In einem Transfersommer der Rekorde war keiner so teuer wie Gianluigi Lentini. Dem jungen Italiener stand Anfang der 1990er Jahre die ganze Fußballwelt offen – bis zu einem tragischen Unfall.
Wie verbessert man Perfektion? Mit dieser Frage musste sich die AC Mailand im Sommer 1992 durchaus auseinandersetzen.
Die Rossoneri waren in der damals besten Liga der Welt gerade ungeschlagen Meister geworden, wofür Verteidiger wie Franco Baresi, Paolo Maldini oder Alessandro Costacurta, Mittelfeldspieler wie Frank Rijkaard, Roberto Donadoni oder Ruud Gullit gesorgt hatten. Und natürlich Torjäger Marco van Basten, der in der Folge seinen dritten Ballon d’Or gewann.
Doch Stagnation bedeutet natürlich Rückschritt und die anstehende Premieren-Saison der Champions League bot dankenswerterweise einen neuen Silberschatz, den sich Milan noch als Ziel setzen konnte. Als vor der Saison 1992/93 das Transferfenster öffnete, mussten trotzdem erst einmal Spieler gefunden werden, die für die Verbesserung der Perfektion überhaupt das Format hatten. Fabio Capello, der auf Arrigo Sacchi gefolgt war, hatte ein Monster erschaffen.
Mogul Silvio Berlusconi und sein Gefolge fanden dann doch noch ein paar wenige Würdige. Für den Ballon-d’Or-Gewinner des Vorjahres, Marseilles Top-Stürmer Jean-Pierre Papin, brachen die Mailänder sogar den Transfer-Rekord, für die vakanten Flügel holten sie Dejan Savicevic aus Belgrad – für die eine Seite. Für die andere, und für die nötige nationale Identifikation, kam im Sommer 1992 eigentlich nur Gianluigi Lentini in Frage.
Ein Jahrhunderttalent wie zuvor Roberto Baggio war der damals 23 Jahre junge Senkrechtstarter des FC Turin vielleicht nicht, und doch entbrannte zwischen Milan und Juve, das für Gianluca Vialli eben erst sogar noch mehr ausgegeben hatte als die AC für Papin, ein Wettbieten der Superlative. Es war wohl noch nicht genug Geld ausgegeben worden.
Was Lentini so reizvoll machte, das war in Italien, im Mekka des fußballerischen Kalküls, zunächst gar nicht so richtig greifbar. Aber dafür umso begehrenswerter. Der körperlich relativ wuchtige Rechtsfuß, der auf beiden Flügeln spielen konnte, hatte weder die engste Ballführung noch die genialsten Einfälle, jedoch eben auch keine immer gleichen Bewegungen, auf die man sich hätte einstellen können. Er verließ sich lieber auf seinen Instinkt, der ihm bei seinem Tempo erlaubte, ziemlich oft an seinen Gegenspielern vorbeizugleiten. Lentini war schon ein Ereignis.
Im WM-Jahr 1990 war “Gigi” mit dem Toro erst wieder in die Serie A aufgestiegen, wo er wenige Monate später direkt mal einen der Stars des Turniers, Andreas Brehme, heftig durcheinanderwirbelte. Und der Deutsche galt immerhin als bester Außenverteidiger der Welt. Die für den italienischen Fußball ungewöhnlich proaktive Turiner Truppe landete am Saisonende sogar vor dem verhassten Stadtrivalen Juve – und ein Jahr später im Finale des UEFA-Cup. Im Halbfinale gegen Real Madrid war Lentini, Liebhaber der besonderen Anlässe, wieder einmal nicht zu stoppen gewesen.
Vielleicht war es der finanzielle Schwanzvergleich in diesen Wochen, vielleicht hatten Lentini und der Toro auch zu großen Respekt vor innerstädtischen Ausschreitungen, hätte er sich Juve angeschlossen. Jedenfalls entschied Milan das Tauziehen um Italiens heißesten Scheiß in einem Transfersommer des Wahnsinns für sich, woraufhin gleich die nächste Rekordablöse gezahlt wurde. Jetzt mischte sich sogar der Vatikan ein, der die Unsummen im Fußballzirkus als moralischen Verfall anprangerte. Den Business-Verantwortlichen war’s schon damals egal.
Lentini stürmte nun also für die beste Mannschaft Europas – und wie: Kein Mailänder Feldspieler wurde in seiner ersten Saison öfter eingesetzt, sein erstes Liga-Tor war ein Fallrückzieher, im ersten Derby gegen Inter schoss er Milans einzigen Treffer – in den Winkel. Da waren sie wieder, die besonderen Lentini-Momente. Doch der Junge vom Dorf schlingerte ein wenig über seine Überholspur, ließ zwischen seinen Highlight-Szenen die gewünschte Konstanz vermissen. Und zum Highlight am Saisonende, im ersten Champions-League-Finale gegen Olympique Marseille, erwischte Lentini einen der schwachen Auftritte. Milan verlor.
Als teuerster Spieler der Welt stand Gigi natürlich im Fokus der Schuldfrage, für das erste Jahr im Olymp des Weltfußballs war er alles in allem aber wirklich gut gewesen. Nicht gehobene Weltklasse, aber wirklich gut – und in der zweiten Saison würde er sich sicherlich noch besser akklimatisieren. Oder?
Oder auch nicht. Im Sommer 1993, wenige Wochen vor besagter zweiter Saison, eilte Frauenschwarm Lentini hektisch von einem Vorbereitungsturnier in Genua. Mit seinem quietschgelben Porsche 911 jagte er über die A21 gen Turin, wo Rita Bonaccorso auf ihn wartete – die Ehegattin von “Toto” Schillaci. Gigi fuhr sich einen Platten, wechselte an einer Tankstelle auf das Ersatzrad, das für hohe Geschwindigkeiten nicht ausgelegt war – und bretterte mit rund 200 km/h weiter. Rita hatte schließlich nicht ewig Zeit.
Kurz darauf wurde das Tempo, das ihm auf dem Rasen so vieles ermöglicht hatte, Lentini zum Verhängnis. Er schlingerte wieder, diesmal so richtig. Aufgrund von schweren Kopfverletzungen wurde der 24-jährige Fußballstar für wenige Tage in ein künstliches Koma versetzt, seine zweite Saison bei Milan zog größtenteils an ihm vorbei.
Die Rossoneri gewannen auch ohne ihn die dritte Meisterschaft in Folge – und diesmal auch die Champions League, mit 4:0 im Finale gegen Johan Cruyffs FC Barcelona. Eine noch perfektere Perfektion.
Nun stellte sich wieder die Frage, ob mit einem genesenen Lentini ein weiteres nächstes Level möglich war. Eine Antwort darauf gab es aber nie. Oder zumindest nicht so, wie sich alle Beteiligten das erhofft hatten. Denn der Lentini, den Milan einst so kostspielig gekauft hatte, war bei seinem Autounfall gewissermaßen ums Leben gekommen. Was von diesem aufregenden Fußballer übrig geblieben war, war bestenfalls noch ein Schatten.
Gigi hatte seine großartige Balance und den Rundumblick verloren – ein Auge war nachhaltig verletzt worden -, und dadurch auch sein Selbstvertrauen. “Manchmal konnte man seine Fähigkeiten noch sehen”, berichtete Teamkollege Marcel Desailly, “doch nach dem Unfall war alles anders”. Auch für Milan.

Van Basten war inzwischen zum Sportinvaliden geworden, Gullit und Rijkaard waren weg, Baresi und andere wurden auch nicht jünger. Jetzt hätte Milan Lentini gebraucht. Doch im Champions-League-Finale 1995, beim letzten großen Aufbäumen dieser besonderen Mannschaft, wurde er bloß spät eingewechselt, in der Liga sah es meistens auch nicht anders aus – und damit war die Meister-Serie futsch. Milan verlor auch das Endspiel gegen Ajax. Und Lentini saß seinen Vertrag aus, ehe die AC ihn 1996, als er auch schon das letzte seiner nur 13 Länderspiele machte, dankend abgab. Woraufhin erst einmal Juve die Serie A dominierte und Jahr für Jahr im CL-Finale stand.
Im Herzen war Lentini ein einfacher Straßenkicker. Er spielte, um zu spielen. Er spielte bis 2012 noch viele Jahre weiter, auch noch mal ein paar für den Toro, später sogar einige Spielzeiten in unteren Klassen. Bis weit in seine 40er hinein.
Mit Rita wurde es übrigens nichts. Aber immerhin mit Alexandra, einem schwedischen Model. Nur das große fußballerische Immerhin, das gab es nie.
