IL GRANDE TORINO: Die Tragödie von Superga

Während des Zweiten Weltkriegs und kurz danach regierte im Piemont nicht Juventus, sondern die AC Turin. Bis am 4. Mai 1949 ein Flugzeugabsturz eine der besten Vereinsmannschaften Europas einfach auslöschte – und den Toro bis heute nicht loslässt.

“Jeder Verein hat einen bedeutsamen Jahrestag”, sagte der Turiner Priester Don Riccardo Robella einmal und fügte an, dass es sich dabei meistens um ein Datum handle, an dem der entsprechende Verein “eine Meisterschaft oder einen Pokal gewonnen hat”. Ehe er gestehen musste, dass es bei dem bedeutsamen Jahrestag seines Vereins weder um das eine noch um das andere geht. Der 4. Mai ist der Tag, an dem der FC Turin – ehemals die AC Turin – seine größte Mannschaft verloren hat.

Ihren Anfang nahm die wohl größte Tragödie des italienischen Fußballs Ende Februar 1949 in Genua. Mit einem verhängnisvollen Mittagessen. Im Rahmen eines Länderspiels, das Italien gegen Portugal gewann, saßen Italiens herausragender Fußballspieler Valentino Mazzola und Francisco Ferreira, portugiesischer Kapitän von Benfica Lissabon, eines Nachmittags zusammen und vereinbarten ein Freundschaftsspiel zu Ehren Ferreiras. Dieser würde zwar noch ein paar Jahre weiterspielen, wollte seinem Verein und seiner Stadt aber – da war er nicht der einzige – das Spektakel bieten, das Torino zu dieser Zeit garantierte.

Angeführt von Präsident Ferruccio Novo, der den Klub kurz zuvor übernommen hatte, und dem ungarischen Trainer Ernest “Ernö” Erbstein entwickelte sich der “Toro” in den frühen 1940er Jahren durch eine ausgeklügelte und forsche Transferpolitik zum “Grande Torino” – zur besten Vereinsmannschaft im Land des amtierenden Weltmeisters. Erbstein ließ sein Team im am legendären Arsenal-Trainer Herbert Chapman orientierten WM-System spielen (eine 3-2-5-Formation), das in Italien damals nicht verbreitet und deutlich offensiver war als das, was die Konkurrenz anbot.

Inspiriert vom genialen Halbstürmer Mazzola, dem Vater des späteren italienischen Nationalspielers Sandro Mazzola, zelebrierte Torino einen direkten, mitreißenden Offensivfußball, der der AC nicht nur großen Erfolg, sondern auch landesweite Sympathien einbrachte. Speziell nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Mannschaft auch verjüngt wurde, schoss sie die Serie A kurz und klein, verlor sie im Stadio Filadelfia über sechs Jahre lang keines von 93 Heimspielen, feierte sie fünf Meisterschaften in Folge.

Valentino Mazzola mit Sohnemann Sandro. – Bild: www.gazzetta.it/Calcio

Im Jahr 1947 stellte Torino bei einem Länderspiel der italienischen Nationalmannschaft gegen Ungarn tatsächlich alle zehn Feldspieler. So stellvertretend waren Mazzola, der fast so vielseitig und dominant spielte wie später Alfredo di Stefano, und seine Kameraden damals für den italienischen Fußball. Durch die Popularität des dynamischen Anführers Mazzola, der für die Verhältnisse seiner Zeit sogar ein richtiger Werbestar war, und die Attraktivität des Toro-Spiels, das lange vor dem niederländischen “Totalfußball” mit Positionsrochaden arbeitete, war die AC auch über die Landesgrenzen hinaus ein gefragter Gegner für aufsehenerregende Freundschaftsspiele.

Ein solches bestreitet Torino auch am 3. Mai 1949 bei Benfica in Lissabon, obwohl die Saison in Italien noch läuft. Doch die AC steht bereits, zum fünften Mal hintereinander, vorzeitig als Meister fest. Fest steht auch, dass der große Mazzola erkrankt in Lissabon gar nicht würde spielen können. Doch weil er diese Partie organisiert hatte und darauf bestand, flog der damals 30-Jährige mit. Und am 4. Mai 1949 auch wieder mit nach Turin zurück.

Die geschlossene Turiner Fluggesellschaft ist bis auf den letzten Platz ausgelastet, sodass der italienische Weltmeister-Trainer Vittorio Pozzo, der eigentlich mit nach Lissabon fliegen wollte, ebenso daheim bleiben musste wie Laszlo Kubala, der ab 1951 dem FC Barcelona zum großen Durchbruch verhelfen würde. Kubala hätte für den Toro gegen Benfica als Gastspieler auflaufen sollen, sagte die Reise aber ab, weil sein Sohn krank geworden war. Umstände, die Pozzo und Kubala das Leben retten.

Die Fiat-Maschine, die am 4. Mai vormittags in Lissabon startet und am Mittag einen Halt in Barcelona macht, fliegt gegen 17 Uhr Turin an, das aufgrund schlechter Wetterbedingungen jedoch kaum zu sehen ist. Eine dichte Wolkendecke hängt über der Stadt. Es hilft auch nicht, dass nicht alle Instrumente im Flugzeug ideal funktionieren, die Kommunikation mit dem Boden reißt ab. Der Pilot fliegt auf Verdacht, verschätzt sich aber gewaltig und merkt das erst, als hinter der Wolkenwand auf einmal der Turiner Haus- und Wallfahrtsberg Superga auftaucht. An einem Wall hinter der gleichnamigen Kirche, die oben auf dem Hügel errichtet wurde, endet die Reise des Grande Torino abrupt. Für immer.

Nach damaligen Untersuchungen wird geschätzt, dass die Insassen des Flugzeugs ihr Schicksal erst etwa 50 Meter vor dem Aufprall erahnen konnten, der selbsterklärend nicht mehr zu verhindern war. Keiner der 31 Passagiere – 18 Spieler, sechs Vereinsverantwortliche, drei Journalisten und vier Besatzungsmitglieder – überlebt. Einer der ersten am Unglücksort ist Vittorio Pozzo, der damit beauftragt wird, die verstorbenen Fußballer zu identifizieren.

Neun Jahre später verunglückt eine Maschine mit Manchester Uniteds “Busby Babes” an Bord in München, als die Fußballwelt das Ende einer verheißungsvollen jungen Mannschaft beklagt, die auf dem Weg war, vielleicht einmal die beste in Europa zu werden. Das Grande Torino war dies womöglich schon, als es am 4. Mai 1949 aus heiterem Himmel ausgelöscht wurde. Dem Trauerzug durch Turin schlossen sich mehr als eine halbe Million Menschen an.

“Il Grande Torino”, 1948/49. – Bild: it.wikipedia.org

Der Toro spielte den Rest der Saison mit seiner Jugendmannschaft zu Ende, die anderen Klubs taten es dem bereits feststehenden Meister aus Respekt und Anteilnahme gleich. Doch als allmählich wieder Normalität einkehrte, war im granatroten Teil Turins nichts mehr wie zuvor.

Der Meistertitel 1950 blieb zwar in der Stadt, wanderte aber zu Juventus. Bei der WM in Brasilien verpasste Italien die Finalrunde. Die AC Turin taumelte durch die 1950er Jahre, an deren Ende sie sogar abstieg. In den 1960ern schien der extravagante Außenstürmer Gigi Meroni, eine Art italienischer George Best, den Toro zwar wieder in Richtung Spitze zurückzuführen, bis ihn ein Fan – Attilio Romero, der später Vereinspräsident werden sollte – nach einem Spiel versehentlich mit dem Auto totfuhr. Meroni wurde nur 24 Jahre alt.

1976 wurde Torino – inzwischen ist aus der AC der FC geworden – zwar noch einmal Meister, das allerdings mit wenig ansehnlichem Fußball. Seither wartet der Toro auf den Scudetto. Und Jahr für Jahr auf den 4. Mai, an dem es zwar keine Meisterschaft zu feiern gibt, aber das Andenken an ein tragisches Team, das gleich fünf in Folge gewann. Dann pilgern tausende Fans andächtig auf ihren Berg, vor und hinter die Kathedrale, und halten inne. Und denken an diese große Mannschaft, die hoch oben über den Wolken vielleicht noch immer so wunderbar Fußball spielt. Weit, weit über Superga.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert