Ernst Willimowski: ZWISCHEN DEN WELTEN

Ernst Willimowski war einer der besten Stürmer, die je für die deutsche Nationalmannschaft spielten – dabei hatte er einst auch gegen sie getroffen. Über einen Mann, der in jeder Lebenslage nur schwierig zu greifen war.

Am Abend nach dem Spiel seines Lebens schlenderte Ernst Willimowski gedankenversunken durch die Gassen von Straßburg. Als Verlierer? Nun, jedenfalls durfte er nach dem Achtelfinale bei der WM 1938 wie auch alle anderen Polen kein Spiel mehr bestreiten. Doch mit seinen vier Toren gegen Brasilien hatte der gerade einmal 21-Jährige für derartige Furore gesorgt, dass ihn die Sieger einfach in die Spelunke mitschleiften, wo sie ihren Erfolg feierten.

Dann begann die dritte Halbzeit, in der der Torjäger als ebenso stark galt wie in den ersten beiden. Die fremden Sambaklänge taten ihr Übriges, als sich das Schlitzohr auf einen Tisch stellte, die Aufmerksamkeit auf sich – und seine Schuhe auszog. “Polska”, sagte er und zeigte auf seinen einen Fuß, an dem wenig überraschend fünf Zehen zu sehen waren. “Brazil”, grunzte er anschließend vor Lachen und präsentierte seinen anderen Fuß, der tatsächlich sechs Zehen zählte. Das verdutzte die Brasilianer noch mehr als seine vier Tore.

Tore, Zehen – die hatte Ernst Willimowski so viele wie Namen. 1916 geboren als Ernst Otto Pradella, Sohn deutscher Eltern im schlesischen Kattowitz, das wenig später polnisch wurde. Er besuchte eine deutsche Schule und dann eine polnische, hieß mal Ernst und mal Ernest, mal Pradella, mal Wil(l)imowski – mit einem oder zwei “l”. Das war der Name seines Stiefvaters, eines polnischen Patrioten. Meistens aber nannten ihn die Leute einfach “Ezi”. Und Ezi wechselte vom “deutschen” 1. FC Kattowitz zu Ruch Wielkie Hajduki, dem Stolz des polnischen Fußballs, nach Chorzow. Eine Gratwanderung.

Schlesien verließ Ernst erst, so sagte er stets, als er es während des Krieges musste, um in Deutschland weiter Fußball spielen zu können. Der Fußball war die Konstante im Leben eines hin- und hergerissenen Mannes, der mit links und mit rechts schoss, der sehr religiös war und doch ein Säufer, der Pole war und Deutscher. “Er hat sich nie viel aus Nationalitäten gemacht”, verriet seine Tochter Sylvia einmal. “Mal war er der Pole, dann wieder der Deutsche – so wie er eben am besten durchkam.”

Als Ezi, noch für Polen, vier Tore gegen Brasilien schoss – er hätte auch das fünfte Tor, einen Elfmeter, erzielen können und wäre mit dieser Leistung bis heute nicht übertroffen worden -, wurde er endgültig ein Star seiner Zeit. Serienmeister mit Ruch, eigentlich immer mehr Tore als Spiele und dann war da diese gefürchtete Schlitzohrigkeit, auch neben dem Platz. Rote Haare, Segelohren und ein Grinsen übers ganze Gesicht. Einem frechen Streich und dem Zapfhahn nie abgeneigt. Willimowski war bekannt wie ein bunter Hund. Und ebenso berüchtigt.

Fritz Walter gerät ins Schwärmen

Mit Ezi, einem Wandervogel, holten sich Vereine zwischen Polen und Deutschland meistens Probleme ins Haus. Aber sie holten sich auch Tore, so viel stand fest. 1940/41, im Trikot des PSV Chemnitz, schoss der Rotschopf in 45 offiziellen Saisonspielen ganze 107 Tore. Laut “RSSSF” in der gesamten Geschichte des Fußballs der bisherige Bestwert.

Sepp Herberger hatte Ezi bereits 1938 gegen Brasilien gesehen und sich diesen Ausnahmestürmer insgeheim in seine zwangsfusionierte Mannschaft (“Deutsches Reich”) gewünscht. Die politische Situation machte es, nach 21 Toren in 22 Spielen für Polen, ab 1941 möglich. So wurde Ernst Willimowski zum ersten und einzigen Spieler, der gegen und für Deutschland traf. In acht Länderspielen zwischen 1941 und 1942 ganze 13-mal.

“Der Ernst hat mehr Tore gemacht, als er Chancen hatte, er war ein Wunder im Ausnutzen von Chancen”, schrieb einst ein gewisser Fritz Walter, der dem “für mich größten aller Torjäger” den einen oder anderen Treffer vorbereitete. Wer das tat, war aber eigentlich egal. Ezi, über dessen Spiel nicht nur gegen Brasilien als “zirkusgleich” geschrieben wurde, der einen hervorragenden Antritt hatte, aber nie gerne köpfen wollte, dribbelte und schoss den TSV 1860 München 1942 als Torschützenkönig zum damaligen Tschammer-Pokal – der erste nationale Titel der Löwen.

1942 im Sechzig-Trikot auf dem kicker-Cover: Willimowski (re.). – Bild: kicker

Die WM 1942 hätte seine werden können, 1946 vielleicht auch. Doch die wohl besten Jahre seines Spielerlebens fielen dem Krieg zum Opfer, während dem Willimowski ohnehin damit beschäftigt war, seine in Ausschwitz gelandete Mutter vor den Nazis zu retten – weil sie eine Beziehung mit einem Juden eingegangen war. Es gelang Ezi mit der Hilfe des berühmten Luftwaffe-Piloten Hermann Graf, den er als Torwart der Soldaten-Elf “Die roten Jäger” kennengelernt hatte.

Zu einem Länderspiel war Willimowski 1942 einmal in der Uniform eines Panzerjägers angereist. Darüber, was er in den letzten beiden Kriegsjahren erlebt hatte, sprach und schrieb er allerdings nie.

Als hätte er nie existiert

Nach Kriegsende wurde Ezi Sportlehrer. Mal hier, mal da, wie im Fußball – oft nur für geringe Güter oder ein Dach über dem Kopf. Allerdings immer in Deutschland. In Polen wurde der Mann, dessen zehn Tore in einem Ligaspiel dort bis heute nicht übertroffen sind, als Verräter betrachtet – und aus sämtlichen Rekordbüchern gestrichen. Als hätte er nie existiert. Während der WM 1974 in Deutschland hatte Ezi der polnischen Auswahl einmal einen Besuch abstatten wollen, was ihm deren Verband jedoch strikt verwehrte.

Deutschlands WM 1954 hatte er, der damals schon 38 war, wie einige andere Chancen, die oft auch am Alkohol scheiterten, verpasst. Das habe Ernst lange gegrämt, wie Tochter Sylvia erzählte. Trotzdem spielte er, stets mit einem Heiligenmedaillon im Stutzen, noch bis weit in seine 40er und gilt als einer von denen, die insgesamt über 1000 Tore erzielt haben sollen. Geschichten, die er wieder und wieder auch in seinem Restaurant erzählen musste, das er im Leben nach dem Sport lange Jahre in Karlsruhe führte.

Dort war Ezi schließlich sesshaft geworden, der in seine über alles geliebte schlesische Heimat nie mehr zurückkehren sollte. Zumindest nicht Zeit seines Lebens, das im Sommer 1997 nach 81 Jahren endete. Erst danach konnte sich die polnische Sportpolitik überwinden, Wil(l)imowski samt Verdienstmedaille in ihre Hall of Fame aufzunehmen. Und erst danach fand zwar nicht mehr er den Weg in die Heimat, aber die Heimat ihren Weg zu ihm. Sein Grab in Karlsruhe, wo Wilimowski mit einem “l” eingraviert ist, pflegen bis heute die Fans von Ruch Chorzow.

Ezis von den Ruch-Fans verziertes Grab. – Bild: ruch-chorzow.ks-de
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