Leverkusen 1, Real Madrid 2 (2002): ZEHN ERKENNTNISSE

Am 15. Mai 2002 stand Bayer Leverkusen nach den knapp verpassten Titeln in der Bundesliga und im DFB-Pokal auch im Champions-League-Finale gegen Real Madrid – und wurde wieder nur Zweiter. Unverdient?

Anfang Mai 2002 war Bayer 04 Leverkusen tatsächlich drauf und dran, das Triple gewinnen zu können. Oder zumindest zwei Titel. Oder wenigstens einen. Heraus kam kein einziger, in letzter Instanz verspielt im Champions-League-Finale gegen Rekordsieger Real Madrid.

Noch heute beschwören einige, dass es schon eines Traumtors von Zinedine Zidane und der Einwechslung des jungen Iker Casillas bedurfte, um eine königliche Niederlage gegen die Werkself abzuwenden, die zuvor etwa den FC Liverpool und Manchester United aus dem Turnier geworfen hatte. Aber dieses Endspiel vor inzwischen 20 Jahren birgt in der Rückschau auch noch andere Details.

Leverkusen: Butt – Sebescen (65. Kirsten), Zivkovic, Lucio (90.+1 Babic), Placente – Ramelow – Schneider, Bastürk, Ballack, Brdaric (39. Berbatov) – Neuville.

Madrid: Cesar (68. Casillas) – Salgado, Hierro, Helguera, Roberto Carlos – Makelele (73. Conceicao) – Figo (61. McManaman), Solari – Zidane – Raul, Morientes.

Tore: 0:1 Raul (8.), 1:1 Lucio (14.), 1:2 Zidane (45.).

1. Gedenken an einen Großen

An unterschiedlichen Wert menschlichen Lebens habe ich sicher nicht gedacht, wenn mir in den vergangenen Jahren immer mal wieder der Gedanke kam, dass inzwischen doch schon ungewöhnlich viele Leute durch eine Schweige- oder Applausminute geehrt werden – halte jeder davon, was er oder sie davon halten will.

Vor dem CL-Finale 2002, passend zur Größe des Spiels, wurde dagegen eines echten Giganten gedacht, der im europäischen Fußball große Spuren hinterlassen hatte. Zwei Tage vor dem Endspiel war Trainer-Legende Waleri Lobanovsky verstorben, der den Fußball des Ostens modernisiert hatte und mit Dynamo Kiew zweimal Europapokalsieger sowie mit der Sowjetunion Vizeeuropameister geworden war.

Seine Art des “In-Game-Coachings”, irgendwann nur noch wie festgefroren auf der Trainerbank zu verharren, war eigentlich schon 2002 überholt, als sich der weitaus weniger revolutionäre Klaus Toppmöller kurz nach der Gedenkminute noch eben eine Zigarette ansteckte. Kann man sich heute auch nicht mehr vorstellen.

2. Vizekusen – nur einer entflieht

Dass der große FC Bayern zehn Jahre nach Leverkusen auch dreimal nur “Vize” wurde, weiß heute kaum noch einer – weil die Münchner nur eine Saison später eben dreimal Erster wurden. Das Triple komplettiert hatte der FCB allerdings durch den Sieg im DFB-Pokalfinale, der zeitlich nach dem Endspiel in der Champions League stattfand. Wie war das bei der Werkself?

Zum Bundesliga-Showdown kam es im WM-Jahr 2002 bereits am 4. Mai (Meister Dortmund), genau eine Woche später (11. Mai) setzte es dann die Niederlage im Pokalfinale gegen Schalke. Das größte aller Vereins-Endspiele gegen Real – ohne Jens Nowotny (verletzt) und Ze Roberto (gesperrt) – war am 15. Mai dann bereits die letzte Chance. Zumindest vorerst.

Weitere sechs Wochen später sollte im WM-Finale zwischen Deutschland und Brasilien mindestens ein Leverkusener diesen undankbaren Sommer mit einem Titel beenden. Es jubelte schließlich Lucio, während seine Vereinskameraden Butt, Ramelow, Ballack, Schneider und Neuville auch ein viertes Mal nur Zweiter wurden.

WM-Finale 2002: Lucio wurde immerhin Weltmeister, Neuville und Co. wieder nur Zweiter. – Bild: theguardian.com

3. Somos quienes somos

Die ersten acht Minuten des Endspiels von Glasgow dominierte Real Madrid komplett – dann gingen die Königlichen in Führung. Kurz nach dem bald folgenden Ausgleich hatte Leverkusen seine spielerisch stärkste Phase und erweckte auch im zweiten Abschnitt den Eindruck, als befinde man sich öfter in Zonen, in denen jetzt eigentlich gleich etwas passieren könnte. Doch meistens passierte: nichts.

Wenn in der DNA des Ajax-Fußballs eine gewisse Arroganz im Spiel mit dem Ball verankert ist, gilt das für Real Madrid seit Jahrzehnten im Spiel gegen den Ball. ‘Wir pressen nicht, ihr könnt ja mal kommen. Ihr könnt auch denken, dass wir schwimmen, aber am Ende kriegen wir doch noch ganz souverän einen Fuß dazwischen, jedes einzelne Mal. Und dann zermürben wir euch mit diesen unerträglich geschmeidigen Kontern, die wir noch nicht mal konsequent zu Ende spielen müssen.’ Also mal frei interpretiert. Aufreizend selbstsicher, wie ein spanisches “Mia san mia”.

Wie auch heute noch war ein in Führung liegendes Real Madrid schon vor 20 Jahren eine gewiefte Verwaltungsmaschinerie, der Bayer im zweiten Durchgang (bis in die Schlussminuten) komplett in die Karten spielte. Auch wenn Leverkusen aus dem organisierten Spiel heraus mehr versuchte – nahezu komplett vergeblich -, wurde den von Zidane angeführten Königlichen die teilweise durch Passivität zum Ausdruck gebrachte Spielkontrolle ziemlich leicht gemacht. Selbst dem nächsten Treffer waren sie lange Zeit näher.

4. Bastürk und Ballack

Die nur/zumindest teilweise zutreffende Erinnerung, dass Leverkusen schon vor der Nachspielzeit die (spielerisch) bessere Mannschaft war, entstammt rückblickend in erster Linie der gut 20-minütigen Phase kurz nach dem Ausgleich (14.) bis kurz vor Zidanes traumhafter Führung (45.). Bayer gab Stil und Tempo vor, initiiert von seinen beiden zentralen Kreativspielern.

In einer Art 4-1-4-1 vor Abräumer Carsten Ramelow harmonierten Yildiray Bastürk und Michael Ballack durch ihr Wechsel- und Zusammenspiel, in der ersten Hälfte waren Leverkusens primäre Gestalter für Real kaum zu greifen. Das rührte vor allem daher, dass Madrid im 4-1-3-2 Absicherung Claude Makelele zu oft alleine ließ, was die Werkself auszunutzen wusste. Bastürk und Ballack operierten durch clevere Bewegungsabläufe in den Räumen vor und neben Makelele – von hier aus entstand reichlich Gefahr.

Dass Bayer im zweiten Abschnitt (bis zur Schlussphase) jedoch kaum noch gefährlich wurde, lag dann daran, dass Real auf diese Verhältnisse reagierte. Die Königlichen verringerten defensiv die Abstände, im Mittelfeld rückte Solari mehr mit zurück, während McManaman für den angeschlagenen Figo kam, sodass Makelele Unterstützung hatte und Bastürk und Ballack weitaus weniger Zeit und Raum bekamen. Definitiv ein “Gamechanger” für Madrid.

5. Einer gegen alle

Haben Reals “Galacticos” die Champions League gewonnen? Diese Frage meint eigentlich, ab wann sie denn offiziell als “Galacticos” galten. 2001/02 waren Figo und Zidane (wie natürlich auch Roberto Carlos oder Raul) bereits da, wenig später kam Ronaldo, 2003 schließlich David Beckham – quasi als “Ersatz” für Makelele. Dann ging es bergab.

Wie nahe Madrid 2002 aber schon an den “Galacticos” von ab 2003 dran war, zeigt auch im CL-Finale die große Verantwortung, die Makelele im Mittelfeld nahezu alleine übertragen wurde. Einer gegen alle. Oft balancierte er das königliche Spiel gerade noch aus – weil er jedoch so häufig gefordert war, ging das irgendwann auch auf die Qualität seiner Tacklings. Wie etwa beim Leverkusener Ausgleich, vor dem er den Freistoß verursacht hatte.

Später war der Franzose so ausgelastet, dass Trainer Vicente del Bosque ihn in der 73. Minute auswechselte.

6. Die vielen Stärken des Roberto Carlos

Manche Granden vergangener Epochen werden rückblickend etwas besser verklärt, als sie eigentlich waren. Bei Roberto Carlos, dem Mann, der so unglaublich hart schießen konnte, defensiv jedoch kaum stattfand, ist womöglich das Gegenteil der Fall. Nicht nur wird seinem defensiven Zweikampfverhalten hier Unrecht getan – auch wenn er in einige Zweikämpfe nur noch dank seiner hohen Endgeschwindigkeit kam -, auch der vielseitige Wert des Brasilianers im Offensivspiel wird oft unnötig eingeschränkt.

Während viele Angreifer schon froh über ein überragendes Attribut sind und darauf ganze Weltkarrieren bauen, verfügte Roberto Carlos gleich über mehrere. Er konnte nicht mehrere Dinge gut, er konnte mehrere Dinge richtig, richtig gut. Mal abgesehen von einer starken Spielintelligenz und Variation im überraschend kompletten Passspiel. Neben seinen 150-km/h-Schüssen (angeblich) lief er den meisten Gegenspielern mit 100-Meter-Zeiten unter elf Sekunden nämlich einfach davon, während seine enorm weiten Einwürfe – das nächste besondere physische Attribut – regelrechte Standards waren …

7. Der Wahnsinn hat Methode

Eine besondere Taktik, ein ausgeklügelter Matchplan – all das scheint Real Madrid bei seinem Wahnsinn in der Champions League 2022 nicht wirklich zu brauchen. 2002 war das auch schon so. Was im Finale gegen Leverkusen allerdings auffiel, ist, dass beide königlichen Tore höchstwahrscheinlich kein spontaner Zufall waren.

Als Roberto Carlos Raul mit einem seiner weiten Einwürfe in der 8. Minute auf Hans-Jörg Butt zuschickte, war das nicht der erste Versuch gewesen – diesen Spielzug hatten sie zwei Minuten zuvor schon mal probiert. Nahezu identisch verhielt es sich in der Entstehung von Zidanes Traumtor kurz vor der Pause: Roberto Carlos lockte den hoch verteidigenden Sebescen, Solari ließ sich fallen, wurde angespielt und schickte den startenden Brasilianer in den freien Raum auf dem linken Flügel. Zunächst klappte es nicht, eine Minute später jedoch erneut.

8. Muss Butt beide halten?

Wann immer die beiden Madrider Tore thematisiert werden, führt an einer Frage irgendwie kein Weg vorbei: Muss Bayer-Schlussmann Butt einen halten, wenn nicht sogar beide – selbst Zidanes Traumtor?

In Anbetracht von Butts Positionierung ist Rauls nicht satt getroffener Ball beim 1:0 wohl ziemlich alternativlos ein Torwartfehler, der per Definition bei Zidanes besonderem 2:1 natürlich ziemlich hart klingt. Und doch steht der Torwart erneut ziemlich gut, als der ausgerechnet in diesem Moment weder von Ramelow noch von Ballack gedeckte Zidane den Ball zwar technisch unnachahmlich trifft, aber weder übermäßig hart noch perfekt platziert aufs Tor schießt. Ob man diese misslungene Parade als Fehler bezeichnen möchte, ist wohl jedem selbst überlassen – trotz der Schönheit dieses Tores gibt es jedoch sicherlich Keeper, die es verhindert hätten.

9. Dieser verdammte Casillas (?)

Es mag selektive Wahrnehmung sein, aber in meinem Umfeld glaub(t)en auch heute noch viele, dass der junge Casillas damals quasi seinen Durchbruch gefeiert hat, als er Mitte der zweiten Hälfte den im Madrider Tor beginnenden und nach einer Kollision mit Lucio angeschlagenen Cesar ersetzte. Tatsächlich hatte “San Iker” aber bereits das CL-Finale 2000 auf dem Rasen gewonnen und seit jener Saison auch den Posten des königlichen Stammkeepers inne.

Bis in die Rückrunde der Saison 01/02, als der immer noch erst 20-Jährige etwas schwächelte und seinen Platz für kurze Zeit an ebenjenen Cesar verlor, den viele Leverkusener auch in der Nachspielzeit noch gerne auf dem Platz gesehen hätten, als Casillas zweimal glänzend gegen Dimitar Berbatov parierte (90.+6, 90.+7). Ob es eine berechtigte Behauptung ist, dass Bayer ohne Cesars Verletzung mindestens in die Verlängerung gekommen wäre?

In Anbetracht von Cesars erschreckendem Verhalten beim Gegentreffer durch Lucio wirkt diese Behauptung zumindest nachvollziehbar, auch wenn ganz ohne Torwartfehler ja kein einziges Tor gefallen wäre in einem Endspiel, aus dem die abgeklärtere zweier unterm Strich weitgehend gleichwertiger Mannschaften als Sieger hervorging.

Die letzte Minute der Nachspielzeit: Casillas pariert aus spitzem Winkel gegen Berbatov. – Bild: miotraliga.defensacentral.com

10. Die Folgen

Für Real Madrid, das ein Jahr später Makelele abgeben und durch Beckham nicht wirklich ersetzen sollte, begann nach dem Endspiel 2002 das lange, zähe Warten auf “La Decima”, den zehnten Champions-League-Titel – inzwischen sind es 13. Was die späteren Erfolgsmannschaften neben der Kunst des gewieften Verwaltens aber ausmachen sollte: Ausgewogenheit, Balance. Ein nur noch bedingt galaktischer Ansatz.

Nur ein Jahr, nachdem im Idealfall Meisterschaft, Pokal und Champions League nach Leverkusen gewandert wären, dauerte es ebenfalls, bis Bayer um ein Haar abgestiegen wäre. Woran durch die Abgänge von Ballack, Ze Roberto und später Lucio auch die Bayern nicht ganz unbeteiligt waren. Bayer ohne n sollte in den 20 Jahren seit Glasgow derweil nicht in ein Champions-League-Finale zurückkehren. Und auch ansonsten keinen einzigen Titel gewinnen.

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