Eric Cantona: KAUM ZU GREIFEN

Wie genau er eigentlich Fußball spielte und wie gut er dabei war, lässt sich über manch anderen ehemaligen Spieler leichter sagen als über Eric Cantona. Um ihn zu verstehen, muss man auch Manchester United verstehen – vorher, währenddessen und danach.

2039. Das wäre das Jahr, in dem Manchester United frühestens wieder Meister werden dürfte, wenn die schon jetzt quälend lange Durststrecke so lang andauern soll, wie die Red Devils sie von 1967 an durchleben mussten. Also seit den Tagen von Bobby Charlton, George Best und Co. Tage, die den heutigen englischen Rekord-Champion schon früh zu einem der berühmtesten Klubs der Fußballwelt gemacht haben, was er fortan blieb. Auch wenn er 26 Jahre lang nicht mehr Meister wurde.

Ende der 1970er Jahre hatte United mal eine vielversprechende junge Mannschaft zusammen. Fast ein wenig wie die legendären “Busby Babes”. Doch unglückliche Umstände stellten sich in den Weg. Es war ein Weg, der die Red Devils im 20. Jahr der Durststrecke zu einem Mann namens Alex Ferguson führte. Ferguson, noch nicht “Sir”, führte seinen Arbeitgeber im ersten Jahr auf Rang elf. Er beseitigte aber nach und nach eine Kultur des bedenklichen Alkoholkonsums in der Mannschaft – samt gewissen Spielern – und wurde im zweiten Jahr schon Zweiter. Mehr war aber irgendwie nicht drin. Vor allem wegen des FC Liverpool, den Ferguson unbedingt um seine Vormachtstellung bringen wollte.

1989/90, so erzählt man es sich zumindest, soll Ferguson in der vierten Saison sogar mal kurz vor dem Rauswurf gestanden haben. Doch plötzlich fing er an, Titel zu sammeln. 1990 den FA Cup, 1991 den Europapokal der Pokalsieger – gegen Johan Cruyffs FC Barcelona -, 1992 den Ligapokal. Wie auch die erneute Vizemeisterschaft, hinter Leeds United. Wo ein Mann mitspielte, der eigentlich schon gar nicht mehr hatte Fußball spielen wollen.

Eric Cantona, Jahrgang 1966, war in seiner Altersgruppe schon länger einer der begabtesten französischen Angreifer gewesen. Wie auch Ende der 1980er und Anfang der 1990er Teil von Mannschaften von Olympique Marseille, die sich 1993 sogar bis zum Champions-League-Sieg weiterentwickeln sollten. Zum einen hatte Cantona im Ensemble des schillernden Bernard Tapie aber nie zur ersten Reihe gezählt, zum anderen war er zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr dabei.

Zwei Folgen, die in erster Linie einen Grund hatten: Cantona war ein Problem-Spieler. Eine Eklat-Schleuder. Um sich der französischen Sprache zu bedienen: ein richtiges Enfant terrible. Und ein junger Mann, der von all dem Zirkus irgendwann selbst genug hatte. Ende 1991 beendete Cantona – nach einer nächsten, zweimonatigen Sperre – seine Karriere. Mit gerade einmal 25 Jahren.

Forderer und Förderer: Eric Cantona (li.) mit Michel Platini. – Bild: pinterest.de/David Massardier

Der große Michel Platini war Anfang der 90er Trainer der französischen Nationalmannschaft, ein ausgemachter Fan von Cantona und sich nicht zu schade, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Platini ließ seine Kontakte spielen, bot seinen Landsmann vor allem in England an, stieß beim FC Liverpool aber auf Ablehnung. Sorgen wegen Cantonas Charakter. Als dieser sich wieder mit Fußball identifizieren konnte, kam er Anfang 1992 stattdessen in Leeds unter. Wo er auf Anhieb zum Gewinn der Meisterschaft beitrug. Dann gab es einen Knall: den Startschuss für die Premier League.

Zur Saison 1992/93 wurde aus der verstaubten alten “First Division” – parallel zur Uraufführung der Champions League – ein kommerzielleres, schillernderes Hochglanzprodukt, wie es Ferguson auch mit Manchester United plante. Nach FA Cup, Pokalsieger-Cup und Ligapokal sollte endlich auch mal wieder die Meisterschaft her. Es war jetzt immerhin auch schon sein siebter Anlauf – mit vielen gleichen Methoden, mit vielen gleichen Gesichtern. Doch für das Trikot mit der Rückennummer sieben hatten sie sich rund um das Old Trafford zum Start der neuen Hochglanz-Liga ein neues Gesicht ausgesucht.

Gut eine Million Pfund, was in Anbetracht aller Umstände kein offensichtliches Schnäppchen, aber auch ein durch Charaktersorgen gedrückter Preis war, legte Manchester United im Herbst 1992 für Cantona auf den Tisch. Als der Deal am 26. November unter Dach und Fach war, belegten die Red Devils Tabellenplatz acht. Dann kam Eric.

Auch wenn Hochglanz schon früh auf dem Produkt Premier League draufstand, war Hochglanz nicht von Beginn an drin. Der Franzose fiel mit seinen eleganten Bewegungen zwischen den größtenteils hölzernen Engländern auf. Doch das war es gar nicht unbedingt, was seinen Einfluss in Manchester so schnell bemerkbar machte. Cantona krempelte eine fähige Mannschaft, der das gewisse Etwas allerdings fehlte, in erster Linie durch sein Auftreten um.

“Dank Eric wurde plötzlich Individualtraining Teil unserer Kultur; die Bereitschaft, die eigenen Fähigkeiten auch ohne das Beisein eines Trainers zu verbessern”, schwärmte United-Keeper Peter Schmeichel in seiner Biografie “One”. “Sein größter Beitrag war es, vorzuleben, wie der Beruf eines Fußballers auszusehen hatte”, heißt es weiter. Cantona und sein vornehm-schroffes Vorgehen waren von einer gewissen Aura umgeben, die einschüchtern, aber auch abfärben konnte. Viele nahmen sich ein Beispiel. Aber um Gottes Willen, vergesst mir bloß den Fußball nicht.

Eleganz und Aura waren ziemlich selbsterklärend. So erhaben. “Er erleuchtete Old Trafford”, ließ sich Ferguson, als er schon ein “Sir” war, einmal über Cantona zitieren: “Jedes Mal, wenn er den Ball hatte, wurde dieser Ort ein Tollhaus.” Aber das ist ja schon wieder so abstrakt. Konkret spielte der anfangs 26-Jährige in Uniteds 4-4-2, das eher ein 4-2-3-1 war, meistens hängende Spitze. Allerdings tat er das wie ein Zehner, wie ein waschechter Spielmacher, der andribbelte, verlagerte, Steckpässe spielte. Aber ein Spielmacher mit Zug zum Tor. Und einer mit Charakter.

Roy Keane, der ab 1993 eine Reihe hinter Cantona abräumte und ankurbelte, schätzte an diesem, dass er immer den Ball forderte. Sogar dann, “wenn andere ihn noch nicht einmal haben wollten”. Mark Hughes, der gemeinsam mit Cantona stürmte, beobachtete, wie dieser “ständig nach Räumen suchte, in denen er glaubte, einen Einfluss haben zu können. Und wenn er dort den Ball bekommen hat, wurde es gefährlich.”

Spielmacher, hängende Spitze, Abschlussspieler: Der Fußballer Cantona ist schwer zu greifen. Weil er wahrhaftig schwer zu greifen war. Er war ein Umherschwirrer und Verbinder, er war ein Raumdeuter, ein bisschen wie Thomas Müller. Er spielte eröffnende und auch entscheidende Pässe, seine 51 Premier-League-Vorlagen waren in diesem Zeitraum ligaweit unübertroffen. Und oft lief er am Ende im richtigen Moment ein, um auch noch das Tor zu schießen. United hatte Anfang der 90er einen Führungsspieler wie Bobby Charlton nötig, ein Genie wie George Best und einen Torjäger wie Denis Law. Um es mit den Köpfen der Meistermannschaft von 1967 zu sagen. Cantona war alles drei.

Nicht nur Keane bezeichnete ihn als “letztes Puzzleteil”, das aus einer guten Mannschaft eine sehr gute machte, aus Anwärtern Gewinner. Gleich in Cantonas erster Saison wurde Manchester United nach 26 Jahren Durststrecke wieder Meister.

Im wilden Fußball der noch jungen Premier League stellte sich Cantona – natürlich mit hochgeklapptem Trikotkragen – all der unkoordinierten Hektik als kontrollierendes, gleichwohl aber auch kreatives Element entgegen. Es war seine Präsenz, die seinen Mitspielern in Situationen der Unsicherheit immer eine Anspielstation gab. Seine Übersicht merzte in all dem Chaos um ihn herum bald den damit einhergehenden Zufall aus. Fortan ging United als Meister sogar in Serie – nur 1994/95 nicht, als Cantona die halbe Saison zuschauen musste, weil er wegen seines berüchtigten Kung-Fu-Tritts gesperrt worden war. Zufall?

Wenn er spielte, zählte Cantona Mitte der 90er zu den besten Angreifern weit und breit. Er hatte vielleicht nicht die explosive Dynamik von Romario, Roberto Baggio oder George Weah. Aber sein Spielverständnis, sein Timing und seine Zielstrebigkeit waren absolute Weltklasse. Wie auch 82 Tore und 62 Vorlagen in insgesamt 185 Spielen für Manchester United.

Und dann war da natürlich noch dieses gewisse Etwas, das so schwer zu greifen ist. Das ihn 1996 während der Aufholjagd im Meisterrennen und im Pokalfinale gegen Erzrivale Liverpool nahezu jedes entscheidende Tor schießen ließ – 21 seiner 64 Premier-League-Treffer waren Siegtore -, während sich “Fergies Fledglings”, Fergusons eigene “Busby Babes” um Ryan Giggs, David Beckham oder Paul Scholes, langsam an Cantona aufrichten konnten. “You can’t win anything with kids”, bezweifelte Liverpools einstiger Verteidiger Alan Hansen die “Class of ’92” öffentlich. Mit Nachwuchsspielern und Cantona ging das aber sehr wohl.

Dank Cantona (li.) konnten die Jungstars um David Beckham (2. v. li.) langsam wachsen. – Bild: shutterstock.com

Als United 1999, was mit “King Eric” fast normal geworden war, nicht nur Meisterschaft und Pokal, sondern zusätzlich auch noch die Champions League gewann, spielte Cantona schon gar nicht mehr mit. Nach der vierten Meisterschaft in fünf Jahren hatte er 1997, mit erst 30 Jahren, aufgehört. Diesmal wirklich. Der Henkelpott blieb ihm verwehrt. Doch dass diese Generation von Spielern den größten europäischen Vereinstitel ohne die Kontrolle, die Aura, das Zutun von Eric Cantona gewonnen hätte, darf bezweifelt werden. You wouldn’t have won anything without Eric.

Es ist schon ein Augenzwinkern des Schicksals, dass die französische Nationalmannschaft nur ein Jahr nach seinem Karriereende erstmals Weltmeister wird. Dass United wiederum ein Jahr später einfach alles abräumt. Hätte Cantona nur noch ein bisschen länger Lust auf Fußball verspürt, würden wir jetzt wahrscheinlich noch mal ganz anders über ihn reden. Aber auch das macht diesen Mythos von Mann aus, der sich eben nur schwer greifen lässt.

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