Giorgio Chinaglia: EIN RIESENGROßES ARSCHLOCH

Wenn ich euch von einem Stürmer erzählen würde, der so viele Tore schoss wie Messi, der hochmütiger war als Ibrahimovic und der den großen Pelé einst zum Weinen brachte, würdet ihr mir glauben? Manege frei für Giorgio Chinaglia.

Giorgio Chinaglia wurde ja durchaus nachgesagt, eine gewisse Wirkung auf Frauen zu haben, doch da hatte sich Ivanka Trump gehörig vertan.

Als die damalige Präsidententochter im Jahr 2017 eines Abends in Rom dinierte und zwischen einem Kruzifix und einem Abbild des Pater Pio das Bild eines hellblau gekleideten Mannes erblickte, der seine Arme gen Himmel ausgebreitet hatte, fragte sie einen der Kellner ehrfürchtig: “Und welcher Heilige ist das?”

Es war Giorgio Chinaglia, wie er ein Tor für Lazio bejubelte.

Und ein Heiliger war er nun wirklich nicht. Er war vielmehr das, was man bekommt, wenn man einen italienischen Jungen zum (fußballerischen) Erwachsenwerden nach Wales schickt. Denn in der Toskana, Giorgios Heimat, hatte Vater Mario in der Nachkriegszeit einfach keine Arbeit gefunden.

Eine amüsante Verwechslung: Ivanka Trump und das Abbild des Giorgio Chinaglia. – Bild: amp.calciomercato.com

Stahlarbeiter Mario erzog mit strenger Hand und es hätte ihm ähnlich gesehen, wenn er den Sohnemann gleich mitschuften lassen hätte. Das sah auch Giorgio ähnlich, als er mit knapp 1,90 Metern und dem Oberkörper eines Zuchtbullen schließlich ausgewachsen war. Der italienische Brite.

Aber auch ohne sein imposantes Äußeres hätte Chinaglia, der in Wales auch Rugby spielte, auf der Insel von sich reden gemacht. Zum einen als “neuer John Charles” – Wales, Italien, naheliegend. Doch dem bei Swansea Town (heute Swansea City) ersten unterschriebenen Profivertrag stellte sich Giorgio mit seiner “Persönlichkeit” selbst in den Weg.

Mal der Alkohol, mal die Frauen, mal eine stinknormale Prügelei. Oder Streiche, die über eine gewisse Angemessenheit weit hinausgingen. Kombiniert mit einer ausgeprägten Exzentrik. Chinaglia lieferte die ganze Palette. In einem Maße, dass die bekannteren Vereine Großbritanniens von einer Weiterbeschäftigung des Talentes absahen. Mit John Charles, dem “sanftmütigen Riesen”, hatte dieses Gebaren nur wenig gemein.

Zurück in der Heimat, in die ihn auch der Militärdienst führte, musste der Büffel büffeln, um es als Fußballer zu etwas zu bringen. Weil er außerhalb Italiens Profi gewesen war, wurde Chinaglia – gemäß dem damaligen Reglement – für drei Jahre für die Serie A gesperrt. Giorgio kam in der Serie C unter, wo sein fußballerischer Wert die Nebengeräusche noch übertönen konnte.

Chinaglias fußballerischer Wert beschränkte sich ziemlich konkret auf die Kernkompetenz eines brachialen Mittelstürmers: Tore schießen. Auf Kritik, dass das einzige, was er auf dem Fußballplatz mache, abschließen sei, antwortete Giorgio stets: “Aber wenn ich mit dem Ball abgeschlossen habe, liegt er im Netz.”

Als Lazio zwei Kabinen brauchte

Extrem große Klappe, aber auch einiges dahinter. Als die drei Jahre vorüber waren, hatte sich Chinaglia in der Unterklassigkeit einen so großen Namen gemacht, dass er 1969, mit 22 Jahren, von Serie-A-Aufsteiger Lazio unter Vertrag genommen wurde. Das er gleich in seinem zweiten Spiel zum Sieg über Europapokalsieger Milan schoss. So wird man Publikumsliebling.

Mannschaftsintern sah das – wenig überraschend – etwas anders aus. “Giorgione” hatte durchaus sein Gefolge, aber eben auch eine “Opposition”. Obwohl er und die Römer einen gemeinsamen Abstieg inklusive Wiederaufstieg durchlebten, benötigte Lazio zu dieser Zeit – ungelogen – zwei Kabinen. So sehr hatten Chinaglia und “Widersacher” Gigi Martini die Mannschaft gespalten.

Zu Füßen lagen die Laziali dem Mittelstürmer, erst recht als er sie 1974 als Torschützenkönig zum allerersten Scudetto schoss. Der Ruhm währte so lange, dass sie ihn später zu ihrem Spieler des Jahrhunderts wählten. Chinaglia, auf Augenhöhe mit Jesus und Pater Pio. Zumindest im hellblauen Teil der Hauptstadt. Darüber hinaus erfreute sich der Exzentriker nur bedingter Beliebtheit – umso mehr als er bei der folgenden WM zum Sündenbock für das Vorrunden-Aus avancierte.

Superstars in New York: Beckenbauer, Pelé und Chinaglia. – Bild: newyorkaktuell.nyc

Vielleicht war Giorgio zu diesem Zeitpunkt gedanklich schon in der Heimat seiner Frau Connie, den Vereinigten Staaten von Amerika. Weil seine Familie bereits vorausgegangen war, entschloss er sich 1976 zu einem Wechsel in die Glitzerliga NASL – auf seine Weise: Chinaglia bot sich den New York Cosmos an, indem er in deren Büro spazierte und sinngemäß sagte: “Nehmt mich, sonst kaufe ich mein eigenes Team.”

Sie nahmen ihn. Und bereuten es nicht.

Denn während die ganz großen Namen des Weltfußballs zwischen New York und L. A. in erster Linie ihre Karriere ausklingen ließen, stand Chinaglia, einer der besten Mittelstürmer Europas, mit 29 noch voll im Saft. Und das sah man auch. Giorgio ballerte drauf los, was das Zeug hielt, und ließ die vielen einheimischen Amateure auch wie solche aussehen.

Für Pelé oder Franz Beckenbauer kamen die Leute ins Stadion, doch der wahre Star war er. Neben dem Platz sowieso. In Steve Ross, dem Boss von Cosmos-Besitzer Warner, fand Giorgio eine Vaterfigur, wie sie ihm bei Lazio Trainer Tommaso Maestrelli gewesen war. Die hatte er auch nötig, dann lieferte er aber ab. Auf dem “Turf” wie auf der Piste, im New Yorker Nachtleben. Zwischen Streisand und Jagger, der Don des Studio 54. Die Eintrittskarte in diesen Tagen: “I’m with the Cosmos.”

Bis heute hält Chinaglia in der NASL nahezu jeden bedeutsamen Rekord – Meisterschaften, bester Spieler, meiste Tore. 1980 gelangen ihm lange vor Lionel Messi 50 Treffer in einer Saison – das allerdings in einer Liga, in der der ehemalige Herthaner Karl-Heinz Granitza ähnlich überragte. Schwer einzuschätzen.

Die NASL war seine Welt, hier regierte Giorgione selbst über den König. “Du schießt einfach aus jedem Winkel”, klagte Frührentner Pelé einst in der Cosmos-Kabine, aus Entsetzen und Unverständnis den Tränen nahe. “Ich bin Giorgio Chinaglia!”, erhob sich dieser daraufhin von seinem Platz. “Wenn ich aus einem Winkel schieße, dann weil Chinaglia aus diesem Winkel treffen kann.” Gelogen war das nicht.

Doch abseits des Platzes war Giorgione verwundbar. Noch zu aktiver Cosmos-Zeit wurde er Präsident eines finanziell maroden Lazio, das er nur aus Fan-Liebe übernommen hatte. Weder konnte er Lazios Abstieg verhindern noch den Niedergang “seiner” NASL, in der ihm ab 1984 quasi die Cosmos gehörten, nachdem Warner diese absolute Misswirtschaft aufgegeben hatte. Die notwendigen finanziellen Mittel konnte Chinaglia nicht aufbringen, 1985 waren die Cosmos – und mit ihrem Zugpferd auch die NASL – Geschichte.

Nach der Karriere, zurück als Geschäftsmann in Italien, kam er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Mafia-Kontakte und andere Machenschaften, als er Mitte der 00er Jahre noch einmal Lazio übernehmen wollte, brachten Chinaglia sogar vor Gericht.

In geregelten Bahnen fand “menschlicher Schrott, ein verlogener Bastard” (Cosmos-Manager Clive Toye) einfach nicht zurecht. “Für eine Laufbahn als Diplomat war er ungeeignet”, formulierte es Mitspieler Beckenbauer einmal, wie Beckenbauer sowas eben formuliert. Regeln blieben eine Herausforderung für einen, der stets nach den eigenen gelebt hatte.

Auf der Flucht vor einem Haftbefehl zog es Giorgione wieder in die USA. Hier war er der größte Torjäger, den sie je gesehen hatten; hier fanden sie es ok, dass der Mensch hinter dem Fußballer offenbar ein riesengroßes Arschloch war. Nach Italien kehrte der Weltbürger bis zu seinem Herztod, 2012 mit 65 Jahren, nicht mehr zurück. Weil er dort wohl in einer Zelle zwischen Kleinkriminellen und Schwerverbrechern gelandet wäre.

Oder eben an einer Restaurantwand zwischen Jesus und Pater Pio.

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