Köln 1, Bayern 3 (1989): ZEHN ERKENNTNISSE

Bayern gegen Köln, Heynckes gegen Daum, das Spiel nach dem legendären Schlagabtausch im Sportstudio. Was entschied die Meisterschaft 1988/89?

Nach eigenem Selbstverständnis stand der große FC Bayern im Spätsommer 1988 ein wenig mit dem Rücken zur Wand. In der Vorsaison waren die Roten über die Vizemeisterschaft nicht hinausgekommen, mit Lothar Matthäus oder Andreas Brehme verloren sie außerdem prominente Leistungsträger (Olaf Thon und Stefan Reuter kamen aus Gelsenkirchen und Nürnberg).

Die Schale sollte also dringend wieder nach München wandern – eine Tatsache, der sich nur ein Mann wirklich in den Weg stellte: Christoph Daum. Der energisch aufstrebende Jung-Trainer hatte den 1. FC Köln zu einer nationalen Spitzenmannschaft und auf der Zielgeraden der Bundesliga zum einzigen großen Bayern-Konkurrenten geformt.

Ausgerechnet von Bayerns legendärem Trainer Udo Lattek, der kurzzeitig Kölner Sportdirektor war, hatte sich der ursprünglich zurückhaltende Daum seine forsche Art abgeschaut, wie er in seiner Biografie “Immer am Limit” verriet. Fußballspiele seien auch durch Verbalgefechte im Vorfeld zu gewinnen.

Vier Spieltage vor Schluss kam es schließlich zum großen Duell Verfolger gegen Spitzenreiter, mit einem Heimsieg hätte der “Effzeh” an den Bayern vorbeiziehen können. Unvergessen bleibt der große Schlagabtausch zwischen Daum, Bayern-Trainer Jupp Heynckes und Manager Uli Hoeneß im ‘Aktuellen Sportstudio’, dessen unterhaltsamen Mitschnitt auch viele jüngere Fans schon einmal gesehen haben.

Doch was wurde aus dem folgenden Spiel, das die Bayern in Köln mit 3:1 gewannen?

1. FC Köln: Illgner – Steiner – Gielchen (67., Götz), Kohler (80., Sturm) – Häßler, Olsen, Littbarski, Rahn, Görtz – Allofs, Povlsen.

FC Bayern: Aumann – Augenthaler – Grahammer, Pflügler – Nachtweih, Reuter, Thon, Flick (87., Dorfner), Kögl – Wegmann (67., Johnsen), Wohlfarth.

Tore: 0:1 Wohlfarth (25.), 1:1 Allofs (32.), 1:2 Wohlfarth (85.), 1:3 Wohlfarth (89.).

1. Der Kölner Beginn

Weil es so ruckartig losging, starten wir direkt hinein. Köln begann furios und ließ den Bayern kaum Luft zum Atmen, präsentierte dabei sogar einen aus heutiger Sicht ziemlich modernen Ansatz. Das Heim-Team lief den Tabellenführer hoch an, erzwang mit cleverem gruppentaktischem Pressing etliche Ballverluste und schaltete durch Tiefenläufe in die Halbräume und präzise, halbhohe Steilpässe auf die gestarteten Spieler um.

Mit ihren Lederhosen in den Kniekehlen wussten die Münchner zunächst gar nicht, wie ihnen geschah – bis dieses Kölner Auftreten schon nach knapp zehn Minuten rapide abklang und in dieser Form auch nicht mehr auftrat. Die einzige Phase des Spiels, in der das von Daum auf Ausdauer gedrillte Köln ohne Frage die bessere Mannschaft war.

2. Das Publikum

Als “kalte Betonschüssel mit einer Laufbahn, die wirkliche Atmosphäre kaum zuließ”, beschimpfte Daum das Müngersdorfer Stadion, das sich ob des besonderen Anlasses am 25. Mai 1989 (übrigens ein Donnerstagabend) allerdings von seiner besten Seite präsentierte.

Unter den Menschen, die vor den Rängen auf dem Boden des Innenraums saßen, zählte auch das deutsche Davis-Cup-Team um Boris Becker – der einem Münchner Anhang lauschte, der schon vor 32 Jahren von gewissen “Super-Bayern” sang.

3. Kohler

Kein Spieler stand wohl so unter Beobachtung wie Kölns Manndecker Jürgen Kohler, dessen Wechsel zu den Bayern nach Saisonende bereits öffentlich bekannt war (auch dass Torschützenkönig Thomas Allofs nach Frankreich wechseln würde, stand fest).

Kohler machte ein unauffälliges, aber solides Spiel – doch sein direkter Gegenspieler Roland Wohlfarth schoss alle drei Tore des FCB. Zu Kohlers Verteidigung sei gesagt: Als Wohlfarth in der offenen Schlussphase seine Treffer zwei und drei erzielte, war Kohler bereits angeschlagen ausgewechselt worden.

Beim ersten Tor, die Kölner Zuordnung war wild, griff Kohler den ballführenden Reuter an, dessen Pfostenschuss er nicht verhindern konnte – ehe Wohlfarth ungedeckt abstaubte.

4. Olsen

Pierre Littbarski, Thomas Häßler, Olaf Thon. Diverse geniale Mittelfeldspieler, die auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit waren und ein Jahr später die WM gewinnen sollten, garnierten an diesem Abend den eigenwillig gemähten Rasen des Müngersdorfer Stadions. Herausragender Akteur der ersten Hälfte war jedoch nicht etwa ein Teil dieses Trios, sondern ein fast 40-jähriger Morten Olsen, den Daum vom Libero zum Mittelfeldspieler umgeschult hatte.

“Für die Bundesliga ist es nicht das beste Zeugnis, wenn ein 40-Jähriger es noch mit 20-Jährigen aufnehmen kann”, moserte der RTL-Kommentator. Doch ehe Olsen im zweiten Durchgang ein wenig die Luft ausging, hatte er durch Antizipation, Laufstärke, Spielintelligenz und Passspiel eindrücklich bewiesen, was für ein fantastischer Fußballer er war.

5. Duell der Nationaltorhüter

Nicht lange nach der EM 1988 ging es im DFB-Tor um die Nachfolge Eike Immels (gewissermaßen auch noch um die Toni Schumachers), für die hauptsächlich der Kölner Bodo Illgner und der Münchner Raimond Aumann in Frage kamen. Der größere Illgner, der zu diesem Zeitpunkt bereits A-Länderspiele auf dem Buckel hatte, galt als Favorit.

Trotz dreier Gegentore gegen die Bayern ging Illgner, der 1990 als Stammkeeper Weltmeister wurde, als Sieger aus diesem Duell hervor – da Aumann bei Allofs’ ansatzlosem Ausgleich wegen eines Missverständnisses mit seinem Libero Klaus Augenthaler keine glückliche Figur abgegeben hatte.

6. Topspiel-Mentalität

Nach starken Anfangsminuten verloren sich die Kölner in einem Zustand zwischen Unsicherheit und Unentschlossenheit. “Die eine Mannschaft wollte es mehr” oder ähnliche Aussagen greifen jenseits von Stammtischen meistens zu kurz, allerdings war es in diesem Fall schon auffällig, wie konzentrierte Bayern sich die Meisterschaft unbedingt im Spiel der Spiele sichern wollten – während der Moment für normalerweise mutige Domstädter irgendwie zu groß erschien.

Vielleicht hatte Motivator Daum die Chance auf den Titel auch so bedeutsam geredet, dass diese Last seine Schützlinge erdrückte.

Wo Köln sich nicht einheitlich bewegte, zögerte oder naiv spielte, präsentierte München sich agiler, mobiler und konsequenter – speziell im Verbund gegen den Ball, wo zwei kompakte, tiefstehende Ketten der gegnerischen Offensive kaum ein Durchkommen gewährten. Fast durchweg war Bayern die etwas bessere, sicherlich souveränere Mannschaft, die sich den Sieg mehr verdiente (ein Remis hätte es allerdings auch getan).

7. Litti und Icke

Die beiden Spieler mit dem größten kreativen Potenzial trugen ein Kölner Trikot – doch leider nicht viel bei. Ein zurückhaltender, fehlerbehafteter Pierre Littbarski muss wohl oder übel als Ausfall des Spiels bezeichnet werden; Thomas “Icke” Häßler kam nach starken Anfangsminuten durch seine Rolle als rechter Außenbahnspieler in einer Art 3-5-2-Grundformation nicht genug zur Geltung.

Die sinnvolle Idee, Häßler ins Zentrum zu ziehen, kam Daum zu spät. Zuvor war es den Kölnern um Kapitän Littbarski nicht gelungen, die offensiven Mannschaftsteile homogen zu verbinden. Die Doppelspitze Flemming Povlsen und Thomas Allofs blieb (auch dank des guten Münchner Verteidigens) weitgehend isoliert, im Endeffekt ging nur von Torschütze Allofs Torgefahr aus. Von Kölns Kreativzentrale, Olsen ausgenommen, war das einfach zu wenig.

8. Strittige Szenen

Bayern-Dusel? Bayern-Bonus? Das gibt es – wenn es das denn gibt – nicht erst seit gestern. Auch manch Kölner grämt sich vielleicht noch immer zu Recht – wenn er sich nicht auf die Elfmeter-Szene in der 77. Minute (1:1) bezieht. Denn Hansi Flick zog im entscheidenden Moment noch einmal zurück und traf Häßler erst dann, als dieser schon bereitwillig abgehoben hatte. Völlig in Ordnung, hier nicht auf Strafstoß zu entscheiden.

Ankreiden lassen muss sich das Gespann um Wolf-Günter Wiesel aber etwas anderes: Beim Stand von 2:1 für die Bayern fälschte Ludwig Kögl eine Flanke ins eigene Tor ab, bei der im Vorfeld noch nicht einmal die damalige Abseitsregel gegriffen hätte (bis 1990 galt ‘gleiche Höhe’ noch als Abseits). Das 2:2 hätte zählen müssen, was in den letzten Minuten sogar einen Sieg anstürmender Kölner möglich gemacht hätte. Wahrscheinlicher wäre ein Remis gewesen – und eine Vertagung der Entscheidung in der Meisterschaft.

9. Die Katze von Bocholt

Eine Zeit lang kauften sich die Bayern jahrein, jahraus einen neuen Stürmer – der im Verlauf einer jeden Saison dann doch wieder von Roland Wohlfarth verdrängt wurde (übrigens nicht Wohlfahrt, das schrieb auch die Kölner Anzeigetafel falsch).

Der Westfale schien sieben bis neun Leben zu haben und schaffte es immer wieder, sich zurückzumelden – etwa am 25. Mai 1989 nach elf Ligaspielen ohne Tor. Mit einem Dreierpack im Showdown um die Meisterschaft.

Ein paar Wochen später holte Uli Hoeneß die beiden Angreifer Alan McInally und Radmilo Mihajlovic, die Bayerns neues Sturmduo bilden sollten. Und wenn ihr nicht wisst, wie das ausging, könnt ihr es euch ja denken.

Der Matchwinner: Bayerns Stehauf-Stürmer Roland Wohlfarth. Nicht Wohlfahrt. – Bild: transfermarkt.at

10. Wiggerl gibt, Wiggerl nimmt

Als Daum in der Schlussphase schließlich “All in” ging, weil nur ein Sieg die Kölner wirklich weitergebracht hätte, beorderte er Olsen nach hinten und wechselte beide Manndecker aus (Kohler verletzungsbedingt). Doch sein Plan ging nicht auf: Die zum Kontern eingeladenen Bayern trafen spät zum 2:1 und 3:1.

Schon das 2:1 (85.) hatte rückblickend bedeutet, dass der “Effzeh” den Platz nicht als Sieger verlassen würde – nach einem plumpen Ballverlust des eingewechselten Ralf Sturm köpfte Wohlfarth aus wenigen Metern ein.

Die Flanke hatte Ludwig “Wiggerl” Kögl geschlagen, der sich drei Jahre später im Trikot des VfB Stuttgart revanchieren sollte, als Daum am letzten Spieltag in schier aussichtsloser Situation mal wieder “All in” ging. Diesmal flankte Kögl auf Guido Buchwald – und die Schwaben wurden tatsächlich noch Deutscher Meister. Denn auch wenn man ihn sportlich vor allem mit Köln 1989 und Leverkusens Scheitern 2000 in Verbindung bringt: Christoph Daum darf sich in Deutschland Meistertrainer nennen.

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