1860 München: DIE SECHZIGER DER SECHZGER

Mitte der 1960er Jahre war der TSV 1860 aus München Deutschlands herausragende Vereinsmannschaft. Was ursprünglich dafür gesorgt hatte, leitete schon vor dem Höhepunkt des Erfolgs den tiefen Fall ein.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass Münchens Vorzeigeverein aus Giesing kam. Der Wiener Max Merkel hatte den TSV 1860 im Jahr 1961 mit seiner kauzigen Art übernommen, auch mit seinen mitunter kompromisslosen Trainingsmethoden. ‘Auf Vordermann gebracht’, wie man so schön sagt. Weil die Sechzger unter Merkel 1963 zumindest süddeutscher Meister werden, zählen sie zu den 16 Gründungsmitgliedern der nationalen Bundesliga, die wenige Monate später ihre ersten Schritte geht. Der FC Bayern muss da noch zuschauen.

Aus Amateuren werden plötzlich Profis, wenigstens rein formell. Mindestens zweimal am Tag Training sind vielerorts aber neu. Sechzigs erstes Bundesliga-Spiel, gegen Eintracht Braunschweig, steigt am 24. August 1963 im Stadion an der Grünwalder Straße, das erste Tor schießt in der 17. Spielminute der 22-jährige Rudi Brunnenmeier. Neben dem Torjäger zählt auch der jugoslawische Showman zwischen den Pfosten, Torwart Petar “Radi” Radenkovic, bereits zu Merkels Eleven, außerdem Antreiber Peter Grosser, der ausgerechnet vom FC Bayern gekommen war. Trotzdem ist das Gebilde noch zu instabil, der Debütantenball der Löwen endet 1:1.

Überraschend starken Auftritten stehen überraschend schwache gegenüber, hohe Siege – etwa ein 9:2 gegen den HSV – gibt es ebenso wie hohe Niederlagen. Der erste Erfolg lässt bis zum fünften Spieltag auf sich warten, ein 3:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern. Für Höhenflüge in der Bundesliga ist der TSV 1860 noch zu launisch, die Premieren-Saison endet auf Rang sieben. Im DFB-Pokal stürmen die Löwen allerdings bis ins Endspiel – für das sich Trainer Merkel etwas ausgedacht hatte.

Das Finale gegen Eintracht Frankfurt stieg in Stuttgart, bei bis zu 40 Grad Celsius. Eine mörderische Hitze. Weil sich die allerdings angebahnt hatte, informierte sich Merkel extra frühzeitig beim Wetteramt, um auf Nummer sicher zu gehen. Um schon Tage vorher anzureisen. Um seine Mannschaft in der Mittagssonne schon bei diesen Temperaturen trainieren zu lassen. Die Vorbereitung zahlt sich aus: Obwohl Sechzig durch eine frühe Verletzung Rudi Steiners quasi zu zehnt spielt – Auswechslungen gibt es noch nicht -, werden die Löwen mit fortlaufender Spieldauer immer stärker, während die Kondition der Frankfurter Adler spürbar nachlässt. Durch Tore von Wilfried Kohlars und Brunnenmeier gewinnt München mit 2:0.

Der Pokaltriumph macht Lust auf mehr. Zwar läuft es in der zweiten Bundesliga-Saison besser, weil stabiler, in der Rückrunde stehen die Löwen sogar mal ganz oben. Die Meisterschaft verhindert dann aber auch der Reiz des Europapokals. Auf dem Weg nach Wembley schaltet der TSV unter anderem den FC Porto und die damalige AC Turin aus, dann steht Sechzig – während sich Radenkovic (“Bin i Radi, bin i König”) auch musikalisch ausprobiert – als erste deutsche Mannschaft der Bundesliga-Ära in einem Europapokalfinale.

In Londons Fußball-Kathedrale geht es gegen West Ham United, einen Londoner Klub. Nichtsdestotrotz erntet der singende “Radi” für eine Glanzparade spontan Szenenapplaus, und auch sonst hält München in einem rasanten Finale mit. Ein Doppelschlag des Hammers-Rechtsaußen Alan Sealey Mitte der zweiten Hälfte besiegelt zwar einen verdienten Sieger, doch mit dieser Reise hatte sich der TSV 1860 auch international einen Namen gemacht. Autokorso und Rathausempfang folgen.

Zwölf Monate später kehrt man dorthin zurück. 1965/66 ist vor allem die Saison des Peter Grosser, der im Mittelfeld über sich hinauswächst. Als Torgarant Brunnenmeier eine schlechte Phase hat, nimmt Merkel diesem die Kapitänsbinde ab und gibt sie Grosser – ein Umschwung zum Guten. So auch zwei Wochen in der Rückrunde, in denen der Trainer wegen einer Gallenerkrankung ausfällt. Wodurch die Mannschaft endlich die Chance bekommt, auch mal durchzuschnaufen, zu regenerieren. Zuvor war das wegen Merkels übertriebenem Training gar nicht möglich gewesen.

“Dass wir Pokalsieger wurden und ins Europapokal-Finale einzogen, war auch Merkels Verdienst”, erzählte Grosser Jahre später. “Aber Meister sind wir trotz Merkel geworden.” Prunkstück ist neben der Fitness die Offensive, Sechzigs 80 Tore sind Bundesliga-Bestwert. Brunnenmeier, Grosser und Alfred “Fredi” Heiß treffen allesamt zweistellig, keiner ballert aber so wie Friedhelm “Timo” Konietzka (26 Tore in 33 Spielen), der vor der Saison von Borussia Dortmund gekommen war. Ausgerechnet bei Hauptkonkurrent BVB, der Wochen zuvor Deutschlands erster Europapokalsieger geworden war (EP der Pokalsieger), erobert der TSV 1860 am vorletzten Spieltag Platz eins – am letzten reicht ein 1:1 zu Hause gegen den HSV zum Titel. 20.000 Menschen finden sich trotz strömenden Regens zur Meisterfeier am Marienplatz ein. Zum fast schon letzten großen Hurra.

1966/67 gerät in Giesing endgültig alles ins Wanken. Die Spannungen mit Merkel werden immer größer, das “Skandalspiel” am 8. Spieltag gegen Dortmund ist der Mission Titelverteidigung nach schwachem Saisonstart auch nicht dienlich. Schiedsrichter Max Spinnler erkennt dem BVB nach Sechzig-Führung spät zwei äußerst umstrittene Tore an, die aggressiv protestierenden Manni Wagner und Konietzka werden zudem des Feldes verwiesen – und anschließend monatelang gesperrt.

So verpassen sie auch das Europapokal-Highlight gegen Real Madrid im Landesmeister-Cup – vor allem den 1:0-Sieg (Torschütze Hans Küppers) im Heimspiel. Womöglich der größte Moment der Vereinsgeschichte, fand zumindest Peter Grosser. Doch das Rückspiel in Madrid geht trotz Führung mit 1:3 verloren, und wenig später votieren fast alle Spieler aktiv gegen Trainer Merkel. Das Ende einer Ära. Vereinspräsident Adalbert Wetzel droht den Spielern noch mit Kündigung, versucht die Trennung auf diesem Wege zu verhindern. Doch sie bleiben standhaft – und behalten irgendwo Recht. Ohne Merkel steigert sich der Meister wieder und wird am Saisonende immerhin Vize.

Kurz darauf gastiert noch der große FC Santos um den noch größeren Pelé an der Grünwalder Straße – und siegt glücklich “nur” mit 5:4. Die letzten Momente der Löwen am Nabel der Fußballwelt. Ein Abstieg hatte längst Konturen angenommen.

Schlimmer wird es zunächst an der Spitze. Präsident Wetzel gibt die Leitung der Fußballabteilung an Werner Volkmar ab, der dem Verein einen finanziellen Bärendienst erweist – während es sportlich zu Beginn der Spielzeit 1967/68 vor allem deshalb nicht läuft, weil der neue Trainer Albert Sing eine absolute Fehlbesetzung ist. Sing, der während der WM 1954 zu Sepp Herbergers Trainerstab zählte, kommt mit mündigen Platzhirschen nicht klar und setzt auch deshalb im Übermaß auf die Jugend. Die umgebaute Vereinsführung hilft kräftig mit, indem sie teilweise ohne Not verlässliche Stammspieler ziehen lässt.

Erstmals landet der 1965 aufgestiegene FC Bayern vor dem TSV 1860, übrigens auch beim Zuschauerschnitt. Bald rumort es an allen Ecken und Enden. Ein 0:8 gegen den FC Liverpool im Messepokal ist nur als Blamage zu verstehen, da hilft es den Löwen auch nicht, dass die alten Baracken an der Grünwalder Straße neuen Kabinen gewichen waren. Nach Brunnenmeier, der spürbar nachgelassen hatte, und “Bubi” Bründl ist 1968/69 dann auch Küppers weg – unter die Ersatzleute mischen sich zu viele Fehlgriffe. Der junge Torjäger Klaus Fischer entpuppt sich beinahe als einzige Ausnahme.

Die Tabellenplätze zwölf und zehn untermauern, dass Deutschlands kurz zuvor wohl noch stärkster Klub einen freien Fall erlebt. Trainer folgt auf Trainer, keiner kann ansatzweise in Merkels Fußstapfen treten. 1969/70 wird die Meistermannschaft von einst weiter kontinuierlich abgebaut. Was der neue Präsident Franz Sackmann “Gesundschrumpfung” nennt, ist jedoch vielmehr ein wachsendes Geschwür. “Unser Abstieg ist die logische Konsequenz langjähriger Fehlplanungen des Vorstandes”, fasst Tormann Radenkovic später zusammen. Auf Warnungen aus der Mannschaft sei nie gehört worden.

Am 30. April 1970 herrscht Gewissheit. Keine fünf Jahre nach dem Europapokalfinale, keine vier nach der Meisterschaft und Real Madrid. Der TSV 1860 München war aus der Bundesliga abgestiegen. Als Trainer mit in den Unterging reitet ausgerechnet die österreichische Torjäger-Legende Franz “Bimbo” Binder. Auch er hatte nichts mehr retten können. Ebenso wenig Fischer, der sich gen Gelsenkirchen verabschiedet. Zum vorerst letzten Heimspiel gegen Rot-Weiss Essen finden sich nur noch 5000 Zuschauer ein.

Fast die kompletten 1970er verbringen die Löwen daraufhin in der Regionalliga – und in der 1974 gegründeten, noch zweigleisigen 2. Bundesliga, zu deren Gründungsmitgliedern sie ebenfalls zählen. Große Jahre mit gar internationalen Höhenflügen folgen diesmal jedoch nicht. Die folgen nie wieder.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert