In seinen besten Jahren wäre der unverschämt geschmeidige John Barnes sicherlich auch durch die Europapokale gewirbelt, doch leider durfte er nicht. Noch nicht mal so wirklich in der Nationalmannschaft. Über Liverpools betörendsten Fußballer.
Die Kommentarspalten unter nostalgisch-melancholischen Liedern auf YouTube sind vielleicht der beste Ort überhaupt. Wildfremde Menschen teilen persönlichste Geschichten, wie sie etwa tiefe Einschnitte im Leben überwunden haben, oder erinnern voller Wertschätzung und Dankbarkeit an ihre verstorbenen Lieben, mit denen sie das jeweilige Lied verbinden. Andere reden ihnen gut zu – und öffnen sich ebenfalls.
Überraschend ähnlich harmonisch und andächtig geht es in Kommentarspalten unter Highlight-Videos von Spielen des FC Liverpool aus den Jahren 1987 bis 1991 zu, wo Menschen, die mit den gezeigten Geschehnissen ebenfalls Emotionales verbinden, auch ganz häufig dasselbe schreiben. Sie schreiben, ohne den sonst so üblichen schäumigen Diskussionseifer, dass John Barnes in diesen vier Jahren der beste Fußballspieler der Welt gewesen sein muss. Sogar unter dem Clip eines 4:0-Sieges über Manchester United aus dem Spätsommer 1990, der im Titel den Zusatz “Beardsley hat-trick” trägt.
“Er war der Beste, mit dem ich je zusammengespielt habe”, versicherte jener Peter Beardsley einmal selbst: “Für ein paar Jahre Ende der 80er war John wahrscheinlich der beste Spieler der Welt.”
John Charles Bryan Barnes, benannt nach dem großen walisischen Balltreter John Charles, wird im November 1963 auf Jamaika geboren, weit weg von den Hochburgen der wachsenden Weltsportart. Er ist der Sohn von Colonel Ken Barnes, der offensichtlich ein Herz für den Fußball hat, der als Verteidiger sogar selbst für Jamaika spielt – und der Anfang 1976 dienstlich nach London beordert wird. Ein Wink des Schicksals für den 12-jährigen John, der sich spätestens mit der WM 1974, der deutschen Nationalmannschaft und dem FC Bayern München selbst in den Fußball verliebt hatte.
Gekickt hätte der kleine Wirbelwind sicherlich überall, was er im Alter von 12 bis 16 sogar als Innenverteidiger tat, weil das in seinem Jugendklub sonst keiner spielen wollte und der militärisch geprägte Papa die Disziplin, diese Verantwortung dann zu übernehmen, von seinem Sohnemann erwartete. Aber im Mutterland des Fußballs kickte es sich natürlich besonders gut. Das war ihm schon beim Anflug auf London klar geworden, als er aus dem Fenster geblickt und all die vielen Spielfelder gesehen hatte. Das war auf Jamaika anders gewesen.
Innenverteidiger hin oder her: John ist so gut, dass er, obwohl er mit 16 an eine Profikarriere noch nicht einmal gedacht hatte, mit 17 bereits in der ersten Mannschaft des Zweitligisten FC Watford steht, nun als pfeilschneller und unberechenbarer Linksaußen. Trainer Graham Taylor hatte, unterstützt von einem aufmerksamen Taxifahrer, der John eines Tages “entdeckte”, ein Gefühl für solche Juwelen – und bald den englischen Vizemeister und Pokalfinalisten unter seiner Anleitung. Ein gewisser Jungspund war an diesem kometenhaften Aufstieg nicht unbeteiligt gewesen.
Im Sommer 1984 ist John 20 und mittlerweile englischer Nationalspieler, er repräsentiert die “Three Lions” gegen Brasilien vor rund 90.000 Zuschauern im Maracana – das damit trotzdem nur zur Hälfte gefüllt ist. Die “wenigen” Anwesenden werden Zeuge von einem besonders brasilianischen Tor, das ein Engländer schießt. Barnes dribbelt aus dem Halbfeld los, wie ein frisch ausgepackter Nassrasierer durch fünf Feldspieler hindurch, auch noch am Torwart vorbei – und schiebt ein. Was für ein erster Treffer für England.
Der Beginn einer großen Nationalmannschaftskarriere? Da kennt ihr aber die Engländer schlecht. Trotz regelrechter Genies wie Barnes, Beardsley, Chris Waddle, später Paul Gascoigne oder vor allem Glenn Hoddle, den Barnes stets als “technisch besten Spieler” adelt, den England je hervorgebracht hat, setzt der Weltmeister von 1966 weiterhin auf Körperlichkeit, Härte und lange Bälle auf lange Stürmer.
Wer hier zu kreativ ist, der bleibt oft nur Ergänzung. Oder ein Was wäre, wenn. Was wäre gewesen, wenn Barnes im WM-Viertelfinale 1986 gegen Diego Maradona und Argentinien nicht erst in der Schlussphase gespielt hätte? Als er auf seinem linken Flügel nicht einzufangen war, den Anschlusstreffer durch Gary Lineker vorbereitete und noch eine zweite Flanke schlug, die Lineker nur deshalb nicht zum 2:2 einnickte, weil Julio Olarticoechea auf der Linie eine der wundersamsten Klärungsaktionen der Fußballgeschichte zustande brachte.
Ein Jahr später kommt Brasilien dann nach England, obwohl Barnes das gelbe Watford-Trikot ablegt. Im Sommer 1987 wechselt der 23-Jährige nach Liverpool, weil er sich für einen Platz beim Abonnement-Meister der vergangenen anderthalb Dekaden hinlänglich qualifiziert hat. Damals ein Ritterschlag, banden die erfolgsverwöhnten Reds doch eher selten neue Spieler ein. ‘Hit the ground running’ formuliert man im englischsprachigen Raum das, was Barnes daraufhin im roten Leibchen des LFC tut: Er funktioniert sofort.
Unter Spielertrainer Kenny Dalglish, obwohl die Tor-Garantie Ian Rush nach Turin abgewandert war, spielt Liverpool 1987/88 mit dem neuen Sturmtrio John Barnes, Peter Beardsley und John Aldridge den wahrscheinlich furiosesten Fußball seiner Vereinsgeschichte. Im Frühjahr 1988 fegen die Reds derart majestätisch über Nottingham Forest hinweg, dass der legendäre Sir Tom Finney nach Worten ringt.
Sein finales Urteil lautet: “Das war eine der schönsten Fußballvorführungen, die ich je gesehen habe. Ich habe auch die Brasilianer spielen sehen, aber ich habe noch nie ein Spiel in diesem Tempo und in dieser Ausführung gesehen.”
Keiner verkörpert den so herrlich unenglischen Stil dieser Mannschaft so sehr wie Barnes, der mit seinen unendlich geschmeidigen Tempodribblings, Finten, Steckpässen und Toren von den Spielern und von den Journalisten zum Spieler des Jahres gewählt wird; den Ian Wright, Michael Owen, Steven Gerrard und noch viele andere später als großes Idol bezeichnen. Gerade für Wright und Co. bricht John notwendigerweise auch widerliche Rassen-Barrieren ein. Ikonisch bleibt das Bild, wie er elegant mit der Hacke eine in seine Richtung geworfene Banane wegkickt. Andere hätten wahrscheinlich den Spann gewählt.
Ein Barnes-Dribbling zu viel kostet Liverpool im dramatischen Saisonfinale 1989 gegen Arsenal in letzter Instanz die Meisterschaft, die “Digger” ihnen 1988 und 1990 aber erst ermöglicht. Und 1989, nur wenige Wochen nach der Tragödie von Hillsborough, zumindest den FA Cup. Gegen Erzrivale Everton. Dass John in dieser Zeit etlichen Beerdigungen der Opfer beiwohnt, bedeutet den Menschen noch mehr als seine Fabeltaten auf dem Platz.
Und international? Da steht 1990, auf Barnes’ Höhepunkt, die nächste WM an, vor der er zu New Orders ikonischem WM-Song “World in Motion” den Rap-Part beisteuert – ehe es die Engländer selbst mit einer Offensive um Barnes, Gascoigne, Waddle, Beardsley und Gary Lineker schaffen, vollkommen undurchdacht zu spielen. Im Achtelfinale gegen Belgien schießt Barnes ein tolles Tor, das niemals Abseits war und doch so ausgelegt wird – dann verletzt er sich. Und bleibt als Nationalspieler eine der vielen englischen Enttäuschungen. “Hätte England damals so gespielt wie Liverpool, dann hätte auch ich so spielen können wie dort”, meint Barnes bis heute. Ein selbst errichteter Grabstein, auf dem “kick and rush” steht.
Eigentlich hätte der Europapokal, mit Liverpool, seine große Bühne werden sollen. Seine Plattform, um zu zeigen, dass es auf seinem Zenit immer wieder Wochen, Monate oder sogar ganze Jahre gab, in denen der beste Fußballspieler der Welt trotz Diego Maradona, Ruud Gullit oder Marco van Basten tatsächlich John Barnes hieß. 1989/90 etwa. Da hatte er wirklich gute Argumente. Wie phänomenal wären Duelle von Dalglishs Liverpool mit Sacchis Milan gewesen. Doch die Reds, was die Taten einiger ihrer Anhänger rund um die Heysel-Katastrophe von 1985 verursacht hatten, durften sich nicht zeigen. Noch bis 1991 fanden die Europapokale ohne Liverpool statt.
Und ausgerechnet dann, als die Sperre endlich abgesessen war, hatte nicht nur der große Niedergang des Liverpool FC bereits begonnen. Sondern auch der des John Barnes.
Die Saison 1991/92 verpasst der 28-Jährige größtenteils verletzt, ehe in Englands letztem Vorbereitungsspiel vor der EM 1992, an einem sonnigen Nachmittag in Finnland, auch noch seine Achillessehne regelrecht explodiert. Der englische Brasilianer explodiert daraufhin nie wieder.
Das frühzeitige Karriereende, das ihm die Ärzte prognostizieren, wendet Barnes eindrucksvoll ab. Sechs weitere Jahre würde er noch Fußball spielen. Doch seine berauschende Geschwindigkeit ist dahin. “Digger” beweist trotzdem, dass er nie nur davon abhängig war, und wird auch als Lenker in Liverpools Mittelfeldzentrale zum Leistungsträger – wobei es dort inzwischen weniger Leistung gibt.

Mit Premier League, Champions League oder später noch dem Bosman-Urteil driftet der Fußball Mitte der 1990er Jahre in seine Moderne ab, was auch in Liverpool Spuren hinterlässt. Etliche Spielerwechsel in einer Mannschaft, die zuvor immer nur ganz gezielt verändert worden und sehr organisch von Ära zu Ära geglitten war, bauten auf falschen Trainerentscheidungen und dem Verlust einer beständigen Erfolgskultur aber nur noch auf. Eine Abwärtsspirale. Ganze 30 Jahre würden nach 1990 bis zum nächsten Meistertitel vergehen. Damals unvorstellbar.
Barnes nimmt es irgendwann so hin, packt nach seinen athletischen Jahren selbst ein paar Pfunde drauf, spielt noch kurz für Newcastle United und Charlton Athletic – und hat einfach Spaß: “Ich konnte es auch genießen, bloß einen cleveren Pass zu spielen, über den hinterher keiner mehr redet, weil Steve McManaman anschließend über den halben Platz dribbelt und Robbie Fowler am Ende das Tor macht.” Und wie er das genoss. Und die Leute genossen ihn.
Besonders die, die ihn zwischen 1987 und 1991 gesehen haben.
