England 3, Kamerun 2 n. V. (1990): ZEHN ERKENNTNISSE

Bei der WM 1990 in Italien verblüfften und begeisterten die Außenseiter aus Kamerun die Fußballwelt. Erst im Viertelfinale gegen anschließend endgültig euphorisierte Engländer war in dramatischer Manier Endstation – ein Ausgang, der die Kräfteverhältnisse kaum wiedergab.

England: Shilton – Wright – Parker, Walker, Butcher (72. Steven), Pearce – Waddle, Platt, Gascoigne, Barnes (46. Beardsley) – Lineker

Kamerun: N’Kono – Tataw, Massing, Kunde, Ebwelle – Maboang (46. Milla), Libiih, Pagal – Makanaky, Omam-Biyik, Mfedé (62. Ekéké)

Tore: 1:0 Platt (25.), 1:1 Kunde (61., FE), 1:2 Ekéké (65.), 2:2 Lineker (83., FE), 3:2 Lineker (105.+1, FE)

1. Aus einfachen Verhältnissen

Dass Kamerun sowohl im Auftaktspiel Weltmeister Argentinien schlagen (1:0) als auch beinahe bis ins Halbfinale vordringen konnte, war an sich schon ziemlicher Wahnsinn. Es wird aber noch verrückter, wenn man all das berücksichtigt, was damals um diese Mannschaft herum passierte.

Sämtliche Klischees, die man afrikanischen Organisationen bei solchen Turnieren auch fälschlicherweise zuschreiben kann, trafen auf den kamerunischen Reisetrupp von 1990 zu. Von minimalem Komfort bei der Unterbringung über fehlende Trikotsätze und unklare Stammformationen: Es herrschte phasenweise reinstes Chaos – von der Politik natürlich nicht unbehelligt. Die Nominierung des 38-jährigen Fußball-Helden Roger Milla, der seine Karriere bereits im Indischen Ozean ausklingen ließ, fand angetrieben von Kameruns Staatspräsident Paul Biya zumindest noch einigermaßen im Vorfeld statt. Die gar nicht mal so erfreuten Gemüter innerhalb der Mannschaft konnten sich noch darauf einstellen und beruhigen.

Welcher der beiden afrikanischen Ausnahme-Torhüter Thomas N’Kono und Joseph-Antoine Bell im ersten Spiel gegen Argentinien zwischen den Pfosten stehen würde, entschied sich hingegen erst fünf Stunden vor Anpfiff. Die Wahl fiel auf N’Kono, weil Bell kurz zuvor noch ein aufsehenerregendes Interview gegeben hatte. “Wenn wir 0:3 gegen Argentinien verlieren, wäre das ein gutes Ergebnis”, hatte es darin etwa geheißen. Beim WM-Teilnehmer von 1982 und Afrika-Cup-Sieger von 1984 und 1988, der beim Afrika-Cup 1990 aber durch ein Vorrunden-Aus schwer enttäuschte, ging es drunter und drüber.

Francois Omam-Biyik überwindet den patzenden argentinischen Schlussmann Nery Pumpido und sorgt für eine der größten Sensationen der WM-Geschichte. – Bild: blogger.googleusercontent.com

2. Ein potenzielles Halbfinale …

… für England wäre gar nicht mal soo viel unspektakulärer gewesen als für Kamerun. So lässt sich auch die immense Euphorie auf der Insel rund um die Vorschlussrunde gegen Deutschland erklären.

Nach dem WM-Titel 1966 im eigenen Land und dem Erreichen des EM-Halbfinals 1968 tauchte das “Mutterland” des Fußballs in diesen Runden nämlich überhaupt nicht mehr auf. Bei der WM 1970 war im Viertelfinale Endstation, 1974 und 1978 fand das Weltturnier sogar ganz ohne England statt. 1982 reichte es für die Zwischenrunde, 1986 für das vergleichbare Viertelfinale. Eine weitere EM-Vorschlussrunde in diesem Zeitraum? Fehlanzeige.

1990 wurde es für die Engländer tatsächlich so gut wie seit 1966 nicht.

3. Libero … for what?

Dreier- respektive Fünferketten waren bei der WM 1990 schwer en vogue, wobei das nicht unbedingt einen Libero beinhalten musste. Die Engländer spielten jedenfalls phasenweise mit einem – mal mit Terry Butcher, mal mit Mark Wright.

Wright war gegen Kamerun an der Reihe, in seiner vorgesehenen Rolle aber kaum ein Faktor. Der für seine Zeit relativ ballfertige Verteidiger ging viel zu häufig viel zu forsch mit vor und blieb dort, sodass er defensiv regelmäßig zu spät kam und fehlte. Für den offensiven Part hätte es dann auch ein zusätzlicher Mittelfeldspieler getan, könnte man meinen.

Apropos: Als Trainer Bobby Robson in der 72. Minute beim Stand von 1:2 offensiv wechselte, hatte sich das mit dem Libero erledigt. Wright lief fortan als Rechtsaußen auf.

4. Ohne vier

Der Eindruck, dass es dem vom sowjetischen Coach Waleri Nepomnjaschtschi trainierten Kamerun in der Verteidigung und in der Zentrale an Qualität und Routine mangelte, kam nicht von ungefähr: Den Afrikanern fehlten gegen England in diesen Mannschaftsteilen vier Stammkräfte. Victor N’Dip, Jules Onana, Emile M’Bouh und André Kana-Biyik: Allesamt mussten sie gelb-gesperrt pausieren. Wer weiß, wie das Spiel mit ihnen gelaufen wäre.

Die prominente englische Absenz hörte einmal mehr auf den Namen Bryan Robson. Der Anführer im Mittelfeld, ohne den den “Three Lions” vor allem eine gewaltige Präsenz abging, hatte sich wie schon 1986 verletzt.

5. Fünf Verlorene

Englands taktische Verschlafenheit, die spätestens seit der ungarischen Vorführung 1953 irgendwie zur Tradition wurde, machte im WM-Viertelfinale 1990 beinahe betroffen – obwohl die Three Lions mit wirklich fantastischen Fußballern aufliefen. Dass eine Offensive um Paul Gascoigne, Chris Waddle, David Platt, John Barnes und Torjäger Gary Lineker – erster Einwechselspieler war ein Genie wie Peter Beardsley – diese schöne Sportart so verunstalten konnte, war eigentlich eine Leistung für sich.

Dass die vier begnadeten Offensivkünstler hinter Lineker, die in einer Art 5-4-1 oder 3-6-1 enorm viele Freiheiten hatten, spielerisch keinen Bezug zueinander herstellen konnten … unerklärlich.

Fatal war sicherlich, dass sich kein “holding” player unter ihnen befand, der die Dinge mal beruhigte und sachlich organisierte. Und doch ist das keine Ausrede dafür, dass diese Raumaufteilung eines Mannschaftssports nicht würdig war.

Ziemlich hilflos unternahm jeder der Genialen hauptsächlich Versuche auf eigene Faust, ein geeigneter Kollege für eine mögliche Kombination stand in der Regel ohnehin zu weit weg. Das Ergebnis waren häufig lange Bälle und hoffnungsvoller Zufall, so richtig schwer hatte es Kamerun defensiv nicht.

Missverständnisse, die keiner Jugendmannschaft unterlaufen konnten, garnierten sicherlich auch fehlendes Selbstvertrauen, selbst Beardsley unterliefen einfachste Fehler. Oder war es der Druck der Erwartungshaltung? Als “one of those nights” wollte der berühmte Kommentator Brian Moore diese taktische Selbstzerstörung herunterspielen, in Wahrheit war die ziemlich non-existente Ausrichtung einer an sich fähigen Elf schlicht kopflos.

Unterm Strich waren Platts späte Läufe die einzige bewusste Waffe einer Mannschaft, die dieses Spiel nicht richtig zu verstehen schien – die im Halbfinale gegen Deutschland aber plötzlich die etwas bessere war. Auch das muss man wohl nicht verstehen.

Eine Mannschaft mit Paul Gascoigne, John Barnes, Chris Waddle, David Platt und Gary Lineker. Da durfte man so viel mehr erwarten. – Bild: englandfootballonline.com

6. Die bessere Mannschaft

Auch in späteren Runden von Weltmeisterschaften gibt es Außenseiter, die gegen Favoriten durch Hingabe, eine Ausrichtung auf Konter oder einen glücklichen Tag die bessere Mannschaft sein können – nicht nur die, die am Ende gewinnt. Außenseiter Kamerun war im Viertelfinale gegen England die bessere Mannschaft – aber von Grund auf.

Die Afrikaner präsentierten den deutlich gepflegteren Spielaufbau, sogar individuell größtenteils die technisch besseren Spieler, die schlaueren Ideen und das fraglos eingeübtere Kombinationsspiel. Kamerun spielte gegen England so, wie man es von England gegen Kamerun erwartet hätte. Zumindest über weite Strecken.

Dass sich auf englischer Seite ein Spieler so zwischen den Linien bewegen und agieren könnte wie Louis M’Fedé oder später Milla, schien in diesem Spiel gar nicht möglich zu sein. Das ließe sich auch über das souveräne längere Halten des Balles behaupten. Kamerun spielte immer wieder mit wenigen Kontakten, kombinierte sich geradlinig durchs Zentrum, spielte Steckpässe auf startende Angreifer – England konnte all das nicht. Es fehlte allein das Gespür für die Kollegen. 56 Prozent Ballbesitz, 22:13 Abschlüsse und ein klares Chancenplus pro “unbezähmbarer Löwen” waren mindestens folgerichtig.

Was die Kameruner indes nicht konnten, brach ihnen das Genick. Späte Läufe aufnehmen und grundsätzlich in der Rückwärtsbewegung verteidigen: So fiel das ansatzlose 1:0 durch Platt. Eine geduldige, bedachte Zweikampfführung: Der viel zu rabiate erste Elfmeter, der England in die Verlängerung rettete, wäre nicht nötig gewesen. Die letzte Geradlinigkeit und Konsequenz im letzten Drittel: Auch jenseits des Zeitraums zwischen 61. und 65. Minute wären kamerunische Tore möglich gewesen, die dieses Spiel vorzeitig entschieden hätten.

Über weite Strecken der regulären Spielzeit hatte eigentlich wenig für die Engländer gesprochen.

7. Gazza verschleppt

Paul Gascoigne zählt zu meinen Lieblingsspielern. Ganz subjektiv hätte ich mir eine Gazza-Gala gegen Kamerun sehr gewünscht. Aber die gab es nicht. Englands großer Star dieses Turniers, der den englischen Fußballsommer 1990 zu einem ganz besonderen machte, lieferte kein gutes Spiel ab.

Seine eindeutig stärkste Szene war sein Antritt samt tollem Steilpass auf Lineker, woraufhin dieser tief in der Verlängerung den zweiten Elfmeter rausholte. Zuvor hatte Gascoigne durch ein plumpes Foul an Milla aber auch schon einen Strafstoß verursacht.

Darüber hinaus bereitete Gazza noch eine große Platt-Chance vor, ansonsten verzettelte er sich eigentlich in einer Tour. Von all den stumpfen Schwertern konnte er sich am wenigsten vom Ball trennen, hielt die Kugel oft viel zu lang. Und ließ Gascoigne mal zwei Gegenspieler hinter sich, wartete er auf den dritten, um eben an diesem hängenzubleiben. Seine fehlende Erfahrung auf diesem Niveau machte sich gegen Kamerun bemerkbar.

Viele Fehler, wenig Einfluss: In diesem Spiel war Gazza eher ein Negativ-Faktor – und am Ende doch entscheidend beteiligt.

8. Der Super-Joker

Vielleicht ein netter Fakt für den Stammtisch: Roger Milla hat bei der WM 1990 kein einziges Spiel von Anfang an bestritten – obwohl er an sechs der sieben Treffer Kameruns direkt beteiligt war (vier Tore, zwei Vorlagen).

Gegen England kam der 38-Jährige, der die große Karriere schon hinter sich gelassen hatte, immerhin bereits zur zweiten Hälfte – und war eigentlich auf Anhieb der beste Spieler auf dem Platz. Wie ein Zehner, den seine Mannschaft zuvor nicht hatte, bewegte sich Milla, der in Wahrheit Miller hieß, elegant zwischen den Linien, wo ihn die Engländer nicht zu greifen bekamen. Kinderleicht hielt er den Ball, legte ihn ab oder drehte sich auf, dann brannte es mitunter lichterloh. Als klassischer Stürmer spielte Milla nicht.

Durch einen genialen Laufweg für einen Doppelpass holte der quirlige Routinier listig den Elfmeter zum Ausgleich raus – Gascoigne foulte wirklich plump -, kurz darauf setzte er aus dem Dribbling den unbedrängt gestarteten Ekéké ein: Spiel gedreht. Wohl selten hat ein Joker – und zwar im ganzen Turnier – so viel Wirkung entfaltet, wohl selten hat ein 38-Jähriger so gut Fußball gespielt. Milla war weit mehr als seine Tore, wahrhaftig einer der besten Spieler dieser WM.

9. Linekers Elfmeter

Was man über den Fußballspieler Gary Lineker neben seinem berühmten Zitat am häufigsten hört: dass er sich nie eine Karte eingehandelt hat, noch nicht mal eine gelbe. Ein Beweis für seine außergewöhnliche Fairness. Rund um seine beiden verwandelten Elfmeter im WM-Viertelfinale 1990 gegen Kamerun, die er jeweils selbst herausgeholt hat, gärt in meinen Augen jedoch ein gewisser Beigeschmack.

Der erste Pfiff, nach ruhendem Ball ansatzlos entstanden in der 82. Minute, war alternativlos. Zu sehr wurde Lineker von Benjamin Massing fahrlässig umgenietet, was die Three Lions zurück ins Spiel brachte. Und doch wirkt es ein wenig so, als wäre Lineker gleichzeitig auch von selbst zu Boden gegangen. Schwer zu erkennen.

Deutlicher erscheint mir die zweite Situation in der Verlängerung, als Kamerun erneut näher dran war. Auch hierbei handelt es sich um keine glasklare Fehlentscheidung, weil Torhüter N’Kono nicht den Ball traf. Und doch suchte Lineker augenscheinlich von sich aus die Berührung und die Wirkung der Schwerkraft – was dann eine Schwalbe wäre, weil sich deren Definiton in erster Linie über den Täuschungsversuch bemisst.

Aus heutiger Sicht hätten beide Mannschaften noch einen weiteren Elfmeter kriegen können – Kamerun kurz vor dem 1:0 für England, England kurz vor Kameruns Ausgleich -, derartige Situationen wurden seinerzeit aber eher laufen gelassen.

10. Italia ’90 – eine unbequeme Wahrheit

Noch mehr als die Engländer, bei denen der Halbfinal-Einzug ebenfalls ein “Sommermärchen” auslöste, lieben die Deutschen “ihre” WM 1990. Nach zwei zweiten Plätzen bei den Weltmeisterschaften zuvor, und dann im Jahr der Wiedervereinigung – wer will es uns verdenken?

Auch Gastgeber Italien erlebte lange Zeit fantastische Wochen. Die Basis all dieser Begeisterung war aber eindeutig eine emotionale – weshalb Italia ’90 jenseits der Euphorie-Hochburgen überwiegend als das abgespeichert wurde, was es objektiv war: in fußballerischer Hinsicht kein besonders schönes Turnier.

England gegen Kamerun zählte vor allem aus dramaturgischen Gründen zu den wenigen guten Spielen der WM 1990, war nicht nur aus heutiger Sicht aber auch sinnbildlich dafür: zu wenige richtig offensiv ausgerichtete Spieler pro Mannschaft, Stars ohne wirklich kollektive Bindung, in der Folge viele lange Bälle, viel Stückwerk, wenig fußballerischer Genuss. Kaum toll aufspielende Mannschaften, kaum tolle Spiele – allein im Vergleich zu 1982 oder 1986. Auch wenn das in Deutschland, wo sich die Mannschaft von 1982 bis 1990 in puncto Ansehnlichkeit natürlich steigerte, viele nicht sehen können. Oder wollen.

Passenderweise blieb vom Viertelfinale England gegen Kamerun, in dem die eine Mannschaft für eine kollektive Taktik zu überheblich und die andere für sachliches Verteidigen zu fehlerhaft war, vor allem eine Menge Emotion: die englische über den unverhofften Halbfinal-Einzug, die kamerunische und die vieler Objektiver wegen des tragischen Scheiterns des Underdogs.

Er hätte dieses Spiel eigentlich gewinnen müssen.

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