Der Fußball entwickelt sich – in großen Teilen – immer weiter, und seine Spieler sich mit ihm. Kann ich trotzdem eine Elf und eine Taktik auf die Beine stellen, durch die ich mit Spielern von vor dem Jahr 2000 ein heutiges Top-Team schlagen würde? Ein Versuch.
Die Fragestellung ist klar. Die meisten Vorzeichen und Umstände sind es auch, wenn man im Angesicht der Evolution ehrlich mit sich ist. Es würde mir nichts ausmachen, müsste ich meine Ausgangsfrage mit “Nein” beantworten – zu zwei Dritteln ist das durchaus meine Erwartungshaltung. Aber schauen wir doch mal. Mir stehen immerhin phänomenale Spieler aus mehr als zwei Dritteln der langen und großen Fußballgeschichte zur Verfügung.
Zugeständnisse
Auch wenn ich bei generationenübergreifenden Vergleichen von dieser Variante in der Regel Abstand nehme: In diesem Fall müssen wir tatsächlich weitgehend simulieren, die ehemaligen Spieler quasi per Zeitmaschine ins Heute zu verfrachten.
Während Team 2025 “uns” dann einräumen sollte, uns körperlich und taktisch in einer mehrwöchigen Vorbereitung auf das Kräftemessen präparieren zu können, müssen wir natürlich ihm – und der Realität – zugestehen, dass sich alle Aspekte in dieser Zeit auch mit allerlei modernen Hilfsmittel nicht aufholen lassen.
Wenn man Durchschnitt mit Durchschnitt vergleicht, ist der heutige Fußballer vor allem schneller, stärker und ausdauernder, körperlich einfach fitter. Er ist mit einstudierten kollektiven Abläufen vertrauter, das Spiel hat sich mittlerweile größtenteils in Richtung der Grundprinzipien des europäischen Positionsspiels zentralisiert. Die vielfältige höhere Körperlichkeit und die viel zitierten taktischen Automatismen werden für mein “Oldschool-Team” große Herausforderungen sein.
Welche Spieler kommen überhaupt infrage?
Noch mal zum Durchschnitt: Auf den werde ich natürlich verzichten. Die Besten der Besten sind nötig. Mir ist allerdings auch klar, dass selbst manche Ikonen ihrer Zeit in diesem Szenario wohl undenkbar sind.
Ein Ferenc Puskas etwa passt hier einfach nicht: einerseits nicht vielseitig genug, andererseits deutlich zu unfit. Selbst wenn ich den “Major” durch ein wochenlanges Drill-Camp treiben würde: Die nötige Laufbereitschaft wird ihm eine bessere körperliche Fitness auch nicht einflößen können. Und sein schwacher rechter Fuß bleibt ein schwacher rechter Fuß, so ehrlich muss ich sein.
Sogar ein Pelé ist wohl, wenn ich diese ebenfalls mitdenke, nur eine meiner Optionen von der Bank, von wo aus einer der vielseitigsten aller Offensiv-Giganten einen fantastischen Einfluss haben könnte. Die Joker-Rolle ist aktuell schließlich größer denn je. Und doch habe ich mich in der ersten Elf aus Respekt vor dem Wandel der Zeit für andere, noch spezifischer geeignete Spielerprofile entschieden, durch die ich glaube, noch bessere Chancen zu haben.
Alle meine Feldspieler müssen eine sehr gute Grundfitness und -dynamik mitbringen, die theoretische Körperlichkeit sollte möglichst ebenbürtig sein. Dennoch benötige ich in der Zentrale auch einige Spieler mit großer Intelligenz und Genialität. Gleichzeitig müssen alle Feldspieler möglichst vielseitig sein, weil im modernen Spiel gerne mal Akteure von ihren angestammten Positionen gezogen werden, um ihre Schwächen zu entblößen. Diese Gefahr muss ich möglichst minimieren. Und dann will ich natürlich auch die Gefahren für die “Modernen” erhöhen, die tendenziell vor allem für Tempo in die Tiefe, Mann-Orientierung und allgemein Unerwartetes anfällig sind. Hier helfen gnadenlose Verteidiger, schnelle Stürmer und Freigeister.
Also: fit, dynamisch, gallig, spielintelligent und sowieso vielseitig – was auch möglichst beidfüßig, pass-, dribbel-, schuss- und zweikampfstark bedeutet.
Puskas ist demnach nicht fit und beidfüßig genug, Michel Platini etwa gehen Dynamik und Galligkeit ab. Hans-Peter Briegel könnte zwar laufen und ackern wie kaum ein Zweiter, spielt mir aber nicht sauber und clever genug. Und Pelé soll zu wenig spezifisch sein? Das Casting sinnvoller Spieler gestaltet sich doch ziemlich kompliziert. Vielleicht also erst mal die Formation.
Die Formation
In einer tiefstehenden Verteidigung, das könnte ja recht oft passieren, will ich eine Fünfer- oder auch mal Sechserkette (für das Aufnehmen von späten Tiefenläufern) bilden können, vor der konterstarke Spieler die Räume der “zweiten Reihe” mindestens zustellen. Die numerischen Aspekte sind gegen ein Team der Gegenwart unweigerlich essenziell.
Offensiv möchte ich mit breitstehenden Außen und einem diese Position auch besetzenden Mittelstürmer die gegnerische letzte Kette möglichst auseinanderziehen und tief pinnen – natürlich ohne, dass ich im Zentrum eine gravierende Unterzahl zulasse.
Daraus ergibt sich für mich in der Grundordnung ein 4-3-3 mit einem Sechser, einem Achter und einem Zehner, in dem defensiv entweder der Sechser in die Viererkette zurückrückt (kurzfristiger) oder die lauf- und defensivstarken Außenbahnspieler diese von außen verstärken (wenn mehr Zeit ist – auch meine zentralen Offensivspieler können kontern). All das ist sowieso recht fluid – und soll zwischen eigenem und gegnerischem Ballbesitz in puncto Formationswechsel nicht unnötig verkompliziert werden.
Offensiv gestaltet es sich eher als 3-4-3, weil einer der Innenverteidiger ins Mittelfeld vorschieben und dort für möglichst mindestens Gleichzahl sorgen soll – was für die dann einrückenden Außenverteidiger natürlich bedeutet, dass sie fußballerisch gut genug sein müssen, um sich auch in zentraleren Räumen wohlzufühlen. Der verbleibende Innenverteidiger hat eine absolute Wucht zu sein, mein Torhüter dahinter so Libero-fähig, wie es vor 2000 eben ging. Und alle zentralen Spieler vor allem technisch sowieso sehr, sehr stark.

Tor
Gern hätte ich Edwin van der Sar aus der Ajax-Mannschaft von 1995 genommen, doch der gute Mann wurde auch 2008 mit Manchester United noch Champions-League-Sieger. René Higuita hab’ ich mich nicht getraut – Spaß beiseite -, weshalb für das gesuchte Torhüter-Profil, gepaart mit der nötigen Qualität, eigentlich “nur” Lew Jaschin blieb.
Jaschin war natürlich einer der Allergrößten, wobei seine Libero-Fähigkeiten größtenteils defensive Ausprägungen hatten. Aus seinem Tor eilen, Bälle abfangen, das ginge gut. Das ist mir sogar wichtiger als ein Aufbau-Beitrag a la Manuel Neuer, den ich von Jaschin in dieser Form nicht erwarten kann. Seine vergleichbaren Abwürfe auf die Flügel hingegen sind enorm wertvoll, und lange Abschläge auf meinen Mittelstürmer, der diese Bälle hervorragend verarbeiten, ablegen oder weiterleiten kann, sogar sehr gewünscht – während ich auf die Linie ohnehin kaum eine bessere Nummer 1 stellen könnte.
Abwehr
Für Präsenz, Aura, hohe Hereingaben und direkte Körperlichkeit gegen möglicherweise Erling Haaland benötige ich einen hünenhaften Abwehrchef. Hier und Hier habe ich schon mal genauer erläutert, warum Elias Figueroa DER zentrale Abwehrspieler für mich ist. “Don Elias” ist gesetzt, er hält meinen Laden zusammen.
Der Chilene konnte auch mit dem Ball am Fuß einiges, doch für die dringend nötige absolute Pressingresistenz im Aufbau stelle ich ihm sicherheitshalber Franz Beckenbauer zur Seite, der im WM-Finale 1974 die äußerst fortschrittlichen Niederländer allein dadurch ziemlich entnervt hat. Bei Franz muss man auf einer deutschsprachigen Seite natürlich nicht wirklich weiter ins Detail gehen. Er eignet sich jedenfalls auch perfekt dafür, aus der Abwehr ins Mittelfeld vorzuschieben, hat er dort doch etwa während seiner anderen beiden Weltmeisterschaften (als Spieler) verweilt.
Weil der gegnerische Aufbau im modernen Fußball gern mal auf die Außenverteidiger gelenkt wird, um nahe der Seitenlinie Ballgewinne zu erzielen, brauche ich dort unbedingt zwei spielstarke Kameraden – was sich wunderbar damit deckt, dass diese in meinem Ballbesitz in eine Dreierkette einrücken sollen. Einmal hätte ich gerne noch einen Linksfuß, Stichwort Passwinkel, außerdem ist neben den eher eleganten Figueroa und Beckenbauer Aggressivität und Härte nötig. Argentiniens erster Weltmeister-Kapitän Daniel Passarella kriegt den Zuschlag, der aus allen Lagen auch eine enorme Torgefahr ausstrahlt. Außerdem kann er ganz wunderbar andribbeln und eröffnende Pässe schlagen, was auf der anderen Seite ebenso für Franco Baresi gilt. Ein bisschen argentinische Mentalität in meinem Defensiv-Verbund, ein bisschen italienische auch. Fühlt sich gleich deutlich besser an. Und was konnten die alle gut Fußball spielen.
Figueroa, Passarella, Baresi und auch Beckenbauer bringen außerdem ein zumindest gesundes Maß an Endgeschwindigkeit mit, und Passarella und Baresi sind die sprungstärksten “kleinen” Klasse-Verteidiger, die mir gerade so einfallen. Diese “back four”, da bin ich wirklich zufrieden, deckt alles ab – und lässt sich dadurch auch gut “verformen”.
Mittelfeld
Johan Cruyff, Überraschung, ist DER totale Fußballer. Und sowohl ein paar Jahre moderner als auch teamfähiger als Alfredo di Stefano. Auf engen Räumen erprobt, mit etwas Zeit am Ball sowieso ein Genie, nach Ballgewinnen brutal dynamisch und clever, gegen den Ball für einen Offensiv-Künstler so geschult, wie es nur geht. Rinus Michels sei Dank. Es wäre fahrlässig gewesen, Cruyff NICHT aufzustellen.
Auf seinem physischen Höhepunkt wäre “König Johan” in jeder Generation schier unaufhaltsam, er ist in meiner Spielidee der perfekte Achter. Gen letztes Drittel darf er sich “restverteidigend” sogar ruhig ein wenig zurückhalten angesichts von Diego Maradona, über den ich jetzt auch nicht mehr wahnsinnig viel sagen muss. Aber zumindest so viel: Wer seine unvergleichliche WM 1986 mal etwas intensiver verfolgt hat, der hat auch erkannt, wie fit, robust und einsatzfreudig Diego damals war – was auch seine Anfangsjahre in Neapel erforderten -, ehe er körperlich später merklich abbaute. Ich stelle als Zehner natürlich die 1986er Variante auf, die auch ganz wunderbar das positionelle Wechselspiel mit einem mitspielenden Mittelstürmer präsentierte. Kommt mir absolut zugute.
Maradona und Cruyff – viel mehr Galligkeit von einem Offensiv-Duo dieser raren Güteklasse, die Bereitschaft vorausgesetzt, ist nur schwer zu kombinieren. Als regelrechter Jäger von Gegner und Ball, der gleichzeitig auch zum Manndecker taugt, eignet sich ein anderer aber noch viel besser: Lothar Matthäus, der 1990 auch wie ein Totalfußballer daherkam, hält Diego und Johan den Rücken frei, während er sich mit seiner wahnsinnigen Dynamik für das Brechen sämtlicher Linien eignet. Ein Lothar, der nach einem Ballgewinn lossprintet, um von Maradona oder Cruyff mit einem Steckpass eingesetzt zu werden? Da müsste dann auch Fede Valverde richtig durchziehen. Das wäre mal ein Laufduell.
Angriff
Auf meinen Flügeln ist die Formel eigentlich recht simpel. Einerseits möglichst schnell, dribbelfähig und torgefährlich, andererseits ausdauernd, mit bereitwilligem Rückwärtsgang und gerne Pressing-erprobt. Also eigenes Pressing. Links drängt sich da Oleg Blokhin auf, rechts Ruud Gullit. Zwei abartige physische Phänomene, die auch noch richtig gut kicken konnten. Für je einen Ballon d’Or hat es jedenfalls gereicht.
Garrincha und Paco Gento würden offensiv wahrscheinlich noch zweimal öfter vorbeikommen, aber eben achtmal seltener mit zurück. Blokhin und Gullit, die unter Valeriy Lobanovskyi beziehungsweise Arrigo Sacchi einst ziemlich genau das spielten, was ich von ihnen möchte, sind für diese Rolle wunderbare Lösungen. Und weitere Paradebeispiele für Vielseitigkeit.
Im Sturmzentrum bin ich mir sogar noch schneller klar gewesen. 1,90 Meter groß und trotzdem Edeltechniker, wunderbarer Zuspieler, Vollstrecker und erster Verteidiger in einem? Vor 2000 kann das eigentlich nur Marco van Basten sein. Es hilft zudem, dass er Gullit, Cruyff und Baresi kennt.
Ein Stürmer seines Kalibers rechtfertigt die Aufstellung ja eigentlich von selbst. Doch mit dem “Schwan von Utrecht” werden lange Bälle, wenn uns die “Modernen” pressen und/oder zustellen, vom Fluchtplan sogar zur Waffe. Abgesehen von seiner Verletzungsanfälligkeit war van Basten quasi ohne Schwäche – für 90 Minuten und einen prestigeträchtigen Generationen-Clash wird es aber reichen. Vielleicht rutscht ihm ja glücklich einer ab.

Die Taktik
Den vermeintlich überlegenen Gegner erst mal ein bisschen kommen lassen – und sich an die Sache herantasten. Kein wildes hohes Anlaufen, um Gottes willen, aber ein cleveres situatives Mittelfeldpressing, um dadurch auch gut etwas Tiefe attackieren zu können. Nach Ballgewinnen blitzschnell kontern, dabei entweder Blokhin und Gullit suchen, oder auch Cruyff, Matthäus und Maradona losstürmen lassen. Hach, liest sich das herrlich. Das Vierer-Abwehrgespann darf dann auch aufrücken, aber sichert primär ab, der Fokus liegt auf der zentralen Stabilität. Auf diesem Wege können durchaus zwei, drei Großchancen entstehen.
Sicherlich werden aber längst nicht alle 90 Minuten meiner Mannschaft passiv und reagierend sein. In Ballbesitz gleich ein 3-Raute-3 bilden, weil drei Mann als Restverteidigung genügen. Das zentrale Personal für Ballkontrolle und -Stafetten ist definitiv vorhanden. Van Basten beschäftigt davor die gegnerischen Innenverteidiger und lauert, Gullit und Blokhin halten die Außenverteidiger schön breit und können vorbeisprinten oder flanken. Diese Positionierung meiner Angreifer gibt den Genies im Zentrum jedenfalls ausreichend Zeit, sich den Gegner zurechtzulegen. Zur Not bringen Matthäus und Passarella fulminante Fernschüsse ein, Figueroa und Passarella sind brandgefährlich nach Standards – die Maradona tritt.
Und in gegnerischen Druckphasen kann ich durch meine vier Defensiven – verstärkt von Blokhin und Gullit außen, während Lothar vor der Abwehr aufräumt und Tiefenläufe aufnimmt – auch ordentlich Beton anrühren. Alle vier sind gut am Boden, können Flanken aber auch ausgezeichnet rausköpfen – für ein tödliches Konterspiel ist mein Offensivpersonal allgemein perfekt. Wir leben 2025 nun mal in einem Zeitalter des reaktionären Umschaltspiels.

Kann ich wirklich gewinnen?
Oh, absolut, auch wenn wir das natürlich nie erfahren werden. Zwar auch verlieren, es würde wahrscheinlich ziemlich eng werden, aber warum nicht? Mich selbst hab ich inzwischen jedenfalls überzeugt – beziehungsweise die tollen Spieler der Vergangenheit und ihre Qualitäten im Zusammenspiel haben das. Und euch?
