Von den bisher sieben deutschen Nationalmannschaften, die einen großen Titel gewannen, fallen sie am ehesten ein wenig hinten runter: über die Europameister von 1980 – und Bernd Schuster.
Die Helden von Bern stehen natürlich über allem. 1974 war Franz Beckenbauer, Gerd Müller, das eigene Land – und eben auch eine WM. Für 1990, im Jahr der Wiedervereinigung besonders emotional, und 2014, was noch gar nicht lange her ist, gilt das ebenfalls.
So ähnlich verhält es sich mit den Europameistern von 1996, von denen auch fast jeder noch weiß, dass “der Star die Mannschaft” war – und die von 1972 hatten Günter Netzer, mit dem sie den womöglich besten Fußball aller deutscher Nationalmannschaften zelebrierten.
Und bei der EM 1980 … nun ja, testet euch doch selbst. Ich gehe mal ins Detail.
Der Umbruch
Die WM 1978 war für den DFB ein Tiefpunkt. Auf vier größtenteils starke Turniere, drei Finalteilnahmen und zwei Titel folgte in Argentinien das bittere Zwischenrunden-Aus gegen Österreich. Und damit einhergehend sowohl das Ende der “74er” um Sepp Maier, Berti Vogts, Heinz Flohe oder Bernd Hölzenbein als auch das der Ära Helmut Schön. Dessen Assistent Jupp Derwall übernahm als Bundestrainer – und wie.
Von den 15 Spielen zwischen WM 1978 und EM 1980 verlor die deutsche Nationalmannschaft kein einziges. Zwölf wurden sogar gewonnen, darunter die letzten zehn vor der Europameisterschaft in Italien. Das Team von Derwall, spürbar deutlich verjüngt, galt international als tendenziell heißester Titelkandidat – in einem Jahr, in dem der Hamburger SV als bessere Mannschaft das Landemeister-Finale verlor (gegen Nottingham Forest) und die Bundesliga im UEFA-Cup alle vier Halbfinalisten stellte. Es lief.
Die Mannschaft
Betrachtet man Deutschlands Stammbesetzung bei der EM 1980, denkt man sich: Klar, das sind Nationalspieler. Doch spätere Granden wie Toni Schumacher (26, drei Länderspiele), Karlheinz Förster (21, drei Länderspiele), Uli Stielike (25, zehn Länderspiele), Hans-Peter Briegel (24, vier Länderspiele), Bernd Schuster (20, sieben Länderspiele), Hansi Müller (22, 17 Länderspiele), Klaus Allofs (23, elf Länderspiele), Karl-Heinz Rummenigge (24, 31 Länderspiele) oder Horst Hrubesch (29, zwei Länderspiele) waren vor dem Turnier noch ziemlich jung und/oder mit dem Adler auf der Brust unerfahren gewesen. Die EM 1980 besiegelte einen Generationswechsel.
Kapitän von Deutschlands bis dato jüngster Turnier-Elf war Duisburgs erfahrener Linksverteidiger Bernard “Ennatz” Dietz (32).
In Teilen entstand der Umbruch verletzungsbedingt. Schumacher wurde nur zur Nummer 1, weil Norbert Nigbur verletzt ausgefallen war. Im Mittelfeld musste Anführer Rainer Bonhof ebenso ersetzt werden wie im Angriffszentrum der etatmäßige Mittelstürmer Klaus Fischer. Derwalls Mannschaft war 1980 erst dabei, sich zu finden.

Im vorsichtig angegangenen Auftaktspiel gegen Europameister Tschechoslowakei wich Derwall von seiner üblichen Formation mit drei Spitzen ab, was Deutschlands Durchschlagskraft merklich hemmte – ebenso wie der formschwache Libero Bernd Cullmann (30 Jahre alt). Weil es trotz des 1:0-Sieges einiges an Verbesserungsbedarf gab – Karl-Heinz Heimann hatte im “kicker” “ein Spiel ohne jede Ordnung” erkannt -, tauschte der Bundestrainer für das zweite Gruppenspiel gegen die Niederlande dreimal aus. Derwall fand in Libero Uli Stielike, Gestalter Bernd Schuster und Mittelstürmer Horst Hrubesch die so oft benötigte Achse.

Eine taktische Formation abzubilden, das ist für die Europameister von 1980 aus heutiger Sicht gar nicht so leicht. Defensiv schon mal gar nicht, weil das ziemlich klare Konzept eine klassische Manndeckung mit Libero war. Offensiv war eine eindeutige Struktur mangels des gegnerischen Angriffspressings eigentlich nur im Sturm zu erkennen, aber selbst dort wurde rochiert. Hansi Müller tauchte als Zehner mit vielen Freiheiten mal hier, mal da auf, die Außenverteidiger Dietz und Manfred Kaltz rochierten je nach Spielfelddrittel mit den Mittelfeldspielern Briegel und Schuster. Speziell links war eine Aufgabenteilung festzustellen: Defensiv agierte Briegel zentraler, Dietz mehr auf der Außenbahn – aber offensiv besetzte die “Walz aus der Pfalz” den Flügel, während der zurückhaltende Kapitän im Turnierverlauf mehr und mehr einrückte.
Die Herangehensweise waren stilistisch wechselnde Angriffe sowohl organisiert über die Flügel als auch mit Tempo durch die Mitte, wo Rummenigges Tempo Möglichkeiten bot. Ansonsten flankten Dietz, Müller oder vor allem Kaltz aus dem Halbfeld und von außen. Die Hamburger Kombination Kaltz/Hrubesch stellte oft eine Gefahr und ab und an sogar Deutschlands “Route 1” dar.
Eine der größten Stärken dieses talentierten DFB-Teams war seine Vielseitigkeit, der Kader deckte eigentlich alle Spielerprofile ab. Darüber hinaus brachten nahezu alle Spieler eine beachtliche Dynamik und auch den Willen im Spiel gegen den Ball mit, diese beiden Attribute schafften eine starke defensive Grundlage. Offensiv spielte Deutschland sehr aktiv und stets nach vorne, was allerdings direkt mit der größten Schwäche der Mannschaft verknüpft war: Die Deutschen konnten kaum vernünftig quer spielen, geschweige denn verwalten. Sowohl schreibende Journalisten als auch die Kommentatoren warnten wiederholt davor und pochten darauf, das erst gar nicht zu versuchen.
Weil Derwalls Mannen den Vorwärtsgang aber nicht permanent eingelegt haben konnten, stellte es sich als unmöglich heraus, ein Spiel über 90 Minuten konsequent durchzuspielen. Sowohl gegen die Tschechoslowakei und gegen die Niederlande in der Gruppe als auch im Endspiel gegen Belgien wurde Deutschland gegen Spielende wahnsinnig passiv und nachlässig, wodurch aus dem 3:0 gegen Oranje noch ein 3:2 wurde und die Belgier im Endspiel hinten raus eigentlich näher dran waren. Außerdem tat sich Deutschlands Offensive gegen ungewohnte Raumdeckungen schwer, während die eigene Defensive zwar in den besonders heißen Zonen gut am Mann war, aber viele gefährliche Schüsse aus rund 16 bis 20 Metern zuließ. Da war Schumacher gefordert.
Sowohl mit dem Ball als auch dagegen war im Turnierverlauf eine gewisse Abhängigkeit von einem vorangehenden Fädenzieher erkennbar – in diesem Fall vom 20 Jahre jungen Schuster.
Das Turnier
An der Endrunde der EM 1980 nahmen erstmals acht Nationen teil. Sie bildeten zwei Gruppen, das Finale erreichten die beiden Gruppensieger. Patzen verboten also. Deutschlands vier Turnierspiele lassen sich dabei ziemlich klar in zwei Kategorien einteilen: langweilig und wenig aussagekräftig – und rasant und bedeutsam. Die zweite Kategorie beinhaltete übrigens die beiden Spiele, in denen Schuster mitwirkte.
Der Auftakt gegen die Tschechoslowakei war tatsächlich ein zäher Langweiler. Deutschland wollte zwar, fremdelte aber mit der abgeänderten Zwei-Stürmer-Formation und agierte in der Zentrale ohne klare Führung. Der Titelverteidiger hingegen wollte bloß nicht verlieren und unterlag den Deutschen nach einem Kopfball-Tor Rummenigges mit 0:1. In der Schlussphase war das DFB-Team allerdings in Passivität verfallen und hatte sich einlullen lassen, wenig überzeugend ging es aber gut.
Gegen Nachbar Niederlande stellte Derwall sowohl personell als auch formativ entscheidend um. Deutschland hatte das Spiel größtenteils im Griff, ließ gegen offensiv überschaubare Niederländer wenig zu und ging, angeführt von dreimal Schuster, durch dreimal Allofs mit 3:0 in Führung – um noch 3:2 zu spielen. Erneut hatten die Deutschen die Konzentration verloren. Der eingewechselte 19 Jahre junge Lothar Matthäus verursachte dabei einen Elfmeter, obwohl das Foul eindeutig außerhalb des Strafraums stattgefunden hatte. Ansonsten spielte der dynamische Gladbacher gut. Der zweite Gegentreffer war dann wenig überraschend ein platzierter Fernschuss, dennoch war der Sieg am Ende verdient.
Schon vor dem Spiel gegen den dritten Gruppengegner Griechenland war klar, dass Deutschland im Finale stehen würde. Gegen die unangenehm zu bespielenden Griechen – manche Spieler schonte Derwall auch – folgte daraufhin keine fußballerische Offenbarung – 0:0.
Das Finale gegen Belgien begann wie die meisten Deutschland-Spiele in dieser Zeit: mit einem aktiveren DFB-Team. Die Deutschen waren auch für die berüchtigte belgische Abseitsfalle gewappnet, hatten dafür extra gegenläufige Bewegungen im Angriff und lange Diagonalbälle trainiert. Schon nach zehn Minuten führte Deutschland bei heißen Temperaturen dank eines Impulses von Schuster, der belgische Schlussmann Jean-Marie Pfaff machte gegen Hrubeschs Fernschuss aber auch nicht die beste Figur.
Belgien hatte Tempo und gefährliche Umschaltmomente, kurz nach dem 1:0 hätte es wegen eines Schuster-Fehlers beinahe auch auf der Gegenseite geklingelt. Rummenigge ließ kurz vor der Pause die Großchance zum 2:0 liegen, kurz danach verletzte sich Briegel, den Cullmann ersetzte. Fortan agierte Deutschland wieder etwas fahrig, Belgien kam – auch zum Ausgleich. Durch einen Elfmeter, bei dem sich das Vergehen erneut außerhalb des Sechzehners zugetragen hatte. In den Schlussminuten waren stürmische Belgier dem Sieg dann tatsächlich näher, doch eine Ecke kurz vor Ende der regulären Spielzeit brachte den deutschen Sieg. Wenige Minuten zuvor hätte Schuster zum ganz großen Helden werden können, er scheiterte aber freistehend an Pfaff.
In England und Gastgeber Italien, die sich in der belgischen Gruppe nicht hatten durchsetzen können, war Deutschland zwei der stärksten Turniergegner aus dem Weg gegangen.
Die Protagonisten
Die EM 1980 verschaffte der Torhüter-Nation Deutschland eine neue Nummer 1: Toni Schumacher etablierte sich als verlässlicher Platzhirsch, dessen kurze Zündschnur bereits im Gruppenspiel gegen die Niederlande deutlich offenbart wurde. Die leichte Provozierbarkeit und sein folgendes Gebaren lieferten quasi schon einen Ausblick auf die Steigerung im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich – mit der schlimmen Eskalation gegen Patrick Battiston. Dennoch ein Weltklasse-Keeper mit unglaublichen Reflexen.
Zur internationalen Neuentdeckung wurde in Italien auch Hans-Peter Briegel, der wie kein anderer für Deutschlands 80er-Jahre-Fußballer stand: Sehr körperlich, enorm dynamisch – und fußballerisch eine ganze Ecke unterschätzt. Der Pfälzer glänzte auch durch dribbelnde Vorstöße, Flügelläufe und scharfe Flanken. Unterm Strich ein sehr kompletter Fußballer, der mit etwas Feinschliff auch in der heutigen Zeit einsetzbar wäre.
Star der “Spiele” 1980 war der 20 Jahre junge Spielmacher Bernd Schuster. Was man sich erzählt, das stimmte größtenteils. Auch wenn Schuster bei der EM nur gegen die Niederlande und im Finale gegen Belgien zum Einsatz kam – im Auftaktspiel gegen die Tschechoslowakei hatte Derwall dem Kölner wegen mangelnden Eifers eine Denkpause gegeben -, wurde er zur prägenden Figur. Weil er das Spiel seiner Mannschaft wie kein anderer beeinflusste. Die Deutschen brachten in puncto Vielseitigkeit enorm viel mit, es fehlte allerdings einer, bei dem all diese Ansätze zusammenliefen. Schuster, der sich gemäß eigentlich aller Spielmacher seiner Zeit nur phasenweise richtig ins Spiel einbrachte, war “Ausbalancierer” und spielerisches Bindeglied – sowie Ausgangspunkt fast aller Tore. Allofs’ Dreierpack gegen die Elftal bereitete Schuster vollständig ebenso vor wie mustergültig Hrubeschs Führungstreffer im Endspiel.
Karl-Heinz Rummenigge hatte im Sommer 1980 gerade eine Leistungsexplosion und seine erste Weltklasse-Saison hinter sich. Europas nun bester Stürmer zeigte im Turnierverlauf immer wieder seine großartigen fußballerischen Anlagen, speziell sein Tempo wurde vom enttäuschenden Spielmacher Hansi Müller allerdings viel zu selten eingesetzt. Für den jungen Stuttgarter Müller hätte die EM 1980 das Durchbruch-Turnier werden sollen, stattdessen lief ihm Schuster den Rang ab.
Um Torschützenkönig eines Wettbewerbs zu werden, an dem lediglich acht Nationen teilnahmen, konnte schon ein einziges Spiel reichen – fragt nach bei Klaus Allofs und der EM 1980. Der Düsseldorfer schoss alle drei Treffer gegen die Niederlande, spielte ansonsten aber ein eher unauffälliges und durchwachsenes Turnier. Deutschlands Stürmer dieser EM wurde schließlich Spätzünder Horst Hrubesch, der als mitarbeitende und klassische Nummer 9 seine ersten beiden Länderspiel-Tore im Finale schoss. Wie bei Schuster, wenn auch aus anderen Gründen, sollte auch Hrubeschs Nationalmannschafts-Karriere nach 1980 nicht mehr allzu lange andauern, die EM machte ihn auch in der Folge aber zu einer verlässlichen Option.
Und sonst so?
Während sich andere Spielerfrauen das nicht erlauben konnten – oder wollten -, wurde Gaby Schuster zur Partie gegen die Niederlande ins DFB-Lager eingeflogen. Es sollte aber von Nutzen sein: Vor ihren Augen machte Gatte Bernd sein womöglich bestes Länderspiel.
Rückhalt Schumacher spielte das EM-Finale mit gebrochener Mittelhand, was er DFB-intern für sich behielt – aus Angst, das Endspiel ansonsten zu verpassen. Einen extra angefertigten Spezial-Torwart-Handschuh ließ sich Schumacher von Hersteller Reusch aus Reutlingen einfliegen, der Arzt seines Vertrauens reiste ebenfalls heimlich aus Köln an. Das Versteckspiel blieb weitgehend unbemerkt und ging am Ende gut.
Zu den bekannteren Geschichten des Endspiels zählt der Satz, den Rummenigge vor seinem Eckball zu Hrubeschs Siegtor den Kameramännern zugerufen haben will. Dass sie doch bitte auf Hrubesch halten sollen, weil der nun gleich das 2:1 köpfen würde. Wie die TV-Bilder beweisen, kann das bei dieser relativ schnell ausgeführten Ecke in den Schlussminuten allerdings nicht passiert sein. Vielleicht ja bei einem vorangegangenen Eckstoß.
Dietz, laut Hrubesch wichtig für die Atmosphäre im Team, war lange Zeit Deutschlands einziger Weltmeister- oder Europameister-Kapitän, der vom DFB nicht zum Ehrenspielführer ernannt wurde. Selbst Philipp Lahm wurde diese Ehre vorher zuteil. Im November 2025 ist der Verband dieser Notwendigkeit schließlich nachgekommen.

Was danach geschah
Deutschlands eindrucksvolle Ungeschlagen-Serie endete erst Anfang 1981 bei der “Mundialito” gegen Argentinien und Brasilien. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit war anschließend zwar dahin, das DFB-Team vor der WM 1982 aber trotzdem einer der Top-Favoriten. In Spanien erreichten die Deutschen dann ebenso das WM-Finale wie vier Jahre später in Mexiko – und doch bezeichnet Toni Schumacher seine Nationalspieler-Generation in der Rückschau als “uneingelöstes Versprechen”. Okay, der WM-Titel fehlte, aber ein EM-Titel und zwei WM-Endspiele?
Tatsächlich war gefühlt, obwohl andere Nationen sicherlich spielstärker waren, sogar noch mehr drin. Die “Super-Atmosphäre” von 1980, wie Karlheinz Förster meinte, wurde durch die Rückkehr Paul Breitners 1981 jedoch zerstört: “Wir waren nicht glücklich, als Breitner zurückkam.” 1982 war die Mannschaft undiszipliniert und in Grüppchen unterteilt, 1986 – dann auch ohne Breitner – schließlich sogar regelrecht zerstritten.
Breitners Rückkehr, die durch persönliche Animositäten teilweise für das DFB-Aus Bernd Schusters sorgte, machte sich auch sportlich nur bedingt bezahlt. Der Münchner hatte zwar alle Fähigkeiten der Welt und konnte die Schuster-Rolle zumindest 1982 übernehmen, er tat das aber nur bedingt. Erst Recht in Richtung Endprodukt.
Die deutsche Nationalmannschaft der 1980er Jahre war durch ihr verlässlich gutes Abschneiden wirklich aller Ehren wert, wäre mit dem Mittelfeld-Duo Schuster und Matthäus aber womöglich noch stärker gewesen. Zumindest bis zur EM 1988, ehe Matthäus durch seinen Wechsel nach Mailand selbst zum zentral gestaltenden Platzhirsch wurde. Ob es gerade mit Schuster dann vor allem 1986 mit dem WM-Titel geklappt hätte, worauf viele deutsche Fußballfans aus dieser Zeit schwören? Ich bleibe skeptisch, schätze die Chancen aber definitiv nicht schlechter ein. Dafür war der streitbare Spielmacher für die Wirksamkeit dieser Auswahl einfach zu essenziell.
