Gordon Banks: THE SAVE

Die wahrscheinlich berühmteste Parade der bisherigen Fußballhistorie fiel in einem Rahmen der absoluten Superlative. Das ist ihre Geschichte.

Es ist so heiß in Guadalajara, dass man meinen könnte, die Dürre sei ausgebrochen. Doch was ist das? Urplötzlich, und das mitten auf dem Land, stürmt ein Hurrikan durch das Estadio Jalisco, in einem Affenzahn die Außenbahn entlang. Der Hurrikan hört auf den Namen Jairzinho, besser gesagt heißt Jairzinho bald hauptsächlich “Hurrikan”, weil der brasilianische Rechtsaußen bei der WM 1970 in Mexiko derart groß aufwirbelt, dass die Fußball-Öffentlichkeit den imposanten Spitznamen für angemessen hält. In diesen Tagen ist Jairzinho unaufhaltsam. Es ist der 7. Juni, es ist 12.10 Uhr, und der Hurrikan beschleunigt besorgniserregend.

Sorgen, das haben die Engländer eigentlich nicht. Zumindest nicht zwischen den Pfosten. Denn dort wacht die “Banks of England”, ein des Wortspiels wegen natürlich noch näherliegender Spitzname. Nach einer langen Zeit, in der nahezu alle Lew Jaschin für den besten Torhüter der Welt halten, beerbt Gordon Banks den Russen ab Mitte der 1960er Jahre in dieser Funktion. Mit Banks werden die “Three Lions”, gestützt auf wahnsinnig wenigen Gegentoren, 1966 erstmals und einmalig Weltmeister im eigenen Land. Zu ein paar wenigen Unsterblichen zählt er ab da schon.

Banks, mit 185 Zentimetern Körperlänge für einen Torhüter kein Hüne, ist ein Mann, der dem Hurrikan schon mal ins Auge blicken kann. Was so ein bisschen bereits 1967 passiert, nur ein Jahr nach dem größten Triumph seiner Karriere. Leicester City, sein Arbeitgeber, weiß auch das blutjunge Torwarttalent Peter Shilton in seinen Reihen, zu dessen Stärken Geduld nicht zählt. Shilton will spielen. Und Shilton wird nicht warten. Im Alter von 29 Jahren geben die “Foxes” Englands besten Torhüter daher tatsächlich an Stoke City ab. Ein Beweis, dass Schlussmännern in dieser Zeit nur ein bedingter Wert beigemessen wird. Heute wohl unvorstellbar.

Zur WM 1970, zur anvisierten Titelverteidigung, fährt die “Banks of England” trotzdem als Nummer 1. Die Three Lions, bei dieser Bewertung sind sich viele Protagonisten und Beobachter bis heute einig, sind womöglich noch stärker als vier Jahre zuvor. Der erste echte Gradmesser wird Brasilien. 1966 in England waren die Reste der großen Mannschaft von 1958 und 1962 von der physischen Weiterentwicklung des Fußballs noch ausgespuckt worden, doch jetzt waren sie runderneuert. Mit einem wieder erstarkten Pelé. Und mit physischen Phänomenen, die die Leute zum Beispiel Hurrikan riefen.

Es ist das zweite Gruppenspiel, in dem es also noch um richtig was geht. Es ist die 10. Spielminute. Fußball wird damals etwas zurückhaltender gespielt, weil sich vieles eben noch entwickeln wird. Weil sich bei 40 bis 50 Grad aber auch zurückgehalten werden muss, wenn man in der mexikanischen Mittagshitze nicht tot umfallen will. Und trotzdem wird Fußball 1970 oft noch etwas direkter gespielt, weshalb Brasiliens großartiger Rechtsverteidiger Carlos Alberto den wahrhaftigen Lederball einfach mal die Außenbahn hinunterprügelt. Clever innen am englischen Linksverteidiger Terry Cooper vorbei, den der Hurrikan augenscheinlich schon beim Loslaufen mächtig durcheinandergewirbelt hat.

Auch Cooper ist flink, und beinahe hält er mit Jairzinho mit. Aber nur, bis dieser den Ball mit einem Kontakt so weich wie Zuckerwatte am Engländer vorbeilegt, sodass die Kugel gerade so schnell in Richtung Grundlinie hoppelt, dass der Hurrikan sie noch einholen und mit letzter Kraft in Richtung zweiter Pfosten schlagen kann. Als der Ball über seinen Kopf segelt, steht Banks beinahe noch am ersten. Das wird sportlich.

Tarcisio Burgnich würde bei der WM 1970 das Finale erreichen. In diesem würde der italienische Haudegen direkt auf Pelé treffen, und er würde glauben, dass es sich auch bei “O Rei” nur um einen Mann aus Fleisch und Blut handelte. Bis Edson Arantes do Nascimento ihn relativ schnell eines Besseren belehrte. Die folgende Szene kann Burgnich also bestenfalls am Rande verfolgt haben, weil er sich von seiner Fleisch-und-Blut-Theorie ansonsten wohl da schon verabschiedet hätte.

Vom stumpf-trockenen Rasen in Guadalajara drückt sich der König des Fußballs weit über die Schulterhöhe des nur allzu menschlichen Tommy Wright in die mexikanischen Höhen ab, während sich Banks klammheimlich mit kleinen Schritten in Richtung zweiter Pfosten bewegt. Pelé setzt seinen Kopfball trotzdem so dermaßen gut, dass das Leder kurz vor der Linie noch einmal aufkommt, ehe es sie halbhoch zu überqueren droht, was Brasiliens Nummer 10 in diesem Moment selbst für so unvermeidlich hält, dass sie reflexartig schon mal die Arme nach oben reißt. Angeblich soll Pelé sogar laut “Goool” gerufen haben.

Doch Banks ist inzwischen auf seinem Posten und versteht von seinem Fach so viel, dass er in Sekundenbruchteilen erkennt: Diesen Ball werde ich nicht festhalten können. Auch wenn Abwehrchef Bobby Moore später den Spruch drücken wird, dass Banks genau das in jüngeren Jahren sicher noch geschafft hätte. Stattdessen verbiegt sich Englands Weltmeister-Keeper in der Luft so geschmeidig, dass er den Ball auf diese Weise kurz nach dem Aufprallen, kurz vor der Linie, noch irgendwie über die Latte wischen kann. Fast schon in einer Rückwärtsbewegung. Dem “Rei” bleibt der Torschrei im Halse stecken.

Die WM 1970 gilt als die WM der Superlative. Schon die Farb-Übertragung stieß natürlich neue Türen auf. Aber dann waren da noch die großen Mannschaften, die großen Spiele wie das “Jahrhundertspiel”, und die großen Stars, von denen Pelé der Größte war. Seine größten Momente in Mexiko sind die Beinahe-Momente. Beinahe von der Mittellinie getroffen, gegen die Tschechoslowakei. Beinahe nach einer absurden Torhüter-Finte im Halbfinale gegen Uruguay. Und beinahe ein wunderschönes Kopfball-Tor gegen England, das eigentlich schon gefallen erscheint. Zur größten WM mit all ihren großen Geschichten trägt Gordon Banks die größte Parade bei. Wahrscheinlich die größte – zumindest die berühmteste – der bisherigen Fußballgeschichte.

Dass Banks im Auge des Hurrikans später doch noch geschlagen wird – Jairzinho schießt nach Vorarbeit von Pelé das einzige Tor des Spiels -, geschenkt. Denn beide Nationen erreichen nach einem dieser großen Spiele von 1970, das übrigens an dem Tag stattfand, an dem Carlos Albertos Nachfahre Cafu das Licht erblickte, schließlich das Viertelfinale. Die Brasilianer bahnen sich ihren Weg bis ins Endspiel, während sie – natürlich – zur für viele größten WM-Mannschaft avancieren, die es bisher gegeben hat. Und England?

England trifft im Viertelfinale auf Deutschland, die Neu-Auflage des vergangenen Endspiels. Die Three Lions, das war 1966 so nicht passiert, führen bereits mit 2:0 – doch sie verlieren noch 2:3. Mit der Banks of England? Nein. Die kauert währenddessen in ihrem Hotelzimmer, gepeinigt von “Montezumas Rache”. Als Ersatzmann Peter Bonetti einen Fernschuss Franz Beckenbauers passieren lässt, den Banks vermutlich mit der Mütze gefangen hätte und der Deutschlands Aufholjagd erst einläutet, hat der Platzhirsch seine Flimmerkiste vor lauter Zuversicht angeblich schon abgeschaltet. Von der bitteren Wende berichtet dem 2019 verstorbenen Banks erst der diesmal nicht zu Flachsraketen aufgelegte Moore.

“Von allen Spielern, die wir hätten verlieren können, mussten wir ausgerechnet ihn verlieren”, haderte Sir Alf Ramsey, Englands Weltmeister-Trainer. Ansonsten hätten sich all die Giganten im großen Finale womöglich wiedergesehen.

Wiedersehen in Wembley: Gordon Banks und Pelé viele Jahre später. – Bild: www.skysports.com/football
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