Josimar: EINMAL WELTSTAR UND ZURÜCK

Er kam aus dem Nichts, schoss bei der WM 1986 zwei Traumtore und erlebte einen fast beispiellosen Fall. Über Josimar und die Magie seiner Zeit.

24 ist ungefähr das Fußballalter, zumindest war das vor einigen Jahren noch so, in dem eine Karriere allmählich anfängt, so richtig abzuheben. Oder eben nicht. Josimar war mit 24 zu Hause. Seiner schwangeren Frau wegen, die er unterstützte, was aller Ehren wert war. Aber auch, weil sein Vertrag bei Botafogo seit drei Monaten ausgelaufen und noch kein neues Angebot auf seinem Tisch gelandet war – als im Frühsommer 1986 plötzlich das Telefon klingelte.

“In Zukunft wird jeder einmal für 15 Minuten berühmt sein”, hatte der legendäre Künstler Andy Warhol in den 1960er Jahren vorausgesagt. Nun war womöglich die Viertelstunde eines relativ gewöhnlichen brasilianischen Rechtsverteidigers gekommen. Niemand geringeres als Tele Santana war am anderen Ende der Leitung, der Nationaltrainer der Selecao. Josimar, der seit etlichen Wochen nicht mehr auf dem Rasen gestanden und überhaupt noch nie ein Länderspiel absolviert hatte, sollte mit zur WM nach Mexiko. Es dauerte kurz, bis er verstand.

Brasiliens etatmäßiger Rechtsverteidiger Leandro war nach einer schweren Verletzung, die ihn wohl eine noch größere Karriere kostete, auch psychisch angeschlagen. Solidarisch, fast schon seltsam bereitwillig, zog sich kurz vor dem Turnier auch er aus dem brasilianischen Kader zurück, nachdem er als Teil eines feierwütigen Quartetts, von dem nur Flügelstürmer Renato Gaucho suspendiert worden war, eine Ausgangssperre nicht eingehalten hatte. Josimar rückte aber nur als Ersatzmann nach.

Neuer Rechtsverteidiger Nummer eins war Edson, der das Turnier für die Selecao auch begann. Doch im zweiten Gruppenspiel gegen Algerien verletzte er sich, woraufhin Trainer Santana die Position rechts in der Abwehrkette mit Mittelfeldspielern besetzte. Josimar hätte er gar nicht einwechseln können, denn der hatte es nicht mal in den Spieltagskader geschafft. Auch im dritten Gruppenspiel gegen Nordirland, obwohl der Rekordweltmeister für das Achtelfinale schon qualifiziert war, dachte Santana nicht an seinen Nachzügler, der die vakante Position ja wenigstens gelernt hatte. Und der seinen Coach daraufhin belaberte. Selbst ist der Rechtsverteidiger.

Und tatsächlich. Am 12. Juni 1986 debütierte der international völlig unbekannte Josimar, der es natürlich nicht mal ins Panini-Album geschafft hatte, in einem WM-Spiel für die brasilianische Nationalmannschaft. Schnell fiel auf, dass der Mann mit der Rückennummer 13 zwar rechts spielte, aber nur widerwillig auf Höhe der Abwehrkette. Getreu der Tradition spektakulärer brasilianischer Außenverteidiger mischte Josimar lieber vorne mit – und wie. Kurz vor der Pause, die Selecao führte bereits, fasste er sich aus knapp 30 Metern ein Herz. Und donnerte die Kugel über Pat Jennings hinweg, einen der größten Torhüter seiner Zeit, genau in den Knick. Ab die Post. Ein Kniehebe- als Torjubellauf.

Auch im Achtelfinale gegen Polen stand Josimar in der Startelf. Und als er den Ball diesmal kurz nach der Pause aus einem fast unmöglichen Winkel schon wieder in den Giebel schweißte, kannte ihn auf einmal die ganze Fußballwelt. Es war die schönste Form des Kennenlernens, mit der ganzen damit verbundenen Magie einer Zeit vor der kompletten Globalisierung, in der Spieler wirklich noch aus dem Nichts kommen konnten. “UM HEROI DESEMPREGADO”, titelte eine brasilianische Zeitung – “ein arbeitsloser Held”. Botafogo bastelte sofort einen neuen Vertrag.

Nach einem epischen Viertelfinale gegen Frankreich, das die gealterten Socrates, Zico und Co. tragisch im Elfmeterschießen verloren, war für eine große, aber schließlich ungekrönte brasilianische Generation bereits Endstation. Drei Einsätze hatten Josimar aber schon gereicht, um von der FIFA als bester Rechtsverteidiger ins All-Star-Team gewählt zu werden. Und plötzlich, vor allem in seiner Heimatstadt Rio, ein Star zu sein.

Kurz und bündig: Das Leben als Star bekam Josimar nicht. Überhaupt nicht. Die heilige Dreifaltigkeit des Absturzes – Alkohol, Drogen und Frauen – machten den Liebling der Medien zu einem … nun ja, Liebling der Medien. Nur eben anders. “Die Blondinen kamen, das Training ging”, erinnerte sich Josimar viele Jahre später an eine Zeit, in der er kurzzeitig sogar im Gefängnis landete und den Kontakt zu seinen Kindern verlor. Tiefer konnte man kaum fallen.

Mit fußballerischen Höhenflügen hatte er schon kurz nach Mexiko nicht mehr dienen können. Die Länderspiel-Karriere war nach wenigen Jahren wieder vorbei, weitere schöne Tore für Brasilien kamen nicht mehr dazu. Auch keine hässlichen. Botafogo wollte bald darauf die Europäer hinters Licht führen, aber nur der FC Sevilla fiel 1988 für wenige Monate auf eine verglühte Sternschnuppe rein, die fortan nur noch ein fußballerischer Wandervogel war.

Brasiliens nächster großer Rechtsverteidiger Jorginho eilte Josimar irgendwann zu Hilfe. Führte ihn zum christlichen Glauben und brachte ihn damit wieder in die Spur. Selbst wenn die Spur kein Pfad zurück zu sportlichem Erfolg war, den Josimar vor dem Sommer seines Lebens ja auch kaum gehabt hatte. Obwohl es in diesen eineinhalb Wochen in Mexiko den Anschein gemacht hatte, als würde er Bälle jede zweite Woche ins Kreuzeck ballern. Nein.

Von Andy Warhol, der im Frühjahr 1987 genau in der Zeit starb, in der Josimars Stern wieder zu sinken begann, sind bis heute einige große Kunstwerke geblieben. Von Josimar, der strenggenommen kein One-Hit-, sondern ein Two-Hit-Wonder war, immerhin zwei. Nicht schlecht für 15 Minuten.

Facebook
Twitter
Instagram

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert