England 4, Deutschland 2 n. V. (1966): ZEHN ERKENNTNISSE

Die Heim-WM 1966 ist das einzige Turnier, das England bisher gewinnen konnte. Im Finale besiegten “Wembley”-Torschütze Geoff Hurst und Co. auch die Bundesrepublik Deutschland – verdient?

1966 in England war für Deutschland die erste WM nach Sepp Herberger, die erste unter seinem Nachfolger Helmut Schön, die erste seit der Einführung der Bundesliga. Die erste mit Franz Beckenbauer, das erste Finale seit Bern. England holte – im eigenen Land – damals seinen einzigen Titel, auch durch das berühmt-berüchtigte “Wembley-Tor”. War der Ball drin? Was wäre wohl passiert, wenn der Treffer nicht gezählt hätte? Und wie war das wirklich mit Bobby Charlton und Beckenbauer?

Ein genauerer Blick auf 120 mitreißende Minuten, tolle deutsche Verlierer und eine Legende aus Augsburg, über die viel zu selten gesprochen wird.

England: Banks – Cohen, J. Charlton, Moore, Wilson – Stiles – Ball, B. Charlton, Peters – Hurst, Hunt

Deutschland: Tilkowski – Höttges, Schulz, Weber, Schnellinger – Beckenbauer, Overath – Haller, Seeler, Held, Emmerich

Tore: 0:1 Haller (13.), 1:1 Hurst (19.), 2:1 Peters (78.), 2:2 Weber (90.), 3:2 Hurst (100.), 4:2 Hurst (120.)

1. Das Halbfinal-Gerücht

Englands bisher einziger Titel – das war in diesen Zeiten nicht ungewöhnlich – kam nicht ohne einen gewissen Heimvorteil-Beigeschmack aus. Besonders eine Geschichte kursiert, an deren Wahrheit lange auch dieser Blog glaubte.

Das Halbfinale gegen die starken Portugiesen um Eusebio, das angeblich in Evertons Goodison Park (Liverpool) hätte stattfinden sollen, wo sich Portugal bestens eingespielt hatte, wurde kurzfristig nach Wembley (London) verschoben, wo England bisher aufgelaufen war. Was den Portugiesen auch eine spontane und wenig angenehme Busfahrt quer durchs ganze Land eingebracht haben soll. Detaillierte Pläne der FIFA ein halbes Jahr vor dem Turnier beweisen aber, dass dieses Spiel immer schon in London vorgesehen war. Die anstrengende Busfahrt, die manche Portugiesen beklagten, gab es trotzdem.

Der deutsche Weg ins Endspiel fand übrigens auch nicht astrein statt: Karl-Heinz Schnellinger klärte im Viertelfinale gegen Uruguay (4:0) den Ball mit der Hand von der eigenen Linie – als es noch 0:0 stand.

2. Wingless Wonders (?)

Während Bundestrainer Schön seine mitreißende Elf in einem sehr offensiven, aber noch ziemlich zeitgemäßen 4-2-4 aufstellte (das Helmut Haller mitunter zu einem 4-3-3 machte), trat England mit seinen “Wingless Wonders” – einer Formation ohne Flügelstürmer – im zentrumslastigen 4-1-3-2 an.

Durch gleich vier Spieler, die sich kompakt im Zentrum versammelten, hatten die Engländer gegen zwei oder manchmal drei Deutsche in der Mitte des Spielfeldes oft einen Vorteil. Auch, weil die “Three Lions” nach Ballverlusten sogleich kompakter standen als Deutschland. Noch mehr, weil sich der erfahrenere Charlton im jeweils bewachenden Mann-gegen-Mann-Duell mit dem jungen Beckenbauer eher behaupten konnte. In der Zentrale wurde das Spiel zu großen Teilen entschieden.

Das enge 4-1-3-2 bedeutete allerdings nicht, dass England komplett ohne Flügel spielte. In den meisten Fällen rückten dafür die Außenverteidiger auf, manchmal zogen Peters und Ball aber auch selbst nach außen – Ball bereitete vom rechten Flügel das “Wembley-Tor” vor.

Die Mannschaften kurz vor Anpfiff. – Bild: independent.co.uk

3. The first goal

Der große Aufreger dieses Endspiels war das “Wembley-Tor” durch Geoff Hurst in der 100. Minute, Englands drittes Tor zum 3:2, das auf der Insel daher als “the third goal” bezeichnet wird. Schuss an die Unterkante der Latte, der Ball schlägt auf der Linie auf – und springt zurück ins Feld. Ob das Leder mit vollem Durchmesser drin war, ist der Mittelpunkt anhaltender Diskussionen.

Allerdings wird auch die Korrektheit von Hursts 4:2 in der 120. Minute angezweifelt, weil sich zu diesem Zeitpunkt bereits einige Zuschauer auf dem Spielfeld befanden. Das Spiel war gelaufen – sei es drum. Doch selbst Hursts erstes Tor, der 1:1-Ausgleich, soll angeblich irregulär zustande gekommen sein.

Der hessische Lokalreporter Helmut Weber, im Stadion anwesend, behauptete Jahrzehnte später bei “11 Freunde”, dass Hurst bei der schnell ausgeführten Freistoßflanke von Bobby Moore im Abseits gestanden hatte. Auch englische Zeitungen berichteten davon. Mit Sicherheit sagen lässt sich das allerdings nicht. Moore hatte selbst für den Kameramann zu schnell geschaltet.

4. Never change a winning team

Tottenham-Legende Jimmy Greaves war 1966 Englands bester Stürmer und zunächst auch bei der WM gesetzt. Doch als sich Greaves im letzten Gruppenspiel gegen Frankreich verletzte und er im Viertelfinale gegen Argentinien von Hurst vertreten wurde, der das Siegtor schoss, war der Zug in den Augen von Alf Ramsey abgefahren.

Englands kommender Weltmeistertrainer verwehrte Greaves getreu dem Motto “Never change a winning team” die Rückkehr auf den Rasen und behielt gewissermaßen recht: Drei Hurst-Tore entschieden das Finale für England. So wurde schließlich auch Greaves Weltmeister, der nach dem Finale jedoch desillusioniert an der Seitenlinie stand und sich gar nicht richtig freuen konnte.

5. Zweieiige Zwillinge

Die “terrible twins”, die England durch Borussia Dortmunds Europapokal-Triumph über Liverpool erst Wochen zuvor kennengelernt und getauft hatte, erlebten im WM-Finale 1966 einen ganz unterschiedlichen Nachmittag.

Während Sigfried Held Aktion für Aktion wohl bester Deutscher auf dem Wembley-Rasen war, gelang Vereinskamerad Lothar Emmerich auf der gemeinsam bespielten linken Angriffsseite eigentlich gar nichts. Held war ein ständiger Unruheherd und bereitete beide deutschen Tore vor, Emmerich war – nach seinem Traumtor gegen Spanien – im Endspiel leider ein Totalausfall.

6. Lehrgeld

“Emma” war allerdings nicht der einzige Deutsche, der hinter den Erwartungen zurückblieb. In der Zentrale, wo Deutschland bekanntlich meist in Unterzahl war, wussten weder Beckenbauer noch Wolfgang Overath wirklich zu überzeugen. Zur deutschen Unterlegenheit hier kam noch dazu, dass das DFB-Team zu wenig aus seinem Flügelspiel machte: Haller kam rechts zu oft nach innen, Emmerich war links der angesprochene Totalausfall.

Nun deckten sich Beckenbauer und Englands General Charlton – wie es ihnen jeweils aufgetragen worden war – zwar irgendwie gegenseitig aus dem Finale, dennoch gelang es Charlton besser als dem späteren “Kaiser”, doch einen gewissen Einfluss auf das Spiel seiner Mannschaft auszuüben. In der Verlängerung traf er sogar den Pfosten.

Beckenbauer und Overath zählen zwar zu den besten Fußballern, die Deutschland jemals hatte, sie spielten auch ein tolles Turnier. Jedoch kam das Finale 1966 für die beiden – Wolfgang war 22, Franz erst 20 – augenscheinlich etwas zu früh. Sie sollten sich acht Jahre später krönen.

Beckenbauer behauptet sich gegen Charlton. – Bild: Twitter/futbol_vivi

7. Haller

Technik, Übersicht, Beidfüßigkeit. Omnipräsenz. Das Führungstor in einem WM-Finale. Erfolgreich als beliebter Legionär in Italien. Helmut Haller ist eine Größe des deutschen Fußballs, deren verdienter Stellenwert über die Jahrzehnte bedauerlicherweise verloren gegangen ist. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass er in einem Zeitfenster spielte, in dem Deutschland nicht Weltmeister wurde. Ein Sieg im Finale gegen England hätte vieles verändern können.

Am Augsburger, dessen Gespür es überlassen war, ob er über den Flügel kam oder das Mittelfeld auffüllte; ob Deutschland im 4-2-4 oder 4-3-3 spielte, lag es am 30. Juli 1966 nicht. Am Tag, als er als Rechtsfuß in einem WM-Finale Ecken mit links schlug. Nur Eusebio (neun) übertraf Hallers sechs Tore bei diesem Turnier.

8. Mit der letzten Aktion

Beim Stand von 2:1 für England rettete sich Deutschland tatsächlich mit der letzten Aktion des Spiels in die Verlängerung. Es gab Freistoß für die Schön-Elf, nach dem Held seinen Kollegen Schnellinger anschoss, von dessen Rücken – nicht von dessen Arm oder Hand, wie manche Engländer monieren – der Ball vor den Füßen des spekulierenden Weber landete. Der Kölner grätschte ein und besorgte die Verlängerung, die unmittelbar nach seinem Tor besiegelt wurde – übrigens in der 90. Minute. Nachgespielt wurde nicht.

Webers Nebenmann Höttges erwischte derweil einen ganz schwachen Tag. Der Bremer war angeschlagen, erhielt aber das Vertrauen von Bundestrainer Schön, selbst über seinen Einsatz zu entscheiden – und dann “klärte” er nicht nur vor dem 1:2 den Ball vor die Füße von Torschütze Peters. Höttges musste auch für die anderen drei Gegentore verantwortlich zeichnen, die sein direkter Gegenspieler Hurst markierte. Dafür sollte sich Höttges 1972 revanchieren.

9. Eine Argumentation, die leicht zu widerlegen ist

Mehr Spieldominanz und ein Chancenplus machen den englischen Finalsieg 1966 durchaus verdient, das große Aber bleibt das “Wembley-Tor”. Zumal die Argumentation, mit der Linienrichter Tofik Bakhramov Schiedsrichter Gottfried Dienst überzeugte, aberwitzig war.

Der sowjetische Assistent hatte laut eigener Aussage gar nicht gesehen, ob der Ball unten auf der Linie mit vollem Durchmesser drin war. Stattdessen redete er wild entschlossen auf seinen Schweizer Chef ein, weil er erkannt haben will, dass die Kugel oben, statt der Querlatte, bereits das Tornetz berührt hatte. Und das kann ja nun wirklich ausgeschlossen werden.

 

10. Die Rache für Wembley

Das entscheidende Tor, das keines war; der einzige große Titel, den England je gewann: Das sogenannte Mutterland des Fußballs bezahlte seinen großen Sieg über Deutschland seit 1966 wiederholt. Bei der WM 1970 drehte Deutschland gegen die “Three Lions” im Viertelfinale einen 0:2-Rückstand, im EM-Viertelfinale 1972 – mit Günter Netzer aus der “Tiefe des Raumes” – siegte die Schön-Elf erneut. Wie auch in den Halbfinal-Spielen bei WM 1990 und EM 1996, als die Engländer zuvor etwas näher dran gewesen waren, im Elfmeterschießen aber den Kürzeren zogen.

Ganz besonders süß schmeckte die deutsche Rache natürlich im WM-Achtelfinale 2010, als Frank Lampard beim Stand von 2:1 für Deutschland eine Art “Wembley-Tor” schoss, wobei der Ball die Linie diesmal klar überquert hatte. Doch der Treffer zählte nicht. Immerhin bei der EM 2020, die 2021 stattfand, beendete England im Achtelfinale in Wembley die Ära Joachim Löw, um später das Finale gegen Italien zu verlieren. Im Elfmeterschießen.

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Ein Gedanke zu „England 4, Deutschland 2 n. V. (1966): ZEHN ERKENNTNISSE“

  1. Ja, der Meinung kann ich mich sehr gut anschließen. England hat das Endspiel 1966 gegen Deutschland, insgesamt gesehen, verdient gewonnen. Als Neunjähriger habe ich damals besonders Helmut Haller bewundert, der für mich eine überragende Weltmeisterschaft gespielt hat. Deshalb war der Auftritt Günter Netzers in Wembley im Viertelfinalspiel der Europameisterschaft gegen England für mich eine Art Genugtuung oder Wiedergutmachung. Beide Spieler waren unglaublich kreativ und hatten ein sensationelles Charisma – sie hatten “thrill”. Leider ist Helmut Haller, im Gegensatz zu Günter Netzer, weitgehend in Vergessenheit geraten.

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