In den 1990er Jahren dominierten Glasgows Rangers nicht nur den schottischen Fußball, finanziell beflügelt mischten sie auch europäisch ganz oben mit. Beinahe mit historischen Folgen.
Mindestens 30 Grad, strahlender Sonnenschein, die italienische Riviera. Es ist eine wunderbare Zeit auf dem eigenen Boot, das Goldkettchen schimmert lässig auf der braun gebrannten Haut.
Wir schreiben den Sommer 1985, Mitspieler und Kumpel Trevor Francis ist auch dabei, Graeme Souness geht es prächtig. Liverpools gefürchteter Haudegen, der “nebenbei”, inzwischen oft vergessen, noch ein grandioser Fußballer war, schwenkt bei Sampdoria Genua gerade von “Abenteuer Ausland” auf “allmählicher Ausklang”. Besser könnte das Leben kaum sein.
Hunderte Kilometer weiter nördlich, im verregneten Schottland, ist es zur selben Zeit auch nicht so schlecht. Zumindest für die meisten Fußballfans. Allgemein würde man die schottische Liga nicht verdächtigen, ein Quell der Überraschungen zu sein, doch Mitte der 1980er Jahre ist das so. 1983 war Dundee United Meister geworden, 1985 hatte der FC Aberdeen, trainiert von einem gewissen Alex Ferguson, seinen Titel dann sogar verteidigt. In Glasgow schauten sie ziemlich verdutzt.
Ganz besonders doof blickten sie im protestantischen Teil der Stadt drein, bei den Rangers. Celtic hatte zumindest 1981 und 1982 triumphiert, würde auch 1986 wieder den Weg an die Spitze finden. Beim Erzrivalen hingegen lief es wirklich miserabel.
Rangers-Direktor David Holmes war noch gar nicht lange im Amt, bewies aber die nötige Konsequenz. Er setzte die vergeblich zurückgekehrte Trainer-Legende Jock Wallace vor die Tür – und rief in Genua bei Graeme Souness an. Die Schnapsidee: den alternden schottischen Weltklasse-Antreiber, der nie in seiner Heimat gespielt hatte, als Spielertrainer zu gewinnen, was es bei den Rangers bis dato nie gegeben hatte.
Der damals 33-Jährige lässt sich tatsächlich darauf ein.

Auch Souness hat einen gewieften Plan, der vortrefflich funktioniert. Während der Heißsporn als Spieler schon bei seinem Debüt für die Rangers die rote Karte sieht und solche Probleme fortan häufiger hat, lockt er als Verantwortlicher gezielt Engländer an. Denn englische Vereine waren nach der Heysel-Katastrophe 1985 noch bis 1990 von europäischen Wettbewerben ausgeschlossen, was für schottische Klubs natürlich nicht galt.
Souness startet mit einem Coup wie eine Statement-Grätsche: Gleich im ersten Sommer, nach der WM 1986, wechselt Terry Butcher nach Glasgow, der Abwehrchef und Kapitän der englischen Nationalmannschaft. Obwohl auch Tottenham und Manchester United interessiert gewesen waren. Alle Achtung.
Die Dinge laufen den Rangers rein. Nach Butcher kommen auch noch Ray Wilkins, Gary Stevens, Trevor Steven oder Torhüter Chris Woods, bald schon würden sie am Ende jedes Trainings “England gegen Schottland” spielen. Noch wichtiger aber: Ferguson verlässt Aberdeen gen ManUnited, während es Co-Trainer Walter Smith, leidenschaftlicher Anhänger der “Gers”, als Souness’ rechte Hand aus Dundee nach Glasgow zieht.
Das Aufbegehren des “New Firm”, zwischen Aberdeen und Dundee, ist wenig später Geschichte. Gleich im ersten Jahr werden die Rangers endlich wieder Meister.
Einige Verletzungsprobleme bei den Gers sowie die Rückholaktion von Billy McNeill, dem Kapitän der “Lisbon Lions”, bescheren in der Folgesaison dann zwar wieder Celtic den Platz an der Sonne. Die entscheidenden Weichen werden in diesem Sommer 1988 aber beim Vizemeister gestellt: Souness hat privat einen guten Draht zum wohlhabenden Stahlunternehmer David E. Murray, der sich damals eigentlich einen anderen, kleinen Fußballklub aneignen will. Durch die Einflussnahme ihres Spielertrainers kauft er stattdessen die Rangers.

Der Geldbeutel wiegt nun ein bisschen mehr, die Gers kämpfen aber tapfer dagegen an. Mark Hateley kommt aus Monaco als Sturmpartner für “Super Ally” McCoist, aus Frankreich holt man zudem den Schotten Mo Johnston. Den katholischen Schotten und ehemaligen Celtic-Spieler Mo Johnston, muss man dazusagen, der eigentlich vor einer Rückkehr zu den “Hoops” gestanden hatte. Das sorgt durchaus für einen stattlichen Skandal, Souness hatte mit einem über 100 Jahre alten ungeschriebenen Gesetz gebrochen.
Ein Katholik bei den Rangers, Sachen gibt’s. Negativ-Schlagzeilen schreibt Souness allerdings auf viele Weisen. Er kassiert Sperren, legt sich eigentlich mit allem und jedem an. Ein wilder Ritt, aber einer auf der Erfolgswelle. 1989 werden die Gers gleich wieder Meister, 1990 auch. Im April 1991 packt Souness dann auf einmal die Koffer.
Ob seiner zahlreichen Problemchen war er in Glasgow längst “weit davon entfernt, mich wohlzufühlen”, und in Liverpool hatte soeben Erfolgstrainer Kenny Dalglish unerwartet hingeworfen. Diese Chance lässt sich Souness nicht nehmen – auch wenn er sie ziemlich in den Sand setzen würde.
Die Rangers gewinnen weiter. Auch die Meisterschaft 1991, unter dem zum Chefcoach beförderten Smith. Der Titel 1992 bedeutet dann einerseits schon “4-in-a-row”. Und andererseits die Teilnahme an der allerersten Champions-League-Saison. Der Modus ist 1992/93 noch relativ verschachtelt: weiterhin nur die nationalen Meister, aber erst einmal zwei Qualifikationsrunden, dann zwei Vierergruppen – und deren Sieger erreichen das Finale. Gar nicht mal so leicht.
Die Dänen aus Lyngby sind noch kein Problem, erste Runde überstanden. Aber dann wird es brisant. Der schottische gegen den englischen Meister, die Rangers gegen Leeds United. Ein “Battle of Britain”, Prestige ohne Ende. 2025 könnte man sich einen Triumph des schottischen Champions über den englischen wohl nicht mehr vorstellen, doch 1992 sind die Gers für die Whites um Eric Cantona zu stark. Supertalent Ian Durrant findet nach seiner schweren Verletzung langsam, aber sicher wieder zu Topform, die Siegtore schießt natürlich McCoist. Zweimal 2:1. Die Super-Rangers.
In ihrer Vierergruppe verlieren sie dann zwar nicht, aber sie gewinnen auch zu selten. Zwei Siege, vier Unentschieden. Ergibt am Ende Platz zwei, nur einen Punkt hinter Olympique Marseille, das wegen seiner Bestechungsvorwürfe den Meistertitel desselben Jahres abgeben muss. In der Königsklasse aber werden und bleiben die Franzosen bis heute der erste Sieger überhaupt, was speziell in Glasgow natürlich nicht ohne faden Beigeschmack einhergeht.
Beinahe hätten Paolo Maldini, Marco van Basten und die AC Mailand im Premieren-Finale von München den Rangers gegenübergestanden. Das wäre ein Ding gewesen. Das Trostpflaster: Die Meister-Serie hält. Und Murray investiert weiter.
1994 kommt Brian Laudrup – und wird zum bis heute wohl umjubeltsten Ausländer, den die Gers je hatten. Ein Jahr später setzt die Verpflichtung von Paul Gascoigne noch mal einen drauf, Gazza spielt direkt die vielleicht beste Saison seiner Karriere. 8-in-a-row. Nur mit der Champions League will es nach dem ersten Anlauf nicht mehr so richtig funken.
1995/96 landet Glasgow in einer sogenannten Todesgruppe. Gegen den amtierenden und kommenden deutschen Meister Borussia Dortmund gibt es zweimal ein 2:2, gegen den späteren CL-Sieger Juventus Turin aber zwei derbe Niederlagen. Allmählich beginnt sich das Titelfenster zu schließen.
Nach dem neunten Meistertitel in Serie bieten die Gers im Sommer 1997 sogar noch um Barcelonas Weltfußballer Ronaldo mit, was dessen Berater einige Zeit später bestätigt. Verrückt. Doch schon bald klafft das internationale Gefälle als Konsequenz des Bosman-Urteils von 1995 und der immer kommerzielleren Champions League weiter und weiter auseinander. Irgendwann können auch die Rangers nicht mehr mithalten.
Für sie geht es jedoch erst mal nur um eines: 10-in-a-row. Mit dem neunten Triumph hatten die Gers bereits das Celtic des legendären Jock Stein eingeholt, zehn Meisterschaften in Serie hatte es aber selbst in Schottland noch nie gegeben. Laudrup ist noch da, McCoist ist noch da, Durrant ist noch da. Inzwischen sind auch Jörg Albertz oder der junge Gennaro Gattuso da.
Doch dann kommt Henrik Larsson – und macht Celtic wieder zum Meister. GAU abgewendet. Aus Sicht der Hoops.
Zehnmal hintereinander, das gestatten die schottischen Fußballgötter wohl einfach nicht. 2020/21 stand Celtic ja ein weiteres Mal kurz davor. Doch die Rangers hatten inzwischen wieder einen fantastischen Mittelfeldspieler des FC Liverpool an der Seitenlinie.
