“Dieser Pott ist mir wichtiger als alles andere”, tönte Stefan Effenberg in den Tagen vor dem Champions-League-Finale 2001, weil er gegen Ende des “FC Hollywood” gerade auch dafür geholt worden war und er mit den Bayern das Endspiel von 1999 so dramatisch verloren hatte. Wie er zwei Jahre später triumphierte.
Was war Effenbergs Rolle?
Die Bayern begannen das Endspiel in einer Art 3-4-3, woraus nach der Einwechslung von Carsten Jancker für Willy Sagnol ein 4-2-2-2 wurde. In beiden Fällen war Effenberg Teil eines Mittelfeld-Duos, das er über die volle Spielzeit mit dem jungen Owen Hargreaves bildete.
Der Kapitän sollte dabei als Spielmacher der alten Schule agieren, weshalb ihm Wasserträger Hargreaves einige Aufgaben abnahm. Der Jungspund lief deutlich mehr, holte sich den Ball öfter von hinten ab und verteilte ihn regelmäßiger, während Chef “Effe” für die vertikaleren, besonderen Momente zuständig war. Der damals 32-Jährige bot sich in den zentralen Räumen stets an, wurde von seinen Kollegen dort auch oft gesucht. Anschließend spielte Effenberg vor allem flache, aber auch hohe Steilpässe in den Strafraum, um den oder die Stürmer einzusetzen.
Dass er den Ball mal über größere Distanzen trieb oder selbst den Abschluss suchte, war die Ausnahme, dennoch ging Effenberg in einigen Situationen im Stile eines hängenden Stürmers weit mit in den Strafraum vor, um für Unruhe zu sorgen oder Bälle zu verlängern. Alles in allem spielte Effenberg ein mitunter kräfteschonendes Spiel der besonderen Momente, auch ohne den – gerade im Vergleich mit Hargreaves – ganz großen Aktionsradius.
Was war es für ein Spiel?
Die beiden besten Defensiven dieser Champions-League-Saison duellierten sich in einem Finale, das Bayern 1999 und Valencia 2000 verloren hatte. Stabilität und Vorsicht dominierten also zunächst, selbst wenn es schon in den ersten sechs Minuten zwei Strafstöße gab.
Weil die Spanier ihren durch Gaizka Mendieta verwandeln konnten, was Mehmet Scholl für München nicht gelang, entwickelte sich die Mannschaft von Ottmar Hitzfeld schon sehr früh zum geduldigen Aggressor. Valencia, das sein Heil fast ausschließlich in langen Bällen auf den langen Stürmer John Carew suchte, war ohnehin von Defensiv-Fanatiker Hector Cuper geprägt.
Seine beste Phase hatte das Finale von 2001, das vor dem Elfmeterschießen noch einen dritten Strafstoß bereithielt, den Effenberg zum Ausgleich verwandelte, just nach diesem 1:1 zu Beginn der zweiten Hälfte. Nun probierten mal beide Teams etwas, es ging relativ ansehnlich hin und her. Über weite Strecken rührte Valencia allerdings Beton an, den der FC Bayern nicht wirklich sauber knacken konnte, so kamen die 120 Minuten plus Nachschlag nicht von ungefähr. Die letzten 30 wurden zusätzlich noch durch den Umstand gelähmt, dass die “Golden Goal”-Regel galt.
Gerade für Bayern-Fans war es sicherlich ein enorm emotionales Finale, das durch die beiden frühen Elfmeter mit unterschiedlichem Ausgang erneut zu einem Drama zu werden drohte, ansonsten allerdings beileibe keines für Feinschmecker.
Gewann Bayern wegen Effenberg?
Das greifbare Zutun des Mannes für die besonderen Momente fand sich vor allem in diesen besonderen Momenten wieder. Frech bis clever holte Effenberg rasch nach dem Rückstand Bayerns ersten Elfmeter raus, kurz nach der Pause übernahm er Verantwortung – und verwandelte den zweiten. Im Elfmeterschießen, zuvor hatten drei Schützen in Folge verschossen, blieb der Kapitän als fünfter Münchner erneut sehr souverän. Viel entscheidender geht es nicht.
Rein fußballerisch war es am Ende einer langen Saison, in der die Bayern je beide Spiele gegen Manchester United und Real Madrid gewonnen hatten, keine Effenberg’sche Glanzleistung. Ab einem gewissen Punkt in der zweiten Hälfte war der Routinier auch spürbar platt. Doch wie sehr er in seinen ausgewählten Aktionen die ultimative Überzeugung versprühte, die dadurch sicherlich ein Stück weit auf seine Teamkollegen überging, war bemerkenswert. “Effe” hievte seine Mannschaft mehr durch seine Ausstrahlung als durch sein Spiel zum Henkelpott. Ein Beitrag, der fraglos ins Gewicht fiel.
Man kann sich gut vorstellen, dass feldüberlegene, aber nicht brandgefährliche Bayern ohne ihren Leader gegen diesen unangenehmen Gegner verzagt hätten.
War Effenberg der beste Spieler auf dem Platz?
Nein. Das war – neben Elfmeter-Held Oliver Kahn – der unermüdliche Bixente Lizarazu. Vielleicht war nie ein Linksverteidiger von Weltformat derart vielseitig. Abgeräumt, abgelaufen, eingeleitet, angetrieben, gedribbelt und geflankt. Eine überragende Leistung des Franzosen. Eigentlich war auch Effenbergs Nebenmann Hargreaves besser, weil präsenter, auffälliger, unterm Strich vielleicht sogar einflussreicher. Zumindest fußballerisch.
Aber irgendwie halt auch: ja. Weil Effenbergs Auftreten die Leistungen der anderen mindestens ein wenig beflügelte. Weil er den ersten Elfmeter auf eigene Faust rausgeholt, den zweiten nervenstark verwandelt und später auch den vom Timing womöglich wichtigsten (seiner Mannschaft) versenkt hat. In manchen Fällen ist diese Frage wirklich nur schwer zu beantworten, weil ‘gut’ und ‘wichtig’ kaum zu trennen sind.
Fazit
Dass Fußball vor allem im Kopf gespielt wird, veranschaulichte selten jemand so eindrucksvoll wie Stefan Effenberg im Champions-League-Finale 2001. Dass im Fußball oft Details und wenige Momente entscheiden, auch. ‘Gut’ spielen, das kann sich ganz unterschiedlich ausdrücken und oft mehr als nur den ersten Blick in Anspruch nehmen. Etwa einen weiteren Blick hinter die offensichtliche Statement-Grätsche, die Mendieta den Schneid abkauft.
Die Bedeutung von Eric Cantona für Manchester Uniteds erste große Ferguson-Mannschaft in den mittleren 1990er Jahren war beispielsweise größer als sein rein fußballerisches Zutun. Durch das, was er in seinen Mitspielern auslöste. Das Gleiche gilt für Effenberg auf dem Weg zu Bayerns erlösendem Champions-League-Titel 2001.
