HILLSBOROUGH: DIE WAHRE WAHRHEIT

“Hillsborough”. Stadionname und offene Wunde. Weil bei einem Fußballspiel 97 unschuldige Menschen den Tod fanden, mit dem das Leiden noch nicht endete. Doch die tragische Geschichte hat auch einen Helden. Über den 15. April 1989 und das, was folgte:

Alles begann mit einem Streich. Der geschmacklos und übertrieben und vor allem eines war: vermeidbar.

Eines Nachts, in einer Seitenstraße in South Yorkshire County, “prankten” zwei dienstältere Polizisten einen jungen Kollegen aufs Übelste, überfielen und fesselten ihn und hielten ihm eine geladene Waffe an den Kopf. Erst dann lösten sie den “Spaß” auf, lachten sich einen und ließen den armen Mann wehr- und hosenlos liegen.

Eine Aktion, die für jede Menge Aufregung sorgte. Und die Entlassungen, Degradierungen und Versetzungen im ganzen Bezirk zur Folge hatte. Nur Wochen vor dem Halbfinale im traditionsreichen FA Cup musste auch der erfahrene Brian Mole seinen Platz räumen – er wäre der Kopf des Sicherheitseinsatzes für das Pokalspiel in Sheffield gewesen.

Plötzlich saß David Duckenfield am Steuer. Dem die notwendige Erfahrung und sämtliche Bezugspunkte zum Fußball fehlten. Auf seiner ersten Pressekonferenz versprach sich der eben erst beförderte Duckenfield gar beim Vereinsnamen von Nottingham Forest, ehe er zugab, weder mit Fanszenen noch mit den Abläufen eines Fußballspiels jemals in Kontakt gekommen zu sein.

21 Tage vor Anpfiff wurde es zu seiner Aufgabe, einen sicheren Rahmen zu gewährleisten. Hirnrissig. Und doch war Duckenfield – zumindest zunächst – nicht der gewaltig stinkende Kopf allen Übels: Insgesamt fünf Pokal-Halbfinals wurden allein in den 1980er Jahren in Sheffield Wednesdays Hillsborough-Stadion ausgetragen, jedes Mal hatte es Indizien für eine sich förmlich ankündigende Katastrophe gegeben.

Das Hillsborough-Stadion in Sheffield, mit Blick auf den Zugang zu “Leppings Lane”. – Bild: liverpoolecho.co.uk

Von Eskalationen mit Verletzten bis hin zu öffentlichen Beschwerden über Eng-Zustände, vernachlässigte Organisation und eine miserable Baustruktur im Bereich der West-Tribüne “Leppings Lane”. Doch schon vor 1989 leugneten und ignorierten die Verantwortlichen um die Wette. “Hier könnte es nie Tote geben”, beschwor auch Wednesdays Graham Mackrell, der für den sicheren Zustand des Stadions verantwortlich war.

Indizien interessierten nicht, es würde alles schon irgendwie gut gehen. Nun lag es also an Duckenfield, der nach Aussagen damals eingesetzter Polizisten für alles einen Plan hatte – außer für die Sicherheit der Zuschauer. Die letzte Besprechung endete, ohne dass die Einsatzkräfte dafür konkrete Vorgaben erhielten. Und dann war keine Zeit mehr.

Der Ablauf der Tragödie

15. April 1989, Hillsborough Stadium, Sheffield. Es ist 14 Uhr. Wie im Vorjahr lautet eine der beiden Halbfinal-Paarungen Liverpool FC gegen Nottingham Forest. Ein Kassenschlager. Für den Anhang der “Reds” ist Leppings Lane zugeteilt, aber noch füllt sich die Westtribüne kaum. Zumindest nicht gleichmäßig. Die beiden Blöcke direkt hinter dem Tor, durch meterhohe Metallzäune von Nachbarblöcken und Spielfeld abgegrenzt, sind von Anfang an ein Massengrab.

Kaum minder fatal ist der Zugang zu Leppings Lane: Nur über einen kleinen Vorplatz führt der Weg von einer Hauptstraße zu gerade einmal sieben Drehkreuzen – über 10.000 Zuschauer sollen von hier ins Stadion gelangen. Bis 14:45 Uhr verläuft alles ziemlich ruhig und “nach Plan”. Ab 14:50 Uhr – zehn Minuten vor Anpfiff – wächst die Menschenschar vor dem Westeingang plötzlich rapide an. Die meisten Fans sind sicherlich keine Engel, aber sie randalieren nicht.

Dennoch sind die wenigen dort positionierten Polizisten vom großen Andrang überrascht und mit der Situation ohne einen geregelten Ablauf überfordert. Die Menge wird immer schwieriger zu kontrollieren, sie staut sich bis auf die Straße. Es wird eng, ungemütlich und irgendwie bedrohlich.

Die verzweifelten, in ihren Funksprüchen teilweise panisch klingenden Einsatzkräfte kontaktieren Duckenfield in seiner Kontrollbox, in der dieser dank diverser Kameras besten Überblick über alle Geschehnisse am und im Stadion hat. Um zu sehen, dass die beiden Blöcke zentral hinter dem Tor längst überfüllt sind, muss er sogar nur einen Blick aus dem Fenster werfen – Leppings Lane befindet sich direkt vor seiner Nase.

Der Blick aus Duckenfields Kontrollbox auf “Leppings Lane”. – Bild: socialistworker.co.uk

Nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff, den die Spielleitung nicht hinauszögern wird. Das ist beschlossene Sache. Weil Duckenfield die Vielzahl an Fans auf anderem Wege nicht mehr rechtzeitig ins Stadion bekommt – und weil er seine überforderten Einsatzkräfte entlasten muss -, trifft er eine fatale Entscheidung: David Duckenfield lässt Gate C öffnen. Mit 40 Minuten mehr Geduld, wie später ermittelt wurde, wären keine Toten zu beklagen gewesen. Doch das nunmehr Unvermeidbare nimmt seinen Lauf.

Gate C ist ein großes Tor neben den sieben engen Drehkreuzen, durch dessen Öffnen der Druck von der drängenden Menge genommen wird, diese aber auch unmittelbar auf Leppings Lane zustürmen lässt. Wo in den seitlichen Blöcken unten und auf dem gesamten Oberrang nach wie vor reichlich Platz war – doch wenn man durch Gate C auf Leppings Lane zuläuft, sieht man als erstes und einziges den kleinen Tunnel und durch den Tunnel bereits eines der beiden Tore. Der kürzeste Weg, die attraktivsten Plätze. Und die Wege in Richtung der anderen Blöcke sind am 15. April 1989 nicht klar ersichtlich gekennzeichnet.

Hinzukommt, dass hinter Gate C kein einziger Tribünenzugang mehr mit irgendeinem Sicherheits- oder Kontrollpersonal besetzt ist. Nichts. Das Gate geht auf – und aberhunderte Menschen sehen nur noch die Tribüne vor sich. Beziehungsweise die beiden längst überfüllten zentralen Blöcke. Die Masse strömt durch den engen Tunnel in diese hinein, aus denen es in diesem Moment kein Entkommen mehr gibt. Nicht nach hinten, nicht nach vorne, nicht zur Seite. Menschen werden von ihresgleichen an den Metallzäunen schlicht erdrückt.

Hilflos eingeengt: Die Verzweiflung steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. – Bild: nzz.ch/sport

Schon vor dem Anpfiff sind 21 von ihnen tot. Dass das Spiel inzwischen begonnen hat, bekommen einige in den Schicksalsblöcken nicht einmal mit. Sie kämpfen um ihr Leben. Duckenfield, mit bester Sicht auf das Drama, erlebt diesen Kampf in einer Schockstarre. Er tut nichts. Derweil können sich einzelne Fans über den hohen Zaun aufs Spielfeld retten – sie schreien um Hilfe, erste Einsatzkräfte eilen herbei. Doch sie warten vergeblich auf die Anweisung, die kleinen Tore in den Zäunen zum Spielfeld zu öffnen.

Manche Polizisten schubsen diejenigen, denen es irgendwie gelingt, sich am Zaun hochzuziehen, wieder in die sich selbst zerquetschende Menge zurück. Die Unruhe wird immer größer und ist nun selbst im TV-Bild vernehmbar, das Spiel wird nach sechs Minuten abgebrochen. Die prinzipiell unschuldigen aber heillos überforderten Polizeikräfte werden indes etwa dazu beordert, eine Menschenkette vor der Forest-Kurve zu bilden, damit keine gegnerischen Fans, die Krawalle befürchten könnten, auf die andere Seite stürmen. Die wenigen unbeschäftigten Einsatzkräfte, die den Ernst der Lage erkennen, geben mit bereits auf den Rasen gelangten Liverpool-Fans ihr bestes.

Aus den zu spät geöffneten Toren in Richtung Spielfeld entkommt kaum jemand, die Menschenmasse ist längst in sich verkeilt. An den Zäunen stapelt sich bereits eine komprimierte Schicht aus Toten. Die Helfer können einige Fans nicht einmal aus ihrem Unheil befreien, sie klemmen einfach fest. Im hinteren Teil der Blöcke können einzelne Personen auf den Oberrang gehievt werden – manche derer, die vermeintlich gerettet wurden, versterben wegen ihrer Quetschungen aber auch.

Wegen Duckenfields nachlässiger Organisation lässt auch externe Hilfe lange auf sich warten: Krankenwägen blockieren sich auf den Zufahrtswegen und werden nur nach und nach ins Stadioninnere gelassen. In Sicherheit gebrachte Fans improvisieren auf dem Rasen derweil mit Herzmassagen und Mund-zu-Mund-Beatmung. Nicht immer mit Erfolg. Sie ziehen Gleichgesinnten, vielleicht sogar Bekannten, das Shirt über das Gesicht und sacken zu Boden. Schreckliche Bilder.

Fans und Einsatzkräfte tragen die Toten gemeinsam vom Feld. – Bild: gazettenet.com

Vorhang auf: Das große Lügen

Am Ende lassen – Spätfolgen inklusive – inzwischen 97 Menschen ihr Leben. Das jüngste Opfer wird nur zehn Jahre alt, es ist Steven Gerrards Cousin Jon-Paul Gilhooley. Noch während die Rettungsmaßnahmen laufen, gibt Duckenfield Graham Kelly von der FA zu Protokoll, alkoholisierte und gewalttätige Fans hätten sich den Zugang zu Leppings Lane erzwungen. Das Öffnen von Gate C leugnet er. Es ist erst der Anfang einer entsetzlichen Kette aus Lug und Betrug, gefundenes Fressen für die erste große Explosion.

“THE TRUTH”, titelt die auflagenstärkste englische Tageszeitung “The Sun” – und deren Wahrheit liest sich wie folgt: Betrunkene und randalierende Liverpool-Fans sind die Schuldigen, die die heldenhaften Polizisten während deren Rettungsmaßnahmen behinderten und sogar anpinkelten. Die 1989 “offiziell” verbreitete Version, die von zahlreichen Nachrichtendiensten übernommen wird.

Eine Entschuldigung wird Jahrzehnte zu spät kommen, der Chefredakteur aber immer noch posaunen: “Ich habe es damals nicht bereut und ich bereue es auch heute nicht.” Im Großraum Liverpool wird die Sun bis zum heutigen Tag größtenteils boykottiert.

Das Cover der “Sun” 1989 – und die lapidare Gegendarstellung 23 Jahre später. – Bild: businessinsider.com

Die verzweifelten Betroffenen können es kaum glauben: Mit Duckenfields Lügen und der “Wahrheit” der “Sun” beginnt eine Vertuschung im großen Stil. Kann das Strafrecht helfen?

Ein erster Untersuchungsbericht von Lord Justice Taylor schlägt die richtige Richtung ein, doch die ebenso “betroffenen” Offiziellen – was nachweislich bis hoch zu Premierministerin Margaret Thatcher führt – wollen ihr Versagen nicht eingestehen. Vor Gericht wird der Taylor-Report bewusst übergangen. Zivilklagen gegen Duckenfield und Co. werden allesamt abgeschmettert, auf Aufklärungsebene tummeln sich zu viele Sünder, die sich gegenseitig schützten.

Die ersten Untersuchungen an den Verstorbenen – selbst an den Kindern – sind Alkoholtests. Deren Ergebnisse werden anschließend in der Zeitung veröffentlicht. Sie sind unbedenklich. Doch mit den wehr- und offenbar bedeutungslosen Fans waren die Sündenböcke längst gefunden. Die fehlgeleitete Abrechnung der Obrigkeit mit dem Hooliganismus der britischen 1980er Jahre. Ein Exempel, statuiert an Unschuldigen.

Die Justiz geht im Fall Hillsborough mit den wahren Tätern Hand in Hand, moralisches Erbrechen durch mehrere Instanzen. Der Plan Thatchers, das Fantum in seiner bisherigen Form einzustampfen, konnte keinen Gegenwind gebrauchen. Selbst TV-Kameras schrecken nicht ab: Gestandene und geachtete Personen des “Rechts” lügen der Öffentlichkeit dreist ins Gesicht. Die Katastrophe wird auf diejenigen geschoben, die sie gerade so überlebt hatten – oder ohnehin tot waren.

Ein Held namens Phil Scraton

An tatsächliche Aufklärung war kaum zu denken. Jahrelang mussten sich die Opfer und Hinterbliebenen wieder und wieder hinhalten und belügen lassen. Sie erkämpften unnachgiebig neue Untersuchungen, neue Prozesse. Doch jedes Mal wurde angeblich nur die Polizei entlastendes und die Fans belastendes Beweismaterial gefunden. Die offizielle Version war in Stein gemeißelt: 97 Menschen waren selbstverschuldet verunfallt.

Sieben Jahre nach der Tragödie sah der Autor Phil Scraton ein TV-Interview mit einer Polizeikraft, die 1989 im Einsatz gewesen war. Der Mann schien immer noch verstört zu sein. Scraton erkannte, dass auch Teile der Einsatzkräfte Opfer von Hillsborough waren – zumal der Polizist in eine Richtung redete, die nicht der offiziellen Version entsprach. Nach einigen Kontaktversuchen gelang es Scraton, ein Treffen mit diesem Mann zu vereinbaren.

Der Polizist verschaffte Scraton Zugang zu eindeutigen Dokumenten, verriet ihm Details von damals und ermöglichte dadurch, was Scraton durch harte und ehrwürdige Arbeit über viele Jahre stichhaltig aufdecken konnte: Die Polizei hatte sämtliche Zeugenaussagen wie auch die Statements der Einsatzkräfte, die den Gerichten vorgelegt wurden, radikal abgeändert. Die Einsatzleitung belastende Aussagen waren gestrichen und durch verfälschte Angaben ersetzt worden. Eindeutig.

Aus den lange Zeit versteckt gehaltenen Dokumenten ging außerdem hervor, wie in jedem Zeitintervall am Nachmittag des 15. April 1989 viele Tode hätten verhindert werden können. Auch die entsetzlich primitive Notfallversorgung und Leichenlagerung in einer heruntergekommenen Sporthalle nahe des Stadions kam ans Licht. Dorthin hatten noch in der Nacht nach dem Unglück alle Angehörigen fahren müssen, um ihre verstorbenen Lieben anhand kleiner Polaroid-Fotos zu identifizieren. Anschließend wurden ihnen in abgedunkelten Verhörkammern von aggressiven Polizisten Fragen zum Trinkverhalten der Toten gestellt.

Es gibt eine Strafe, doch sie ist nicht gerecht

Die 2010er Jahre waren bereits angebrochen, als Betroffene, Angehörige, Scraton und Co. erreichten, dass zum ersten Mal (!) eine gänzlich unabhängige Untersuchungskommission die erneuerte Beweislage überprüfen durfte. Scraton selbst war ein Teil davon. Er brachte eine Menge vertuschter Beweise mit, die er sich in zwei Jahrzehnten aufreibender Investigation zusammengesammelt hatte. Dennoch dauerte es weitere fünf Jahre, bis 2016 endlich erstmals offiziell verkündet wurde, dass die 97 keine Schuld traf und sie vom Staat “unlawfully killed”, ungesetzlich getötet worden waren. Das erste Mal, dass die Betroffenen so etwas wie Gerechtigkeit erfuhren.

“Justice”, zumindest ein bisschen. Phil Scraton (3. v. r.) im Jahr 2017. – Bild: daro.qub.ac.uk

2017 begannen die Ermittlungen gegen sechs beteiligte Einzelpersonen. Unter ihnen Mackrell, der 2019 zu einer lächerlichen Strafe von 6.500 Pfund verurteilt wurde und auch Duckenfield, der auf unschuldig plädierte und tatsächlich freigesprochen wurde. Auf einen hart erkämpften Sieg folgte die nächste, niederschmetternde Niederlage.

Teile seiner Fehler und Lügen hat Duckenfield zumindest eingestanden – zu spät für jene Betroffenen und Hinterbliebenen, die seit 1989 verstorben waren. Zu denen auch gesellschaftlich verhöhnte oder mit ihrem Schicksal allein gelassene Überlebende zählen, die sich das Leben genommen hatten. Übrig bleibt, dass sich die 97 nicht selbst getötet haben. Mehr nicht.

Eine gerechte Strafe wird es nicht geben, nicht die Gerechtigkeit, die die 97 und alle anderen Betroffenen verdient hätten. Die Tragödie von Hillsborough kann nicht zu Ende erzählt werden, der Schmerz wird vielleicht niemals enden. Die Kraft des Widerstandes gegen ein schändliches Verbrechen im ganz großen Stil leider schon. Dabei war es doch eigentlich nur ein Fußballspiel.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.