England 3, Ungarn 6 (1953): ZEHN ERKENNTNISSE

Es war eines der berühmtesten Freundschaftsspiele überhaupt und gilt im Weltfußball vielerorts als die Lehrstunde schlechthin. Als Ungarn 1953 nach Wembley kam und vermeintlich Fußball aus der Zukunft spielte. Dabei ist das Ergebnis sogar irreführend.

24 Spiele in Folge hatte Olympiasieger Ungarn nicht mehr verloren, die “magischen Magyaren” schwangen sich Anfang der 1950er Jahre unwiderstehlich zu Europas Dominator auf. So sah das fast der ganze Kontinent auch – außer die Engländer, die zumindest so weit zu gehen bereit waren, dass sie Ungarn zu sich nach Wembley einluden. Wo sie gegen Konkurrenz vom europäischen Festland noch nie verloren hatten, überhaupt nur 1949 gegen Irland. In ihrem Fußball-Tempel wollten sie den Dominator in die Schranken weisen.

Siegessicher stilisierten sie das Spiel bereits im Vorfeld zum “Match of the Century” hoch – wobei es so richtig denkwürdig erst im Nachgang wurde. Naive, in ihren Denkweisen nicht mehr zeitgemäße Engländer erhielten vom großen Ferenc Puskas und seiner famosen Mannschaft eine legendäre Lehrstunde – vor allem taktischer Natur.

England: Merrick – Ramsey, Johnston, Eckersley – Wright, Dickinson – Taylor, Sewell – Matthews, Mortensen, Robb.

Ungarn: Grosics – Buzanszky, Lorant, Lantos – Bozsik, Zakarias – Hidegkuti – Budai, Kocsis, Puskas, Czibor.

Tore: 0:1 Hidegkuti (1.), 1:1 Sewell (15.), 1:2 Hidegkuti (22.), 1:3 Puskas (25.), 1:4 Puskas (29.), 2:4 Mortensen (38.), 2:5 Bozsik (52.), 2:6 Hidegkuti (56.), 3:6 Ramsey (60.).

1. Ungarische Ungeduld

Im heimischen Wembley leg(t)en für gewöhnlich die Engländer los wie die Feuerwehr, um den Gegner einzuschüchtern und gleich mal zu zeigen, wer der Chef im Ring ist. Am 25. November 1953 kamen sie jedoch gar nicht dazu, weil mit Skepsis und ein wenig Argwohn empfangene Ungarn selbst genau diesen Plan hatten. Sie wollten ihr überlegenes Spiel nicht erst geduldig mit der Zeit präsentieren.

Als Nandor Hidegkuti schon nach 44 Sekunden das 1:0 erzielte, hatten die Gäste bereits die ganze Bandbreite ihrer Überlegenheit zur Schau gestellt: Flüssiges Kombinationsspiel mit wenigen Ballkontakten, hohes Zustellen und Anlaufen, kompaktes Nachrücken, Ballrückgewinnung, Linien überspielen und eiskalt abschließen. Das Mutterland des Fußballs war zum Zuschauen verdammt.

2. Auch Zahlen können lügen

Taktische Grundformationen – das sind Zahlenspiele, an denen man sich hin und wieder sinnvoll orientieren kann. In anderen Fällen täuschen sie, mit fatalen Folgen. England, das das damals gängige 3-2-5, die “WM-Formation”, maximal positionstreu spielte, stand einer ungarischen Mannschaft gegenüber, die rein nominell ebenfalls im 3-2-5 antrat. Was realtaktisch aber anders aussah.

Weil mit Jozsef Zakarias ihr einer Läufer manchmal so tief fiel, dass er beinahe eine Viererkette herstellte und Nandor Hidegkuti als “falsche Neun” ebenfalls tiefer spielte, wurde aus dem ungarischen 3-2-5 phasenweise fast ein 4-2-4, das wenig später auch den Brasilianern zu ihren ersten großen Erfolgen verhalf.

Die Zahlen, die England sogar noch mehr verwirrten, standen auf den ungarischen Rücken. Dass die Halbstürmer Puskas (#10) und Sandor Kocsis (#8) ganz vorne stürmten und der vermeintliche Mittelstürmer Hidegkuti (#9) als Gestalter oft dahinter, brachte die fest zugeordnete Deckung der Hausherren, die sich dabei tatsächlich an den Rückennummern orientierten, komplett durcheinander.

Durch aus heutiger Sicht simpelste Positionsrochaden zog Ungarn die gegnerische Verteidigung genüsslich auseinander und riss Lücken auf, die vor allem der Hidegkuti zugeteilte Zentrumsverteidiger Harry Johnston hilflos hinterließ. Ungarns Raummanipulation war in einer Szene auch dem Schiedsrichtergespann um den Niederländer Leo Horn zu fortschrittlich, das ein völlig reguläres Tor des in die Lücke gestarteten Hidegkuti zum 2:0 wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung nicht anerkannte.

3. Rechtsauslage

Schon der erste Angriff deutete an: Das Spiel der Ungarn war extrem rechtslastig. Rechtsaußen Laszlo Budai war enorm präsent, gemeinsam mit dem rechten Halbstürmer Kocsis bildete er ein Pärchen, das für viele Durchbrüche sorgte. Halbrechts agierte auch der tiefe Spielmacher Jozsef Bozsik – es war mehr als eine klare Tendenz zu erkennen.

Im linken Halbraum kurbelte zwar immer wieder der große Puskas an, von dort aus aber oft gen Mitte ausgerichtet. So war Linksaußen Zoltan Czibor – was sich zum Teil auch Englands Rechtsverteidiger und späterer Weltmeister-Trainer Alf Ramsey auf die Fahnen schreiben darf – ballfern weitgehend abgemeldet. Seinen einflussreichsten Moment hatte Czibor, als auch er mal hinüber auf den anderen Flügel ging und den aufgezogenen Raum nutzte, um das 3:1 durch Puskas vorzubereiten.

Im WM-Finale gegen Deutschland, ein paar Monate später, hielt Ungarns Teamchef Gusztav Sebes Budai nach dem anstrengenden Halbfinale gegen Uruguay angeblich nicht für fit genug und setzte seinen Rechtsaußen nicht ein. Stattdessen beordete er Czibor von links nach rechts, wodurch beide ungarischen Angriffs-Pärchen aufgelöst wurden. Nach der Pause bemerkte er, dass das kaum funktionierte, und stellte um. Fehler, die Sebes wiederholt angekreidet wurden.

4. Aus der Zeit gefallen

Macht man sich bewusst, welche Zustände im englischen Fußball 1953 herrschten, wird klar: Das Debakel hatte sich angebahnt. Man wähnte sich ob der Rolle als :Mutterland des Fußballs” auf ewig im Vorsprung, während die “Three Lions” in Wahrheit links und rechts überholt wurden. Dass taktische Entwicklungen in anderen Ländern einfach ignoriert wurden, war da nur die Spitze des Eisbergs. Oder dass die gestiefelten Engländer Ungarns flachere, leichtere Schuhe für einen Nachteil hielten, wie Kapitän Billy Wright Torjäger Stan Mortensen vor dem Anpfiff zuraunte.

Trainer Walter Winterbottom, der mit seiner Rolle zuvor herzlich wenig am Hut hatte, war gar nicht für die Mannschaftsaufstellung zuständig. Die übernahm ein Komitee der FA, das selten nach Homogenität oder im Sinne der Eingespieltheit entschied. Während man sich also auf der vermeintlich gottgegebenen körperlichen und spielerischen Überlegenheit ausruhte, die sich die Engländer einbildeten, traten ihnen die Ungarn mit weiterentwickeltem Fitnesstraining und einer harmonisch eingeübten Stammelf entgegen, die sich durch die Zusammenführung bei Armee-Klub Honved Budapest in großen Teilen aus dem Vereinsfußball kannte. Himmelweite Unterschiede.

5. Wie Puskas herausragte

Dass dieser kleine, gedrungene, quasi rein linksbeinige Puskas der beste Spieler Europas sein sollte, hatten sie in England vor dem 25. November 1953 angezweifelt. Seither wird rund um dieses Spiel vor allem von Hidegkuti gesprochen, der den “Three Lions” als “falsche Neun” ihr rigides Positionsdenken vor Augen führte. Er war auch der Stürmer, der drei Tore schoss – und in der ersten Hälfte präsenter als sein Nebenmann.

Dass der überragende Spieler dieser Mannschaft Puskas war, wurde aber auch in Wembley deutlich. “Öcsi” überragte vor allem durch überragende Momente. Durch feine Kurz-Kontakte, Tricks, Tunnel. Durch zwei herrliche Vorlagen für Hidegkuti – eine per Hacke, eine per Heber -, durch das clevere Ablenken eines strammen Bozsik-Freistoßes mit dem Absatz. Und ganz besonders natürlich durch sein berühmtes “Drag-back”-Tor zum 3:1, als er keinen Geringeren als Billy Wright durch das Zurückziehen des Balles mit der Sohle auf den Hosenboden beförderte. Puskas, in der zweiten Hälfte dann der auffälligere Spieler, war das Genie.

6. Gegen den Ball

Ungarns Überlegenheit, das eint die “magischen Magyaren” mit anderen revolutionären Teams wie den Niederländern von 1974, Sacchis Milan oder später auch Guardiolas Barcelona, rührte zu großen Teilen auch aus dem Spiel gegen den Ball.

Schnelles Verdichten in Ballnähe als Frühform des Gegenpressings, Ansätze eines Gruppenpressings – auch die Fitness half – oder geschickte Raumorientierung vor allem in letzter Reihe (Viererkette) entnervten die “Three Lions” immer wieder. Alles gepaart mit höchster Disziplin, selbst “Major” Puskas war sich für Defensivarbeit nicht zu schade.

7. Die zwei Stans

Dass die Ungarn den Engländern meilenweit voraus waren, machte sich an sämtlichen Ecken und Enden vor allem im Kollektiv bemerkbar. Doch auch bei den Fähigkeiten der Einzelspieler waren große Unterschiede zu erkennen. Technischer Natur, taktischer Natur – und auch bei der Geschwindigkeit, mit der man zu all dem in der Lage war. Oder eben nicht.

Eigentlich schienen nur zwei der Engländer das Niveau der Ungarn mitgehen zu können, die beiden Stans – Matthews und Mortensen. Den Flügelmagier Matthews hätte man sich in manchen Situationen zentraler gewünscht, sein Sturmkollege vom FC Blackpool bereitete das erste englische Tor vor, schoss das zweite selbst und holte den Elfmeter raus, der zum dritten führte.

8. Gnädige Gäste

3:6 klingt nach Ohrfeige, mit diesem Ergebnis waren die Engländer aber noch richtig gut bedient. Mit Ausnahme der ersten 30 Minuten – bis das 4:1 fiel – und der Phase kurz nach der Pause hielt sich der brandgefährliche Favorit augenscheinlich sogar etwas zurück, ungewollt auch in Sachen Konsequenz.

35:5 Schüsse für lange Zeit verwaltende Ungarn sprachen eine eindeutige Sprache, es hätte auch auf der Anzeigetafel eigentlich deutlicher werden müssen. Das war mehr 8:2 als 6:3. Schlussendlich kam es auch deshalb anders, weil der im Kombinationsspiel gefallende Kocsis mehrere große Chancen ungenutzt ließ. 1954 wurde er mit elf Toren in fünf Spielen WM-Torschützenkönig.

Kopfballspezialist Kocsis wurde ein halbes Jahr später WM-Torschützenkönig, in Wembley traf er trotz guter Chancen nicht. – Bild: myfootballfacts.com

9. Oh, ein Elfmeter

Natürlich war die Messe wohl schon gelesen, selbst wenn bei “nur” noch drei Toren Rückstand noch 30 Minuten Spielzeit blieben. Und doch war der Elfmeter von Alf Ramsey zum 3:6-Endstand – bereits in der 60. Minute – bemerkenswert.

Während einerseits Ungarns Fußball auch aus heutiger Sicht erstaunlich modern daherkam, könnte man sich andererseits die Ausführung dieses Strafstoßes so heute nicht mehr vorstellen. Nach einem klaren Foul von Ungarns Schlussmann Gyula Grosics wurde die Elfmeter-Entscheidung ohne Reklamieren hingenommen, der Ball – nicht einmal von Ramsey selbst – zügig auf den Punkt gelegt. Ohne Mätzchen lief der Rechtsverteidiger direkt an, verwandelte trocken und trabte mit seinen Kameraden ohne große Ausführungen zurück. Erfrischend sachlich.

10. Das “Rückspiel”

Das 3:6 durch die überragenden Ungarn gilt im Mutterland der Sportart noch immer als wahrscheinlich größtes Fußball-Debakel. Dabei wird oft vergessen, dass es 1954, kurz vor der WM, ein Wiedersehen in Budapest gab. Die Engländer hatten sich zwar vorgenommen, sich angemessen zu revanchieren, auswärts kamen sie jedoch gar mit 1:7 unter die Räder – bis heute die höchste Niederlage der englischen Nationalmannschaft.

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