Sein Name ist heute vor allem der “seines” Stadions. Dabei war der frühreife Giuseppe Meazza vielleicht sogar der beste Fußballspieler seiner Zeit.
Widerstandsfähigkeit. Welch ein Schlüsselbegriff. Im Leben wie im Fußball, der das Leben doch so häufig widerzuspiegeln vermag.
Wie gehst du damit um, wenn plötzlich alles anders kommt? Wenn eine Traumblase zerplatzt? Lässt du alle anderen gleich mit zerplatzen? Klemmst du den imaginären Ball unter den Arm und rennst weinend nach Hause?
Der kleine Giuseppe Meazza, 1910 geboren, ist wirklich klein. Zu klein. Vielleicht sind am Ende der unzähligen Tage auf dem Obstmarkt nicht genügend genießbare Früchte übrig, wahrscheinlich kann es sich Mama Meazza auch nicht erlauben, ihrem Sprössling von der Ware allzu viel beiseitezulegen, seit der Papa im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Und Früchte machen ohnehin nicht groß und stark.
Als der schmächtige “Peppin”, wie Giuseppe dialektgetreu gerufen wird, in Jugendjahren bei seinem Traumverein AC Mailand aufschlägt, weist die dortige Aufsicht den leidenschaftlichen Lumpenballtreter nach einem Probetraining jedenfalls zurück. Weil er die nötigen körperlichen Voraussetzungen angeblich nicht mitbringt. Es folgt, was in diesen Geschichten vermutlich folgen muss.
Ein Talentsichter von Inter Mailand, seinerzeit auch Ambrosiana-Inter, hat das größere Vorstellungsvermögen und lotst den Glücksfund wenig später in den Nachwuchs der Nerazzurri. Fulvio Bernardini, ein Spieler der ersten Mannschaft, nimmt Meazza unter seine Fittiche. Das soll nicht zu Peppins Nachteil sein.
Schon 1927, das Talent ist erst 17, beweist auch Bernardinis Trainer Weitsicht. Arpad Weisz verhilft dem Kleinen zum Debüt bei den Großen, anstelle des Platzhirsches Leopoldo Conti, der sich eine spöttische Bemerkung natürlich nicht verkneifen kann. Nun würden ja schon die “Balilla”-Jungen eine Chance bekommen, bezieht er sich auf die Jugendgruppen des “Duce” Benito Mussolini. Schon hat Peppin den nächsten Spitznamen weg.
Doch der Spott bleibt Conti im Halse stecken, als Meazza sein Debüt sogleich nicht mit einem Tor veredelt, sondern gar mit deren zwei. Der Junge aus dem Mailänder Stadtteil Porta Vittoria – Tor und Sieg – ist fortan Stammspieler. Weisz hat das richtige Gespür gehabt.

Ob das aber eine Kunst war? Noch als Teenager gelingen dem ballfertigen Mittelstürmer gleich zweimal sechs Tore in einem Spiel, und sein Timing ist einfach perfekt. Als 1929/30 die erste landesweite Serie-A-Saison ausgetragen wird, heißt der Torschützenkönig Meazza und der Meister am Ende Inter. Ein Karriere-Start wie aus dem Bilderbuch.
Die Einführung des Profifußballs verlangt auch in Italien einen Star. Und da kann es zu dieser Zeit nur einen geben. Allein durch seine so lässig-elegante Spielweise avanciert Peppin tifosiübergreifend zum Liebling der Massen, spätestens, als er auch bei seinem Länderspiel-Debüt 1930 auf Anhieb einen Doppelpack schnürt.
In der Serie A schwingt sich in der ersten Hälfte der 1930er Jahre zwar Juventus Turin zur dominierenden Mannschaft auf, die Squadra Azzurra ermöglicht Meazza aber schon in jungen Jahren die sportliche Unsterblichkeit. 1934, er ist 23, lädt Italien zur Weltmeisterschaft im eigenen Land, und bei der zweiten WM überhaupt darf es für Diktator Mussolini vor den Augen der Weltöffentlichkeit nur einen Sieger geben. Obwohl die Azzurri rein sportlich nicht unbedingt das Zeug zum Favoriten haben.
Legenden und Mythen ranken sich bis heute um angebliche Todesdrohungen in die Richtung der Spieler, würde der gewaltigen Forderung des Duce nicht Folge geleistet. Greifbarer bleibt da dessen Einschreiten durch die Beeinflussung der Schiedsrichter wie im Halbfinale gegen Österreich im Falle des schwedischen Parteiischen Ivan Eklind. Nichtsdestotrotz spielt Peppin, der Augapfel einer heranwachsenden Fußballnation, ein herausragendes Turnier.
Mittlerweile ist Meazza mehr in die Rolle des Halbstürmers gerückt, irgendwo zwischen Spielmacher und hängende Spitze. Als Freigeist mit der Lizenz all das zu tun, was die anderen einfach nicht konnten. Seine Aktionen etwa wieder und wieder verzögern, um an noch einem und noch einem Verteidiger geradezu vorbeizugleiten – und am liebsten gleich auch am gegnerischen Torwart. Dessen Umkurven wird in Italien irgendwann bloß noch “ein Meazza” genannt.

Im großen Finale gegen die Tschechoslowakei verletzt sich der beste Spieler des Turniers, es gibt seinerzeit aber noch keine Auswechslungen. Peppin beißt auf die Zähne und liefert in der Verlängerung dennoch die entscheidende Vorlage für den Siegtorschützen Angelo Schiavio. Italien ist ein erstes Mal Weltmeister. Mit Beigeschmack.
Ausgerechnet die entrückten Engländer, die die WM wegen Streitigkeiten mit der FIFA boykottieren, geben den Italienern wenig später die Chance, ihre Klasse auch wirklich zu legitimieren. Im Herbst 1934 lädt das “Mutterland des Fußballs” den FIFA-Weltmeister zum vermeintlich “wahren WM-Finale”, das in Nordlondon zur “Schlacht von Highbury” entartet.
Inmitten unzähliger Fouls bis hin zur groben Körperverletzung trotzen die Azzurri einem frühen 0:3-Rückstand und einer nahezu dauerhaften Unterzahl – besser gesagt trotzt Heißsporn Meazza. Ihm liegt es auch, wenn es hitziger wird. Italiens Fußball-Held, der im WM-Finale mit einem Leberhaken gegen seinen Gegenspieler Rudolf Krcil davonkommt, verkürzt heroisch noch auf 2:3, einen dritten Meazza-Treffer verhindert neben Torhüter Frank Moss nur der Querbalken. Die englische Presse ist hellauf begeistert.
Mit wenigen Ausnahmen wie dem Österreicher Matthias Sindelar gibt es in den frühen und mittleren 1930er Jahren wohl keinen vergleichbaren Fußballer, der in dieser Zeit auch federführend zu zwei italienischen Titeln bei einem Vorläufer der Europameisterschaft beiträgt. Im Mitropa-Cup, einer Frühform der Champions League, wird Peppin im Inter-Trikot dreimal Torschützenkönig, für den Titel jedoch reicht es nie. 1933 unterliegt man erst im Finale gegen Sindelars Austria.
Das WM-Jahr 1938, Meazza ist nun 27, wird aber wieder seines. Erst führt er Inter zu einer zweiten Meisterschaft, dann die Squadra Azzurra zur umjubelten Titelverteidigung, was seither nur noch 1958 und 1962 den Brasilianern gelingt.
Der gereifte Superstar ist inzwischen Kapitän und anders als vier Jahre zuvor primär Zuspieler – zu seiner außergewöhnlichen Spielintelligenz zählt auch eine besondere Anpassungsfähigkeit. Diese erreicht ihren Höhepunkt im Halbfinale gegen Brasilien, als vor der Ausführung eines Elfmeters der Bund von Meazzas Hose reißt. Peppin lächelt das Malheur weg, hält sich die Hose mit einer Hand oben – und verlädt den brasilianischen Torhüter Walter auch so. Eigentlich nicht zu fassen.
Wer solche Kunststücke vollbringt, dem kann alles gelingen, weshalb Meazza schon früh so selbstsicher wird, dass er sich über taktische Vorgaben seiner Trainer doch recht regelmäßig hinwegsetzt. Mit Regeln hat es der Vollblut-Lebemann ja sowieso nur bedingt. Spätestens nach seinem zweiten WM-Titel kann er sich halt auch alles erlauben.
Folgerichtig wird Peppins zweiter Gipfel deshalb schon sein letzter, ab 1938 zollt er seinem Lebenswandel zwangsläufig Tribut. Zu oft hatte der Fußballkünstler mindestens einen über den Durst getrunken und war am nächsten Tag direkt aus dem Freudenhaus zum Spiel gefahren. Auch diesen Move hätte man irgendwann einfach “einen Meazza” nennen können. Eine Zeit lang steht der einzige Spieler, der vor den Augen von Weltmeister-Trainer Vittorio Pozzo rauchen darf, einfach über den Dingen.
Mit einer Blutgefäßerkrankung im Fuß beginnt der Stern des Sportlers Meazza aber zu sinken. Eine weitere Meisterschaft feiert Inter 1940 größtenteils ohne ihn, der als frühe Werbefigur neben dem Platz vor allem Werbung für Zigaretten macht. Im selben Jahr zieht es den alternden Star von Inter Mailand schließlich zur AC – um deshalb zur Hassfigur zu werden, ist er allerdings zu populär.
Auf seine alten Fußball-Tage wird Peppin in den Kriegsjahren noch zum Wandervogel, läuft nach beiden Mailänder Klubs wie später Roberto Baggio, Andrea Pirlo oder Zlatan Ibrahimovic auch noch für Juve auf. Enden soll es aber, wo einst alles begann: 1947 als Spielertrainer bei Inter, dessen Rekordtorschütze er bis heute ist (284 Tore in 408 Spielen).

Und auch nach seiner Spieler- und Trainerzeit bleibt Peppin ein Interista durch und durch, kümmert sich jahrelang in erster Linie um den Nachwuchs. Damit Inter ja kein Talent durch die Lappen geht. So nimmt Meazza nach dem Tod ihres legendären Vaters Valentino auch die Mazzola-Brüder unter seine Fittiche, was dem schwarz-blauen Teil der Stadt in Sandro bald das nächste Erfolgskapitel beschert.
Das rot-schwarze Mailand hängt die beiden Jahre, in denen Meazza im Herbst der Karriere sein Trikot trug, erwartbar weitaus weniger hoch. Meazza ist Inter. Trotzdem gibt es für die AC inhaltlich wenig zu entgegnen, als das bekanntermaßen gemeinsam genutzte Stadio San Siro als Reaktion auf Peppins Tod im Jahr 1979 ziemlich schnell nach ihm benannt wird. Nach wem denn auch sonst?
