JA, JAHRHUNDERTSPIEL!

Vor allem wegen ihrer Protagonisten gelten die ersten 90 Minuten des 120-minütigen Halbfinal-Epos zwischen Deutschland und Italien bei der WM 1970 als lahm. Aber Beckenbauer, Schnellinger und Co. irrten sich – zumindest aus heutiger Sicht.

Ein Jahrhundertspiel? Ui. Diese Bezeichnung empfand Franz Beckenbauer in einem seiner Bücher nur wenige Jahre danach als “übertrieben”. Karl-Heinz Schnellinger hielt es in den ersten 90 von schließlich gut 120 Minuten, bis zu seinem eigenen unvergesslichen Ausgleichstreffer, in seiner typisch unverblümten Art gar für ein “Scheißspiel”. Aber Leute?!

Nun, diese Meinung haben die beiden inzwischen verstorbenen Protagonisten nicht exklusiv. Sie hat sich über die Generationen doch bei einigen im kollektiven deutschen Fußballgedächtnis so abgespeichert, wie ich im Rahmen der Recherche für mein Buch “Die elf größten Spiele des deutschen Fußballs” nachdrücklich feststellen durfte. Wolfgang Overath, der mit mir über das “Jahrhundertspiel” gegen Italien sprach, sieht das ganz ähnlich.

Ich musste mir beim konzentrierten Nachschauen des Spektakels, das nur drei Tage nach einer ebenfalls jahrhundertspielartigen Aufholjagd im Viertelfinale gegen England stieg, dennoch die Augen reiben – und halte hier mal ein Plädoyer.

Die Kapitäne Giacinto Facchetti und Uwe Seeler bei der Seitenwahl. – Bild: Twitter/TheLeagueMagazine

Der WM-Finalist von vor vier Jahren gegen den amtierenden Europameister, und die duellieren sich um den Einzug ins Endspiel der WM schlechthin. Das ist erst mal nicht so schlecht, der Rahmen passt schon mal. Aber es geht ja um das Spiel an sich, in dem zwischen Roberto Boninsegnas Führungstor in der 8. Minute bis zu Schnellingers Ausgleich in der zweiten Minute der Nachspielzeit mal so gar nichts passiert sein soll. Also fast nichts. Okay. Schau’n mer mal.

Super fulminant geht es jetzt nicht los. Natürlich spielen die Azzurri auch schon vor ihrem frühen 1:0 auf ‘Gegner kommen lassen, Ballgewinn, Konter’. Ist doch nur logisch, diese ihnen eigene Gangart hatte ihnen im Viertelfinale gegen Gastgeber Mexiko einen umjubelten 4:1-Sieg eingebracht. Das überrascht doch jetzt bitte keinen. Und der zeitige Führungstreffer bringt ja schon mal ein bisschen Spektakel mit. Die Italiener mit Boninsegna dynamisch, alles etwas hektisch, ein Knaller aus 20 Metern, Innenpfosten, Tor. Allein dadurch sind einige andere Halbfinal-Spiele der mitunter sehr vorsichtigen Turniergeschichte doch schon weit überflügelt.

Die Italiener bejubeln ihr 1:0 so exzessiv, als hätten sie bereits den Siegtreffer geschossen. Hm, was hat das jetzt zu heißen? Doch aufgepasst, Action! Nur wenige Momente später führt Beckenbauer, Deutschlands großartigster Fußballer, einen Freistoß blitzschnell aus, was an den meisten anderen Spielern vorbeigeht. Frech, Franz! Er sucht den großartigen Torjäger Gerd Müller, der nur den berühmten Schritt zu spät kommt. Meine Lieben, das ist doch kein Stillstand. Und was für Namen, was für Fähigkeiten!

Okay, okay, nun darbt das Geschehen wieder ein wenig, die deutschen Abstände sind viel zu groß, es dauert zu lang, Italien kontert nur halbherzig für vorgegaukelte Entlastung. Aber jetzt wieder Beckenbauer, wie der Wind, ein wunderbarer Antritt, den Giacinto Facchetti jäh beendet. Das hätte auch 1970 schon Elfmeter geben können. Eine Aufreger-Szene. Brisanz!

Das Durchschnittstempo ist freilich träge, aus heutiger Sicht sowieso. Aber spielt ihr mal bei über 30 Grad in Mexiko! Durch die spielerischen Weckrufe Beckenbauers wird Italien jetzt wieder schärfer. Europas schärfster Linksschütze, “Gigi” Riva, feuert Schuss um Schuss ab, sein Aufpasser Berti Vogts ist mächtig beschäftigt.

Bloß kein Zweites kriegen. Das ist hier nicht nur Warten auf die Lücke. Erst mal die eigenen schließen. Berti lässt sich etwas einfallen, stürmt forsch nach vorn, kombiniert mit Gerd, schießt! Als wären es schon die Schlussminuten. Jetzt aber schnell wieder zurück, “Terrier”!

Lethargisches Ballgeschiebe, das duldet das fachkundige Publikum im Aztekenstadion doch gar nicht. Hört selbst! Der große Facchetti wird für einen uninspirierten Rückpass sofort ausgepfiffen. Das wird ihm hoffentlich eine Lehre sein. Noch weniger im Spiel als Italiens sonst so stürmischer Linksverteidiger ist Deutschlands Spielmacher Overath, doch da will er sich mit zwei Fernschüssen rausboxen – und leitet so prompt eine Drangphase ein. Mario Bertini muss in höchster Not vor Uwe Seeler retten, Sekunden später fehlen Müller nur Zentimeter. Erst eine halbe Stunde ist gespielt.

Berti Vogts lässt “Gigi” Riva zu viel Platz, doch das bleibt folgenlos. – Bild: no1onshirt.com

Von einer Dauerhektik des “Jahrhundertspiels” hat ja wirklich nie einer geschwärmt, aber wer erwartet das bei diesen Bedingungen denn immer noch? Dafür gibt es spontane Radikalbeschleunigungen wie Jürgen Grabowskis Fernschuss, für dessen Parieren sich Enrico Albertosi quer in die Luft katapultiert. Ein bisschen mehr Show, als nötig – aber hey, das nehmen wir in einem WM-Halbfinale doch.

Ja, Tore regnet es noch nicht, in Mexiko regnet es in diesen Wochen gar nichts, aber alle paar Minuten gibt es eine besondere Szene. Etwa Seelers Grätsche an der eigenen Grundlinie gegen seinen Bewacher Bertini, der mal mit nach vorne geeilt war. Fußball wird in beide Richtungen gespielt. In die Sekunden bis zum Pausenpfiff quetscht Riva noch zwei gefährliche Kopfbälle, und Sandro Mazzola einen Sprint, zu schnell für Beckenbauer, ehe ihn im Strafraum die Kräfte verlassen. Puh, da hätte es auch klingeln können.

Durchschnaufen. 15 Minuten lang. Diese erste Hälfte kann man mal so mitnehmen. Außer natürlich, man hält es mit den DFB-Männern. Weiter geht’s.

Stakkato läuft nun auch die zweite Hälfte auf des Aztekenstadions stumpfem Rasen nicht ab, doch wir können es ja mal so simulieren. Hitze kann auch anstecken, nach dem Seitenwechsel sind beide Mannschaften sofort wieder auf Betriebstemperatur. Hüben wie drüben präsentieren sich die Verteidiger aber mal richtig rustikal, nur Bertini rutscht unglücklich weg. Seeler darf aus 14 Metern frei schießen – und vergeigt es. Zum Fingernägelkauen. Patzke patzt, Domenghini kontert mit gefühlt 50 in der 30er-Zone, Vogts verspringt sich, Riva köpft, Maier hält. Dann will es Seeler besser machen, ein wunderbarer Fallrückzieher … knapp vorbei. Der zweite Durchgang ist sechs Minuten alt. Also doch Stakkato! Und das in diesem fabelhaften Fußballtempel.

Bundestrainer Schön wechselt “Stan” Libuda ein, der mit Grabowski fortan gemeinsam gegen Facchetti spielt. Geht alles deutlich defensiver. Italiens Trainer Valcareggi bringt Milans Spielmacher Gianni Rivera für Inters Mazzola, weil die beiden angeblich nur separat funktionieren. Rivera ist amtierender Ballon-d’Or-Gewinner. Mein Gott, wer so wechseln kann. Rivera treibt den Ball direkt und schießt – auf Maier. Overath knallt auf der Gegenseite richtig drauf – Latte. Also ich langweile mich nicht.

Dann wird Franz gefoult. Der Kaiser überschlägt sich fast. Voll auf die Schulter. Die Armhaltung ist jetzt etwas vorsichtiger, der ganze Beckenbauer ist jetzt etwas vorsichtiger. Mist. Aber endlich mal ein Vorteil der knackigen Bedingungen: Ohne absolute Tuchfühlung jederzeit und überall kann der Kaiser weiterspielen.

Schön bringt Angreifer Held für Verteidiger Patzke. Ein Bundestrainer, der seinen Einsatz nicht versäumt. Jetzt stürmt Deutschland ohne Rücksicht auf Verluste. Artistisch kratzt Roberto Rosato Helds ersten guten Schuss von der Linie, direkt danach säbelt Bertini im Strafraum Seeler um – wieder kein Elfmeter.

Die Italiener werden jetzt richtig polemisch. Liegen, winseln, klagen. Aus der ganzen Klischee-Kiste wird sich bedient. ARD-Rundfunk-Kommentator Kurt Brumme verleumdet sie regelrecht. Das ist zu viel. Aber derart emotionale Entgleisungen kann doch kein müder Kick erzeugen! Und ein paar Minuten Leerlauf gibt es nun wirklich in fast jedem Spiel mal zwischendurch.

Diskussionen nach einem Foul an Sigfried Held. – Bild: impromptuinc.wordpress.com

Müller und vor allem Seeler scheitern immer wieder, das kann doch nicht sein; Albertosi schießt hinten versehentlich Grabowski an und grätscht beim Rettungsversuch noch mehr als den Ball den heranstürmenden Müller von der Torlinie – wieder kein Elfmeter!

Eine schöne Szene, wie Albertosi und Rosato Müller daraufhin auf die Beine helfen; eine zynische Szene, wie Giancarlo De Sisti Grabowski wie beim Ringkampf einfach zu Boden reißt. Das war noch nicht einmal der Versuch eines fairen Ballgewinns. Die Sekunden verrinnen. Die Zeit wird knapper und knapper, wo ist sie nur geblieben? Wie eine halbe Ewigkeit hat sich das nicht angefühlt.

Hoppla, schon Nachspielzeit. Die damals übrigens längst nicht so ausgiebig stattfindet wie heute. Letzte Chance Seeler! Wunderbarer Luftstand, doch Albertosi darf sich gegen diesen dankbaren Torwartball noch mal sehenswert auszeichnen – um kurz darauf “ausgerechnet” gegen Schnellinger chancenlos zu sein. Den blonden Verteidiger, Riveras Mitspieler aus Mailand, hatte keiner auf dem Zettel. Und auf Schnellingers Punktzettel steht da noch ein ziemlich enttäuschender Schwergewichtskampf.

Aber ja doch, die packendsten Minuten dieses Showdowns würden erst noch kommen. Für die Auszeichnung “Partido del Siglo” samt Plakette am Stadion hatten die ersten eineinhalb Stunden noch nicht gereicht. Und auch jenseits von nur allzu menschlichen Erinnerungslücken noch so grandioser Fußballer gilt es einzuräumen: Ich blicke hier über 50 Jahre später auf das Spiel zurück. Aus heutiger Sicht sind schon die ersten 90 Minuten am 17. Juni 1970 ein sehr ereignisreiches WM-Halbfinale gewesen. Aber Beckenbauer, Schnellinger und Co. sprachen ja in einer Zeit, in der Fußball auch auf diesem Niveau noch etwas direkter und optimistischer gespielt wurde. Natürlich auch etwas luftiger. Wahrnehmung und Ansprüche haben sich einfach verändert.

Ein “Scheißspiel” war das bis zu Schnellingers Ausgleich trotzdem nicht. Generationenübergreifend. Ehrenwort. Und für die, die davon trotzdem überzeugt bleiben, gab es ja noch eine Verlängerung mit fünf Toren.

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