Auf dem Höhepunkt aufzuhören kann genial sein, auf dem Höhepunkt aufhören zu müssen jedoch ein Tränenmeer. Über Marco van Basten und die Tore, die wir gesehen haben.
Manchmal lässt uns die Intuition, der im Fußball ja so vieles entspringt, glauben, dass es Namen gibt, mit denen man einfach kein großer Fußballer werden kann. Natürlich gibt es auch solche, mit denen eine Weltkarriere fast schon unvermeidlich erscheint. Ob auch Marcel van Basten dreimal den Ballon d’Or gewonnen hätte? Es hat auf jeden Fall nicht geschadet, dass seine Oma den Bub einfach immer Marco rief.
Dieser unmögliche Fußball, gelegentlich scheint er geradezu einem Skript zu folgen. Eine Schnulze des Sports, dass der kleine Marco eigentlich Turner werden will. Weil ihm deren Eleganz so imponiert. Bis er im Alter von sechs Jahren dann Johan Cruyff und Ajax Amsterdam erstmals ganz groß triumphieren sieht, auf eine kaum minder elegante Weise. Rasenballett in Stollenschuhen, die Leidenschaft ist abgelöst.
Zur kindlichen Freude mischt sich irgendwann Ehrgeiz. Natürlich auch jede Menge Talent. Das Hobby wird zum Traum, der Traum später zum Ziel. Und van Basten beim Debüt im Ajax-Trikot, im Alter von 17 Jahren, ausgerechnet für den großen Cruyff eingewechselt. Ein paar Minuten später schießt er sein erstes Tor. Alles im Kasten.
Der Aufstieg erscheint vorherbestimmt, vor dem Torjäger mit dem Milchgesicht fügt sich Schritt um Schritt. Auf der Mittelstürmerposition blockiert bei Ajax eigentlich der zwei Jahre ältere Wim Kieft den Weg, in Marcos erster Saison wird der Platzhirsch als bester Torjäger Europas mit dem “goldenen Schuh” ausgezeichnet. Doch nur ein Jahr später zieht es Kieft in die Serie A, in die damals beste Liga der Welt, für Kieft rückblickend zu früh. In Amsterdam ist der Weg nun frei – für einen schlaksigen Jungen, der seinen Vorgänger schnell vergessen macht.
Die nächsten vier Jahre fühlen sich an wie ein Fiebertraum, in den Niederlanden wächst ein Monster heran. Ein schönes Monster. Der “Schwan von Utrecht” dribbelt, gleitet, tänzelt über den Rasen, wie es ein 1,90 Meter langer Mittelstürmer eigentlich gar nicht können dürfte, und lässt es in 112 Ligaspielen nebenbei 118 Tore regnen. Tore aller Art. Satte Fernschüsse, Sololäufe, Finten am Torhüter vorbei, ein einmaliger Fallrückzieher. Alles dabei. Ab 1986 hat die Eleganz eines Turners, die van Basten dabei ausstrahlt, aber auch einen traurigen Grund.
Mit gerade 22 verletzt sich einer der besten Stürmer Europas in einer Allerweltszene, doch die Ärzte erkennen die gerissenen Bänder nicht. Van Basten hat fortan Schmerzen, spielt aber weiter. Weil die Ärzte Cruyff, der nun sein Trainer ist, grünes Licht geben, weil er den Schmerzen auch aus eigenem Ehrgeiz trotzt. Sein Körper nutzt sich folgenschwer ab, eigentlich ohne Not. “Bis dahin hatte ich mich beim Dribbeln weiter nach vorne geneigt, wie es Cruyff oder Pelé taten”, erzählt van Basten später. “Danach musste ich aufrechter spielen, um mich dem Knöchel anzupassen.” Seine Körperhaltung macht den Überflieger nur noch spezieller.
Silvio Berlusconi kann nicht widerstehen. Als der italienische Medienmogul 1986 sein Projekt beginnt, die AC Mailand wieder zum größten Namen Europas zu machen, ist van Basten schon ein Jahr später an Bord – gemeinsam mit Landsmann Ruud Gullit, der aus Eindhoven kommt. Unter Trainer Arrigo Sacchi, einem detailversessenen Schuhverkäufer, der nie ein großer Spieler gewesen war, wird Milan auf ganz unitalienische Weise zu Italiens Übermacht. Zu einer revolutionär kompakten und wie verrückt pressenden Flutwelle mit unverschämt guten Einzelspielern.
Gleich im ersten Anlauf holt die AC mit dieser Symbiose nach acht Jahren wieder den Scudetto, doch der Schwan von Utrecht ist dabei nur Randfigur. Der kaputte Knöchel zwingt ihn monatelang zum Zuschauen, erst zur EM 1988 in Deutschland wird er wieder richtig fit. Nach einer Pause, die sich im Nachhinein als Segen offenbart, schießt van Basten drei Tore gegen England, das Siegtor im Halbfinale gegen die Deutschen und im Finale gegen die Sowjetunion einen Treffer, wie nur er ihn schießen konnte. Volley aus unmöglichem Winkel. Kennt wahrscheinlich jeder. Das Ergebnis ist der nach wie vor einzige große niederländische Titel, ein Jahr nach Gullit auch Marcos erster Ballon d’Or. Van Basten, 24, ist der beste Stürmer der Welt.
Die tägliche Arbeit mit Sacchi macht ihn nur noch besser. Das Verhältnis ist schwierig, der Schwan benötigt Samthandschuhe, dann aber ackert er wie alle anderen auch, führt die Pressingmaschine an. 1988/89 fegen Baresi, Maldini, Rijkaard, Ancelotti, Donadoni, Gullit und van Basten durch Europa. Im Halbfinale des Landesmeister-Pokals überfahren sie Real Madrid mit 5:0, das Endspiel gegen Steaua Bukarest endet 4:0 – und die “L’Equipe” schreibt, dass der Fußball “nie wieder der gleiche sein wird”. Der Unterschiedsspieler in diesem Ensemble, in der für einige besten Vereinsmannschaft überhaupt, spielt ganz vorne. Van Basten schießt – nicht nur natürlich, aber vor allem – die Tore. In seinen neun Auftritten bis zum Henkelpott gleich zehn Stück. Im Finale zwei. Klar.
Jetzt ist der Schwan ganz oben. Ein zweiter Ballon d’Or bestätigt das. Van Basten ist Europas Antwort auf Diego Maradona. “Er hat alle Qualitäten eines perfekten Stürmers”, muss Gheorghe Hagi anerkennen, Marcel Desailly sieht van Basten “auf eine Million unterschiedliche Weisen Tore schießen”. “Seine Art zu spielen ist zeitlos”, fasst Paolo Maldini zusammen, Franco Baresi versichert, dass sein Mitspieler dabei noch nicht einmal schwitzt.
1990 wird van Basten in der besten Liga der Welt Torschützenkönig, verteidigt mit Milan außerdem den Henkelpott. Das Siegtor im Finale schießt er diesmal nicht, er legt es Rijkaard aber mustergültig auf. Inzwischen tun Mittelstürmer sowas. Einer zumindest. Dann geht wieder die Warnleuchte an. Nach all den Hochs, es reibt am Knöchel, stößt der Schwan wieder mal an seine Grenzen. Offensichtlich überspielt, formschwach und schlicht enttäuschend verläuft im Sommer 1990 seine erste und tatsächlich einzige WM in Italien, im Achtelfinale ist für den Europameister Endstation. Auch die folgende Vereinssaison läuft ernüchternder als sonst, weil Sacchi mit seinem Plan A und mit seiner Engstirnigkeit gerade beim Sensibelchen aus Utrecht ab einem gewissen Punkt ausgedient hat. Eine Meisterschaft folgt nach 1988 nicht mehr, 1991 ist die außergewöhnliche Reise zu Ende. Nicht für van Basten.
Auf Sacchi folgt Fabio Capello, pragmatischer als sein Vorgänger. Nichts, was seine Nummer 9 nicht auch kann. Die Torzahlen explodieren wieder, Milan wird Meister, Ballon d’Or Nummer drei. Feiner Chip hier, eleganter Fallrückzieher da. Im besten Fußballeralter, rund um seinen 28. Geburtstag, pflügt van Basten auch durch die Saison 1992/93, die erste mit der Champions League. Die Rossoneri holen erneut den Scudetto und stürmen bis ins CL-Finale, zunächst mit der besten van-Basten-Quote seit Ajax-Tagen. Fabelzahlen in Europas Eliteligen, besser war er vielleicht nie. Bis diese Form Mitte Dezember, in einem Ligaspiel gegen Ancona, ein jähes Ende ereilt. Die nächste Knöchelverletzung. Schwer. Und fatal, wie sich herausstellen wird.
Ein halbes Jahr muss van Basten wieder zuschauen, erst Richtung Saisonfinale ist er endlich einsetzbereit. Er spielt das allererste CL-Finale, in München gegen Marseille (0:1), ist aber noch nicht wieder ganz er selbst – und wird es auch nie wieder sein. Es ist, und das ahnt an diesem 26. Mai 1993 noch keiner, der letzte Auftritt einer Traumkarriere, die viel zu früh endet. Deren zweite Hälfte eigentlich noch aussteht.
Nach dem Endspiel, der Weltfußballer hatte wieder einen abbekommen, folgen weitere Operationen. Sie misslingen. Von Pfusch ist die Rede. Sie zwingen van Basten unerträglich lange zu Geduld. Zu Hoffnung, die jedoch mehr und mehr schwindet. Der Plan, die WM 1994 irgendwie spielen zu können, muss verworfen werden. Die nächste Meisterschaft, Milans ersten Triumph in der Champions League, das alles erlebt er nur als Zuschauer. Die Tore, die doch eigentlich er geschossen hätte, schießen andere. Während er Gefangener ist im eigenen Körper. Auch in der nächsten Saison. Das Warten endet erst im August 1995. Aber nicht wie erhofft.
Mehr als zwei Jahre nach seinem letzten Spiel, er ist immer noch erst 30, verabschiedet sich Milan, nein, der Fußball von Marco van Basten. Unter dem Beifall Zigtausender läuft er noch einmal ein ins San Siro, aber in zivil. Es ist ein großer Abschied, ein wahnsinnig trauriger Abschied, der während einer Ehrenrunde selbst dem harten Pragmatiker Capello die Tränen in die Augen treibt. Weil “San Marco” doch noch so viel zu geben hatte.
Zu geben – und zu bekommen – versucht dieser später auch als Trainer, als der er an seine Höhen als Spieler zwar nicht anknüpfen kann, als der er sich aber mit Sacchi versöhnt. Bei einem Treffen räumt van Basten beiläufig ein, inzwischen verstehen zu können, was für Probleme er seinem Förderer einst bereitet haben muss. “Marco, du hast aber auch viele für mich gelöst”, entgegnet Sacchi. Und lächelt.
