Lew Jaschin: DER SCHREIHALS

Sein Ruf als womöglich herausragendster aller Torhüter der bisherigen Fußballgeschichte liegt vor allem darin begründet, dass Lew Jaschin seine Position so sehr revolutionierte. Dabei hatte sich an einem Aspekt seines Spiels zunächst sogar seine Frau gestört.

Diese Art von Geschichten beginnt normalerweise so, dass der besondere Protagonist eine besondere Chance erhält – und sie in großem Stil nutzt. Bei Lew Jaschin war genau das Gegenteil der Fall. Als er 1950, mit 20 Jahren, in einem Freundschaftsspiel für Dynamo Moskau zwischen den Pfosten stehen durfte, meinte es das Schicksal so übel mit dem jungen Torhüter, dass er auch durch einen unglücklichen Zusammenstoß tatsächlich von einer Klärungsaktion des gegnerischen Keepers bezwungen wurde.

Häme und Spott waren Jaschin sicher, der auf seinen Durchbruch daraufhin noch ganze drei Jahre warten musste. Aber der Fußball war ohnehin nicht Plan A gewesen für den Sohn einer Moskauer Industriearbeiterfamilie, Schach war die erste große Leidenschaft. Es gab auch Fechten, Tennis, Basketball, Wasserball und vor allem Eishockey im Leben eines während des Zweiten Weltkriegs heranwachsenden Multiathleten, der auch kickte, das aber im Feld. Der junge Jaschin war Stürmer.

Es war in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende, dass der gelernte Schlosser als Mechaniker bei der Luftwaffe in deren Mannschaft erstmals wirklich als Torwart eingesetzt wurde – wegen seiner starken Reflexe vom Eishockey. Da war der 18-Jährige mit knapp 1,90 Meter Gardemaß bereits ausgewachsen. Jaschins verhältnismäßig spät geförderte Begabung blieb aber auch Dynamo Moskau und dessen berühmtem Torhüter Alexei “Tiger” Chomitsch nicht verborgen, der bei einem der populärsten Vereine der Hauptstadt zu seinem Mentor wurde – ihm erst mal aber natürlich im Weg stand.

Während Jaschin bei Dynamos Fußballmannschaft noch zuschauen musste, stand er bei Dynamos Eishockeymannschaft als Nummer eins im Tor. Seinen ersten Titel gewann er mit dem Pokalsieg 1953 tatsächlich auf dem Eis – wenige Monate später durfte er dann auch endlich in Chomitschs Fußstapfen treten. Auf peinliche Patzer mussten die Leute diesmal lange warten.

Der gereifte Jaschin war bereit, mehr als das. Gleich in seiner ersten Saison führte er Dynamo zur heiß ersehnten Meisterschaft, gar zum Double, wurde 1954 Nationalspieler und hörte für die Fußball-Karriere sogar mit Eishockey auf. Durch die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1956 stieg seine Bekanntheit, noch um ein Vielfaches bei der WM 1958 – der ersten, die weltweit übertragen wurde. In Schweden bestaunte die Fußballwelt einen Torhüter, wie sie ihn so wohl noch nie gesehen hatte.

Während der vom Staat ungeliebte, weil westlich wilde Stürmer Eduard Strelzow, begabtester Feldspieler der Sowjetunion, wegen einer angeblichen Vergewaltigung kurz vor dem Turnier jahrelang in ein Arbeitslager gesteckt wurde – dass der Lebemann die Tochter der hohen Politikerin Jekaterina Furtseva öffentlich gedemütigt hatte, soll das Fass zum Überlaufen gebracht haben -, avancierte Jaschin zum großen Star seiner Mannschaft. Weil er überragend hielt. Vor allem aber wegen der einmaligen Art seines Spiels.

Jaschin bestach auch durch sein Stellungsspiel und seine Reflexe, hechtete waghalsig und heroisch, das hatte man von Torhütern allerdings schon gesehen. Die Besonderheit war, dass der stets ganz in dunkelblau oder schwarz gekleidete Rückhalt noch weitaus mehr tat. Anders als die meisten seiner Kollegen klebte Jaschin nicht auf der Linie. Er antizipierte Flanken, stürmte auf durchgebrochene Angreifer zu, kontrollierte seinen ganzen Strafraum und begann als einer der Ersten den Ball zu fausten, wenn es zu schwer war, ihn zu fangen. Und auch das war noch nicht alles.

“Er spielt besser Fußball als ich”, staunte der italienische Spielmacher Sandro Mazzola nach einem Duell einmal anerkennend. Zwar wirkte Jaschin nicht so aktiv im Aufbau mit wie Torwart-Revolutionäre Jahrzehnte nach ihm, doch er war im Kopf so schnell und mit den Füßen zumindest so gut, dass er als eine Art defensiver Libero etliche Gefahren unterbinden konnte. Ehe er durch präzise weite Abwürfe das Konterspiel seiner Mannschaft ankurbelte. Jaschin sah aus wie ein Torwart aus der Zukunft.

Und so hörte er sich auch an. Mit ausgestrecktem Arm und lauter Stimme organisierte und dirigierte Jaschin seine Abwehr, was ebenfalls ziemlich revolutionär und seiner Frau Walentina zunächst etwas unangenehm war. “Du schreist zu viel”, bemängelte sie gerne. Auch sie gewöhnte sich daran.

Ab den späten 1950er Jahren galt Jaschin gemeinhin als bester Torwart der Welt. Popularität steigend. 1960 war er Teil der sowjetischen Nationalmannschaft, die sich zum ersten Europameister aufschwang – woraufhin ihm Real Madrids Präsident Santiago Bernabeu beim Siegerbankett im Restaurant auf dem Eiffelturm einen Blankoscheck vorlegte. Doch einen Wechsel zum frischgebackenen Fünffach-Europapokalsieger um Ferenc Puskas und Alfredo di Stefano ließ die Sowjetunion nicht zu.

Bei der WM 1962 in Chile bekam das Ansehen des Über-Keepers erstmals größere Kratzer. Jaschin erlaubte sich, wohl auch einer Gehirnerschütterung geschuldet, mit der er spielte, mehrere untypische Patzer. Er kassierte durch den Kolumbianer Marcos Coll das einzige direkte Eckball-Tor der bisherigen WM-Geschichte, die “L’Equipe” schrieb düster vom Ende einer großen Karriere. Dieser Rückschlag nagte am 32-jährigen Kettenraucher und Trinker, dessen Patzer hier und da auch mit seinem angeblich alkoholisierten Zustand begründet wurden. Jaschin hatte eine Schaffenskrise, überlegte sogar, seine Karriere wirklich zu beenden. Er tat es nicht. Und fing sich.

Im Jahr nach der WM feierte er nach nur sechs Gegentoren in 27 Einsätzen die fünfte Meisterschaft mit Dynamo, überragte beim hochgejazzten Spiel Englands gegen den “Rest der Welt” zum 100. Geburtstag der FA in Wembley und wurde am 17. Dezember 1963 als erster und bis heute einziger Torhüter mit dem Ballon d’Or geehrt. Was für ein Comeback.

Im Sommer 1964 unterlagen Jaschin und die Sowjetunion im EM-Finale Gastgeber Spanien, ehe er 1966 in England mit 36 Jahren noch mal einen WM-Versuch unternahm. Erst im Halbfinale, als er einen Fernschuss Franz Beckenbauers falsch einschätzte, forderte das Alter (und der Konsum) allmählich Tribut, Platz vier bleibt dennoch das beste Abschneiden der sowjetischen und russischen WM-Geschichte – einer von vielen bemerkenswerten Einträgen in einer bemerkenswerten Vita. Gleich neben den 151 Elfmetern, die einer der wenigen großen One-Club-Men im Lauf seiner Karriere gehalten haben soll.

Jaschin sorgte beinahe im Alleingang dafür, dass seine Position in seiner Heimat nicht der Außenseiter, sondern oftmals der Held der Mannschaft war, dass sowjetische Kinder hauptsächlich Torwart werden wollten. Aber keiner, der ständig nur auf der Linie klebt. 1971 verabschiedeten ihn über 100.000 Menschen im Lenin-Stadion in den Ruhestand – den Lenin-Orden, die höchste Auszeichnung in der Sowjetunion, bekam er auch.

In der weiten Fußballwelt wurde es anschließend ruhiger um Jaschin, hinter dem “Eisernen Vorhang” wirkte er bei Dynamo und der Nationalmannschaft als Funktionär. Und natürlich als Legende. Zu seinem 60. Geburtstag Ende 1989 liefen mit Beckenbauer, Bobby Charlton und Co. noch mal die großen Wegbegleiter von einst bei ihm auf. Jaschin, gezeichnet vom Magenkrebs, lief da schon nicht mehr, hatte durch eine unvermeidliche Amputation ein (Raucher-)Bein verloren.

Vor seinem Tod nur wenige Monate später nahmen ihm die Ärzte angeblich auch noch das zweite der Beine ab, die diesen Torwart-Revolutionär so besonders machten. Und immer noch machen. Mindestens bis mal wieder einer diesen goldenen Ball kriegt.

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