England gegen Italien 1934: DAS DUELL UM DIE WELT

Eines der meist umkämpften “Freundschaftsspiele” der Fußballgeschichte verkam im Herbst 1934 zum “Battle of Highbury”. Giuseppe Meazza machte in London trotzdem sein vielleicht größtes Spiel.

Als Deutschland 1972 zum ersten Mal Europameister wurde, steckte der Wettbewerb bedeutungstechnisch noch derart in seinen Kinderschuhen, dass er stattfand, während der Ligabetrieb noch gar nicht beendet war. Außerdem nahmen am heute 24 Mannschaften schweren Endturnier gerade einmal vier Nationen teil. Andere Zeiten.

Selbst die Weltmeisterschaft, die längst keiner mehr freiwillig sausen lassen würde, musste einst verhältnismäßig klein anfangen. Das sogenannte Mutterland des Fußballs, dessen Verband FA nach einem Streit mit der FIFA aus dieser ausgetreten war, sah sich deren WM zunächst ohnehin überlegen. Und allem anderen eigentlich auch. Eine Denke, mit der die Engländer spätestens 1953 gegen Ungarn gewaltig auf die Schnauze fallen würden.

Nachdem 1934 also auch die zweite Weltmeisterschaft ohne die “Three Lions” stattgefunden, in Europa aber mit einem europäischen Sieger geendet hatte, dachte man sich auf der Insel, dass man die eigene Macht – und Überlegenheit – zu diesem Anlass doch mal demonstrieren könnte. Natürlich nicht ohne hochstilisierten Nutzen: Das Mutterland forderte Weltmeister Italien zum “wahren WM-Finale”, wie die englische Presse selbstgefällig titelte.

Die Italiener nahmen die Einladung für den 14. November 1934 an – es war nach fünf Monaten Pause ihr erstes Spiel seit dem tatsächlichen WM-Finale – und maßen dem Showdown ebenfalls große Bedeutung bei: “Duce” Benito Mussolini versprach jedem Spieler im Siegfall neben einer stattlichen Prämie angeblich einen brandneuen Alfa Romeo. Es war angerichtet.

Das Duell um die Welt stieg in London. Allerdings nicht in Wembley, sondern in Arsenals Stadion in Highbury – was vor allem deshalb stimmig war, weil England mit gleich sieben (!) Spielern der Gunners antrat. So viele Akteure eines Vereins boten die Three Lions vorher und bis heute in keiner Startformation mehr auf.

Zwischen 50.000 und 60.000 Schaulustige staunten sogleich nicht schlecht, als der “FC Arsenal England”, bei dem keiner die Erfahrung von auch nur zehn Länderspielen mitbrachte, loslegte wie die vielzitierte Feuerwehr. Besonders mit dem schnellen Direktspiel von Arsenals Cliff Bastin und Eric Brook von Manchester City über den linken Flügel hatte der offizielle Weltmeister große Probleme.

Schnelle Tore, viele Brüche

Schon in der ersten Minute bekamen die furiosen Hausherren einen Elfmeter zugesprochen, den Linksaußen Brook allerdings verschoss – weil der italienische Schlussmann Carlo Ceresoli aber auch stark parierte. Nur der Beginn einer vogelwilden Anfangsphase. Denn in der zweiten Minute brach sich Italiens Abwehrchef Luis Monti bei einem eigenen Tackling den Fuß, was die Partie endgültig in Richtung England kippen ließ.

Weil es vor nun 90 Jahren noch keine Möglichkeit gab, Monti auszuwechseln, blieb er noch eine Viertelstunde lang auf dem Platz. Und weil er im defensiven Verbund des Weltmeisters das Herzstück war, war diese Defensive vorerst kaum noch vorhanden. Tag der offenen Tür. Brook rehabilitierte sich mit einem wuchtigen Kopfball und einem noch wuchtigeren Freistoß, Mittelstürmer Ted Drake – natürlich Arsenal – stellte auf 3:0. Da waren gerade zwölf Minuten gespielt. Erst als Monti den Rasen verließ und sich die Italiener auf ihre Unterzahl eingestellt hatten, bekamen sie die offene Wunde geschlossen.

Zunächst galt es, die Engländer zu stoppen. Dafür war dem Weltmeister jedes Mittel recht. Man hielt sich beiderseits nicht zurück, doch Italien trat mitunter so rüde auf, dass die englische Presse hinterher vordachte, “ihre” Auswahl künftig vielleicht lieber ganz aus dem internationalen Wettbewerb zurückzuziehen. Immerhin hatte sich Kapitän Eddie Hapgood die Nase gebrochen, hatte Doppelpacker Brook eine Armfraktur erlitten, war Brook offen ins Gesicht geschlagen worden. Sogar die FA würde diese Überlegung im Nachgang diskutieren – ohne folgenschweren Entschluss.

Schiedsrichter Otto Olsson aus Schweden bekam das “Battle of Highbury” zwar nicht in den Griff, anders verhielt es sich nach dem Seitenwechsel aber bei Italiens Ausnahmestürmer Giuseppe Meazza. Als sich der Weltmeister erheblich steigerte, ging die Inter-Legende voran – und spielte erstaunte Engländer teilweise an die Wand. Rund um die 60. Minute schlug Meazza mit Fuß und Kopf dann gleich doppelt zu, nur noch 3:2. Plötzlich waren zehn Italiener wieder in der Verlosung – um den Titel, den sie sowieso schon hatten. Eigentlich.

Meazza machte eines der Spiele seines Lebens, beinahe gelang ihm sogar noch das 3:3. Wenn da nicht das Gestänge und vor allem Englands Keeper Frank Moss gewesen wären, der Ceresolis Auftritt noch in den Schatten stellte. So erhielt das “brutalste Spiel”, an dem Englands damals noch junger Rechtsaußen Stanley Matthews in seiner ewigen Karriere teilgenommen hat, auch noch ein paar ansehnliche Highlights – und am Ende irgendwie zwei Sieger.

Als sich mit Ausnahme des schwer verletzten Monti alle Spieler zu einem gemeinsamen Abendessen einfanden – fast alle hielten sich etwas, einige humpelten -, fühlten sich die meisten Engländer, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, wie der wahre Weltmeister. Aber auch die Italiener waren stolz, fast die komplette Spielzeit in Unterzahl so stark dagegengehalten und am Ende schier noch ausgeglichen zu haben. Selbst die englische Presse zog ihren Hut, in Italien wurden die Spieler dieser Mannschaft als “Löwen von Highbury” noch jahrzehntelang gefeiert. Nur die Alfa Romeos bekamen sie nicht.

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