Das emotionalste Spiel auf dem Weg zu Deutschlands drittem Weltmeister-Titel war fraglos das Achtelfinale gegen Erzrivale Niederlande, was sich auch auf dem Platz Ausdruck verschaffte. Wie oft Frank Rijkaard spuckte, was die Folgen im Spiel veränderten – und der ganze Rest.
Der Zug war ins Rollen gekommen. Nach einer starken Gruppenphase hatte sich Deutschland im Jahr der Wiedervereinigung neben Gastgeber Italien zum WM-Topfavoriten gemausert. Doch gleich im ersten K.-o.-Spiel ging es dann ausgerechnet gegen die Niederländer, die zwei Jahre zuvor in Deutschland – auch gegen Deutschland – Europameister geworden waren. Und die die fußballerische Feindschaft mit den Deutschen, was im Nachbarland noch von Zeiten des Zweiten Weltkriegs rührte, kräftig befeuerten.
Besonders plakativ hatte das Verteidiger Ronald Koeman getan, indem er sich 1988 mit dem von Olaf Thon ertauschten Trikot öffentlich den Hintern abwischte. Eine Szene, die im Gedächtnis blieb. 1989 in Rotterdam hatten sich einige Anhänger daraufhin richtig auf die Mütze gehauen. Für die (sportliche) Revanche im Sommer 1990 war also wirklich alles angerichtet.
Deutschland: Illgner – Augenthaler – Reuter, Berthold, Kohler, Brehme – Littbarski, Matthäus, Buchwald – Klinsmann (79. Riedle), Völler
Niederlande: van Breukelen – van Aerle (68. Kieft), Koeman, Rijkaard, van Tiggelen – van’t Schip, Winter, Wouters, Witschge (80. Gillhaus) – Gullit – van Basten
Tore: 1:0 Klinsmann (51.), 2:0 Brehme (85.), 2:1 Koeman (89., FE)
1. Die Dritten
Der Gruppensieg war natürlich schön und gut, er brachte den Deutschen aber bereits im Achtelfinale die Elftal ein, die übrigens nicht Zweiter, sondern enttäuschender Dritter geworden war. Hinter England und Irland. Ein Weiterkommen als Dritter war also nicht erst für Portugal bei der EM 2016 möglich, denn zwischenzeitlich hatte auch die WM 24 Teilnehmer.
Titelverteidiger Argentinien, auf den Deutschland im Endspiel treffen würde, hatte seine Gruppe 1990 ebenfalls nur als Dritter beendet, so auch vier Jahre später Finalist Italien. Ab der WM 1998 wurden es dann 32 Teilnehmer – und die Gruppendritten waren vorerst wieder raus.
2. Die Kabinen
Dass Deutschland und die Niederlande im Giuseppe-Meazza-Stadion in San Siro aufeinandertrafen, passte natürlich perfekt. Schließlich spielten die deutschen Stars Lothar Matthäus, Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann damals für Inter – und die drei niederländischen Granden Frank Rijkaard, Ruud Gullit und Marco van Basten für Stadtrivale Milan. So wussten auch die lokalen Anhänger der Nerazzurri und Rossoneri, wem sie die Daumen zu drücken hatten.
Amüsant: Durch den festgelegten Status als Heim- (Deutschland) und Auswärtsteam (Niederlande) mussten sich die Inter-Stars in der Milan-Kabine umziehen – und umgekehrt. In der Inter-Kabine, bei den Niederländern, war die Luft allerdings deutlich dicker …
3. Kleinkriege
Der amtierende Europameister darbte im Sommer 1990 nicht nur fußballerisch. Oranjes schwache Gruppenphase war auch einem Mannschaftsklima geschuldet, das diese Bezeichnung eigentlich gar nicht verdient hatte. Ich greife an dieser Stelle zu einem Auszug aus meinem Buch “Die elf größten Spiele des deutschen Fußballs”:
“Die Harmonie fehlt, die Einstellung stimmt nicht”, gewährte Schlussmann van Breukelen dem kicker Einblicke, “zuletzt haben zu viele gegeneinander gearbeitet”. Das Fachmagazin berichtete 1990 auch von einer Krisensitzung noch während der Gruppenphase, in der sich alle alles gegen den Kopf werfen durften. Gerald Vanenburg, beim EM-Titel 1988 noch Stammspieler, tat das darüber hinaus sogar öffentlich – und machte danach kein Spiel mehr. Koeman indes riss über sein Übergewicht nach einem durchwachsenen ersten Jahr beim FC Barcelona lieber Witze, anstatt etwas dagegen zu unternehmen. Kein wirklicher Lösungsansatz. So konnte Europameister-Trainer Rinus Michels, inzwischen Technischer Direktor, den Deutschen im ARD-Interview Entwarnung geben. “Die Form der Spieler stimmt nicht”, beklagte er, “die Leistungsträger sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die Führung der Mannschaft übernehmen zu können. Das Selbstvertrauen fehlt.”
Auf dem Platz sollte das zunächst aber ganz anders aussehen.

4. Franz vorsichtig
Deutschlands Teamchef Franz Beckenbauer schien sich schon gedacht zu haben, dass selbst zerstrittene, formgebeutelte Niederländer in solch einem K.-o.-Spiel sehr ernst zu nehmen sind – und stellte sechs Verteidiger auf. Fünf, inklusive Libero Klaus Augenthaler, waren normal, es zählten ja auch die Außenbahnspieler Brehme und Stefan Reuter dazu. Guido Buchwald, der zuvor schon als Stopper gespielt hatte, fand allerdings quasi als sechster Verteidiger – defensiv bewachte er Aron Winter – seinen Weg ins linke Mittelfeld. Was gar keine schlechte Idee war.
“Ich habe das Gefühl, dass alle etwas nervös sind”, raunte Co-Kommentator Karl-Heinz Rummenigge damals im TV, er befürchtete eine “Sechser-Abwehrkette”. Doch Beckenbauer hatte sich etwas dabei gedacht. Neben der Tatsache, dass der “Kaiser” Oranje mit drei kopfballstarken Stürmern erwartet hatte – Wim Kieft blieb vorerst auf der Bank -, war er davon überzeugt, dass die Niederlande die zwei Tage weniger Regenerationszeit, die sie im Vergleich zu Deutschland hatten, niemals aufholen konnten. Deshalb wollte der Teamchef vorerst abwartend spielen. Mit – theoretisch – sechs Verteidigern.
Eine gewisse Grundvorsicht konnte Beckenbauer sowieso nicht leugnen. Als er schon Mitte der ersten Hälfte in Rudi Völler einen seiner beiden Stürmer verlor, besserte der Teamchef nicht personell nach. Jürgen Klinsmann musste in einer Art 3-5-1 eben für zwei ackern – was er bekanntlich eindrucksvoll tat.
5. Das “Lama” schlägt mehrfach zu
Einige wissen es wahrscheinlich, viele aber womöglich nicht. Frank Rijkaard hat Rudi Völler nicht nur einmal, sondern auf dem Platz sogar zweimal angespuckt. Erst hatte der Milan-Stratege den damaligen Roma-Angreifer umgehauen und dafür Gelb gesehen – ehe Rijkaard beim Davonlaufen in Völlers Minipli jauchte. Völler beschwerte sich daraufhin scheinbar so übertrieben beim absolut desolaten argentinischen Schiedsrichter Juan Carlos Loustau, dass auch er verwarnt wurde.
Schon nach dem folgenden Freistoß geriet Völler wiederum mit Oranje-Keeper Hans van Breukelen aneinander, dem er eigentlich hatte ausweichen wollen. Was auch ziemlich gut geklappt hat. Doch die Gemüter waren ohnehin erhitzt, dann kam auch noch Rijkaard dazu – und die beiden Protagonisten mussten vom Feld. Rijkaard verdient, weil er Völler unnötig am Ohr gezogen hatte, die deutsche Nummer 9 hingegen vollkommen unbegründet. Zum Dank flog beim Vorbeitraben die nächste Spucke. Auch der zweite Versuch saß.
Aber selbst bei diesem soll es nicht geblieben sein …
6. Ins Gesicht
Völler, eigentlich durchaus für einen gewissen Jähzorn bekannt, war schon kurz nach dem Spiel überrascht von und stolz auf sich, weil er nach Rijkaards Spuckattacken so ruhig geblieben war. Zumindest vor den Augen der Weltöffentlichkeit.
Als Völler an Rijkaard vorbei in den Kabinengang gejoggt war, wartete er dort allerdings auf den Widerling, von dem Rudi später erfuhr, dass dieser zu dieser Zeit private Probleme hatte. Was sein Verhalten natürlich bestenfalls im Ansatz entschuldigt. In den Katakomben des Meazza-Stadions stellte Völler Rijkaard jedenfalls derart aufgebracht zur Rede, dass ihm auch die Hand ausrutschte. Rijkaard und die restlichen Anwesenden hatten unterm Strich zumindest den Anstand, dass das, was im Kabinengang passierte, auch im Kabinengang blieb. Andernfalls hätte Völler womöglich nicht nur im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei pausieren müssen.
Laut mehreren Protagonisten hatten Ordner und sogar die Polizei die Streithähne trennen müssen, in “Wir Helden von Rom” von Nils Suling gesteht Völler selbst ein “Handgemenge”. Wolfgang Niersbach berichtet in diesem Buch gar von einer dritten Spuckattacke Rijkaards im Stadionbauch – “und dann hat Rudi dem Rijkaard eine gepfeffert”. Der Kronzeuge unter den Verschwiegenen war laut Niersbach FIFA-Pressechef Guido Tognoni, der das, was er gesehen hat, entscheidend für sich behielt.
7. Deutschland dankt
Die Szenen rund um Rijkaards Entgleisungen waren ja nicht nur bodenlos, die Konsequenzen für Deutschland – Völler hatte sich rein gar nichts zu Schulden kommen lassen – waren auch richtig unfair. Und doch waren sie hilfreich.
Vor dem doppelten Platzverweis waren die Niederländer nämlich deutlich besser ins Spiel gestartet, Aron Winter hatte zwei riesige Chancen zur Führung vergeben (6., 8.). Erst zehn gegen zehn entwickelten sich die Deutschen zur besseren Mannschaft, die den Verlust von Stürmer Völler in Person von Klinsmann viel besser verkraften konnte als Oranje den von Abwehrchef und Aufbau-Stratege Rijkaard. Das bestätigen auch Protagonisten wie Buchwald.
8. Kalter Kaffee
Apropos Buchwald. Der überraschend offensiv eingesetzte Stuttgarter avancierte mit zwei Vorlagen neben Klinsmann zum Mann des Spiels, wovon ihm die erste – inklusive Übersteiger – gar den Spitznamen “Diego” eingebracht haben soll. Was so allerdings nicht stimmt.
Den Diego, freilich angelehnt an Maradona, hatte Guido bereits im Trainingslager von Augenthaler verpasst bekommen, wegen ein paar Tricks beim Fünf-gegen-zwei. Sein Tänzchen auf dem linken Flügel gegen Winter machte den Spitznamen aber erst salonfähig. Wobei auch das keine göttliche Intervention war: “Ein paar Übersteiger hab’ ich auch vorher schon gemacht”, versichert mir Buchwald im persönlichen Gespräch. Aber wahrscheinlich noch keinen so flüssigen wie am 24. Juni 1990 in Mailand.
9. Der Schwan hebt ab
Oranjes Ausnahmespieler waren im Achtelfinale 1990 längst nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte, das war klar zu erkennen. Gullit war erst von einer einjährigen Verletzungspause zurückgekehrt, der ohnehin anfällige van Basten präsentierte sich massiv überspielt. Der technisch so starken Sturmspitze unterliefen einfachste Fehler, van Bastens üblicher Bewacher Jürgen Kohler hatte lange Zeit nicht viel zu tun. Aber dann dafür so richtig.
In der 68. und 70. Minute, beim Stand von 1:0, tauchte der Ballon-d’Or-Gewinner der Jahre 1988 und 1989 plötzlich ansatzlos und brandgefährlich im Strafraum auf, beide Abschlüsse hätten sehr gute Chancen gehabt, im Tor zu landen. Doch auch Kohler war von 0 auf 100 auf Betriebstemperatur, warf sich zweimal blitzschnell dazwischen und verhinderte einen Treffer des “Schwans von Utrecht”, der aus dem vollkommenen Nichts abgehoben war.
Das tat van Basten dann übrigens auch in den Schlussminuten. Koemans Anschlusstreffer vom Punkt, letztlich nichts als Ergebniskosmetik, resultierte aus einem Strafstoß, den sich van Basten “erschwalbt” hatte – was natürlich auch zur Leistung des Schiedsrichters passte. Wobei das plumpe Zu-Boden-Sacken des Schwans vielleicht auch daher rührte, dass er einfach keine Kraft mehr hatte.

10. Das späte 2:2
1990 sollte es den Niederländern nicht mehr gelingen, dafür aber zwei Jahre später. Nach den deutschen Siegen 1974 und 1990 sowie dem Elftal-Erfolg 1988 glich Oranje durch ein 3:1 in der Gruppenphase der EM 1992 in den großen Duellen der brisanten Jahre quasi aus. Es war wahrscheinlich die überlegenste all dieser Vorstellungen – und doch egal. Die Deutschen, 1990 vom scheidenden Teamchef Beckenbauer auf Jahre hinaus für “nicht zu schlagen” erklärt, standen in Schweden schließlich im Endspiel. Um von den nachnominierten Dänen geschlagen zu werden, die im Halbfinale bereits die Niederländer bezwungen hatten.
Seit 1992 sind die erbitterten Rivalen von einst nur noch zweimal bei großen Turnieren aufeinandergetroffen. In den Gruppenspielen der Europameisterschaften 2004 (1:1) und 2012 (2:1 für Deutschland) spielte die Abneigung aber bloß eine überschaubare Rolle, sogar von Seiten der Niederländer. Wobei auch der Showdown 1990, von Rijkaards Aussetzern mal abgesehen, ein ziemlich faires Spiel gewesen war.
