WIE GUT WAR DI STEFANO GEGEN FRANKFURT (1960)?

Alfredo di Stefano war einer der besten Fußballer überhaupt, doch aus seiner besten Zeit ist kaum Bewegtbild erhalten. In Real Madrids legendärem Landemeister-Finale gegen Frankfurt ist der argentinische Totalfußballer knapp 34 – und noch immer (nahezu) einmalig.

Was war di Stefanos Rolle?

Auf dem Papier ja eigentlich Mittelstürmer, die Rückennummer 9 suggerierte das auch. Und wenn Real die Sturmmitte besetzte, dann vor allem durch di Stefano. Die meiste Zeit über zog sich der Anführer allerdings in einem 3-2-1-4 weit ins Mittelfeld zurück, um dort als Antreiber, Spielmacher und Einleiter zu fungieren – ehe er bestenfalls schnell in die Mittelstürmer-Räume vorstieß, um seine auf den Weg gebrachten Angriffe zu vollenden.

Noch im Herbst seiner Karriere war der einstige Rechtsaußen – aus dieser Zeit rührt auch sein Spitzname “La Saeta Rubia” (der blonde Pfeil) – eine Art Zehner mit dem Bewegungsablauf eines Achters, dem defensiven Beitrag eines Sechsers – und dem eigentlichen Auftrag eines Neuners. Es gab wirklich Situationen, in denen “Don Alfredo” am und im eigenen Strafraum aushalf, um 20 Sekunden später entscheidend im gegnerischen Sechzehner aufzutauchen. Und undynamischer Standfußball wurde in den 1950er und 1960er Jahren nun wahrlich nicht gespielt, definitiv nicht in diesem Endspiel.

“Mit ihm waren wir drei Spieler mehr auf dem Platz”, schwärmte Reals großer Linksaußen Paco Gento mal von seinem früheren Mitspieler, den die Bezeichnung “Totalfußballer” eigentlich am besten beschreibt. Di Stefano war wirklich nicht nur einer, der alles konnte, sondern einer, der auch alles tat. Zwar natürlich nicht alles gleichzeitig, aber fast. In dieser extrem vielseitigen Ausprägung konnte seither höchstens noch Johan Cruyff mithalten.

Wann er welche Rolle ausfüllte, entschied der Argentinier mit feinem Gespür in der Regel selbst. Wenn es hinten brannte, agierte er wie ein Sechser, brauchte Real Kontrolle, war er der Spielmacher. Und mussten vorne Tore her, präsentierte di Stefano die perfekten Laufwege und Instinkte eines Mittelstürmers – ganz beispielhaft zwischen der 27. und der 30. Minute mit zwei Toren gegen Frankfurt. Erst am zweiten Pfosten eingeschoben, dann im Fünfer am schnellsten reagiert und abgestaubt. Und das alles noch mit Mitte 30. Es ist wirklich ein Jammer, dass di-Stefano-Spiele in voller Länge nicht aus den 1940er und 1950er Jahren (öffentlich zugänglich) existieren.

Was war es für ein Spiel?

Real war als Seriensieger der Favorit, Frankfurt hatte sich durch insgesamt zwölf Tore in seinen beiden Halbfinalspielen gegen die Rangers aber Selbstbewusstsein “angeschossen”. So begannen die Königlichen zu lässig, ihre Gegner indes wesentlich entschlossener. Die SGE griff vor allem geradlinig mit viel Dynamik über den rechten Flügel an – und ging auf diese Weise nach knapp 20 Minuten verdient in Führung. Madrid hatte, auch das hat dort große Tradition, die Anfangsphase verschlafen.

Reals Abwehrchef José Santamaria bezeichnete den Rückstand mal als “Stich einer riesigen Biene” – der Favorit war jedenfalls wachgerüttelt. Die ganze Mannschaft steigerte sich, weil sich vor allem di Stefano steigerte und mit einem Doppelschlag das Spiel drehte. 2:1 nach 30 Minuten, und quasi mit dem Pausenpfiff machte Real das dritte. Und kurz danach – inzwischen viel souveräner – das vierte und das fünfte, somit war die Partie gelaufen. Dadurch wurde sie in der Schlussphase gerade defensiv wieder sehr offen, weshalb beiderseits noch zwei Tore fielen und dieses außergewöhnliche Ergebnis zustande kam.

Unterm Strich startete die Eintracht stark und überrumpelte Real, das sich daraufhin schüttelte und selbstsicher unter Beweis stellte, dass es die eindeutig überlegene Mannschaft war. Fünfter Henkelpott in Folge.

Gewann Real wegen di Stefano?

Zumindest drehte Real das Spiel nach dem frühen Rückstand wegen seiner Nummer 9. Der nominelle Mittelstürmer präsentierte sich in diesen drei Minuten auch als solcher, schoss zwei absolute Mittelstürmer-Tore und konzentrierte sich anschließend wieder mehr darauf, dass die Fäden in der Zentrale wieder bei ihm zusammenliefen. Trotz des deutlichen Ergebnisses und des Viererpacks von Ferenc Puskas darf man wirklich hinterfragen, ob Real dieses Spiel auch ohne di Stefano gewonnen hätte, der für diese Mannschaft einfach ganz klarer Fixpunkt war. Was natürlich auch von seinem Anspruch rührte.

Nach einem besonders von ihm persönlich schlampigen Beginn zog der “Totalfußballer” das Endspiel fraglos auf die Seite der Seinen. Sodass er sich in den Phasen, in denen es besonders lief, etwas zurücknehmen konnte. Noch nicht viele Mannschaften, in denen viele Top-Spieler spielten, hatten einen so eindeutigen Schlüsselspieler – und Garanten.

War di Stefano der beste Spieler auf dem Platz?

Ja. Auch Abwehrchef Santamaria, José Maria Vidal vor der Abwehr oder Viererpacker Puskas machten ein großes Spiel, doch durch seine einmalige Vielseitigkeit, die er selbst innerhalb einzelner Spielsituationen zur Schau stellten konnte, bewegte sich di Stefano einfach auf einem Level über dem Rest. Ihn hätte man wahrscheinlich auf jeder einzelnen Feldposition einsetzen können, alle anderen königlichen Feldspieler nicht. Die Frankfurter natürlich auch nicht. Selbst Puskas, der in dieser Karrierephase mehr und mehr reiner Torjäger wurde, gingen di Stefanos Dynamik, Wendigkeit, Verbindungsspiel und vor allem Defensivstärke ab.

Die Nummer 9 vereinte noch in gehobenem Alter überzeugend mehrere Rollen – und trat ja auch als dreimaliger Torschütze in Erscheinung. Den Ausgleich im internen Duell mit Puskas verpasste “Don Alfredo” übrigens nur knapp, als er in den Schlussminuten den Pfosten traf. Schade eigentlich, er war schon jubelnd abgedreht.

Umarmung nach dem Spiel: Die Torgaranten di Stefano und Puskas. – Bild. X/SuperbFootyPictures

Fazit

Im heutigen Fußball wäre es auf diese Weise wohl weder sinnvoll noch richtig möglich. Doch Alfredo di Stefano war mindestens vier Spielertypen in einem, was er innerhalb eines Spiels selbst im Landesmeister-Finale eindrucksvoll zur Schau stellen konnte. Als die überdominante Figur zu lässig spielte, schlamperte die ganze Mannschaft, als diese in Rückstand geriet, traf di Stefano doppelt. Anschließend gab er ihr aus der Zentrale heraus wieder mehr Struktur und Kontrolle, als sie komfortabel führte und nachließ, ging er hinten wieder vehement dazwischen. Er, der Totalfußballer.

Im legendären Endspiel gegen Frankfurt, in dem er sich in Phasen zurücknahm, war nicht mal eine komplette “Masterclass” di Stefanos nötig – doch eigentlich war sein gesamter Auftritt genau das. Denn auch Pausen gehören zur Spielkunst dazu. Reals Ikone betrieb in ihrer Zeit augenscheinlich vielleicht nicht eine andere, aber zumindest eine weit fortgeschrittene Sportart durch ein Skillset, das dieser Zeit mindestens 20 Jahre voraus war. Und das mit knapp 34. Ohne jeden Zweifel einer der besten fünf Fußballer, die ich je gesehen habe.

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