Deutschland 8, Frankreich 7 n. E. (1982): ZEHN ERKENNTNISSE

Die “Nacht von Sevilla”, das Halbfinale 1982 zwischen Deutschland und Frankreich, gilt als eines der legendärsten Spiele der WM-Historie. Weil sie so viele Geschichten erzählt.

“In der Kabine flossen viele Tränen”, erinnerte sich Michel Platini Jahre später, “ich habe nie mehr so viele Männer zugleich weinen gesehen”. Aber nicht, weil die Franzosen verloren hatten, versicherte ihr Spielmacher, “sondern weil wir von unseren Gefühlen so überwältigt waren”.

Auch für Karl-Heinz Rummenigge war das Halbfinale bei der WM 1982 in Spanien, das als “Nacht von Sevilla” in die Geschichte einging, “das verrückteste Spiel”, das er “je mitmachte”. Was neben Fallrückzieher und verlorenen Zähnen 40 Jahre später noch alles hängen bleibt – zehn Erkenntnisse.

Deutschland: Schumacher – Stielike – K. Förster, B. Förster – Kaltz, Dremmler, Breitner, Briegel (97. Rummenigge) – Littbarski, Magath (73. Hrubesch) – Fischer.

Frankreich: Ettori – Bossis, Janvion, Tresor, Amoros – Giresse, Genghini (50. Battiston, 60. Lopez), Tigana – Platini – Rocheteau, Six.

Tore: 1:0 Littbarski (18.), 1:1 Platini (28., Elfmeter), 1:2 Tresor (93.), 1:3 Giresse (99.), 2:3 Rummenigge (103.), 3:3 Fischer (108.).

1. Frankreichs Durchbruch

Die französische Mannschaft um Michel Platini gilt als beste europäische Auswahl der 1980er Jahre, was nicht zuletzt an den WM-Halbfinalteilnahmen 1982 und 1986 sowie dem EM-Titel 1984 im eigenen Land festzumachen ist. Eingeläutet wurde dieser Status allerdings erst in der Nacht von Sevilla, zuvor hatte sich das – Frankreich überzeugte auch im Turnierverlauf bis dato nur bedingt – nahezu gar nicht angedeutet.

Nach WM-Bronze 1958 mit Ballon-d’Or-Sieger Raymond Kopa und Torschützenkönig Just Fontaine waren die 1960er und 1970er Jahre im französischen Fußball ein “Desaster” gewesen (Platini) – sowohl im Vereinsfußball als auch in der Nationalmannschaft. Für drei der fünf Weltmeisterschaften nach 1958 hatte sich die “Equipe Tricolore” gar nicht qualifiziert, bei den anderen beiden die Vorrunde nicht überstanden. Vor 1984 hatte sie außerdem fünf aufeinanderfolgende EM-Endrunden verpasst.

Im Zeitalter des Farbfernsehens etablierte sich der Ruf Frankreichs als große Fußballnation tatsächlich erst in Sevilla, dank einer großen Spielergeneration und Trainer Michel Hidalgo, der viel Zeit bekommen und einst vom ehemaligen Ajax-Trainer Stefan Kovacs übernommen hatte – einem der Köpfe des niederländischen Totalfußballs.

2. Auswärtsspiel

Deutschland hatte zwar WM-Gastgeber Spanien aus der Zwischenrunde geworfen, eine gewisse Haltung pro Frankreich rührte im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan aber nicht in erster Linie daher.

Die Auswahl von Jupp Derwall, amtierender Europameister, hatte sich bereits in der ersten Gruppenphase massiv unbeliebt gemacht. Arrogante Prognosen inklusive der peinlichen Auftakt-Niederlage gegen Algerien markierten den Anfang, die “Schande von Gijon” hat das Kind endgültig in den Brunnen gestoßen.

Weil hauptsächlich physisch daherkommende Deutsche den Fußball zudem weitaus weniger schön zelebrierten als ihre französischen Kontrahenten, hatte sich für das DFB-Team bei ca. 35 Grad in Sevilla zügig ein atmosphärisches Auswärtsspiel entwickelt – die unterschiedliche Lautstärke der Torschreie verlieh dieser Annahme eindrucksvoll Ausdruck. Außer vielleicht bei Fischers Fallrückzieher.

3. Die Geburtsstunde des Vierecks

Frankreichs berühmtes “Carré Magique”, das sehr offensiv ausgerichtete Vier-Mann-Mittelfeld um Bernard Genghini (später Luis Fernandez), Alain Giresse, Jean Tigana und Michel Platini, entstand quasi erst in der Nacht von Sevilla.

Im letzten Zwischenrundenspiel gegen Nordirland (4:1) hatte Hidalgo dieses Quartett erstmals gemeinsam aufgestellt, das so alleine schon wegen Tiganas vorgesehener Rolle als Ersatzspieler niemals angedacht gewesen war. Nach der spielerisch erfolgreichen Bestätigung im Halbfinale gegen Deutschland war das magische Viereck dann aber endgültig geboren – und ist bis heute ein bedeutender Teil der französischen Fußballgeschichte.

Sevilla 1982 – die Startaufstellungen.

4. Viereck ja, Dreieck nein

Kein Platz im Viereck war für einen Mann, der die möglicherweise fehlende Physis mitgebracht hätte: Jean-Francois Larios. Mit Platini spielte der elegante Mittelfeldmann gemeinsam bei AS Saint-Etienne, wo er dem Star recht nahekam – noch näher aber dessen Frau. Mit Michels Gattin Christele hatte Jean-Francois eine kurze Affäre – mit für ihn fatalen Folgen.

Gemäß dem Motto “Er oder ich” – eine Frage, die sich in diesem Fall schnell beantworten ließ – stellte Platini Trainer Hidalgo und andere vor die Wahl. Larios wurde zum leisen Abschied noch im Spiel um Platz drei eingesetzt, auf das Platini dankend verzichtet hatte, und lief nach 1982 nicht mehr für Saint-Etienne und Frankreich auf.

5. Kalles Krönung

Seinen Kurzauftritt im WM-Halbfinale gegen Frankreich hat der damals angeschlagene und deshalb als Joker für Notfälle aufbewahrte Karl-Heinz Rummenigge einmal als “die besten 23 Minuten meiner Karriere” bezeichnet. In der Tat waren Standing und Impuls des amtierenden Ballon-d’Or-Siegers förmlich greifbar: Frankreich erschauderte, als Rummenigge eingewechselt wurde, Deutschland bekam eine zweite Luft.

Der extrem komplette Angreifer, damals 26 Jahre alt, hatte im Frühsommer 1982 die Chance zu seiner absoluten Krönung, die er schließlich gleich zweimal verpassen sollte. Als weitgehend anerkannter bester Stürmer der Welt und nach wie vor einziger deutscher Spieler, der den Ballon d’Or sogar verteidigen konnte (1980, 1981), verlor er erst mit dem FC Bayern, für den er mehrere Chancen vergab, das Landesmeister-Finale gegen Aston Villa – und dann, nicht im Vollbesitz seiner Kräfte, auch noch das WM-Finale gegen Italien.

Wie Rummenigge aber in der Nacht von Sevilla selbst den französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand zum ehrfürchtigen Ausruf “Mon dieu, Rümmenisch” getrieben haben soll, anschließend das Spiel an sich riss und in artistischer Manier sofort den essenziellen Anschlusstreffer erzielte, ist als eindrucksvoller Gipfel einer eindrucksvollen Spielerkarriere aller Ehren wert.

Joker Rummenigge verkürzt artistisch auf 2:3. – Bild: 360tahiti.com

6. Alles war richtig

Zur Unzufriedenheit mancher spiegeln die Tore, die in einem Fußballspiel fallen, nicht immer auch den Spielverlauf wider. Diesen Vorwurf muss sich die Nacht von Sevilla kaum gefallen lassen. Deutschland startete aktiver und besser und ging folgerichtig durch den agilen Littbarski früh in Führung. Weil sich Frankreich aber postwendend steigerte und selbst gefährlich wurde, ging auch der zügige Elfmeter-Ausgleich Platinis in Ordnung.

In der zweiten Hälfte waren die Franzosen dann zwar streckenweise die deutlich bessere Mannschaft und speziell durch Amoros’ Lattenkracher in der Nachspielzeit einem verdienten Sieg nahe, das 2:1 hätte am Ende aber ebenso gut Deutschland erzielen können – sogar noch kurz nach Amoros hatte Fischer eine Großchance auf den Siegtreffer in der regulären Spielzeit.

Selbst Frankreichs rasche 3:1-Führung in der Verlängerung war dem Druck der Ballkünstler angemessen, genauso Deutschlands zwei Treffer zum 3:3 wegen der durch Rummenigge gekippten Statik und Franzosen, die in der Abendhitze spürbar entkräftet und nervöser wurden.

Da Deutschlands Sieg im Elfmeterschießen durch Toni Schumacher (zu ihm später mehr) als besserer Elfmetertöter ebenfalls logisch war, lässt zumindest das Verhältnis Leistung zu Resultat nur wenige Wünsche offen.

7. Europäische Brasilianer

Die WM 1982 wird von vielen Leuten stets als eines ihrer Lieblingsturniere genannt, wozu sicherlich auch mehrere denkwürdige Momente und Spiele beigetragen haben. Tatsächlich kann diese WM als einzige gleich vier Partien mit eigenen Wikipedia-Einträgen vorweisen (Gijon, Ungarns 10:1-Rekordsieg, Italien gegen Brasilien und die Nacht von Sevilla).

Der große Höhepunkt in einem würdigen Finale wäre wohl ein Aufeinandertreffen der beiden spielerisch großartigsten Mannschaften Brasilien und Frankreich gewesen, die in Italien und der BRD aber jeweils gegen organisiertere und abgezocktere Mannschaften unterlagen. “Spielintelligenz ist wichtiger als jede Anweisung”, gab Trainer Hidalgo vor, der mit seinen Spielern “nie über Ergebnisse geredet” hat. “Uns fehlte das Berechnende”, räumte hingegen Giresse ein.

Einen großen Unterschied hätte es schon machen können, wenn das als Brasilien Europas gefeierte Frankreich und auch die Selecao selbst sich nicht ein am Ende wohl fatales Problem geteilt hätten. Beide verfügten zwar über ein hochgradig geniales Mittelfeld-Quartett – bei Brasilien waren das Falcao, Cerezo, Socrates und Zico -, beide verfügten allerdings über keinen diesem Niveau entsprechenden Stürmer, der die zahlreichen Angriffe in weitere Tore hätte ummünzen können.

Brasilien 1982: DER SCHÖNSTE ALLER TRÄUME

Als Brasilien bei der WM 1986 schließlich Careca hatte, waren die anderen Leistungsträger bereits in die Jahre gekommen. Und Frankreich, das Brasilien im vier Jahre zu spät stattfindenden Showdown im Viertelfinale aus dem Turnier warf, musste noch immer auf die großen Jahre des Jean-Pierre Papin warten. So blieben die beiden vielleicht wunderbarsten Mannschaften der 1980er Jahre auf der größten Bühne ungekrönt.

Platini gegen Socrates und Alemao: Frankreich und Brasilien 1986 in einem absoluten WM-Klassiker, wenn auch vielleicht vier Jahre zu spät. – Bild: Twitter/OldSchoolPanini

8. Elfmeterschießen: Eine schwere Geburt

Roberto Baggio im Finale 1994 gegen Brasilien, Jens Lehmann samt Zettel 2006 gegen Argentinien – das Elfmeterschießen hat bei Weltmeisterschaften schon große Geschichten geschrieben. Zum ersten seiner Art kam es am 8. Juli 1982 in Sevilla, im Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich.

Es war zugegeben eine schwere Geburt, vor allem aus Sicht der Torhüter. Schumacher und erst recht Frankreichs nur 1,74 Meter kleiner Schlussmann Jean-Luc Ettori entschieden sich schon sehr früh für eine Ecke, sodass es für die meisten der nicht immer platziert schießenden Schützen ein Leichtes war, zu verwandeln.

Während sich Schumacher wenigstens zu Paraden hinreißen ließ, täuschte der umherhetzende Ettori, der seinen Platz nach der WM verlor, diese höchstens an, und das aus seinem Blickwinkel fast nur nach rechts. So wusste Horst Hrubesch als Schütze des entscheidenden Elfmeters, auf welche Seite er den Ball einfach nur flach schieben musste – was er daher sogar tat, ohne ihn sich selbst noch mal zurechtzulegen.

9. Schumachers Sicht

Ball jonglierend, Kaugummi kauend, die Hände in den Hüften: Geradezu ignorant und gelangweilt wartete Harald “Toni” Schumacher am Rande des Geschehens darauf, dass es weiterging, nachdem er Patrick Battiston mit seiner Hüfte ohnmächtig geschlagen hatte – woraufhin dieser mit Schädeltrauma, Haarriss eines Halswirbels und vier abgebrochenen Zähnen bewusstlos liegen blieb. Später musste der Franzose mindestens sechsmal seine Vorderzähne wechseln lassen, des Zahnfleisches wegen. “Der Rücken, der Nacken, das Sehen – ich habe Spätfolgen im Alltag, die mich an Sevilla erinnern”, verriet Battiston einmal.

Schumachers Ruf war daraufhin fast so ramponiert wie Battistons Gesicht, er erklärte seinen Affront nach dem Affront, die vermeintlich gleichgültige Zurückhaltung, später wie folgt: “Um Patrick herum standen viele Franzosen. Ich dachte, wenn ich da jetzt hingehe, eskaliert die Sache.” In seinem berüchtigten Buch “Anpfiff” gestand er auch: “Das war Feigheit.”

Außerdem sei sein Ausruf nach Schlusspfiff, dass er Battiston gerne die Jacketkronen zahle, lediglich aus der Erleichterung heraus entstanden, dass dem Franzosen nicht noch Schlimmeres passiert ist. Dessen Trainer Hidalgo meinte dazu: “Es war ein Foul. Und Elfmeter.” Tatsächlich wurde einfach weitergespielt. Abstoß für Deutschland.

10. Das deutsche Stoppschild

Den zweiten und letzten WM-Anlauf unternahm Frankreichs große Generation der 1980er, nachdem sie sich 1984 im eigenen Land zum Europameister gekrönt hatte, 1986 in Mexiko. Platini und Co. schalteten im legendären Viertelfinale sogar ihre Leidensgenossen aus Brasilien aus, ehe im Halbfinale erneut Endstation war – ausgerechnet gegen Deutschland.

WIE GUT WAR MICHEL PLATINI BEI DER EM 1984?

Der ganz große Wurf gelang 1986 zwar auch der BRD nicht, dafür aber 1990. Bis ein dann ebenfalls athletischeres und abgezockteres Frankreich 1998 schließlich erstmals Weltmeister werden sollte, musste es noch ein paar weitere Katastrophen-Jahre überstehen.

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