Laurie Cunningham: TRAUMTÄNZER

Bei Real Madrid und in der englischen Nationalmannschaft schrieb Laurie Cunningham Geschichte – seine eigene endete tragisch.

Die Rufe wurden leiser. Zwar konnte man sie immer noch verstehen, wenn man wusste, was da geschrien wurde. Doch Angriff für Angriff wurden sie leiser. Bis sie schließlich verstummten.

Das Old Trafford war längst nicht die erste oder einzige feindlich gestimmte Kulisse gewesen, mit der sich West Bromwich Albion in dieser Zeit auseinandersetzen musste, als es Manchester United am 30. Dezember 1978 mit 5:3 regelrecht vorführte. “Game of the century”, Spiel des Jahrhunderts, hatten es nationale Medien damals geadelt. Von den “Three Degrees” war die Rede.

Denn mit den feindseligen Rufen, die manchmal nur simple, wortlose Laute waren, mussten sich streng genommen nur drei West-Brom-Spieler auseinandersetzen: Rechtsverteidiger Brendon Batson, Mittelstürmer Cyrille Regis und Außenbahnzauberer Laurie Cunningham, die in erster Linie ziemlich gut, zu ihrem Nachteil aber auch Schwarz waren. Jahre, in denen sich große Teile der englischen Fankultur Woche für Woche voller Hingabe bodenlos präsentierten.

Aufreizend arrogant

Besonders an Laurence Paul Cunningham schieden sich die nicht immer geistreichen Geister, was wenigstens nicht nur an seiner Hautfarbe lag. Seine teilweise aufreizend arroganten Finten und Dribblings begeisterten und missfielen Verantwortlichen und Zuschauern gleichermaßen, was auch für seine Einstellung galt.

Angeblich hatte ihn Leyton Orient, sein erster professioneller Arbeitgeber, zum ersten Training nach der Vertragsunterzeichnung von zu Hause abholen müssen, weil er es nach einer durchgefeierten Nacht versäumt hatte. Laurie, der immer ein wenig verträumt wirkte, trank dabei nicht – er tanzte nur einfach für sein Leben gern. Statt für Fußball hätte er sich als Teenager sogar beinahe für Ballett entschieden.

Doch das Genie traf die richtige Entscheidung, setzte sich mit all seinem Wahnsinn durch und war Ende 1978 in der Form seines Lebens. Drei Wochen vor der Gala gegen ManUnited hatte Cunningham mit West Brom den FC Valencia aus dem UEFA-Pokal geworfen und Mario Kempes – frisch gebackener Weltmeister, WM-Torschützenkönig und bester Spieler des Turniers – eindeutig in den Schatten gestellt.

Gleich wieder gegen Kempes

“An diesem Tag war er unbespielbar”, schwärmte Teamkollege Batson noch Jahre später, der auf der rechten Bahn hinter Cunningham aufräumen musste. Lauries großer Auftritt gegen Kempes und Valencia, speziell durch seine faszinierende Spielweise, war selbst Real Madrid nicht verborgen geblieben, das damals einen neuen Publikumsmagneten suchte.

Cunningham, Batson und Regis (v. l.) mit den echten “Three Degrees”. – Bild: https://www.thetimes.co.uk

Im Sommer 1979 wechselte der 23-Jährige schließlich zum spanischen Rekordmeister, wo er sofort einschlug. Sein Liga-Debüt feierte er ausgerechnet gegen Kempes’ Valencia – Doppeltorschütze: Cunningham.

Das Spiel seines Lebens

In diesen Monaten spielte Laurie so gut, dass die englische A-Nationalmannschaft ihn als ersten Schwarzen Spieler in einem Pflichtspiel aufbot – und der FC Barcelona ihm im Camp Nou nach einer herausragenden Clasico-Performance am 10. Februar 1980 anerkennende Ovationen spendete, die vor ihm und nach ihm kein anderer Real-Spieler erhielt.

Durch den Double-Gewinn in seiner ersten Saison in Madrid schwang sich Cunningham zu einem europäischen Topstar auf – bis ihn ziemlich unvorbereitet ein erster Nackenschlag traf: Nationaltrainer Ron Greenwood verzichtete für die anstehende EM 1980 gänzlich auf Laurie, der noch nicht einmal mitreisen durfte. Weil er im Ausland spielte? Weil er gerne tanzen ging? Weil er Schwarz war? England schied in der Vorrunde aus.

Ebenso wenig konnte Laurie die Kritik verstehen, die ein paar Monate später in Madrid auf ihn einprasselte, als er am Abend nach einer Verletzung bandagiert in einem Nachtklub aufschlug. Da spielte es auch keine Rolle, dass er wieder keinen Tropfen Alkohol trank. “Er hat nicht die absolute Professionalität, die bei Real Madrid gefordert wird”, kritisierte Mitspieler Vicente del Bosque, was Cunningham auch gar nicht bestritt. Er sah das alles nicht so eng, er wollte Spaß haben – und er lieferte doch ab?

Fortan tanzte Laurie weniger, allerdings auch auf dem Platz. Ein komplizierter Zehenbruch war nur der Anfang einer regelrechten Seuche, schon in der zweiten Saison bei Real konnte er die meiste Zeit nur zuschauen. Pünktlich zum Landesmeister-Endspiel 1981 gegen Liverpool hatte Cunningham die Blessur zwar einigermaßen auskuriert, doch an seine traumwandlerischen Dribblings war noch lange nicht zu denken. Real verlor. Auch die Geduld.

Cunningham steht über dem FC Barcelona, 1979/80. – Bild: futbolretro.es

Madrid ließ Laurie fallen, indem es den zweiten der beiden Ausländer-Plätze neben Uli Stielike mit Johnny Metgod neu besetzte. Cunningham wurde stattdessen zu Manchester United verliehen, das ihn schätzte, aufbaute, aber auch nicht auf Dauer fit bekam. Am Ende dieser Saison war Laurie so verunsichert, dass er freiwillig auf seinen Platz im FA-Cup-Finale verzichtete. Weil er glaubte, dem Team in seiner Form nicht helfen zu können. Dabei war der Gewinn von Englands prestigeträchtigstem Pokal stets sein großer Traum gewesen.

Der Weltklassespieler Laurie Cunningham war passé. Der große Ruhm war blitzschnell an ihm vorbeigerauscht wie er selbst an zahlreichen Gegenspielern. Doch eine ziellose Odyssee durch England, Spanien, Frankreich und Belgien schien tatsächlich ein glückliches Ende zu nehmen.

Mit Vinnie Jones im Pokalfinale

Als sporadischer Teil von Wimbledons “Crazy Gang” erfüllte er sich im Herbst seiner Karriere 1988 sensationell den großen Traum vom FA Cup – ehe er nach Madrid zurückkehrte, wo er bei Zweitligist Rayo Vallecano eine nicht nur sportliche Heimat und die Liebe seines Lebens fand.

Seine Frau Sylvia war bereits schwanger, als Cunningham Rayos umjubeltes Tor zum Aufstieg schoss. Wieder erste Liga, eine eigene Familie – und endlich eine konkrete Zukunft vor Augen. Er lebte nicht mehr nur in den Tag hinein, aus voller Überzeugung. In Madrid wollte Cunningham sesshaft werden.

Glücklicher hätte Laurie kaum sein können als er in den Morgenstunden des 15. Juli 1989 von einer Party nach Hause fuhr. Schneller als erlaubt, weil er Grenzen einfach gerne verschob, und ohne Gurt, weil er sich in keiner Lebenslage auch nur irgendeinen Gurt anlegen ließ. Dann stellt sich ein Laternenpfahl Lauries Glück in den Weg. Er wird weit aus dem Fahrzeug geschleudert und gerade einmal 33 Jahre alt. Seinen Sohn Sergio lernt er niemals kennen.

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