Diktatur ein Dorn im Auge? Doch dann wäre da noch die Geschichte seines Kaffeehauses, das er als “Ariseur” und Profiteur für einen Spottpreis erworben und sich damit ein zweites Standbein aufgebaut hat.

Die Nazis wollten den Fußballhelden für sich vereinnahmen, doch sie bekamen ihn nicht. So will es zumindest die Legende, die alten Wahrheiten sind längst verschwommen.

Man fand den Papiernen, gemeinsam mit seiner jüdischen Lebensgefährtin Camilla Castagnola, im Januar 1939 tot in ihrer Wohnung. Kohlenmonoxidvergiftung angeblich, ein defekter Kamin. Oder Selbstmord, vielleicht auch Mord. Selbst in seinem viel zu frühen Tod blieb Matthias Sindelar ein kaum zu greifender Mythos.

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