Gheorghe Hagi: DER KOMMANDANT

Rumäniens größter Fußballer scheiterte ziemlich unglücklich sowohl bei Real Madrid als auch beim FC Barcelona. Zufall war das aber genauso wenig wie der Ort, an dem Gheorghe Hagi schließlich sein Glück fand.

Der Opa, der Enkel, die Schafe. Und sonst nur die weite Natur. Das sind die liebsten Erinnerungen Gheorghe Hagis an eine Kindheit, die mit Überfluss ziemlich wenig gemein hatte. In den Momenten, in denen er die Schafe alle überblicken kann oder sie sogar mal zurücktreiben darf, fühlt sich der kleine Gheorghe immer ein bisschen besonders. Wie ein kleiner Kommandant.

Es sind die Jahre des Heranwachsens, die die meisten Menschen besonders prägen. Und weil der talentierte Fußballspieler etwas langsamer heranwächst als seine Altersgenossen, wird in der Jugend des FC Farul Constanta die nächste Sonderbehandlung fällig. Iosif Bükössy, Trainer der Aktiven, lässt Gheorghe bei diesen heimlich mitessen. Weil es bei den Hagis zu Hause eben nicht so viel gibt.

Bükössy hat Erfolg. Hagi wächst noch, vor allem fußballerisch. Seine Position: Spielmacher. Zehner. Strippenzieher und offensiver Anführer auf dem Feld, mit der Lizenz zum Schießen. Und wie er schießen konnte. Aber auch aus der Haut fahren, wenn die Dinge anders liefen als so, wie sie ihm passten.

Nach seinem Wechsel zu Sportul Studentesc, wo er parallel BWL studiert, bringt seine Torgefährlichkeit Hagi in der ersten rumänischen Liga 1985 und 1986 den Titel als Torschützenkönig ein. Sein Temperament jedoch mehrere Platzverweise. Beides sind Auswüchse, die von seinem Status als größtes Talent des rumänischen Fußballs nur noch befeuert werden.

Im Sommer 1986 steht der rumänische Fußball im Fokus. Steaua Bukarest hatte den FC Barcelona geschockt und als erste Mannschaft aus dem “Ostblock” den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Der Armeeklub, geleitet von Vereinspräsident Valentin Ceaucescu, Sohn des damaligen rumänischen Diktators Nicolae, wird daraufhin nicht ganz im Sinne des sportlichen Wettbewerbs nur noch weiter hochgezüchtet.

Logische Folge: Hagi, Anfang 20, muss zu Steaua. Vorgeschoben wird zunächst eine Leihe, nur für ein Spiel. Für den europäischen Supercup gegen Dynamo Kiew, den Steaua durch ein Freistoßtor von Hagi auch gewinnt. Doch Sportul Studentesc sieht ihn nicht wieder. Jetzt ist Hagi Steauas Star.

Auch bei einem der stärksten europäischen Klubs dieser Zeit bekommt Gheorghe die Zügel in die Hand. Seine Torbilanzen als Mittelfeldspieler sind enorm – wie auch die Siegesbilanzen seines Arbeitgebers. Zwischen Juni 1986 und September 1989 bleibt Steaua 104 Ligaspiele in Folge ohne Niederlage. Das ist bis heute europäischer Rekord.

1989, ein Jahr zuvor war es zumindest das Halbfinale geworden, kehrt Bukarest mit Hagi ins Landesmeister-Endspiel zurück. Zwar setzt es dort gegen Arrigo Sacchis revolutionäres Milan ein deftiges 0:4. Doch jenseits des “Eisernen Vorhangs” war Hagi zu einer der heißesten Fußball-Aktien Europas geworden, die nach dem Sturz des Ceaucescu-Regimes Ende 1989 plötzlich auch in den Westen wechseln darf.

Gegen Frank Rijkaard und die AC Mailand waren Gheorghe Hagi und Steaua 1989 auf verlorenem Posten. – Bild: www.flickr.com/l3o_

Schon vor der WM 1990, bei der der “Maradona der Karpaten” das Original im direkten Duell sogar aussticht, unterschreibt Hagi bei Real Madrid. Die Königlichen hatten soeben die fünfte Meisterschaft in Folge gewonnen und einen Nachfolger für Bernd Schuster gesucht. Real lässt sich Gheorghe umgerechnet acht Millionen Mark kosten, mehr hatten die Blancos damals noch für keinen Spieler ausgegeben. Erst recht für keinen, für den diese Summe erst der Anfang eines Kulturschocks ist.

Es ist auch unglückliches Timing. In Madrid kommt eine große Mannschaft gerade in die Jahre, während Johan Cruyff in Barcelona allmählich sein “Dream Team” formt. Darüber hinaus machen die weitaus größere Aufmerksamkeit, Erwartungshaltung und Druck oder die Existenz anderer Platzhirsche Hagi einen Strich durch die Rechnung. Vor allem mit Emilio Butragueno, Reals Identifikationsfigur im Angriff, kriegt er sich in die Haare.

Im Bernabeu ist er nicht mehr der große Hagi, fast schon ein Fußballdiktator auf dem Platz. Nein, bei Real, das gibt Gheorghe später zu, ist alles noch viel größer. Zu groß für ihn, der sich umso kleiner fühlt. Nach gewaltigen Anpassungsschwierigkeiten läuft seine zweite Saison 1991/92 zwar besser, prompt kommt aber auch das Temperament zurück – und so mancher Platzverweis nicht gut an.

Als Real im Saisonfinale 1992 den Meistertitel am letzten Spieltag auf Teneriffa verspielt und das Pokal-Endspiel gegen Atletico verliert, ist Heilsbringer Hagi in Madrid schon wieder Geschichte. Das war nichts. “Auf diese Weise zu verlieren, hat mir gezeigt, dass mein Schicksal nicht bei Real liegt”, sagt der Rumäne, der dringend einen Neuanfang benötigt. Einen radikalen Cut.

Aber so radikal?

Wie sehr sein Selbstverständnis unter den zwei bitteren Jahren in Spanien gelitten hatte, beweist die Wahl von Gheorghes nächstem Verein: Brescia Calcio. Zwar ist die italienische Serie A damals die beste Liga der Welt, Brescia aber nur ein Aufsteiger. Der Wechsel hängt vor allem mit Brescias rumänischem Trainer Mircea Lucescu und ein paar rumänischen Mitspielern zusammen, die Hagi aus der Nationalmannschaft kennt. In diesem Umfeld, bei einem kleineren Klub, kann er wieder der Star sein. Balsam für eine geschundene Seele. Und siehe da: Gleich in seinem ersten Serie-A-Spiel sieht der geniale Linksfuß die rote Karte.

Der Plan geht nach hinten los. Die rumänische Zusammenkunft in Brescia ist alles andere als das, was sich alle Beteiligten vorgestellt hatten. Am Ende der Saison steigen sie gemeinsam wieder ab. In die so wichtige Spielzeit vor der WM 1994 – dafür entscheidet sich Hagi am Ende selbst – geht er tatsächlich als Zweitligist.

In diesem Jahr aber klappt fast alles. Hagi, der im Saisonverlauf 29 wird, rafft sich auf und führt Brescia zum Wiederaufstieg. Dieser gelingt auch auf Kosten von verbrannter Erde, Lucescu beschimpft seinen Unterschiedsmacher als “großen Spieler ohne Arbeitsmoral”. Weil der dieser große Spieler nun aber auch wieder in seinem eigenen Kopf ist, führt Hagi eine große rumänische Generation, deren Epizentrum er ist, mit drei Toren und vier Vorlagen in fünf Spielen in den USA bis ins WM-Viertelfinale. Danach wollen ihn wieder alle haben.

Vier Jahre nach seinem Wechsel zu Real zieht es Hagi diesmal zum FC Barcelona. Romario, Hristo Stoichkov und Gheorghe – die Stars der zurückliegenden WM hatten sich fast alle in Katalonien versammelt.

Problem Nummer eins: Jetzt ist er wieder einer von vielen – und bekommt nicht wie selbstverständlich jeden Ball. Problem Nummer zwei: Nun ist auch Cruyffs “Dream Team” über dem Zenit. Problem Nummer drei: Cruyff. Der Genius ist selbst ein Alphatier und Sturbock, der Hagi bei unzufriedenstellenden Leistungen problemlos auf die Bank setzt. Was in den ersten anderthalb Jahren bei Barca, vor dem Bosman-Urteil, allein schon wegen der Ausländerregel immer mal wieder passiert.

Der Erfolg bei einem Weltklub soll es einfach nicht sein. Es gibt Formlöcher, jetzt auch Verletzungen, sowieso Reibereien mit den anderen Platzhirschen. Auch das Kapitel Barcelona, ebenfalls ohne Meisterschaft, ist nach zwei Jahren beendet. Die Karriere aber noch nicht. Mit frischgebliebenen 31 findet Rumäniens größter Fußballer doch noch sein Glück.

Galatasaray. Istanbul. Auch eine schöne Stadt, auch ein immenser Anhängerkult. Aber ein Umfeld, das Extravaganzen zulässt, wenn die Leistungen stimmen. Ein Ort, an dem Hagi wieder Kommandant sein kann. Manche Spieler müssen derart im Mittelpunkt stehen, wie er es am Bosporus schnell tut. Gheorghe feiert ein Traum-Debüt, zahlreiche seiner fulminanten Schüsse lässt er folgen. Diesmal auch Titel.

Mit Hagi im Herbst seiner Karriere erlebt “Gala” seine erfolgreichste Zeit. Vier Meisterschaften in Serie, 2000 sogar den UEFA-Cup im Finale gegen Arsenal – in dem Gheorghe mit Rot vom Platz fliegt. Und im europäischen Supercup gleich noch der nächste Erfolg gegen Real. Ausgerechnet gegen Real, vor dessen Größe Hagi inzwischen nicht mehr erschaudert. Lässig schiebt er den Ball hinter dem Standbein an Roberto Carlos vorbei, der zunächst nur verdutzt stehen bleibt. Als wäre er bloß ein Schaf auf seiner Weide.

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