Das eindrucksvollste Schaulaufen der wahrscheinlich spektakulärsten Mannschaft des FC Liverpool ereignete sich im Frühjahr 1988 – relativ überraschend gegen Nottingham Forest. Rückschau auf ein Team, in dem womöglich die wahren “Galacticos” spielten.
Sir Tom Finney staunte nicht schlecht. “Das war eine der schönsten Fußballvorführungen, die ich je gesehen habe”, schwärmte der legendäre englische Flügelstürmer unmittelbar nach einem vermeintlich gewöhnlichen Ligaspiel, von dem sie auf der Insel manchmal heute noch sprechen. “Ich habe auch die Brasilianer schon spielen sehen, aber ich habe noch nie ein Spiel in diesem Tempo und in dieser Ausführung gesehen.” Gerade in den 1980er Jahren ein großes Kompliment. Eine Ansage. Über einen besonderen Mittwochabend im April:
Liverpool: Grobbelaar – Nicol, Gillespie, Hansen, Ablett – Houghton, Spackman, McMahon, Barnes – Beardsley – Aldridge.
Forest: Sutton – Chettle, Walker, Foster, Pearce – Crosby, Wilson, Webb, Rice – Clough, Glover.
Tore: 1:0 Houghton (18.), 2:0 Aldridge (37.), 3:0 Gillespie (58.), 4:0 Beardsley (79.), 5:0 Aldridge (88.).
1. (K)Ein Klassenunterschied
Als Top-Team in einem Liga-Heimspiel eine 5:0-Gala zu feiern, ist so speziell erst mal nicht. Allerdings war Nottingham Forest im Frühjahr 1988 alles andere als Laufkundschaft. Die First Division, also den Vorgänger der heutigen Premier League, würde die Mannschaft von Trainer-Ikone Brian Clough auf Rang drei beenden. Diese Abreibung, dieser Klassenunterschied, das hatte sich nicht angebahnt.
Vor allem nicht, weil der LFC und sein Kontrahent Anfang April eine Trilogie abspulten, die bis dato ganz anders verlaufen war: Elf Tage zuvor hatte Forest Liverpool im anderen Ligaspiel sogar mit 2:1 geschlagen, das Pokal-Halbfinale eine Woche später entschieden die Mannen von Kenny Dalglish wiederum mit 2:1 für sich. Viel knapper war es die ersten beiden Male nicht gegangen. Zum Ende der Trilogie dann plötzlich der Klassenunterschied. Nicht unbedingt auf dem Papier, sehr wohl aber auf dem Rasen (Wer diese Anspielung verstanden hat, ist cool).
2. Neuer Glanz um des Glanzes willen
Im Sommer 1987 war die große Dominanz des Liverpool FC aus den zurückliegenden 15 Jahren ins Wanken geraten. Zwei der vergangenen drei Meisterschaften hatte ausgerechnet Stadtrivale Everton eingefahren, erneut waren die Reds quasi zum Zurückschlagen gezwungen. 1987/88 sollte ihnen das eindrucksvoll gelingen. Vor allem durch ihren furiosen Angriff ist diese Mannschaft in Erinnerung geblieben.
Dessen drei Kernbestandteile – John Barnes, Peter Beardsley und John Aldridge – spielten dabei übrigens erstmals zusammen. Sie waren die Gesichter des speziell offensiv erneuerten Kaders, der den Abgang von Torjäger Ian Rush gen Turin zu kompensieren hatte. Barnes war vor der Saison vom FC Watford gekommen, Beardsley von Newcastle United. Aldridge hatte sich bereits im Januar 1987 von Oxford United an die Anfield Road aufgemacht – wo der neue Sturm-Dreizack nahezu sofort klickte.
3. Cloughs Handschrift
Forests berühmteste Jahre trugen sich zwischen 1978 und 1980 zu, als Clough, Co Peter Taylor und der Rest erst Meister und anschließend zweimal Landesmeister-Champion geworden waren. Acht Jahre später, auch wenn die Mannschaft komplett verändert und noch sehr jung war, spielten die “anderen” Reds noch immer nach den gleichen Ideen.
Klassisches 4-4-2, physischer Fokus, aber ein kultivierteres Passspiel als der Großteil der restlichen englischen Teams. Temporeiches Angriffsspiel über die Flügel, das zentrale Mittelfeld eher defensiv ausgerichtet, Gefahr gerne via Steilpass und/oder Umschaltmoment. Auch wenn vieles davon am 13. April 1988 kaum zu bestaunen war – von dieser Mannschaft.
4. .. 4 2
Obwohl Liverpool noch spielerisch gepflegter und etwas innovativer auftrat als Nottingham, kamen auf der Insel damals selbst die Hausherren nicht am dogmatischen 4-4-2 vorbei. Zwar konnte man ihre Anordnung durch den sehr beweglichen hängenden Stürmer Beardsley auch detaillierter als 4-2-3-1 betrachten. Doch auch wenn diese Mannschaft überragend besetzt und vor allem an diesem Tag spektakulär war: Nach (mannschafts-)taktischen Revolutionen brauchte keiner Ausschau halten. Viele Jahrzehnte lang spielten die meisten englischen Mannschaften nach ziemlich gleichen Ideen Fußball.
Immerhin: Zu den typisch englischen Angewohnheiten zählte auch, dass sich Forest nie hängen ließ und relativ zuversichtlich weiterspielte, wie übel der Rückstand auch entartete. Und: Weil beide Teams den Ball nicht nur dreschen, sondern auch flach passen wollten, entstand vor allem ein für britische Verhältnisse sehr faires und daher ansehnliches Spiel – in dem Liverpool komplett gedeihen konnte. Selbst im 4-4-2.
5. Startschuss für Ekstase
Die Anfangsviertelstunde erlebte den FC Liverpool als klaren Aggressor, der mehr Ballbesitz hatte, wenn auch er das Spiel nicht wirklich kontrollierte. Dafür ging es beidseitig – typisch englisch – zu radikal hin und her. Bedachte Spielkontrolle war auf der Insel damals kein wirklich existentes Thema.
Zu einer schier grenzenlosen Dominanz kam es dennoch: nach dem Führungstor durch Ray Houghton in der 18. Minute – natürlich via Umschaltmoment. In der Folge spielte sich der LFC in einen kompletten Rausch, dem bis zur Pause ein weiterer Treffer entsprang. Es hätten aber auch drei oder vier sein können.
Die zweite Hälfte der ersten Hälfte, als sich Forest seines übermächtigen und gnadenlos unnachgiebigen Gegners kaum noch erwehren konnte, ragt aus dieser Performance klar heraus. Für solche Minuten sind Wörter wie Einbahnstraßenfußball und, ja, Klassenunterschied erfunden worden.
6. Total intensiv
So rückständig die Engländer taktisch lange Zeit gewesen sein mögen, was etwa das Positionsspiel oder grundsätzlich das Spiel mit Ball betrifft: Ihr Verhalten gegen den Ball legte einen Grundstein für ihre große internationale Dominanz in den Europapokal-Wettbewerben der 1970er und 1980er Jahre.
Wie Liverpool gegen Forest nicht nur offensiv ausschwärmte, sondern auch defensiv, gerade im Gegenpressing nach Ballverlusten, ist selbst aus heutiger Sicht bemerkenswert. Wie sogar ein Flügelzauberer wie Barnes mit zurück ackerte, mit der gleichen Intensität wie auf dem Weg nach vorne, das hatte – wenn auch weit mehr im Individuellen als im Gemeinschaftlichen – fast etwas von Totalfußball. Und machte dieses hochunterhaltsame Spiel noch kurzweiliger. Kurzweiliger als viele heutige Spiele, weil die Offensivbemühungen ungleich intuitiver und risikofreudiger abliefen.
7. Was die “Galaktischen” gerne gewesen wären
Dieses Liverpool spielte phasenweise wie aus einem Guss, was aber weniger an klar vorgegebenen oder anderweitig auffällig wiederkehrenden Mustern und Spielzügen lag. Der Trumpf dieser Mannschaft war augenscheinlich die immense individuelle Qualität der einzelnen Spieler, die mit ihren Fähigkeiten harmonisch wie perfekt passende Rädchen ineinandergriffen – auch ohne den und gegen den Ball. Stichworte Freilaufverhalten und Defensivarbeit.
Dalglishs Team präsentierte mit Dribbler Barnes, Zuspieler Beardsley, Goalgetter Aldridge, Antreiber Steve McMahon, dem fast schon kaiserlichen Alan Hansen oder dem dynamischen Außenverteidiger Steve Nicol eine Endstufe des kombinierten Individualismus – zusammengehalten durch die mannschaftlichen Verpflichtungen. “Variety and invention”, hieß es treffend im englischen Kommentar, also “Vielseitigkeit und Einfallsreichtum”. Die Summe dieser spektakulären Einzelteile sah aus wie der Fußball, den sich Real Madrid später wahrscheinlich von seiner “Galactico”-Politik erhofft hatte. Größte Diskrepanz: die unersättliche Gier.
Umso bitterer war und ist es, dass sich dieses Liverpool durch die internationale Sperre englischer Teams im Nachgang der Heysel-Tragödie 1985 nie auf europäischem Parkett beweisen durfte.
8. B2B
Ihrer Zeit voraus spielten, gerade wenn man Schuhwerk, Rasen oder grundsätzliche Gangart betrachtet, Liverpools herausragende Angreifer. Seine Dynamik, sein Trickreichtum, die Spielmacherqualitäten und die Arbeit gegen den Ball machten Barnes selbst aus heutiger Sicht zu einem ziemlich modernen Außen. Beardsleys Gespür für den Raum, sein Timing beim Antritt, seine Ballbehandlung oder die Vielseitigkeit würden ihn wohl auch im noch hektischeren und kompakteren Spiel der aktuellen Premier League aufblühen lassen.
Wann immer Linksfuß Barnes und Rechtsfuß Beardsley Ende der 80er miteinander kombinierten, entstanden (für meinen Geschmack) traumhafte Dinge – mit denen ihre Gegenspieler oftmals schlicht überfordert waren. Ich kann jedem nur ans Herz legen, sich Videos oder gar ganze Spiele dieser beiden anzuschauen. Für Liverpool.
9. In der Höhe zu niedrig
Das 5:0 war natürlich ein sehr deutliches Ergebnis. Ein Kantersieg, eine Klatsche gar, und das in einem Topspiel. Doch Liverpool gewann nicht so deutlich, weil es sich als weitaus effizientere Mannschaft präsentiert hatte. Mitnichten. 5:0 hätte es schon zur Pause stehen können, vielleicht sogar müssen.
Forests Keeper Steve Sutton machte ein großes Spiel, zweimal traf der LFC zudem Aluminium. Das treffendste Resultat wäre vielleicht ein 8:1 gewesen. Und das gar nicht mal, weil Nottingham, das kurz nach der Pause sogar eine gute Phase gehabt hatte, so schwach gewesen war. Sondern Liverpool eben so stark. Es war einfach einer dieser Tage.
10. Letzte große Hurras
Auch wenn sich das am 13. April 1988 noch nicht angekündigt hatte, ging es für beide Mannschaften nicht viel später bergab. Ein Jahr darauf verpasste Liverpool, natürlich gebeutelt von der Hillsborough-Tragödie, die Meisterschaft in einem hochdramatischen Saisonfinale gegen Arsenal, doch das Sportliche war 1989 ohnehin zweitrangig. All die Folgen der Katastrophe bewegten Dalglish ein paar Monate nach seiner letzten Meisterschaft 1990 allerdings zum überraschenden Rücktritt.
Er hinterließ seine Titelverteidiger Anfang 1991 auf Platz 1 – und doch würde Liverpool, das sein zuvor so glückliches Händchen auf der Trainerbank verloren zu haben schien, 30 Jahre nicht mehr Meister werden. Und das nach zehn Triumphen in 15 Jahren. Die Durststrecke bis zum nächsten Henkelpott würde immerhin “nur” 21 Jahre währen – hätte man den Reds das mal 1988 erzählt.
Forest fiel noch tiefer. Schon ab der Folgesaison ging es schleichend bergab. Im ersten Premier-League-Jahr, dem letzten von fast 20 unter Clough, stieg der Traditionsklub 1993 ab. Nicht nur einmal. Zwischenzeitlich spielte Forest sogar drittklassig.
Nach mehr als 20 Jahren kehrte Nottinghams berühmtester Klub 2022 wieder in die Premier League zurück, im Herbst 2024 konnte er Liverpool an der Anfield Road sogar schlagen. Und dort wurde wenig später immerhin ein vermeintlich galaktisches Real Madrid hergespielt. Auf einen neuen Clough warten sie bei Forest aber noch immer.
